— Ach so, mein Suppentopf ist für dich also Abwasser, aber Mamas Frikadellen sind ein kulinarisches Meisterwerk? Dann friss doch bei deinem Mütterchen – und setz dich bei mir nicht mehr an den Tisch! Ich bin nicht als Dienstmädchen angestellt, um mir dein Gejammer anzuhören!

— Nein, das ist schon wieder nicht das Richtige! Sweta, veräppelst du mich? Ich hab dich doch gebeten, so wie Mama das macht! Und was ist das? Irgend so ein Wasser – kein Borschtsch.
Sweta hob langsam den Blick von ihrem Teller. Sie hatte das Essen noch nicht einmal angerührt. Nach einem Zehn-Stunden-Arbeitstag, vollgestopft mit Berichten, Anrufen und dem Nervenkrieg mit der Chefetage, hatte sie zwei Stunden am heißen Herd gestanden.
Sie hatte Rote Bete geschnitten, Karotten mit Zwiebeln angeschwitzt, Fleisch angebraten, Knoblauch gerieben – alles nur, um diesen verdammten Borschtsch zu kochen. Dick, kräftig, mit einem Stück gutem Rindfleisch vom Markt. Sie hatte aus einem ganz gewöhnlichen Dienstag ein kleines Familienfest machen wollen. Sie wollte ihrem Mann eine Freude machen.
Igor saß ihr gegenüber und stocherte angewidert mit dem Löffel im Teller herum, als hätte man ihm in der Gefängniskantine dünne Brühe hingestellt. Sein Gesicht – geschniegelt und ausgeruht nach einem ganzen Tag vor Fernseher und Computer – verzog sich zu einer Grimasse weltumspannenden Leidens.
Er spießte ein Stück Fleisch auf, drehte es vor den Augen hin und warf es angewidert zurück in den Teller, sodass rote, fettige Spritzer auf das saubere Tischtuch flogen.
— Das Fleisch ist wie Gummi. Die Kartoffeln sind zerfallen. Der Kohl knirscht. Hast du das überhaupt gesalzen? Ich verstehe nicht, was so schwer daran ist, einfach eine normale Suppe zu kochen. Wenn meine Mama kocht … — er rollte verträumt die Augen. — Das ist ein Gedicht! Das Fleisch zergeht im Mund, die Brühe ist klar wie eine Träne und trotzdem so sämig, dass der Löffel steht! Der Duft durchs ganze Treppenhaus! Das ist Borschtsch! Und das hier … das ist irgendein Dreckwasser.
Sweta schwieg. Sie sah ihn an, und in ihr kühlte langsam etwas ab, verwandelte sich in ein Stück Eis. Diese Leier hatte sie schon hunderte Male gehört. Ihre Frikadellen waren trocken, Mamas saftig. Ihr Kartoffelpüree hatte Klümpchen, Mamas war luftig.
Ihre Pfannkuchen waren dick, Mamas hauchdünn und spitzenartig. Jedes Gericht, das sie anrührte, musste eine strenge Qualitätskontrolle über sich ergehen lassen – und verlor am Ende stets gegen die kulinarischen Meisterwerke von Galina Iwanowna. Dabei konnte Igor nicht einmal Dill von Petersilie unterscheiden und hielt das Aufgießen einer Tütensuppe für den Gipfel seiner Kochkunst.
Als von ihr keine Reaktion kam, ging er zum Angriff über. Er zog das Handy aus der Tasche und begann, mit der Miene eines Professors, der gleich einem nachlässigen Studenten eine Standpauke hält, mit dem Finger auf dem Bildschirm herumzutippen.
— So. Aus. Meine Geduld ist am Ende. Ich rufe jetzt Mama an, und sie erklärt dir – Wort für Wort –, wie man kocht. Mach Lautsprecher an, du wirst mitschreiben. Vielleicht lernst du’s ja beim hundertsten Mal.
Das war ein Schlag in die Magengrube. Nicht nur Kritik, sondern öffentliche Demütigung. Er wollte eine Prüfung veranstalten – mit seiner Mutter als oberster Richterin. Sweta sah, wie sein Finger die Anruftaste drückte, wie auf dem Display das Foto der lächelnden Galina Iwanowna erschien. Sie hörte das erste Freizeichen, das zweite … In diesem Moment machte es in ihr klick. Laut, endgültig, unwiderruflich.
