— Vor den Feiertagen muss man einen gründlichen Großputz machen. Räum bei uns in der Wohnung auf. Kolja hat gesagt, dass du am Wochenende frei bist.

— Vor den Feiertagen muss man einen gründlichen Großputz machen. Räum bei uns in der Wohnung auf. Kolja hat gesagt, dass du am Wochenende frei bist.

— Anna Dmitrijewna, ich habe… eigene Pläne. Lena und ich…

— Um deine Sachen kannst du dich immer noch kümmern! — unterbrach sie sie. — Und ich bin alt, mir fällt das schwer. Du bist verpflichtet, uns zu helfen.

Irina stand um sechs Uhr morgens auf — wie immer. Leise, auf Zehenspitzen, um ihre Tochter Lena nicht zu wecken, ging sie in die Küche, schaltete den Wasserkocher ein und während das Wasser heiß wurde, nahm sie ihr Handy in die Hand.

Das tat sie seit drei Monaten jeden Morgen — sie öffnete die Banking-App und zählte die Tage bis zum Gehalt. Auf der Karte war fast kein Geld mehr, und der Lohn sollte erst in der nächsten Woche kommen.

Sie schloss das Handy, atmete aus und stützte sich mit den Handflächen auf die Fensterbank. Auf dem Stuhl lag, seit dem Abend hingeworfen, Lenas alte Schulstrickjacke, an deren Ärmel Irina die Naht sorgfältig geflickt hatte. Das Mädchen war fast schon herausgewachsen, aber eine neue — ein unerreichbarer Traum.

Gestern, als Lena aus der Schule nach Hause kam, waren ihre Winterstiefel kaputtgegangen: Die Sohle hatte sich einfach gelöst. Irina hatte gesehen, wie ihre Tochter versuchte, das Kaputte zu verstecken, damit Mama sich nicht aufregte.

Am Abend standen Irina und ihre Tochter bereits im nächstgelegenen Schuhladen und suchten die günstigsten, aber warmen neuen Stiefel aus.

— Mama, warum? Ich kann noch damit laufen…

— Nein, mein Sonnenschein. Der Winter hat gerade erst angefangen. Du wirst nicht in kaputten Schuhen herumlaufen. Sonst wirst du noch krank…

Und wieder — ein Minus im Budget, das es ohnehin kaum gab.

Als sie abends nach Hause kamen, hörte man aus dem Zimmer einen schweren Seufzer und das Schlurfen von Hausschuhen. Das war Kolja. Er stand spät auf, weil er erst gegen Morgen ins Bett ging — nach endlosen Streams mit seinen Freunden. Und den Rest des Tages lag er im Bett und hatte es nicht eilig.

— Warum wart ihr so lange? — brummte er, als er vorbeiging, ohne seine Frau auch nur anzusehen.

— Wir haben Lena Winterstiefel gekauft.

— Hast du nichts Besseres zu tun? Hast du zu viel Geld? — fuhr der Ehemann auf.

— Nein! Geld haben wir gerade überhaupt keins. Aber die Stiefel unserer Tochter sind kaputtgegangen. Du solltest langsam mal zur Vernunft kommen, Kolja! — entgegnete ihm seine Frau scharf.

— Warum bist du schon wieder so nervös? — knurrte er. — Ich hab dir doch gesagt: Ich finde Arbeit. Ich kann ja nicht irgendwohin gehen. Bin ich ein Mann oder was?

Irina presste die Lippen zusammen. Diesen Satz hörte sie seit drei Monaten. Zuerst erzählte Kolja, er würde als Kurier anfangen.

— Das ist echt eine super Arbeit! Kuriere verdienen gut!

Aber als ihm dreimal die Lieferung nicht bestätigt wurde und Geld von seinem Konto abgebucht wurde, änderte Nikolaj seine Meinung.

— Das sind einfach Betrüger! — schrie er. — Ich bin nicht schuld! Man hat mich reingelegt!

Am Ende hatte er nicht nur nichts verdient, sondern war auch noch ins Minus gerutscht. Danach arbeitete Kolja als Taxifahrer. Doch er bekam keine guten, gut bezahlten Fahrten, weil sein Auto ein günstiges Modell war, und Anfänger bekommen ohnehin selten gute Aufträge. Also saß er jetzt zu Hause und war beleidigt aufs Leben.

Irina bezahlte allein alle Familienausgaben — Lebensmittel, Kleidung, Schule, Nebenkosten, Medikamente.

