Wo bist du?! Warum passt der Schlüssel nicht, und warum hast du meine Sachen ins Treppenhaus geworfen?! — schrie der Ehemann ins Telefon.

Wo bist du?! Warum passt der Schlüssel nicht, und warum hast du meine Sachen ins Treppenhaus geworfen?! — schrie der Ehemann ins Telefon.

Irina kam aus dem Badezimmer, rubbelte sich mit einem Handtuch die nassen Haare trocken. Vor fünf Jahren, als sie Kirill heiratete, hatte sie geglaubt, sie würden eine starke Familie aufbauen. Damals glaubte sie noch an Märchen über eine Liebe, die alles überwindet. Doch die Wirklichkeit sah ganz anders aus.

Die Wohnung hatte Irina lange vor der Hochzeit von ihrem eigenen Geld gekauft. Drei Jahre lang hatte sie gespart, sich alles versagt und als Einkaufsmanagerin in einem großen Bauunternehmen gearbeitet. Die Eltern hatten nur symbolisch geholfen; die Hauptsumme war ihr Verdienst. Als Kirill nach der standesamtlichen Trauung zu ihr zog, hatte er nichts Eigenes. Nicht einmal einen anständigen Koffer. Sein gesamtes Hab und Gut passte in zwei Tüten.

— Kiriš, hast du heute überhaupt irgendetwas gekocht? — fragte Irina, als sie in die Küche kam.

Ihr Mann saß im Wohnzimmer am Computer, ohne den Blick vom Monitor zu lösen. In den Kopfhörern dröhnte laute Musik, er klickte begeistert mit der Maus und war völlig ins Spiel vertieft.

— Kirill! — erhob Irina die Stimme.

Er zuckte zusammen, nahm einen Kopfhörer ab und drehte sich um.

— Hä? Was?

— Ich frage, hast du heute schon etwas gegessen? Vielleicht hast du Abendessen gemacht?

— Ich hab mir Sandwiches gemacht. Du weißt doch, ich kann nicht kochen, — zuckte Kirill mit den Schultern und starrte wieder auf den Bildschirm.

Irina ging in die Küche. Das Spülbecken war voller schmutzigem Geschirr, auf dem Tisch lagen Brotkrümel, Fettflecken und ein offenes Marmeladenglas. Die Frau ballte die Fäuste und versuchte, sich zusammenzureißen. Den ganzen Tag hatte sie in Besprechungen gesessen, sich mit Lieferanten herumgeschlagen, Verträge abgestimmt. Ihr Kopf dröhnte vor Müdigkeit. Und zu Hause erwartete sie das gewohnte Bild des Chaos.

— Ach Gott, du hättest wenigstens hinter dir aufräumen können, — murmelte sie und drehte das Wasser auf.

Eine halbe Stunde später kochte auf dem Herd Suppe, und Irina schnitt Gemüse für den Salat. Kirill kam nicht einmal vom Computer weg. Die Frau deckte den Tisch und rief ihren Mann zum Essen.

— Gleich, eine Sekunde, — rief er zurück. — Hier ist ein wichtiger Moment im Spiel.

— Kirill, das wird kalt!

— Dann iss ohne mich, ich wärme’s später auf.

Irina setzte sich allein an den Tisch. Mechanisch aß sie und dachte darüber nach, wie es weitergehen sollte. Jeden Tag dasselbe. Sie arbeitet, bringt Geld ins Haus, kocht, putzt, wäscht. Und er sitzt am Computer oder liegt auf dem Sofa, arbeitet höchstens gelegentlich als Kurier oder Möbelpacker. Diese Einnahmen reichten kaum für Zigaretten und Bier mit Freunden.

Am nächsten Morgen wachte Irina um sieben Uhr vom Wecker auf. Kirill schlief, quer über die halbe Bettseite ausgebreitet. Leise stand sie auf, zog sich an, trank Kaffee und verließ die Wohnung. Der ganze Tag verging im üblichen Trubel. Am Abend, als sie nach Hause kam, wiederholte sich das Bild: schmutziges Geschirr, Unordnung, der Mann am Computer.

— Kiriš, wir hatten doch abgemacht, dass du mir wenigstens ein bisschen hilfst, — sagte Irina müde. — Wasch wenigstens dein Geschirr ab.

— Ich bin heute müde, — antwortete Kirill, ohne den Kopf zu drehen. — Hab den ganzen Tag Lebensläufe verschickt. Mach ich später.

