Der Arzt war bereits dabei, die Obduktion am Leichnam einer jungen Nonne vorzubereiten, die nach einer langen und schweren Krankheit verstorben war. Doch in dem Moment, als sein Blick auf das Kreuz an ihrem Hals fiel, ergriff er entsetzt die Flucht aus der Leichenhalle …
Am frühen Morgen traf ein Fahrzeug am städtischen Leichenschauhaus ein und brachte den Körper der jungen Ordensschwester. Mehrere Nonnen aus ihrem Kloster begleiteten sie.

Ihre Augen waren vom vielen Weinen gerötet, und sie konnten ihre Tränen kaum zurückhalten. Ihren Aussagen zufolge war die junge Frau bereits seit vielen Monaten schwer krank gewesen.
Mit jedem weiteren Tag war sie schwächer geworden. Schließlich konnte sie kaum noch aus dem Bett aufstehen, verlor immer schneller ihre Kräfte und klagte ununterbrochen über eine tiefe, unerträgliche Erschöpfung.
Keiner der Ärzte hatte herausfinden können, was tatsächlich mit ihr geschah. Sie war unzähligen Untersuchungen unterzogen worden, hatte zahllose Tests über sich ergehen lassen und war in mehreren Krankenhäusern behandelt worden. Doch jedes Mal konnten die Mediziner nur ratlos mit den Schultern zucken.
Einige vermuteten eine seltene Blutkrankheit, andere sprachen von schweren Schäden an ihren inneren Organen. Wieder andere gestanden offen ein, noch nie zuvor derartige Symptome gesehen zu haben.
Trotz aller Behandlungen verschlechterte sich ihr Zustand immer weiter. In den letzten Wochen ihres Lebens verließ sie ihr Zimmer kaum noch, sprach nur selten und verbrachte den größten Teil ihrer Zeit im Gebet.
Die anderen Schwestern kümmerten sich bis zum Schluss um sie und hofften jeden Tag auf eine Besserung. Doch eines frühen Morgens hörte ihr Herz plötzlich auf zu schlagen.

Nachdem sämtliche notwendigen Dokumente ausgefüllt worden waren, brachte man den Leichnam zur vorgeschriebenen Obduktion in die Leichenhalle. Der erfahrene Pathologe wollte die tatsächliche Todesursache feststellen, denn ihre Krankengeschichte erschien ihm viel zu ungewöhnlich.
Der Arzt bereitete ruhig seine Instrumente vor, zog die Handschuhe an und trat an den Obduktionstisch. Vorsichtig öffnete er den oberen Teil der Kleidung der Nonne, löste den breiten Gürtel ihres Ordensgewands und bemerkte dabei ein kleines Metallkreuz, das an einer Kette hing.
Fast alle Nonnen tragen ein solches Kreuz.
Behutsam nahm er es in die Hand, um es vor Beginn der Obduktion abzulegen.
Doch nur wenige Sekunden später wich plötzlich jede Farbe aus seinem Gesicht. Von blankem Entsetzen gepackt, stürmte der Arzt in Panik aus der Leichenhalle.
Auf der Oberfläche des Metalls entdeckte er merkwürdige gelblich-grüne Verfärbungen. In diesem Augenblick erinnerte er sich an ein Foto aus einem alten Lehrbuch der Gerichtsmedizin, das er während seines Studiums gesehen hatte.
Eine derartige Schicht konnte sich mitunter auf alten Gegenständen bilden, die aus Materialien mit einem hohen Anteil radioaktiver Elemente bestanden.
Zunächst glaubte der Arzt, sich täuschen zu müssen. Rasch holte er ein spezielles Dosimeter hervor, das im Krankenhaus zur Untersuchung verdächtiger Gegenstände eingesetzt wurde. Das Gerät befand sich ganz in der Nähe, da man es gelegentlich nach Industrieunfällen benötigte.
Als er das Messgerät dicht an das Kreuz hielt, ertönte sofort ein lautes, ununterbrochenes Warnsignal.
Der Zeiger schnellte augenblicklich in einen gefährlichen Bereich.
In diesem Moment lief dem Arzt ein eisiger Schauer über den Rücken. Hastig legte er das Kreuz zurück, sprang beinahe aus der Leichenhalle und ordnete unverzüglich an, dass niemand den Raum betreten durfte. Nur wenige Minuten später trafen Strahlenschutzexperten im Krankenhaus ein.
Nach ihrer Untersuchung stand fest, dass das Kreuz tatsächlich aus einem hochgefährlichen radioaktiven Metall gefertigt worden war. Durch den jahrelangen täglichen Kontakt war der Körper der jungen Nonne nach und nach einer hohen Strahlendosis ausgesetzt gewesen.
Genau deshalb hatte sich ihr Zustand Monat für Monat weiter verschlechtert, während die Ärzte die Ursache ihrer rätselhaften Krankheit nicht hatten erkennen können.

Doch das eigentliche Grauen sollte erst noch ans Licht kommen.
Während eines Gesprächs mit der Oberin des Klosters fragte der Arzt, ob nur die verstorbene Nonne ein solches Kreuz getragen habe.
Die Antwort ließ alle Anwesenden verstummen.
Die Oberin erklärte ruhig, dass sämtliche Schwestern des Klosters viele Jahre zuvor genau dieselben Kreuze erhalten hätten.
Sie waren eigens für die Kirche angefertigt und jeder Nonne am Tag ihres Ordensgelübdes überreicht worden. Niemand hätte ahnen können, dass dieses völlig gewöhnlich wirkende Metall tödlich sein konnte.
Ohne auch nur eine Minute zu verlieren, bestand der Arzt darauf, alle Kreuze sofort untersuchen zu lassen. Die Spezialisten überprüften das gesamte Kloster und bestätigten schließlich die schlimmsten Befürchtungen. Jedes einzelne dieser Kreuze strahlte in einem gefährlichen Maß.
Noch am selben Tag wurden sämtliche Kreuze beschlagnahmt, und alle Nonnen mussten sich umfassenden medizinischen Untersuchungen unterziehen.
Bei vielen von ihnen zeigten sich bereits erste Anzeichen von Strahlenschäden. Die Frauen selbst hatten ihre Beschwerden jedoch bislang für einfache Überarbeitung oder altersbedingtes Unwohlsein gehalten.
Glücklicherweise war die Gefahr noch rechtzeitig erkannt worden. Bei den meisten Schwestern konnte die Behandlung beginnen, bevor die Schäden unumkehrbar wurden. Über mehrere Monate hinweg überwachten die Ärzte ihren Gesundheitszustand, leiteten die notwendige Therapie ein und halfen ihren Körpern Schritt für Schritt, sich zu erholen.