Die neue Insassin wurde ganz bewusst in den Duschraum geschickt – in der Hoffnung, sie vor allen anderen bloßzustellen. Doch keine der Gefangenen hätte auch nur im Traum geahnt, was wenige Minuten später geschehen würde – oder wer diese stille Frau in Wirklichkeit war.

Die neue Insassin wurde ganz bewusst in den Duschraum geschickt – in der Hoffnung, sie vor allen anderen bloßzustellen. Doch keine der Gefangenen hätte auch nur im Traum geahnt, was wenige Minuten später geschehen würde – oder wer diese stille Frau in Wirklichkeit war.

Der Gefangenentransporter mit den Neuankömmlingen erreichte das Gefängnistor in den frühen Morgenstunden. Nach der Aufnahme wurden alle Frauen von den Wärterinnen in einer Reihe aufgestellt und anschließend in den Zellentrakt geführt.

Eine der Frauen fiel sofort auf: klein, schlank, mit müden Augen und vom Regen durchnässten Haaren. Wortlos blickte sie zu Boden und vermied jeden Blickkontakt.

Kaum betrat sie den Trakt, tauschten einige Insassinnen vielsagende Blicke aus und begannen leise zu kichern.

— Seht euch die Kleine an, ganz still und schüchtern.
— Die hält hier keine Woche durch.
— Ein leichteres Opfer kann man sich kaum wünschen.

Eine große, kräftig gebaute Frau mit zahlreichen Tätowierungen trat langsam auf sie zu. Ihr Name war Brenda, und fast jede Gefangene fürchtete sie. Mit einem spöttischen Lächeln musterte sie die Neue von oben bis unten.

— Wie heißt du?
— Emily.
— Vergiss deinen Namen. Hier drin nennst du dich so, wie ich es bestimme.

Sofort brach lautes Gelächter aus.

Wenige Minuten später rempelte eine Insassin Emily absichtlich mit der Schulter an. Sie geriet ins Wanken, konnte sich jedoch gerade noch auf den Beinen halten.

— Pass besser auf, Neuling. Sonst liegst du schneller am Boden, als dir lieb ist.

Das Gelächter wurde noch lauter.

Auf dem Weg zu den Duschen hörten die Schikanen nicht auf.

Eine trat ihr auf die Ferse, eine andere stieß ihr absichtlich den Ellbogen in die Seite. Als Emily über den nassen Boden ging, streckte ihr jemand unauffällig ein Bein entgegen.

Sie stolperte und stürzte mit voller Wucht in eine Wasserlache. Das höhnische Gelächter hallte durch den Raum.

— Na wenigstens hat sie jetzt schon geduscht!
— Hebt sie auf! Die Vorstellung beginnt doch gerade erst!

Brenda trat mit verächtigem Blick näher.

— Merk dir eins: Hier drinnen hilft niemand den Schwachen.

Sie packte Emily am Kragen und stieß sie grob in Richtung der Duschen.

— Los. Habt euren Spaß mit ihr.

Mehrere Insassinnen stellten sich im Kreis um die Neuankömmling auf und versperrten jeden Fluchtweg. Eine stieß sie kräftig gegen die Brust, während eine andere mit der Faust nach ihrem Gesicht schlug – überzeugt davon, dass die verängstigte Frau erneut zu Boden gehen würde.

Doch im nächsten Augenblick geschah etwas, das das gesamte Gefängnis vor Schock verstummen ließ.

Emily machte ruhig einen Schritt zur Seite und wich dem Schlag mühelos aus. Im selben Augenblick griff sie blitzschnell nach dem Arm ihrer Angreiferin, drehte ihn geschickt ein und schleuderte die Frau auf die nassen Fliesen. Sie hatte nicht einmal Zeit zu begreifen, was gerade passiert war.

Im Duschraum wurde es schlagartig still.

Brenda verzog das Gesicht.

— Reiner Glückstreffer. Versuch’s noch einmal.

Diesmal stürmte Brenda selbst nach vorn, fest davon überzeugt, die Neue mit einem einzigen Schlag zu Boden schicken zu können. Doch Emily war ihr deutlich überlegen. Sie wich dem Angriff elegant aus, traf Brenda mit einem schnellen Handballenstoß gegen den Oberkörper und fegte ihr im nächsten Moment die Beine weg.

Die kräftige Frau prallte mit voller Wucht auf den rutschigen Boden.

Die übrigen Insassinnen standen wie erstarrt und konnten kaum glauben, was sie gerade gesehen hatten.

— Worauf wartet ihr? Alle gleichzeitig! — brüllte Brenda.

Mehrere Frauen stürzten sich gleichzeitig auf Emily. Doch sie bewegte sich mit einer Ruhe und Präzision, als würde sie jeden einzelnen Angriff bereits im Voraus kennen.

Sie fing den Arm einer Angreiferin ab, brachte eine andere mit einer kontrollierten Bewegung zu Fall, während eine Dritte auf den nassen Fliesen ausrutschte, als sie Emily von hinten packen wollte.

Nur wenige Sekunden später stand Emily als Einzige noch aufrecht.

Nicht einmal ihr Atem hatte sich beschleunigt.

Im gesamten Duschraum herrschte absolute Stille.

Brenda richtete sich langsam wieder auf und hielt sich die schmerzende Seite. Zum ersten Mal seit vielen Jahren blickte sie jemanden an, ohne auch nur den Hauch von Spott in den Augen zu haben.

— Wer bist du?

Emily erwiderte ihren Blick vollkommen gelassen.

— Jemand, der niemals einen Kampf beginnt. Aber ihn immer beendet.

Nach diesen Worten wagte es niemand mehr, sich ihr auch nur zu nähern. Noch am selben Abend sprach das gesamte Gefängnis über die geheimnisvolle neue Insassin, die ganz allein die gefährlichsten Frauen der Anstalt in ihre Schranken gewiesen hatte. Damals ahnte jedoch noch niemand, dass dies erst ihr allererster Tag hinter diesen Gefängnismauern gewesen war.

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