Er verstand gar nichts. Ohne Krach, ohne ein Wort zu sagen, stand sie ruhig vom Tisch auf. Ihre Bewegungen waren weich, beinahe hypnotisch. Sie ging zum Herd, auf dem noch immer der große Fünf-Liter-Topf mit dampfendem Borschtsch stand – der Stolz ihrer zweistündigen Arbeit. Mit einem Geschirrtuch fasste sie die Griffe. Igor sah sie verwundert an, das Handy noch am Ohr.
— Ma, hi! Hast du gerade Zeit? Sweta braucht da deine Hilfe … — begann er, brach aber mitten im Satz ab.
Sweta, ohne ihn anzusehen, trug den schweren Topf quer durch die Küche und ging in die enge Toilette. Igor saß da, den Mund offen, und starrte dieser seltsamen Route hinterher. Dann hörte er ein Geräusch. Ein lautes, gluckerndes, widerliches Geräusch.
Das Geräusch, wie fünf Liter dicker, kräftiger Suppe – mit Fleisch, Gemüse und all ihrer Mühe – direkt in die Toilette gegossen werden. Sie kippte alles aus. Bis zum letzten Tropfen. Dann drückte sie die Spültaste. Die weiße Keramik schluckte gierig, riss Kohl- und Rote-Bete-Stücke in den Strudel und verschlang sie restlos.
Sie kam mit dem leeren Topf in den Händen heraus, stellte ihn mit einem Krach in die Spüle und erst dann drehte sie sich zu ihrem Mann um. Er saß mit dem Handy in der Hand, aus dem die verwirrte Stimme seiner Mutter tönte: „Igor, was ist denn bei euch los? Hallo?“ Aber er hörte es nicht. Er starrte Sweta mit weit aufgerissenen, fassungslosen Augen an, in denen sich Entsetzen und völliges Unverständnis spiegelten.
Igor kam endlich zu sich. Mit einem Rums warf er das Handy auf den Tisch – von dort klang immer noch ein besorgtes „Igorjöscha, was ist passiert?“ – und sprang auf. Sein Gesicht, eben noch sauer und verdrießlich, wurde purpurrot, verzerrt vor Wut.
— Bist du völlig bescheuert?! Spinnst du?! Ich hab Hunger! Warum hast du das Essen in die Toilette gekippt?!
Er kam auf sie zu, fuchtelte mit den Händen, offenbar in der Erwartung, dass sie Angst bekommt, sich rechtfertigt oder anfängt zu weinen. Aber Sweta stand regungslos da wie ein Granitfelsen. Ihre Ruhe war beängstigender als jedes Geschrei. Sie sah ihn kühl und prüfend an, als sähe sie ihn zum ersten Mal.
— Du hast Hunger? — wiederholte sie in einem gleichmäßigen, emotionslosen Ton. — Na und? Wo ist das Problem? Fahr zu deiner Mutter. Bei ihr, hast du doch selbst gesagt, ist der Borschtsch ein Gedicht und das Fleisch zergeht im Mund. Sie wird dir gern einen Teller einschenken – vielleicht auch zwei. Und mein „Dreckwasser“, wie du es genannt hast, geht ab jetzt direkt dorthin, wo es deiner Meinung nach hingehört – ohne Umweg über deinen kostbaren Magen.
Diese Worte, ohne die geringste Spur von Hysterie gesprochen, trafen ihn härter als die Aktion mit dem Topf. Er blieb wie angewurzelt stehen und versuchte zu begreifen, was er gerade gehört hatte.
— Du … du spinnst wohl! Ich bin dein Mann! Du bist verpflichtet, mich zu füttern!
Sweta stieß ein kurzes, trockenes Lachen aus, in dem keinerlei Heiterkeit lag.
— Verpflichtet? Wo steht das? In einem Arbeitsvertrag, den ich nicht unterschrieben habe? Ab dieser Sekunde, Igor, bin ich dir zu gar nichts verpflichtet. Die Küche ist geschlossen. Für immer. Für dich.
Und ohne auf seine Antwort zu warten, ging sie zum Handeln über. Entschlossen riss sie die Kühlschranktür auf. Drinnen lagen – wie in einer Feinkostauslage – die Einkäufe der letzten Tage. Ein sorgfältig verpacktes Stück marmoriertes Rindfleisch, gekauft fürs Sonntagsessen.