Am nächsten Morgen, als Lena gerade erst aufwachte, um sich für die Schule fertig zu machen, ging Irina schon zur Arbeit. Lena kam wie immer heran, um ihre Mutter auf die Wange zu küssen, doch ihr Blick glitt kurz über Irina — über die alte, abgetragene Daunenjacke und die Mütze, die sie seit fünf Jahren nicht ausgetauscht hatte.

Irina bemerkte diesen Blick, und ihr Herz zog sich zusammen. Ihre Tochter schämt sich für sie.

— Mama, heute gehen Ola und Katja nach der Schule ins Kino, zu einem Neujahrsfilm. Darf… ich mit ihnen?

Sie stockte, wollte nicht bitten.

— Ruf mich nach dem Unterricht an. Vielleicht klappt es, und ich finde irgendwo Geld.

Doch Lena kannte die Antwort bereits. Kino war Luxus für ihre Familie. Das war immer so gewesen, aber jetzt war die finanzielle Lage besonders angespannt. Die Tochter nickte nur, als würde sie glauben, und ging sich fertig machen.

Als Irina auf der Arbeit ankam, setzte sie sich an den Tisch und vergrub den Kopf in den Händen. Sie ist schon fast vierzig. Seit zehn Jahren arbeitet sie am selben Job, spart an sich selbst, trägt seit fünf Jahren dieselbe Daunenjacke, die selbst nach dem Waschen nicht besser aussieht.

Und jeden Monat zählt sie die Tage — bis zum Gehalt, bis zum Vorschuss, bis zu dem Moment, wenn sie Lena etwas Neues kaufen kann, damit das Mädchen nicht neidisch auf die anderen schaut.

Sie beschwerte sich nicht, sie lebte einfach. Aber heute… Heute wurde es ihr besonders schwer und traurig. Irina stellte sich plötzlich vor, wie Lena vor dem Kino steht, zusieht, wie ihre Klassenkameradinnen Popcorn kaufen, und selbst sagt: „Ich brauch nichts.“ Irina wischte sich eine Träne weg, seufzte und flüsterte das, was sie sich jeden Morgen sagte:

— Nur noch ein bisschen. Wir schaffen das. Es wird sich alles regeln… schon ganz bald. Bald ist Neujahr… neue Möglichkeiten…

Doch tief drinnen wusste sie, dass das alles Selbstbetrug war. Mit dem Neujahr würde sich nichts ändern — es würde nur schlimmer werden.

Die Arbeit nahm Irina alle überflüssigen Gedanken. Sie tippte, sortierte Dokumente, beantwortete Anrufe — wie auf Autopilot. Aber irgendwo in ihr blieb trotzdem dieser unangenehme Nachgeschmack von dem erloschenen Blick ihrer Tochter am Morgen.

Als die Mittagspause kam, erlaubte Irina sich endlich, sich auf einen Stuhl sinken zu lassen, den Behälter mit Nudeln zu öffnen und auszuatmen. Doch kaum hatte sie die Gabel in die Hand genommen — vibrierte das Telefon. Es war ihre Tochter.

— Mama, — die Stimme war leise, höflich, als hätte Lena schon im Voraus Angst, eine Absage zu hören. — Ich wollte fragen…

— Natürlich, mein Sonnenschein, — sagte Irina schneller, als die Tochter ausreden konnte. — Ich überweise dir das Geld. Für das Ticket und fürs Popcorn. Verbring Zeit mit deinen Freundinnen.

In der Leitung entstand eine Sekunde Stille — ohrenbetäubend, als hätte Lena ihren Ohren nicht getraut.

— Mama! Mamiiii! Danke! Ich… ich erzähle dir später alles, alles!

Irina hörte, wie in der Stimme ihrer Tochter wieder dieses glückliche, leichte Klingen auftauchte, das sie lange nicht gehört hatte.

— Lass es dir gut gehen, Häschen.

Sie legte auf und öffnete sofort die Banking-App. Auf dem Konto blieb eine lächerlich kleine Summe. Doch Irina zögerte keine Sekunde: Sie gab Lenas Nummer ein und schickte die Überweisung. Das letzte Geld.

Traurig blickte sie auf ihre Nudeln — ohne Frikadelle und ohne Salat — und spürte plötzlich Erleichterung. Als hätte sie, indem sie ihrer Tochter ein Kinoticket kaufte, ihr ein Stück normales Kindsein gekauft.

