— Schau an, wie schlau du bist! Anstatt deiner Schwester mit dem Kredit zu helfen, willst du hier eine Hochzeit veranstalten! Es gibt keine Hochzeit, solange du deiner Schwester nicht hilfst, ihre Schulden abzuzahlen! Hast du mich verstanden?!

— Schau an, wie schlau du bist! Anstatt deiner Schwester mit dem Kredit zu helfen, willst du hier eine Hochzeit veranstalten! Es gibt keine Hochzeit, solange du deiner Schwester nicht hilfst, ihre Schulden abzuzahlen! Hast du mich verstanden?!

— Mama, wir haben beschlossen zu heiraten!

Darja stürmte in die Küche, kaum dass sie den schweren Beutel auf den Boden gestellt hatte, aus dem der Hals einer Flasche Sekt hervorlugte. In den Händen hielt sie vorsichtig eine große Pappschachtel mit einer Torte. Ihr Gesicht strahlte. Sie hatte so lange auf diesen Moment gewartet, ihn sich hundertmal ausgemalt: wie sie hereinkommen würde, wie sie diese Worte sagen würde, und wie Mama die Hände zusammenschlagen, sie umarmen, vielleicht sogar vor Freude weinen würde. Sie stellte sich vor, wie sie sich zu zweit an den Tisch setzen, den Sekt öffnen und sie, vor Glück überströmend, von Andrej erzählen würde – von seinem unbeholfenen, aber so rührenden Antrag, von ihren Plänen für eine kleine, aber gemütliche Hochzeit.

Irina Petrowna, die am Tisch mit einer Tasse erkaltetem Tee saß, hob langsam den Kopf. Ihr Blick war stumpf und müde. Gleichgültig musterte sie ihre Tochter, glitt über die Tortenschachtel und blieb an der Flasche hängen.

— Glückwunsch, sagte sie. Das Wort fiel dumpf auf den Küchentisch, wie ein Lappen. Keine Freude, keine Überraschung. Nur eine Feststellung.

Darja erstarrte einen Moment, ihr strahlendes Lächeln zuckte leicht, doch sie riss sich sofort zusammen. Sie ist bestimmt nur müde. Ein schwerer Tag.

— Mama, was ist denn? Lass uns feiern! Ich habe dein Lieblings-„Vogelmilch“-Törtchen mitgebracht! Und Champagner! Wir decken jetzt den Tisch, setzen uns hin, und ich erzähle dir alles, alles!

Sie begann geschäftig zu werden, stellte die Schachtel auf den Tisch und holte die Flasche aus dem Beutel. Ihre Bewegungen waren demonstrativ schnell und fröhlich, als wolle sie mit ihrem Enthusiasmus die eisige Stimmung auftauen, die sich plötzlich in der kleinen Küche verdichtet hatte.

— Torten, Champagner … Ihr lasst es euch gutgehen, sagte die Mutter mit ruhiger Stimme, doch darin klangen stählerne Noten. — Geld ist also da. Das ist gut. Sehr gut.

— Mama, was haben denn jetzt die Geld damit zu tun? Das ist doch ein Ereignis! Ich heirate! Darja lachte, immer noch hoffend, das sei irgendein seltsamer mütterlicher Scherz.

— Sehr wohl, Irina Petrowna schob die Tasse von sich weg und verschränkte die Arme vor der Brust. Ihre Haltung wurde augenblicklich hart, abwehrend. — Swetka hat gestern angerufen. Ganz in Tränen. Bei ihr ist es richtig schlimm. Dieser Kredit würgt sie ab, die Inkassoleute rufen schon an, und bei der Arbeit drohen sie, alles auszuplaudern. Das Kind ist krank, und es gibt nicht einmal Geld für vernünftige Medikamente. Sie hat die ganze Nacht nicht geschlafen. Und ich auch nicht. Ich habe überlegt, wo man einen Ausweg findet.

Darja erstarrte mit der Flasche in der Hand. Das Fest, das sie so sorgfältig in dieses Haus getragen hatte, verwandelte sich vor ihren Augen in Staub. Wieder Sweta. Ihre ältere Schwester, ein ewiges schwarzes Loch, in das Nerven, Gesundheit und Geld der Eltern unwiederbringlich hineinflossen.