Teure luftgetrocknete Wurst, die sie morgens so gern zum Kaffee mochte. Mehrere Käsesorten – Parmesan, Brie, Dorblu. Frisches Gemüse: ausgesuchte Tomaten, knackige Gurken. Becher mit griechischem Joghurt. Alles gekauft von ihrem Geld, von ihrem Gehalt, das – nebenbei bemerkt – fast doppelt so hoch war wie seines.
Vor den Augen des verblüfften Igor begann sie, ganz methodisch und ohne Hast, all diesen Reichtum herauszunehmen und auf dem Tisch zu stapeln. Er sah zu, wie die vertrauten Lebensmittel aus dem Kühlschrank verschwanden, und brachte kein Wort heraus. Sein Gehirn weigerte sich, das Geschehen als Realität anzuerkennen.
Sweta holte aus dem Schrank mehrere große Tüten und fing an, die Lebensmittel einzupacken. Fleisch, Wurst, Käse, Gemüse, Obst, Joghurt – sogar ein Glas teures Olivenöl und eine Packung guten Kaffees – alles wanderte in die Tüten. Als sie fertig war, waren die Kühlschrankregale trostlos leer. Zurück blieben nur seine Trophäen: eine Packung billige Würstchen mit fragwürdiger Zusammensetzung, eine halbe Flasche scharfer Ketchup, ein angebrochenes Glas Gewürzgurken und ein einsames Stück Toastbrot, das schon leicht trocken wurde.
— Bitte, — sie deutete mit einem Kopfnicken auf das karge Stillleben. — Das ist deins. Dafür hast du gearbeitet. Davon ernährst du dich. Guten Appetit.
Mit den schweren Tüten in beiden Händen ging sie an ihrem erstarrten Mann vorbei und steuerte auf den Balkon zu. Die Tür knarrte, dann klickte das Schloss – sie drehte demonstrativ zweimal um. Den Schlüssel zog sie ab und steckte ihn in ihre Tasche.
Da begriff Igor offenbar endgültig das Ausmaß der Katastrophe.
— Du Miststück! — brüllte er, und seine Faust krachte mit voller Wucht auf den Küchentisch. Die Teller hüpften. — Was soll das?! Willst du mich etwa verhungern lassen?! …
Er machte einen Schritt auf sie zu, sein Gesicht war vor Wut entstellt. Doch Sweta wich nicht zurück – sie machte ihm einen Schritt entgegen. In ihrer Hand befand sich wie von selbst die schwere gusseiserne Pfanne, die auf dem Herd gestanden hatte. Sie hob sie auf Höhe seines Gesichts und hielt sie fest wie eine Waffe.
— Noch eine Bewegung in meine Richtung, — zischte sie so leise, dass es schlimmer klang als jedes Geschrei, — und diese Pfanne landet auf deinem leeren Kopf. Dann schauen wir mal, was härter ist – das Gusseisen oder du.
Igor erstarrte. In ihren Augen sah er weder Angst noch Bluff. Nur eine kalte, feste Entschlossenheit. Er blickte abwechselnd auf die Pfanne und in ihre Augen und begriff, dass sie nicht scherzte. Er machte einen Schritt zurück, dann noch einen, vor sich hin fluchend. Als ihm klar wurde, dass er mit Gewalt nichts erreichen würde – und dass es in dieser Wohnung wohl auch kein Essen mehr geben würde –, riss er sich seine Jacke vom Stuhl.
— Fahr zur Hölle! — spuckte er heraus, während er sich im Flur die Schuhe anzog. — Ich geh zu Mama! Da behandelt man mich wenigstens wie einen Menschen! Mal sehen, wie du hier allein aufheulst!
— Gute Reise, — warf sie ihm über die Schulter zu, ohne den Kopf zu drehen. — Grüß Galina Iwanowna von mir.
Er knallte die Tür zu, doch dieser Lärm beeindruckte sie nicht im Geringsten. Sweta legte die Pfanne zurück, ging ins Zimmer, nahm ihr Handy in die Hand und bestellte bei ihrer Lieblingspizzeria die größte, teuerste Pizza mit doppeltem Käse und Peperoni. Dann setzte sie sich in den Sessel und spürte zum ersten Mal seit vielen Monaten, wie ihr das Atmen leichtfiel.
Sweta irrte sich nicht. Am nächsten Tag, gegen Mittag, klingelte es an der Tür. Das Klingeln war ungeduldig und fordernd, als stünde dahinter nicht einfach ein Besucher, sondern jemand, der ein unbedingtes Recht hatte, hereinzukommen. Sweta schaute durch den Spion. Das Bild war wie erwartet: Igor, mit einem verknitterten Gesicht nach der Nacht auf dem mütterlichen Sofa, und neben ihm – Galina Iwanowna höchstpersönlich.