Am Abend wurde die Stadt vom Schnee zugedeckt. Schneeflocken fielen in dichten Büscheln wie in alten sowjetischen Filmen, doch Freude brachte das nicht. Der Verkehr verspätete sich, Busse krochen wie Schildkröten über die Straßen.

Irina stand schon zwanzig Minuten an der Haltestelle, durchnässt und durchgefroren. Als der Bus endlich vorfuhr, stürmten die Leute zu den Türen. Mit Mühe schaffte sie es, sich hineinzuquetschen — man drückte sie so an die Haltestange, dass sie sich nicht bewegen konnte.

Genau in diesem Moment klingelte das Telefon. Es war ihre Schwiegermutter Anna Dmitrijewna, die immer im richtigen Moment auftauchen konnte. Irina schloss für einen Augenblick die Augen und seufzte. Wie unpassend.

— Hallo… — sie versuchte, das Handy so zu halten, dass es ihr in der Menge nicht zu Boden fiel.

— Irina, nur kurz, — erklärte die Schwiegermutter sofort. — Vor den Feiertagen muss man einen gründlichen Großputz machen. Räum bei uns in der Wohnung auf. Kolja hat gesagt, dass du am Wochenende frei bist.

Irina ließ das Handy beinahe fallen, packte es aber sofort fester.

Irina erstarrte.

Es waren die letzten Wochenenden vor Neujahr. Irina hatte ihrer Tochter versprochen, die Wohnung zu schmücken, einen Tannenbaum aufzustellen und selbst Plätzchen zu backen — wenigstens ein bisschen Vorfreude zu schaffen.

— Anna Dmitrijewna, ich habe… eigene Pläne. Lena und ich…

— Um deine Sachen kannst du dich immer noch kümmern! — unterbrach sie sie. — Ich bin alt, es fällt mir schwer. Du bist verpflichtet, uns zu helfen.

Irina konnte sich gerade noch zurückhalten, nicht scharf zu antworten. Sie wusste, es lag nicht am Alter, sondern an der endlosen Schwäche der Schwiegermutter durch die Zigaretten — sie bekam ja schon beim Gehen durch die Wohnung kaum Luft.

— Lassen Sie uns später darüber sprechen …

— Alles klar! Abgemacht. Ich erwarte dich am Samstag.

Die Verbindung brach ab, und Irina hatte nicht einmal mehr etwas erwidern können. Sie hielt sich mit Mühe auf den Beinen, verlor fast das Gleichgewicht. Zurückrufen war unmöglich — sie stand ohnehin auf einem Bein, von der Menge eingeklemmt.

Irina kam spät nach Hause zurück — müde, durchgefroren und ausgewrungen wie eine Zitrone. Doch kaum hatte sie die Tür geöffnet, stürzte Lena auf sie zu — strahlend vor Freude, mit geröteten Wangen vor Aufregung.

— Mama! Es war sooo toll! Und da gab es so eine lustige Szene… — plapperte das Mädchen ohne Pause und zog die Mutter in die Küche. — Ich hab dir Abendessen aufgewärmt! Hier, setz dich! Hier ist deine Tasse! Mama, das war so cool!

Irina sah ihre Tochter mit müden Augen an, doch ihr Herz wurde warm. Lena war glücklich — und das war das Wichtigste. Irina strich ihr über die Schulter, hörte den durcheinander sprudelnden Erzählungen zu und lächelte — auch wenn sie eigentlich keine Kraft mehr hatte.

Kolja war nicht zu Hause, obwohl es erst acht Uhr abends war. Irina wunderte sich nicht einmal. Das war längst zur Normalität geworden.

Sie sagte nur leise zu ihrer Tochter:

— Hauptsache, du hattest einen schönen Tag, mein Sonnenschein.

Lena rannte in ihr Zimmer — um mit ihrer Freundin zu telefonieren. Durch die Wand hörte Irina ihr helles Lachen, dieses Lachen, das in letzter Zeit immer seltener geworden war.

Irina räumte langsam das Geschirr weg, spülte die Tassen aus und wischte den Tisch ab. Jede Bewegung fiel schwer — die Müdigkeit lag wie ein Stein auf ihren Schultern. Sie ging ins Schlafzimmer, zog sich um, kroch unter die Decke und fiel augenblicklich in Schlaf.

Der Traum war seltsam — grau und unerquicklich wie ein Novemberregen. Sie träumte von Kolja, von seiner Mutter, von irgendwelchen Menschen, irgendwelchen Stimmen… Sie schrien, verlangten, befahlen, fuchtelten mit den Händen. Erst vermischte sich alles, dann wurde es irgendwie unheimlich. Irina verstand nicht, was geschah — bis sie plötzlich ein Krachen hörte.