— Das sagst du jeden Tag.

— Ira, fang bitte nicht an. Ich hab sowieso schlechte Laune. Wieder eine Absage von irgendeiner Firma.

Irina seufzte und ging abwaschen. Sie wusste, dass Diskutieren sinnlos war. Kirill würde ohnehin eine Ausrede für seine Untätigkeit finden.

Am Wochenende kam Walentina Iwanowna, Kirills Mutter, zu Besuch. Sie tauchte immer unangekündigt auf, weil sie meinte, das Recht zu haben, zu ihrem Sohn zu kommen, wann immer sie wolle.

— Ira, Liebes, wie geht’s? — lächelte die Schwiegermutter angestrengt, als sie die Wohnung betrat. — Mein Söhnchen, du hast abgenommen! Sie füttert dich wohl nicht, was?

— Mama, alles gut, — winkte Kirill ab.

— Walentina Iwanowna, kommen Sie rein, setzen Sie sich, — sagte Irina trocken.

Die Schwiegermutter ließ sich aufs Sofa sinken und musterte die Wohnung mit einem prüfenden Blick.

— Ira, ich hab mir da was überlegt… Vielleicht solltest du nicht so viel arbeiten? Du siehst doch, wie Kirjuschka müde ist, er sucht Arbeit. Er braucht Unterstützung, keine Vorwürfe. Für einen Mann ist es wichtig, zu spüren, dass man ihn schätzt.

Irina biss die Zähne zusammen. Da ging es wieder los. Walentina Iwanowna fand immer einen Weg, anzudeuten, dass Irina eine schlechte Ehefrau sei. Dass sie kein gemütliches Zuhause schaffe, ihren Mann nicht unterstütze, zu viel verlange.

— Walentina Iwanowna, ich arbeite, damit wir Rechnungen bezahlen und Essen kaufen können. Jemand muss schließlich Geld verdienen, — antwortete Irina ruhig.

— Ja, natürlich. Aber eine richtige Ehefrau hält ihrem Mann so etwas nicht vor, sie wartet geduldig, bis er sich findet. Mein Kirjuschka hat goldene Hände, er wird es allen noch beweisen.

— Mama, vielleicht gehen wir in die Küche? Ich setze Tee auf, — stand Kirill hastig auf, spürte er doch, dass ein Konflikt in der Luft lag.

Irina ging schweigend ins Schlafzimmer. Sie wollte sich nicht schon wieder mit der Schwiegermutter streiten. Es war sinnlos, jemandem etwas zu erklären, der überzeugt war, sein Sohn sei perfekt.

Noch zwei Wochen vergingen. Irina kam später als gewöhnlich von der Arbeit. Wichtige Verhandlungen hatten sich hingezogen, sie war völlig erschöpft. Als sie die Tür aufschloss, blieb sie wie erstarrt stehen. In der Wohnung herrschte das reinste Chaos. Auf dem Boden lagen Socken und T-Shirts, auf dem Couchtisch standen schmutzige Teller mit Essensresten, der Aschenbecher quoll über vor Kippen. In der Küche war das Spülbecken bis zum Rand mit Geschirr vollgestellt, aus dem Mülleimer hing ein herausquellender Beutel.

— Kirill, was soll das? — sagte Irina langsam, als sie ins Wohnzimmer ging.

Ihr Mann saß mit Kopfhörern da und spielte begeistert. Er hatte nicht einmal gehört, wie sie hereinkam.

— Kirill! — rief die Frau scharf.

Er fuhr zusammen und drehte sich um.

— Ach, du bist da. Hallo.

— Kannst du mir erklären, was hier los ist? Warum ist die Wohnung so verwüstet?

— Na ja… Freunde waren da. Wir haben ein bisschen zusammengesessen. Ich räum später auf, — sagte Kirill in schuldbewusstem Ton.

— Später? Wann später? Ich höre dieses „später“ jeden Tag!

— Ira, reg dich nicht auf. Morgen mache ich alles, ehrlich.

— Weißt du was? Räum jetzt sofort auf. Bring wenigstens in der Küche Ordnung rein.

— Ich hab doch gesagt: morgen. Ich bin heute müde. War den ganzen Tag am Suchen.

— Am Suchen wonach? Nach einem neuen Spiel?