Sie stand mit geradem Rücken da wie eine Feldherrin vor der entscheidenden Schlacht. In ihrem Gesicht lag eine Mischung aus gerechtem Zorn und mütterlicher Trauer. In der Hand hielt sie einen großen Plastikbehälter – offenbar die taktische Reserve, Proviant für den „hungrigen“ Sohn.
Sweta beeilte sich nicht zu öffnen. Sie ließ sie noch zweimal klingeln und genoss ihre wachsende Ungeduld. Schließlich drehte sie langsam den Schlüssel im Schloss und riss die Tür auf, blieb jedoch im Rahmen stehen und versperrte ihnen den Weg.
— Was wollt ihr? — fragte sie, als sähe sie beide zum ersten Mal.
Galina Iwanowna rang förmlich nach Luft angesichts dieser Unverschämtheit. Sie versuchte, Sweta zur Seite zu schieben und in die Wohnung zu drängen.
— Was sind das für Fragen? Lass mich sofort rein! Ich bin gekommen, um zu sehen, unter welchen Bedingungen mein Sohn lebt! Igorjöscha hat mir alles erzählt! Hast du denn gar kein Gewissen mehr – deinen Mann so zu quälen? Ihn hungern zu lassen!
— Ich quäle niemanden, — entgegnete Sweta ruhig und rührte sich keinen Zentimeter. — Und Ihr Igorjöscha ist ein erwachsener Junge, er hat Hände und Beine. Wenn er essen will, soll er kochen. Oder bestellen. Oder eben zu Ihnen gehen. Was er ja auch getan hat. Problem gelöst.
Igor, der hinter dem Rücken seiner Mutter stand, fasste sich ein Herz und meldete sich zu Wort:
— Sweta, hör auf mit diesem Zirkus! Mama ist gekommen, um uns zu versöhnen! Und du gehst auf alle los wie ein angeleinter Hund!
— Versöhnen muss uns niemand. Und mich anzugehen auch nicht, Galina Iwanowna, — Sweta richtete ihren eisigen Blick auf die Schwiegermutter, die erneut versuchte, sie wegzudrücken. — Das ist meine Wohnung, und ich entscheide, wer hereinkommt und wer nicht.
Aber Galina Iwanowna gehörte nicht zu denen, die zurückweichen. Sie nahm all ihre Kräfte zusammen, trat entschlossen vor, drückte die Schwiegertochter regelrecht gegen die Flurwand und marschierte triumphierend in die Küche. Igor huschte hinterher.
— Da! Mama, schau! — Er riss mit einer theatralischen Geste die Kühlschranktür auf. — Siehst du?! Leer! Da kann man die Mäuse aufhängen! Sie hat alles weggeräumt!
Galina Iwanowna beugte sich hinein, und ihr Gesicht verzog sich vor Entsetzen, als blicke sie in einen Abgrund. Der Anblick der einsamen Würstchen und des angetrockneten Brotlaibs bestätigte die schlimmsten Erzählungen ihres Sohnes.

— Herrgott! Das ist ja wie ein Genozid! — Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen. — Du willst das Kind verhungern lassen! Wo sind die Lebensmittel, du Ungeheuer?! Wohin hast du alles getan?!
— Dorthin, wo sie hingehören, — Sweta trat in die Küche und rieb sich die schmerzende Schulter. — Auf den Balkon. Und das sind meine Lebensmittel, gekauft von meinem Geld.
— Ach, von deinem Geld?! — fuhr Galina Iwanowna auf. — Und dass mein Sohn seine besten Jahre für dich geopfert hat, zählt nicht?! Er arbeitet, er versorgt die Familie!
Sweta verzog spöttisch den Mund. „Versorgt“, dachte sie und erinnerte sich an sein bescheidenes Gehalt, von dem der Großteil für Computerspiele und Bier mit Freunden draufging.
Ohne Sweta weiter zu beachten, steuerte Galina Iwanowna entschlossen auf die Balkontür zu. Sie riss an der Klinke – abgeschlossen.
— Mach auf! — befahl sie.
— Mach ich nicht.
— Ich habe gesagt: Mach auf! Ich trete diese Tür gleich ein!
Galina Iwanowna schüttelte tatsächlich die wackelige Plastiktür, doch sie gab nicht nach. Als sie die Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen begriff, wechselte sie die Taktik. Mit siegessicherer Miene stellte sie den mitgebrachten Behälter auf den Tisch.