— Mama, aber Sweta nimmt doch ständig solche Kredite auf. Das ist doch nicht das erste Mal. Sie muss einfach lernen, mit ihren Mitteln zu leben …

— Mit ihren Mitteln?! Irina Petrowna wurde plötzlich laut, ihr Gesicht verzog sich. — Leicht gesagt! Du hast einen Kerl mit Wohnung und einem guten Job! Und bei ihr ist der Säufermann abgehauen und hat sie allein gelassen – mit Kind und Schulden! Soll sie etwa verhungern?!

Darja stellte schweigend die Flasche auf den Tisch. Sie begriff, dass es kein Gespräch über ihre Hochzeit mehr geben würde.

— Ich helfe, so gut ich kann. Ich überweise ihr Ende des Monats ein bisschen, wenn das Gehalt kommt.

— Ein bisschen?! schrie die Mutter und sprang vom Stuhl auf. Ihr Gesicht lief rot an. — Sie braucht nicht „ein bisschen“! Sie muss die ganze Summe abbezahlen! Sofort!

— Aber, Mama …

— Schau an, wie schlau du bist! Anstatt deiner Schwester mit dem Kredit zu helfen, willst du hier eine Hochzeit veranstalten! Es gibt keine Hochzeit, solange du deiner Schwester nicht hilfst, ihre Schulden abzuzahlen! Hast du mich verstanden?!

Sie stand über Darja, beugte sich mit dem ganzen Körper über sie, ihre Augen schleuderten Blitze. Das war ein Ultimatum. Kalt, gnadenlos, ohne Raum für Widerspruch.

— Du musst an die Familie denken und nicht an deine Kerle! Familie ist das Wichtigste! Wir müssen füreinander einstehen! Und was ist mit dir? Die Schwester ist in Not, und in deinem Kopf sind nur Schleier und Festtafel! Wenn du ihr nicht hilfst, wenn du deine Sause der eigenen Blutsverwandtschaft vorziehst, dann kannst du dich darauf einstellen, dass du keine Mutter mehr hast!

Darja sah zu ihr hoch. Sie sagte kein Wort. In ihr riss etwas. Nicht aus Kränkung, nicht aus Wut. Es riss einfach – wie ein durchgescheuertes Seil. Langsam stand sie auf. Ruhig nahm sie ihre Tasche. Blickte auf den Tisch: auf die schöne Tortenschachtel, auf die beschlagene Champagnerflasche, auf zwei Gläser, die sie bereits aus dem Schrank geholt hatte. Symbole eines Festes, das nie stattfinden würde. Ohne sich zu verabschieden, drehte sie sich um und verließ schweigend die Küche. Ihre Schritte waren gleichmäßig und fest. Hinter ihr blieben die schreiende Mutter und die Trümmer ihres kleinen, so lang ersehnten Glücks zurück.

Die Tür hinter Darja schloss sich mit einem leisen, weichen Klick. Sie lehnte sich mit dem Rücken dagegen und schloss für einen Moment die Augen. Ihr fehlte die Luft, als wäre sie gerade aus eiskaltem Wasser aufgetaucht. Andrej kam beim Geräusch ihrer Rückkehr aus dem Zimmer; sein Gesicht war freudig und erwartungsvoll.

Doch das Lächeln erlosch sofort, als er sie sah. Sie weinte nicht. Ihre Augen waren trocken, und ihr Gesicht war bleich und reglos wie eine Maske. In dieser Ruhe lag etwas, das viel erschreckender war als der lauteste Zusammenbruch.

— Na? Wie ist es gelaufen? fragte er vorsichtig und trat näher.

— Es wird keine Hochzeit geben, sagte sie mit gleichmäßiger, fast lebloser Stimme. Sie ging in die Küche, stellte mechanisch die Tasche auf den Stuhl und setzte sich. Andrej folgte ihr, wagte aber nicht, sie zu berühren. Er sah, dass sie jetzt wie eine bis zum Äußersten gespannte Saite war, und jede Berührung sie zerreißen konnte.

— Ich verstehe nicht. Was ist passiert? Ist sie gegen mich?

— Du hast damit nichts zu tun, Darja sah ihn an, und in ihrem Blick sah er zum ersten Mal nicht nur Kälte, sondern auch eine dunkle, dumpfe Wut. — Es geht, wie immer, um Sweta. Sie hat einen neuen Kredit, und ich muss ihn abbezahlen. Ganz. Das ist die Bedingung. Entweder ich gebe ihr alles Geld, das wir zurückgelegt haben, oder … — sie verzog den Mund zu einem Lächeln ohne jede Heiterkeit — oder ich habe keine Mutter mehr.