Ein echtes Krachen.

Sie riss die Augen auf. Es war vier Uhr morgens. In der Küche machte jemand Lärm, klirrte mit Geschirr. Irina stand auf, ging barfuß den Flur entlang und stieß, vom Licht geblendet, die Küchentür auf.

Ein fremder Kerl lag direkt auf dem Tisch, die Arme ausgebreitet, als hätte er vor, dort bis zum Morgen durchzuschlafen. Daneben saß Kolja — rot im Gesicht, betrunken fast bis zur Besinnungslosigkeit — und aß die Reste von Lebensmitteln, die Irina bis zum Gehalt aufheben wollte.

— Was willst du? — nuschelte er, als er seine Frau sah. — Wir haben Besuch…

— Was für Besuch, Kolja?! Es ist vier Uhr! — In diesem Moment war Irina endgültig wach. — Was geht hier überhaupt ab?!

Kolja versuchte aufzustehen, schwankte und setzte sich wieder hin.

— Schrei nicht… Neujahr ist bald… entspann dich…

— Ja klar, mit dir kann man sich ja entspannen… — presste Irina hervor und kämpfte um ihre Kontrolle.

Und dann klickte etwas in ihr. Als würde in ihrem Inneren ein dünner Faden reißen, der viel zu lange gehalten hatte. Sie ging zum Tisch, packte den Kerl am Ärmel und zog ihn fast schleifend in den Flur. Die Haustür knallte, Kolja zuckte zusammen.

— Was machst du da… — empörte er sich.

— Das wirst du gleich sehen.

Irina drehte sich um, ging zu ihrem Mann und schob ihn hinter seinem Kumpel her in den Flur.

Er wehrte sich kaum — seine Beine gaben unter dem Alkohol schon nach.

— Geh und schlaf, wo du willst. Im Treppenhaus, beim Freund, draußen — ist mir egal.

— Du… — fing er an zu fluchen.

Aber die Tür war schon zu. Irina stand mitten im Flur und konnte nicht glauben, was gerade passiert war. Nach ein paar Minuten ging sie zurück in die Küche, räumte die Essensreste weg, warf die leeren Flaschen in den Müll und goss sich heißen Tee ein.

An Schlaf war nicht mehr zu denken. Sie saß da und schaute aus dem Fenster auf die schneeweiße Straße. Darauf, wie der Schnee all den Dreck und das Grau dieser Stadt zugedeckt hatte. Irgendwann bemerkte sie, dass der Himmel bereits heller wurde — Zeit, sich für die Arbeit fertig zu machen.

Als Irina das Haus verließ, war Kolja nicht mehr vor der Tür. Doch zum ersten Mal war es ihr völlig egal.

Der Arbeitsfreitag verging wie im Flug. Irina arbeitete fleißig und konzentriert, um alles rechtzeitig zu schaffen und nicht länger bleiben zu müssen.

Und am Ende des Tages versammelte die Leitung die ganze Abteilung und verkündete:

— Danke an alle für die gute Arbeit. Zum Neujahr gibt es eine Prämie.

Als das Geld auf ihre Karte überwiesen wurde, traute Irina ihren Augen nicht. Die Summe war doppelt so hoch, wie sie gerechnet hatte. Sie hielt sich die Hand vor den Mund, weil sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen — vor Freude… und Erleichterung.

Das Telefon vibrierte in ihrer Hand. Es war Marinochka — eine Freundin, die Irina seit zwei Jahren nicht gesehen hatte. Als Marina vor sieben Jahren auf Dienstreise gegangen war und dort einen Mann kennengelernt hatte, hätte niemand gedacht, dass sie bleiben würde. Sie hatte geheiratet, einen Sohn bekommen… lebte weit weg, aber sie vergaß Irina nie.

— Irischka, ich bin in der Stadt! Nur für drei Tage. Sehen wir uns?

Irina lächelte und antwortete ohne Zögern:

— Komm heute Abend zu mir.

Als Kolja am Abend endlich auftauchte, erwartete er eine Frau, die sich entschuldigen, weinen und um Verzeihung bitten würde. Er setzte sogar schon im Voraus ein strenges Gesicht auf.

Doch als er die Tür öffnete, sah er etwas anderes: In der Küche saßen Irina und Marina. Sie lachten und tranken Wein.