— Na gut! Mein Sohn bleibt nicht hungrig, solange ich lebe! Ich habe ihm Frikadellen mitgebracht. Meine, selbstgemachte! Nicht so wie bei manchen …
Sie öffnete den Deckel. Ein schwerer, fettiger Duft nach gebratenen Zwiebeln und Fleisch breitete sich in der Küche aus. Im Behälter lagen, dicht an dicht, zwölf perfekt runde, goldbraune Frikadellen. Das war ihr kulinarisches Flaggschiff, ihre Hauptwaffe. Sie nahm einen Teller, legte drei Stück darauf und schob ihn in die Mikrowelle.
— So, mein Sohn, gleich ist es warm, dann isst du endlich wie ein Mensch, — säuselte sie und strich Igor über die Schulter. — Und du, — sie wandte sich zu Sweta, ihre Stimme wurde wieder stahlhart, — schau zu und lern, wie man sich um seinen Mann kümmert. Du hast hier ein Chaos angerichtet, Töpfe sind dreckig, es riecht nicht mal nach Essen! Eine Schande!
Die Mikrowelle piepste und meldete das Ende der Rettungsaktion für den „Verhungernden“. Galina Iwanowna holte mit triumphierender Miene den Teller mit den dampfenden, aromatisch duftenden Frikadellen heraus und stellte ihn feierlich direkt vor Igor auf den Tisch. Er griff sofort nach der Gabel, seine Augen glänzten vor Vorfreude. Das war ihr Moment des Triumphs. Der Moment, in dem sie Sweta ganz praktisch ihre Wertlosigkeit als Hausfrau und als Ehefrau vor Augen führen wollten.
Igor führte die Gabel bereits zur ersten Frikadelle, um ein saftiges Stück abzubrechen. Doch dazu kam es nicht. In genau diesem Augenblick machte Sweta einen Schritt an den Tisch. Ihr Gesicht war vollkommen ruhig, beinahe abwesend. Und diese Ruhe war furchteinflößender als jeder Sturm.
Mit einer schnellen, fast unmerklichen Bewegung riss Sweta Igor den Teller mit den Frikadellen direkt unter der Nase weg. Er blinzelte verblüfft, seine Gabel kratzte mit einem hässlichen Geräusch über die leere Tischplatte. Galina Iwanowna, noch immer mit ihrem selbstzufriedenen Lächeln erstarrt, begriff nicht sofort, was geschehen war. Für eine Sekunde lag verwirrtes Schweigen über der Küche.
Und dann begann etwas, das mit der Logik eines gewöhnlichen Familienstreits nichts mehr zu tun hatte.
Sweta schrie nicht. Sie schlug kein Geschirr kaputt. Ihr Gesicht blieb undurchdringlich wie eine Maske. Sie nahm die erste Frikadelle in die Hand – heiß, triefend vor Fett – und schmierte sie mit methodischer, kalter Wut über die makellos weiße, glänzende Front des Küchenschranks über der Spüle. Auf der schneeweißen Fläche breitete sich ein hässlicher brauner Fleck aus, gesprenkelt mit Zwiebelstückchen und Brotkrumen.
— Du … du spinnst wohl?! Was machst du da?! — Galina Iwanowna kam als Erste zu sich. Ihre Stimme kippte in ein Kreischen.
Igor sprang auf und versuchte, ihr den Teller zu entreißen, doch Sweta wich geschickt aus. Die zweite Frikadelle landete auf der Kühlschranktür und hinterließ einen fettigen Abdruck direkt unter dem Türkei-Magneten, den sie aus ihren Flitterwochen mitgebracht hatten. Die dritte nahm sie, trat dicht an Igor heran und rieb sie langsam, mit Druck, in das saubere weiße T-Shirt auf seiner Brust. Er wich zurück und starrte auf den sich ausbreitenden, schmierigen Fleck auf dem Stoff, als wäre es eine tödliche Wunde.
— Ach so, mein Suppentopf ist für dich also Abwasser, aber Mamas Frikadellen sind ein kulinarisches Meisterwerk? Dann friss doch bei deinem Mütterchen – und setz dich bei mir nicht mehr an den Tisch! Ich bin nicht als Dienstmädchen angestellt, um mir dein Gejammer anzuhören!
Dieser Satz, in einem gleichmäßigen, beinahe leblosen Ton gesprochen, fiel endlich laut in den Raum. Es war kein Schrei der Verzweiflung. Es war ein Urteil.