— Warum nervst du so?! — sprang Kirill auf. — Du bist immer unzufrieden! Ihre Arbeit ist ja so schwer! Alle arbeiten, und niemand macht so ein Theater!

Irina drehte sich um und ging ins Schlafzimmer, die Tür knallte hinter ihr zu. Sie setzte sich aufs Bett und vergrub das Gesicht in den Händen. Tränen stiegen ihr in die Augen, aber sie ließ sie nicht laufen. Weinen wollte sie nicht. Sie musste nur nachdenken, was als Nächstes zu tun war.

Am Morgen wachte Irina mit einer festen Entscheidung auf. Sie stand auf, zog sich an und begann wortlos, die Wohnung aufzuräumen. Kirill schlief noch. Sie wusch das ganze Geschirr, wischte die Flächen ab, sammelte die verstreuten Sachen ein. Dann machte sie Frühstück und ging zur Arbeit.

Am Abend desselben Tages, als Irina die E-Mails auf ihrem Handy checkte, kam eine Benachrichtigung von der Bank: „Vielen Dank für die Aufnahme eines Kredits in Höhe von 120.000 Rubel. Die erste Rate ist bis zum 15. dieses Monats zu zahlen.“ Die Frau las die Nachricht zweimal, ohne ihren Augen zu trauen.

— Kirill, — rief sie leise, als sie ins Zimmer trat.

— Was? — antwortete ihr Mann, ohne vom Bildschirm aufzusehen.

— Kannst du mir erklären, woher ich einen Kredit über hundertzwanzigtausend habe?

Kirill erstarrte. Langsam drehte er sich zu seiner Frau um. Sein Gesicht wurde blass.

— Hör zu, ich wollte es dir sagen…

— Du hast auf meinen Namen einen Kredit aufgenommen? — Irinas Stimme zitterte vor unterdrückter Wut. — Wie hast du das überhaupt gemacht?

— Na ja… Deine Passdaten lagen in der Schublade. Ich hab sie abgeschrieben. Und die Unterschrift… also, ich hab deine Unterschrift von den Dokumenten fotografiert und in den Antrag eingefügt. Das läuft alles online, verstehst du? Da prüft kaum jemand etwas.

— Du hast meine Daten gestohlen? Du hast meine Unterschrift gefälscht? Du hast ohne mein Wissen einen Kredit aufgenommen?

— Ich wollte doch selbst zahlen! Ich wollte mir einen Job suchen und das abbezahlen! — redete Kirill hastig, weil er begriff, dass Rechtfertigungen zu spät kamen. — Ich brauchte einen neuen Computer, verstehst du? Der alte ist total langsam. Ich dachte, vielleicht kann ich sogar Streams machen und Geld verdienen…

— Mit meinem Kredit Geld verdienen? — Irina setzte sich auf einen Stuhl, sie konnte nicht mehr stehen. Ihre Hände zitterten. — Verstehst du, dass das ein Verbrechen ist? Verstehst du, dass ich jetzt dieses Geld zahlen muss?

— Ira, tut mir leid. Ich dachte nicht, dass du so reagierst. Ich hab doch für uns… ich hab’s doch gut gemeint…

— Für uns? — die Frau schnaubte. — Für dich hast du’s gut gemeint. Wie immer.

— Schrei mich nicht an! Ich bin immerhin dein Mann!

— Mann? — Irina stand auf. — Ehemänner sorgen für ihre Familie, helfen ihren Frauen, übernehmen Verantwortung. Und wer bist du? Du bist einfach ein Schmarotzer, der Dokumente klaut und Kredite aufnimmt!…

— Alles klar, ich rufe meine Mutter an, — Kirill griff nach dem Handy. — Die soll dir mal erklären, wie man mit Ehemännern zu reden hat!

Eine Stunde später klingelte es an der Tür. Walentina Iwanowna stürmte wie ein Wirbelwind in die Wohnung.

— Ira, du bist ja völlig frech geworden! — schrie sie schon im Flur. — Wie kannst du es wagen, meinen Sohn anzuschreien? Er hat sich doch für dich bemüht!

— Walentina Iwanowna, Ihr Sohn hat ohne meine Zustimmung einen Kredit auf meinen Namen aufgenommen. Das ist eine Straftat, — sagte Irina kühl.