Andrej hörte ihr schweigend zu. Er füllte den Wasserkocher mit Wasser, stellte ihn auf den Herd und holte zwei Tassen heraus. Seine Bewegungen waren ruhig und gleichmäßig. Er stellte keine dummen Fragen, schlug nicht vor, hinzufahren und „die Sache zu klären“. Er ließ sie einfach reden. Darja erzählte ihm, ohne die Intonation zu verändern, das ganze Gespräch – Wort für Wort.

Sie ließ nichts aus: weder das gleichgültige „Glückwunsch“, noch die Vorwürfe, sie würde in Saus und Braus leben, noch das ultimative Finale. Sie war keine Erzählerin, sondern ein Diktiergerät, das eine Aufnahme emotionslos abspielte.

Als sie fertig war, kochte der Wasserkocher bereits. Andrej goss das kochende Wasser in die Tassen, stellte eine vor sie hin und setzte sich ihr gegenüber.

— Sie glaubt wirklich, sie kann dir so Bedingungen stellen? Dein Leben steuern?

— Sie glaubt es nicht. Sie ist sich sicher, antwortete Darja. — So war es schon immer. Sweta schafft ein Problem, ich löse es. Oder Vater hat es gelöst, solange er noch lebte. Man stellt mich einfach vor vollendete Tatsachen. Ich bin eine Ressource. Eine Funktion. Ein Geldautomat, der auf Abruf Geld ausspucken soll. Und heute hat dieser Geldautomat beschlossen, das Geld für sich selbst auszugeben. Das System hat einen Fehler.

Sie nahm einen Schluck heißen Tee. Ihre Hände zitterten nicht.

— Weißt du, was das Widerlichste ist? fuhr sie fort und starrte auf die Wand. — Sie hat nicht einmal gefragt, wie hoch dieser Kredit ist. Es ist ihr egal. Eine Million, zwei, zehn. Sie weiß nur, dass wir Geld für die Hochzeit haben. Also muss es an Sweta gehen. Weil Sweta es nötiger hat. Sie hat es immer nötiger.

Andrej sah auf das Profil seiner Verlobten, auf ihre zusammengepressten Lippen, auf die harte Linie ihres Kinns, und begriff, dass in genau diesem Moment die Darja, die er kannte – weich, fröhlich, ein bisschen naiv – starb. Und an ihrer Stelle wurde jemand anderes geboren. Jemand, den er noch nicht kannte, den er aber schon jetzt bis zum Letzten zu beschützen bereit war.

— Sie hat gesagt, Familie sei das Wichtigste, sagte er langsam, als koste er die Worte. — Dass ihr füreinander einstehen müsst.

— Genau, nickte Darja.

— Gut, sagte Andrej, und auch seine Stimme wurde hart. — Dann spielen wir nach ihren Regeln. Aber bis zum Ende. Richtig.

Darja drehte sich zu ihm um. In ihren Augen flackerte Interesse auf.

— Was meinst du damit?

— Sie will, dass du dich wie ein Familienmitglied verhältst? Hervorragend. Familie bedeutet nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. Gegenseitig. Hilfe ist kein bodenloses Fass, in das man Geld ohne Ende werfen kann. Hilfe in einer echten Familie ist Verantwortung. Von beiden Seiten.

Er stand auf, ging ins Zimmer und kam mit dem Laptop zurück. Er stellte ihn auf den Tisch und öffnete ein leeres Textdokument.

— Sie will Geld? Sie wird es bekommen. Alles. Wir werden keine Hochzeit feiern, wir werden einfach nur standesamtlich heiraten. Aber das wird kein Geschenk sein. Das wird eine Schuld sein. Dokumentiert. Mit klaren Rückzahlungsbedingungen. Mit Zinsen, damit deine Schwester nicht glaubt, das sei wieder so ein Gratisgeschenk.

Darja blickte auf den leeren weißen Bildschirm, und ihre Lippen zogen sich langsam zu einem Lächeln, bei dem Andrej ein wenig unbehaglich wurde.