Galina Iwanowna stürzte auf sie zu, um ihr den Teller zu entreißen – ihre kulinarische Fahne, die gerade so monströs geschändet wurde.
— Hör auf, du Wahnsinnige! Das ist Essen! Meine Frikadellen!
Aber Sweta war nicht zu stoppen. Sie stieß die Schwiegermutter weg und machte weiter. Die vierte Frikadelle schmierte sie über die Scheibe der Mikrowelle. Die fünfte über die Fliesen der Küchenrückwand. Die sechste … die sechste drückte sie mit Wucht Igor ins entsetzte Gesicht, als er sie erneut aufhalten wollte. Fleischstücke und Fett klebten an seiner Wange und seinem Kinn. Er erstarrte, unfähig zu begreifen, was geschah, und spürte auf der Haut die Wärme und diese ekelhafte, glitschige Textur.
Galina Iwanowna stieß einen Laut aus, der wie das Heulen einer Sirene klang. Sie schaute nicht ihren Sohn an, nicht Sweta. Sie starrte auf ihre Frikadellen, die sich in schmutzige Flecken auf Möbeln und Kleidung verwandelten. Für sie war das, als würde man eine Ikone verbrennen. Ihre Arbeit, ihre Liebe, ihr wichtigster Beweis der Überlegenheit – alles wurde zertrampelt und erniedrigt.
Sweta bewegte sich wie ein Automat. Die siebte, achte, neunte Frikadelle wurden zu schmierigen Strichen auf den Küchenflächen. Die zehnte und elfte flogen auf den Boden und hinterließen fettige Klatscher auf dem hellen Laminat. Es blieb nur noch die letzte, die zwölfte. Die schönste, die appetitlichste. Sweta nahm sie zwischen zwei Finger, trat zu Igor, der noch immer wie benommen versuchte, sein Gesicht abzuwischen, zog seinen T-Shirt-Kragen nach unten und stopfte ihm die Frikadelle mit Kraft in den Nacken.
— Da, verschluck dich an deinem Meisterwerk! — spie sie hervor.

Igor heulte auf – weniger vor Schmerz als vor Demütigung und Ekel, als er spürte, wie heißes Fett ihm den Rücken hinunterlief.
In diesem Moment fand Galina Iwanowna offenbar ihre Sprache wieder.
— Undankbares Miststück! Ich werd dich … — sie holte mit ihrer Handtasche nach Sweta aus.
Doch Sweta war schon im Flur. Sie riss die Wohnungstür auf.
— Raus! — Zum ersten Mal brach ihre Stimme in einen Schrei. Einen echten, starken, aus der tiefsten Seele. — Raus hier, ihr beide!
Sie packte Igor am Kragen, wie einen frechen Welpen, und stieß ihn mit Kraft auf den Treppenabsatz. Er stolperte und wäre beinahe hingefallen. Hinter ihm trat Galina Iwanowna rückwärts hinaus, fluchend und zeternd.
— Das lassen wir nicht so stehen! Das wirst du noch bereuen!
— Raus mit dir! — schrie Sweta und griff vom Küchentisch den leeren Plastikbehälter. Mit einem ohrenbetäubenden Knall prallte er gegen die zufallende Tür und sprang Galina Iwanowna vor die Füße.
Sweta schlug die Tür zu und drehte den Schlüssel im Schloss. Dann noch einmal. Und noch einmal, bis zum Anschlag. Sie lehnte sich mit dem Rücken dagegen und atmete schwer. Vom Treppenhaus drangen gedämpfte Schreie von Igor und seiner Mutter herein. Aber sie hörte sie schon nicht mehr.
Langsam ging sie in die Küche. Sie blieb mitten im Raum stehen und ließ den Blick über das Schlachtfeld wandern. Fettige Flecken auf den schneeweißen Möbeln, verschmierte Frikadellenreste am Boden, am Kühlschrank, an der Wand. Der Geruch von gebratenen Zwiebeln mischte sich mit dem Geruch von Hass. Das war nicht mehr ihr Zuhause. Das waren die Ruinen ihres früheren Lebens. Und während sie diesen Frikadellen-Apokalypse-Anblick betrachtete, spürte sie zum ersten Mal seit vielen Jahren nichts außer betäubender, klingender Leere – und einer seltsamen, verdrehten Erleichterung. Der Krieg war vorbei. Alle hatten verloren …