— Ach ja? Und hast du mal daran gedacht, wie schwer er es hat? Wie sehr er von der Jobsuche erschöpft ist? Ein Mann braucht Unterstützung und nicht deine Skandale! Meine Freundin hat so einen Goldschwiegersohn — der tut alles für seine Frau. Und du? Du kannst nur vorwerfen und nörgeln!

— Ihr Sohn lebt seit fünf Jahren auf meine Kosten. Ich zahle alles: Wohnung, Essen, Kleidung, Internet. Er wäscht nicht mal sein Geschirr ab. Und jetzt hat er auch noch einen Kredit auf mich abgeschlossen!

— Das ist dein Mann! Du bist verpflichtet, ihn zu versorgen, bis er wieder auf die Beine kommt!

— Mir reicht’s, — Irina nahm Schlüssel und Tasche. — Ich gehe. Und wenn ich zurückkomme, will ich, dass Sie nicht mehr hier sind.

Sie verließ die Wohnung und fuhr zu ihren Eltern. Der Vater, Sergej Pawlowitsch, öffnete die Tür und sah sofort, dass mit seiner Tochter etwas nicht stimmte.

— Ira, komm rein. Was ist passiert?

Irina ging ins Zimmer und setzte sich aufs Sofa. Die Mutter, Tatjana Fjodorowna, kam aus der Küche und wischte sich die Hände an einem Handtuch ab.

— Mein Kind, du bist ja ganz blass. Erzähl, was passiert ist.

Irina atmete aus und begann zu erzählen: dass Kirill nicht arbeitet, dass zu Hause Chaos herrscht, dass er einen Kredit auf ihren Namen aufgenommen hat. Sie sprach lange, ohne ihre Gefühle zurückzuhalten. Sie erzählte, wie sie jeden Abend nach Hause kam und immer dasselbe Bild sah. Wie sie nicht nur körperlich, sondern auch seelisch erschöpft war. Wie sie versucht hatte, mit ihrem Mann zu reden, er aber nur Besserung versprach und nie etwas änderte. Die Eltern hörten schweigend zu und sahen sich nur gelegentlich an.

— Ich kann so nicht mehr leben, — schloss sie. — Ich will mich scheiden lassen.

— Mein Mädchen, — der Vater legte einen Arm um Irinas Schultern, — du hast die richtige Entscheidung getroffen. Diese Ehe zehrt dich nur aus. Du bist jung, schön, klug. Du findest jemanden, der dich zu schätzen weiß.

— Aber wie? Er wird doch nicht einfach gehen. Und seine Mutter glaubt sogar, ich müsste ihn mein Leben lang durchfüttern.

— Die Wohnung gehört dir, — sagte die Mutter. — Also hast du das Recht, ihn rauszuwerfen. Wechsel die Schlösser, pack seine Sachen zusammen, und fertig. Soll er bei Mutti wohnen, wenn sie ihn so verteidigt.

— Und wenn er zur Polizei geht?

— Und was will er denen sagen? — der Vater grinste. — Dass man ihn aus einer fremden Wohnung rausgeworfen hat? Die Wohnungspapiere laufen auf deinen Namen. Und ihr habt keine Vereinbarung über gemeinsames Eigentum unterschrieben. Er ist da niemand. Nur ein Bewohner, der deine Gastfreundschaft missbraucht hat.

Irina blieb zwei Tage bei ihren Eltern und dachte alles durch. Sie begriff, dass sie nicht länger warten konnte. Sie musste entschlossen handeln. In diesen zwei Tagen dachte sie viel nach. Sie erinnerte sich daran, wie sie vor der Ehe gewesen war: frei, selbstbewusst, voller Zukunftspläne. Und jetzt? Jetzt war sie zu einem gehetzten Pferd geworden, das nur arbeitet und erträgt.

Am Montagmorgen, während Kirill noch schlief, sammelte Irina die wichtigsten Dokumente und Wertsachen zusammen. Sie rief bei der Arbeit an und nahm frei. Dann suchte sie im Internet die Kontakte eines Familienanwalts. Der Anwalt hörte sich ihre Geschichte an und gab klare Anweisungen.

— Die Wohnung ist vor der Ehe auf Sie eingetragen worden. Das ist Ihr persönliches Eigentum und wird bei einer Scheidung nicht geteilt. Sie haben das volle Recht, Ihren Ehemann auszuweisen. Den Kredit, der ohne Ihre Zustimmung auf Ihren Namen abgeschlossen wurde, kann man anfechten, aber man muss die Fälschung beweisen. Stellen Sie den Scheidungsantrag beim Standesamt, wenn der Ehemann zustimmt. Wenn nicht — dann über das Gericht. Sie haben keine Kinder und kein gemeinsames Vermögen, also geht die Scheidung schnell.