— Und weißt du, was der wichtigste Punkt in diesem Vertrag sein wird? fuhr er fort und sah ihr direkt in die Augen. — Ein Bürge. Eine Rückzahlungs-Garantie. Wenn Irina Petrowna sich so um Sweta sorgt und so sehr an die Familienbande glaubt, dann soll sie ihren Glauben bestätigen. Mit ihrem eigenen Besitz. Wir sind doch eine Familie, oder? Wir helfen einander, aber wir haften auch füreinander.

Am nächsten Tag, zur exakt gleichen Zeit, stand Darja wieder vor der Wohnungstür ihrer Mutter. Diesmal ohne Torte und Champagner. In der Hand hatte sie nur ihre gewöhnliche Tasche – und darin eine dünne Mappe mit Dokumenten. Sie klingelte nicht, sondern schloss mit ihrem Schlüssel auf. In der Küche warteten sie bereits, als stünden sie auf Gefechtsstation.

Am Tisch saß Irina Petrowna, kerzengerade wie eine Saite, und neben ihr Swetlana. Ihre ältere Schwester sah genau so aus, wie eine „unschuldige Leidtragende der Umstände“ aussehen sollte: leicht geschwollene Augen, hängende Schultern, in den Händen eine Tasse Kamillentee. Als Darja hereinkam, erstarrten beide; in ihren Gesichtern stand eine sorgfältig einstudierte Erwartung. Sie warteten auf Kapitulation.

Darja ging schweigend in die Küche, zog den leichten Mantel aus und hängte ihn über die Stuhllehne. Sie setzte sich nicht. Sie blieb stehen und sah beide mit einem ruhigen, fast prüfenden Blick an. Sie ließ die Stille im Raum hängen, spürte, wie die Anspannung in Mutter und Schwester wuchs – sie verstanden nicht, warum Darja nicht anfing, Reue zu zeigen und um Verzeihung zu bitten.

— Mama, du hattest recht, sagte sie schließlich. Ihre Stimme war ruhig und fest, ohne den kleinsten Anklang an das gestrige Entsetzen.

Irina Petrowna atmete zufrieden aus, ihre harte Haltung lockerte sich ein wenig. Auf Swetlanas Gesicht huschte ein Schatten des Triumphs, den sie sofort hinter der Maske des Leids zu verbergen versuchte. Der Sieg war ihrer. Die jüngere Tochter war, wie erwartet, wieder zur Vernunft gekommen und bereit, ihre Pflicht zu erfüllen.

— Familie ist das Wichtigste, fuhr Darja fort und nickte langsam, als würde sie einem eigenen Gedanken zustimmen. — Ich habe mit meinem Verlobten gesprochen. Wir werden keine Hochzeit feiern. Wir werden einfach zu zweit standesamtlich heiraten, ohne Gäste und ohne Restaurant. Das ganze Geld, das wir zurückgelegt haben, gebe ich Sweta.

Swetlana keuchte auf und presste eine Hand an die Brust.

— Daschenka! Ich wusste es! Ich wusste, du lässt uns nicht im Stich! Danke dir!

Irina Petrowna sah ihre jüngere Tochter an wie ein strenger, aber gerechter Feldherr, der die Kapitulation einer feindlichen Armee entgegennimmt. Sie hatte gewonnen. Sie hatte sie gezwungen, die richtige Wahl zu treffen.

— Aber unter einer Bedingung, fügte Darja hinzu, und die freudigen Lächeln auf den Gesichtern von Mutter und Schwester gefroren augenblicklich. Sie öffnete ihre Tasche, zog die Mappe heraus und legte sie auf den Tisch. Dann schlug sie sie auf. Darin lagen mehrere sauber ausgedruckte Seiten.

— Was ist das? fragte Irina Petrowna misstrauisch…

— Das ist ein Vertrag, erklärte Darja ruhig und schob die Papiere näher zur Mitte des Tisches. — Er heißt „Familien-Darlehensvertrag“.

Swetlana starrte die Blätter verständnislos an, dann ihre Schwester.

— Was für ein Vertrag denn noch? Dascha, wovon redest du?

