Der König setzte seiner Tochter einen seltsamen eisernen Helm auf und verschloss ihn mit einem schweren Vorhängeschloss, damit niemand im ganzen Königreich jemals ihr wahres Gesicht sehen würde – bis zu dem Tag ihrer Hochzeit. Doch als schließlich ein Bräutigam gefunden wurde und der Helm während der Zeremonie abgenommen wurde, erstarrte der gesamte Palast vor Entsetzen über das, was sich darunter verbarg.
Als Prinzessin Elina sechs Jahre alt wurde, geschah im ganzen Königreich etwas Merkwürdiges – etwas, woran sich die Menschen noch viele Jahre später erinnern würden.

An jenem Tag befahl der König, die besten Schmiede und Zimmerleute des Landes im Palast zu versammeln. Noch am selben Abend wurde eine schwere Helmmaske aus Holz und Eisen in die Gemächer der kleinen Prinzessin gebracht. Sie bedeckte den Kopf des Mädchens vollständig. Vorne befanden sich lediglich schmale Sehschlitze für die Augen sowie eine kleine Öffnung im Bereich des Mundes, damit sie essen und trinken konnte.
An dem Helm hing ein massives Eisenschloss, und der König trug den Schlüssel stets an einer Kette um den Hals, ohne ihn jemals jemandem zu zeigen.
Nur die Königin wusste, weshalb er seiner Tochter dies angetan hatte. Einige Monate später erkrankte sie schwer und verstarb – und mit ihr verschwand der letzte Mensch, der die Wahrheit kannte.
Von diesem Zeitpunkt an zeigte sich die Prinzessin nur noch mit diesem sonderbaren Helm.
Schon bald machten die schrecklichsten Gerüchte im Palast die Runde. Manche behaupteten, das Mädchen sei mit einer grausamen Missbildung geboren worden, die der König vor der Welt verberge. Andere waren überzeugt, ein uralter Fluch laste auf ihr.
Wieder andere flüsterten, der König habe etwas Furchtbares im Gesicht seiner Tochter gesehen und sie deshalb für immer vor den Menschen verborgen.
Doch niemand wusste mit Sicherheit, was wahr war.
Die Dienerschaft hatte Angst, die Prinzessin auch nur anzusehen. Sobald sie die Gänge des Palastes entlangschritt, verstummten alle augenblicklich. Das Mädchen sprach fast nie, ging nur selten in den Schlossgarten und hielt sich stets von anderen fern.
Nur manchmal, spät in der Nacht, hörten die Bediensteten, wie sie leise auf dem alten Klavier im verlassenen Festsaal spielte.
Mit den Jahren wuchs die Furcht, die sie umgab, immer weiter.
Mehrfach versuchten Mitglieder des Hofes, das Geheimnis zu lüften. Ein Schmied wollte einst während des Schlafes des Königs eine Kopie des Schlüssels anfertigen, doch schon am nächsten Morgen wurde er aus dem Königreich verbannt.
Eine junge Zofe wagte es eines Nachts, unter den Helm zu blicken, als die Prinzessin neben dem Kamin in einem Sessel eingeschlafen war. Doch bereits am folgenden Tag war das Mädchen spurlos verschwunden. Danach hatte niemand mehr den Mut, ein solches Risiko einzugehen.
Der König wiederholte stets denselben Satz:
„Sie wird den Helm erst am Tag ihrer Hochzeit abnehmen.“
Doch die Jahre vergingen, und kein Bräutigam erschien.
Kein Prinz wollte eine junge Frau heiraten, deren Gesicht niemand je gesehen hatte. Viele fürchteten, dass sich unter dem Helm etwas Entsetzliches verbarg. Manche erklärten offen, sie wollten ihr Leben nicht an einen Fluch binden.
Mit jedem Jahr wurde der König älter und düsterer. Er wusste, dass eines Tages sein Ende kommen würde und seine einzige Erbin vollkommen allein zurückbliebe.

Eines Tages traf jedoch ein junger Prinz namens Richard im Königreich ein. Er war der Sohn eines verarmten Herrschers und verstand sehr wohl, dass die Heirat mit der Tochter des Königs sein Leben für immer verändern könnte. Viele hielten ihn für wahnsinnig, als er verkündete, die junge Frau mit dem eisernen Helm heiraten zu wollen.
In der Stadt diskutierten die Menschen Tag und Nacht.
„Er tut es nur wegen des Thrones.“
„Nein, er will einfach die Wahrheit erfahren.“
„Und wenn sich darunter ein Monster verbirgt?“
Trotz aller Zweifel wurden die Hochzeitsvorbereitungen getroffen.
Am Tag der Zeremonie war die gewaltige Kathedrale bis auf den letzten Platz gefüllt. Unter den hohen steinernen Gewölben flackerten Hunderte von Kerzen, und entlang des roten Teppichs standen die reichsten und mächtigsten Gäste des Königreichs. Alle warteten nur auf diesen einen Augenblick.
Als sich schließlich die Türen öffneten, wurde es so still, dass man das Knistern der Kerzen hören konnte.
Der König selbst führte seine Tochter zum Altar.
Er trug einen schweren, dunkelroten, pelzbesetzten Mantel, während die Prinzessin an seiner Seite in einem prachtvollen weißen Kleid schritt, das mit silbernen Mustern bestickt war. Doch ihr Kopf war noch immer unter demselben Holz-Eisen-Helm verborgen – jenem Helm mit dem Schloss, den sie ihr ganzes Leben lang getragen hatte.