— Und wenn er sich weigert, über das Standesamt zu scheiden?

— Dann reichen Sie Klage ein. Unter solchen Umständen wird das Gericht auf Ihrer Seite sein. Wichtig ist: Sammeln Sie alle Beweise — Kontoauszüge zum Kredit, Zeugenaussagen der Nachbarn, dass er nicht arbeitet, Quittungen, die bestätigen, dass Sie alles alleine bezahlen.

Irina nickte und notierte die Empfehlungen. Sie spürte, wie in ihr Entschlossenheit wuchs. Keine Schwäche mehr, keine Zweifel.

Am Freitagabend fuhr Kirill fürs Wochenende zu seiner Mutter. Er sagte, es ginge ihr schlecht und sie habe gebeten, dass er kommt. Irina nickte, ohne zu zeigen, wie sehr sie sich über diese Nachricht freute. Kaum war die Tür hinter ihrem Mann ins Schloss gefallen, legte sie los.

Zuerst rief sie einen Schlüsseldienst. Der Mann kam nach einer Stunde, nahm das alte Schloss ab und setzte ein neues ein. Irina bat um ein zuverlässiges, einbruchgeschütztes.

— Fertig, — sagte der Handwerker und gab ihr die Schlüssel. — Jetzt passen die alten Schlüssel nicht mehr.

Dann begann Irina, Kirills Sachen zusammenzupacken. Methodisch legte sie seine Kleidung, Schuhe, den Computer und die Spielkonsole in Kartons und Taschen. Alles, was ihrem Mann gehörte, verpackte sie ordentlich. Sie arbeitete ruhig, ohne Hektik. Jede Sache erinnerte an etwas: die Jacke, die sie ihm zum Geburtstag gekauft hatte, die Sneakers, für die er einen ganzen Monat lang Geld erbettelt hatte. Bis Samstagabend stand im Flur ein ganzer Berg Kartons.

Irina trug alles hinaus ins Treppenhaus und stellte es vor die Wohnungstür. Dann ging sie zurück, schloss ab und setzte sich aufs Sofa. Ihre Hände zitterten ein wenig — nicht vor Angst, sondern vor Erleichterung. Sie hatte es getan. Endlich.

Am Sonntagabend gegen neun Uhr klingelte es an der Tür. Irina ging nicht hin. Das Klingeln wurde immer aufdringlicher. Dann hörte sie, wie jemand versuchte, einen Schlüssel ins Schloss zu stecken. Metall kratzte — aber die Tür ging nicht auf. Es wurde still.

Irinäs Handy vibrierte. Auf dem Display stand: „Kirill“. Sie drückte auf Annehmen und hielt sich das Telefon ans Ohr.

— Wo bist du?! Warum passt der Schlüssel nicht, und warum hast du meine Sachen ins Treppenhaus geworfen?! — brüllte ihr Mann ins Telefon. — Mach sofort auf! Ich friere hier! Was soll der Mist?!

— Kirill, ich habe die Scheidung eingereicht, — sagte Irina ruhig. — Diese Wohnung gehört mir. Du wohnst hier nicht mehr.

— Bist du völlig durchgedreht?! Das ist auch meine Wohnung! Wir sind verheiratet!

— Die Wohnung ist meine. Ich habe sie vor unserer Hochzeit von meinem eigenen Geld gekauft. Sie ist kein gemeinschaftlich erworbenes Eigentum. Du kannst deine Sachen nehmen und gehen.

— Ich trete die Tür ein!

— Versuch’s. Dann rufe ich die Polizei. Ich glaube, die interessiert auch der Kredit, den du mit gefälschten Dokumenten aufgenommen hast.

Kirill schwieg. Irina hörte sein schweres Atmen.

— Ira, komm… mach nicht so. Lass uns normal reden. Ich werde mich ändern, ehrlich. Ich finde Arbeit, ich helfe im Haushalt…

— Zu spät. Ich bin es leid, Versprechen zu hören. Nimm deine Sachen und fahr.

— Wohin soll ich denn?!