— Ich gebe dir die ganze Summe. Vierhundertfünfzigtausend Rubel. Das steht hier im ersten Punkt, — Darja tippte mit dem Fingernagel auf die Zeile. — Du verpflichtest dich im Gegenzug, mir den gesamten Betrag innerhalb von zwei Jahren zurückzuzahlen. Das sind vierundzwanzig Monate. Die monatliche Rate liegt bei etwas unter zwanzigtausend. Aber mit einem Zusatz: Hier gibt es einen Zinssatz. Er entspricht dem Satz deines Bankkredits. Das ist fair. Ich bin schließlich keine Wohltätigkeitsorganisation – ich ersetze einfach deinen Gläubiger. Du verlierst nichts.

Swetlanas Gesicht zog sich in die Länge. Sie sah ihre Schwester an, als sähe sie sie zum ersten Mal in ihrem Leben.

— Du… du willst, dass ich dir auch noch Zinsen zahle? Meiner eigenen Schwester?

— Und warum nicht? zuckte Darja mit den Schultern. — Dem Bankinstitut hast du sie doch auch gezahlt. Was macht es für einen Unterschied, wem du zahlst? Das Geld ist ja nicht mein privates – es ist Geld unserer zukünftigen Familie, von Andrej und mir. Wir verzichten auf das Fest, um dir zu helfen. Und wir wollen sicher sein, dass dieses Geld zu uns zurückkommt.

Irina Petrowna, die bis dahin geschwiegen hatte, lief dunkelrot an.

— Was hast du dir da ausgedacht? Verträge in der Familie? Zinsen? Bist du verrückt geworden?

— Nein, Mama. Ich bin im Gegenteil wieder zu mir gekommen, erwiderte Darja und richtete ihren kalten, klaren Blick auf sie. — Und das ist noch nicht alles. Es gibt den letzten Punkt. Den wichtigsten. Da Sweta, wie wir wissen, finanziell nicht stabil ist, braucht der Vertrag einen Garanten. Einen Bürgen. Einen Menschen, der die Verpflichtung übernimmt, die Schuld zu begleichen, falls Sweta nicht zahlen kann – oder nicht zahlen will.

Sie machte eine Pause und sah ihrer Mutter direkt in die Augen.

— Und du, Mama, trittst als Bürgin auf. Wenn Sweta nicht zahlt, geht die Schuld auf dich über. Mit einer Sicherheit in Form deines Anteils an der Datscha. Wir sind doch eine Familie, oder? Wir helfen einander, aber wir haften auch füreinander. Du hast doch selbst gestern gesagt, wir müssten füreinander einstehen. Dann bestätige das. Nicht mit Worten, sondern mit Taten. Sie schob die Papiere und den Stift leicht in Richtung ihrer Mutter. — Du unterschreibst doch, Mama? Für Sweta.

Für einige Sekunden herrschte in der Küche eine absolute, dichte Stille. Irina Petrowna blickte auf die Seiten, dann auf die jüngere Tochter, dann wieder auf die Seiten. Ihr Gehirn, gewohnt, in Kategorien von Vorwürfen, Schuld und emotionaler Erpressung zu arbeiten, weigerte sich, die kalte Logik gedruckter Buchstaben zu akzeptieren. Das war falsch. Das war fremd. So etwas gab es nicht.

Als Erste kam Swetlana wieder zu sich. Ihr Gesicht, eben noch von Unverständnis verzerrt, wurde hässlich vor Wut. Die Maske der unglücklichen Leidenden fiel ab und enthüllte ein räuberisches, egoistisches Grinsen.

— Bist du völlig übergeschnappt? zischte sie und beugte sich über den Tisch. — Zinsen? Bürgschaft? Datscha? Bist du noch bei Verstand? Ich bin deine Schwester!

— Eben, konterte Darja, ohne die Stimme zu heben. Ihre Ruhe wirkte auf beide wie glühendes Eisen. — Du bist meine Schwester und keine zufällige Bettlerin von der Straße. Deshalb helfe ich dir. Eine Bank würde keinen einzigen Tag warten und sich auch nicht deine Geschichten anhören. Ich schon. Ich gebe dir Geld, das Andrej und ich für unsere Zukunft gesammelt haben. Und ich bitte lediglich um Garantien, dass ihr beide, die ihr so sehr für „Familie“ eintretet, das ernst nehmt.

— Ernst?! explodierte Irina Petrowna. Sie sprang auf und stieß den Stuhl um, der mit einem Krach auf den Boden schlug. — Nennst du das ernst?! Das ist Raub! Du bist gekommen, um deine eigene Mutter und Schwester auszurauben! Die Datscha verpfänden… die Datscha, in die ich mein ganzes Leben investiert habe! Damit du sie mir wegen der Schulden dieser Unglücklichen wegnimmst?!