Sogar der Prinz wirkte sichtlich angespannt. Als die junge Frau näher kam, konnte er den Blick mehrere Sekunden lang nicht von der seltsamen Maske abwenden.
Mit zitternder Stimme begann der Priester die Zeremonie. Dann kam endlich der Augenblick, auf den alle gewartet hatten.
Langsam zog der König den alten Schlüssel unter seinem Gewand hervor.
Sofort ging ein Raunen durch die Kathedrale. Einige Gäste erhoben sich sogar von ihren Plätzen, um besser sehen zu können.
Die Hände des alten Königs zitterten deutlich, als er den Schlüssel in das Schloss steckte. Ein schweres metallisches Klicken hallte durch die Kathedrale.
Dann hob der König den Helm ganz langsam vom Kopf seiner Tochter.
Und in genau diesem Moment erstarrte die gesamte Kathedrale.
Jemand rang hörbar nach Luft. Eine Frau ließ ihr Glas auf den Steinboden fallen. Selbst der Prinz wich erschrocken einen Schritt zurück.
Denn unter dem Helm befand sich …
Unter dem Helm befanden sich weder Missbildungen noch Narben, noch irgendetwas, das Furcht einflößen konnte.
Ganz im Gegenteil.
Die Prinzessin war von einer überwältigenden Schönheit. So außergewöhnlich schön, dass die Anwesenden mehrere Sekunden lang sprachlos dastanden, als könnten sie dem, was sie sahen, keinen Glauben schenken. Ihr langes, goldenes Haar fiel in sanften Wellen über ihre Schultern, ihre Haut war hell wie Porzellan, und ihre ungewöhnlich hellen Augen zogen sofort alle Blicke auf sich.
Doch etwas anderes versetzte die Gäste in Unruhe.
Auf dem Gesicht der jungen Frau war keinerlei Gefühl zu erkennen. Ihr Blick wirkte kühl und leer, als wäre über all die vergangenen Jahre etwas in ihr zerbrochen. Sie sah die Menschen an, ohne Freude, ohne Neugier, ohne jede Regung.
Der Prinz versuchte, ihr ein freundliches Lächeln zu schenken, doch die Prinzessin würdigte ihn keines Blickes.
Schließlich konnte einer der ältesten königlichen Berater seine Verwunderung nicht länger verbergen und fragte den König mit gedämpfter Stimme:
„Aber warum … warum habt Ihr eine solche Tochter ihr ganzes Leben lang verborgen gehalten?“
Der alte König schwieg lange, bevor er mit leiser, erschöpfter Stimme antwortete:
„Weil ich gesehen habe, wie Männer ihre Mutter ansahen. Wegen ihrer Schönheit wurden Kriege geführt, Verrat begangen und Menschen getötet. Ich wollte nicht, dass meine Tochter dasselbe Schicksal erleidet.“
Nachdem er diese Worte ausgesprochen hatte, sank er mitten in der Kathedrale auf die Knie und brach in Tränen aus.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren sprach die Prinzessin aus eigenem Antrieb.
Langsam wandte sie den Blick zu ihrem Vater und sagte mit ruhiger, beinahe flüsternder Stimme:
„Du hast nicht mein Gesicht verborgen … du hast mir mein ganzes Leben genommen.“
Dann drehte sie sich um und verließ allein die Kathedrale. Sie ließ den Prinzen, die versammelten Gäste und sogar ihren eigenen Vater hinter sich.
Man erzählt, dass sie nur wenige Tage später den Palast für immer verließ.
Einige behaupteten, man habe sie in den fernen Ländern des Nordens gesehen. Andere waren überzeugt, sie lebe unter gewöhnlichen Menschen und habe sich einen neuen Namen gegeben.
Doch eines blieb allen im Gedächtnis:
Die Prinzessin, die man ihr ganzes Leben lang vor der Welt versteckt hatte, suchte schließlich ihren eigenen Weg – fern von Kronen, Prophezeiungen und den Entscheidungen anderer Menschen.