— Zu deiner Mutter. Sie verteidigt dich doch immer — dann wohn eben bei ihr.

— Du bist eine Schlampe, Irina! Eine echte Schlampe! Das wirst du noch bereuen!

Irina legte auf. Eine Minute später klingelte es wieder. Kirill. Sie drückte weg. Die Anrufe kamen immer wieder. Irina blockierte seine Nummer.

Keine fünf Minuten später klingelte das Telefon erneut. Diesmal war es Walentina Iwanowna.

— Wie wagst du das! — kreischte die Schwiegermutter. — Du hast meinen Sohn aus dem Haus geworfen! Ich verklage dich! Ich nehme dir die Hälfte dieser Wohnung weg! Du wirst es bereuen, dich mit uns angelegt zu haben!

— Walentina Iwanowna, die Wohnung ist nur auf mich eingetragen. Das ist mein persönliches Eigentum und wird bei einer Scheidung nicht geteilt. Sie können klagen, aber Sie werden verlieren. Und noch eins: Wenn Ihr Sohn seine Sachen nicht binnen 24 Stunden abholt, werfe ich sie in den Müll, — sagte Irina gleichmäßig und legte auf.

Auch die Nummer der Schwiegermutter blockierte sie. Sollen sie sich gegenseitig anschreien. Sie musste sich das nicht mehr anhören.

Eine Stunde später hörte sie Stimmen vor der Tür. Kirill und seine Mutter redeten und sammelten die Sachen ein. Irina hörte, wie sie die Treppe hinuntergingen, Kartons schleppend. Walentina Iwanowna schimpfte laut und nannte die ehemalige Schwiegertochter mit allen möglichen Schimpfwörtern. Kirill murmelte etwas zurück. Dann wurde es still.

Die nächsten Tage waren voller Erledigungen. Irina stellte beim Standesamt den Antrag auf Scheidung. Kirill stimmte zu — er begriff, dass Widerstand sinnlos war. Sie hatten keine Kinder und kein gemeinsames Vermögen, also war das Verfahren unkompliziert. Allerdings versuchte er beim Einreichen der Unterlagen noch einmal, mit Irina zu reden.

— Vielleicht muss das nicht sein? Wollen wir es nicht noch einmal versuchen? Ich ändere mich wirklich…

— Nein, Kirill. Es ist entschieden. Ich will nicht mehr in dieser Ehe leben.

— Aber wohin soll ich? Bei Mama ist die Wohnung klein…

— Das ist nicht mehr mein Problem, — antwortete Irina kühl und unterschrieb das Formular.

Den Kredit focht sie vor Gericht an und bewies, dass die Unterschrift gefälscht war. Die Bank ließ ein Gutachten erstellen, das die Fälschung bestätigte. Kirill wurde verpflichtet, diesen Kredit selbst zurückzuzahlen. Irina glaubte zwar nicht wirklich, dass er das tun würde — aber immerhin war die Schuld offiziell nicht mehr auf ihr. Und das war bereits eine Erleichterung.

Am Abend jenes Tages, als alle Papiere erledigt waren, saß Irina mit einer Tasse Tee auf dem Balkon. Sie schaute auf die Stadt, die von den abendlichen Lichtern erhellt war, und lächelte. Zum ersten Mal seit vielen Jahren fühlte sie sich frei. Keine Vorwürfe, keine Skandale, keine Verpflichtungen gegenüber einem Menschen, der ihre Arbeit nicht wertgeschätzt hatte.

Die Wohnung war wieder ihr persönlicher Raum. Es herrschte Ordnung, jede Sache lag an ihrem Platz. Kein schmutziges Geschirr, keine herumliegenden Klamotten, kein ständig laufender Computer mit Spielen. Nur Stille und Ruhe.

Irina nahm ihr Handy und schrieb ihren Eltern: „Alles. Ich bin frei. Danke euch für eure Unterstützung.“

Die Antwort kam sofort: „Wir lieben dich, unser Kind. Komm am Wochenende vorbei, Mama wird kochen.“

Irina lächelte und legte das Telefon weg. Sie dachte daran, wie viel noch vor ihr lag. Jetzt konnte sie neue Pläne schmieden, träumen, das Leben genießen. Sie musste keine Kräfte mehr an jemanden verschwenden, der nur genommen hatte, aber nichts zurückgab. Das Leben ging weiter. Und jetzt lag es vollständig in ihren Händen.

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