— Wegnehmen? Darja hob leicht eine Augenbraue. — Du bist doch so überzeugt von Sweta. Überzeugt, dass sie zahlen wird. Wenn das so ist, ist die Datscha in keiner Gefahr. Deine Unterschrift hier ist dann nur eine Formalität. Ein Symbol deines Glaubens an deine eigene Tochter. Oder glaubst du ihr etwa nicht?

Diese Frage traf Irina Petrowna wie ein Schlag in die Magengrube. Sie öffnete den Mund, fand aber keine Antwort. Die Jüngere der Grausamkeit zu bezichtigen war gewohnt. Einzugestehen, dass sie der Älteren nicht vertraute – unmöglich.

— Schau an, wie schlau du bist! kreischte Swetlana schrill und wiederholte exakt den gestrigen Satz der Mutter, doch sie legte all ihren angesammelten Neid hinein. — Ganz nach deinem Verlobten! So eine berechnende Schlampe! Hast dir einen Kerl mit Geld geangelt und willst uns jetzt das Leben erklären? Du schuldest mir bis zum Grab! Bei dir war immer alles besser! Noten, Arbeit – und die Kerle sind dir nachgelaufen! Und ich schlage mich allein mit einem Kind durch! Du bist verpflichtet, mir zu helfen, ohne deinen Papierkram!

Darja drehte langsam den Kopf zu ihrer Schwester. In ihren Augen war weder Wut noch Kränkung. Nur eisige, alles durchschauende Verachtung.

— Verpflichtet? Wofür? Dafür, dass ich keine Kredite für das fünfte iPhone und Türkei-Urlaube aufgenommen habe? Dafür, dass ich seit meinem achtzehnten Lebensjahr arbeite und nicht meinen Eltern auf der Tasche lag? Dafür, dass ich jeden Kopeken gespart habe, mir alles versagt habe, damit du dein Leben verprasst? Meine Schuld dir gegenüber endete an dem Tag, an dem ich dir zum letzten Mal mein Gehalt gegeben habe, damit du wieder einmal den „wirklich allerletzten“ Mikrokredit schließt. Es gibt keine Schulden mehr.

Sie sah zur Mutter hinüber, die schwer atmend dastand und sie mit Hass anstarrte.

— Du wolltest, dass ich an die Familie denke. Das habe ich getan. An meine zukünftige Familie. An meinen Mann und unsere Kinder. Und ich werde nicht zulassen, dass ihr Wohlergehen zur Verhandlungsmasse in euren endlosen finanziellen Spielchen wird. Ich habe euch eine Chance gegeben, das Problem erwachsen zu lösen. Mit der Verantwortung, von der du, Mama, so gern redest. Ihr habt abgelehnt.

Sie sammelte die Blätter ordentlich ein, legte sie zurück in die Mappe und klickte den Verschluss ihrer Tasche zu.

— Dann halten wir das so fest: Hilfe braucht ihr, aber Verantwortung dafür zu tragen, dazu seid ihr nicht bereit. Worte über Familie sind für euch nur ein Mittel, um zu bekommen, was ihr wollt. Mehr nicht.

Irina Petrowna fand endlich ihre Stimme wieder.

— Dass du in diesem Haus nie wieder einen Fuß setzt! krächzte sie. — Ich habe keine Tochter, die Wucherin ist! Ich habe nur eine Tochter – Swetotschka! Und du bist ein fremder Mensch! Raus mit dir!

Darja sah sie ein letztes Mal an. Lange, aufmerksam, als präge sie sich alles ein. Dann sagte sie kein Wort mehr, drehte sich ruhig um und ging zur Tür. Nicht schnell, nicht langsam. Mit dem gleichmäßigen, sicheren Schritt eines Menschen, der eine endgültige Entscheidung getroffen hat.

Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. In der Küche blieben zwei zurück. Mutter und Tochter. Auf dem Tisch stand Swetlanas unberührte Tasse mit erkaltetem Kamillentee. Das Problem mit dem Kredit war nicht verschwunden. Nur war jetzt noch eines dazugekommen: In ihrer kleinen, stickigen Welt war das fremde Geld gerade zu Ende gegangen. Für immer…

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