Kolja lief rot an.

— Was soll das?! Was hast du hier veranstaltet?! — brüllte er, wie immer. — Was hab ich dir über Fremde in meinem Haus gesagt?! Du machst hier eine Szene!

Marina erstarrte mit dem Glas in der Hand, verstand gar nichts. Fragend schaute sie Irina an. Irina seufzte nur, stellte ihr Glas auf den Tisch und sagte ruhig:

— Kolja… du gehst mir so auf die Nerven… ehrlich. Du und deine Mutter.

Sie sah ihm direkt in die Augen.

— Wie man sagt… ins neue Jahr mit einem neuen Leben. — Irina machte eine Pause. — Ich verlasse dich, Kolja. Pack deine Sachen und verschwinde aus meiner Wohnung.

Ihr Mann blinzelte, als hätte er nicht verstanden.

— Spinnst du? — Dann grinste er höhnisch. — Na gut, ich pack. Aber du wirst es noch bereuen. Und wie soll die Tochter ohne Vater aufwachsen? Hast du daran gedacht?

Irina lachte.

— Tochter? Du erinnerst dich an Lena? Na… wenigstens jetzt.

Sie stand auf und deutete auf die Tür.

— Mach dir keine Sorgen um sie. Sie wird diesen „Verlust“ schon verkraften. Du hast dich schließlich nie um sie gekümmert.

Kolja stand da, den Mund offen, und fand keine Antwort. Es tat ihm weh, die Wahrheit zu hören. Er wurde wütend und stopfte Sachen in eine Tasche. Beim Zerren wirkte es, als wollte er den Reißverschluss samt Stoff herausreißen.

Jeder Ruck, jeder schwere Seufzer klang wie eine Drohung — aber Irina reagierte nicht mehr. Sie saß einfach da und sah zu, wie er in den Regalen wühlte und alles durcheinander riss.

— Du wirst schon sehen… du wirst es bereuen… — murmelte er vor sich hin. — Du kommst noch angekrochen…

Eine Minute später knallte die Tür. In der Wohnung lag Stille, und Irina spürte zum ersten Mal seit vielen Jahren, wie frei man atmen kann. Marina saß immer noch ihr gegenüber — mit großen, verwirrten Augen.

— Ira… was war das eben? — fragte sie leise, als Irina wieder an den Tisch kam.

Irina seufzte und erzählte alles. Wie Kolja seit Monaten „Arbeit suchte“, während er auf dem Sofa lag. Wie er das letzte Geld für Bier ausgab statt für Essen. Wie er nachts verschwand und gegen Morgen zurückkam. Wie sie in letzter Zeit wie Nachbarn lebten, nicht wie eine Familie. Wie Irina jeden Tag das restliche Geld zählte. Wie Lena sich für das Aussehen ihrer Mutter schämte. Und vor allem — wie Irina schon lange Angst hatte, in den Spiegel zu schauen. Nicht wegen Falten. Wegen Hoffnungslosigkeit.

Marina hörte still zu, unterbrach kein einziges Mal. Ihre Augen wurden nach und nach härter, die Wangenknochen spannten sich an. Und dann sagte sie plötzlich, völlig unerwartet:

— Zieh zu mir.

Irina verstand es nicht sofort.

— W… wohin?

— Zu mir, — wiederholte Marina. — In unsere Stadt. Mein Dimka braucht gerade eine Buchhalterin. Eine gute, erfahrene. Und du bist genau so eine. Er braucht dich.

— Marin… — Irina war überrumpelt. — Was redest du… Wie soll ich… Ich hab doch hier…

— Was hast du hier? — unterbrach die Freundin sanft. — Kolja? Der ist weg. Eltern? Die sind nicht da. Arbeit? Du hast selbst gesagt, da gibt es null Perspektive.

— Aber Lena… Sie hat hier Schule, Freunde…

Marina nahm ihre Hand.

— Du redest mit ihr, erklärst alles. Du bist eine gute Mutter. Lena glaubt dir. Wenn du entscheidest, dass ein Umzug eine Chance ist, wird sie es annehmen. Kinder gehen oft leichter vorwärts als Erwachsene.

Irina seufzte erneut. Wirklich… was hielt sie hier?

Am Samstagmorgen riss Anna Dmitrijewna ihr Handy mit Anrufen fast auseinander.

— Irina! Was hast du mit Kolja gemacht?! Er ist zu mir gekommen und sagt, du hättest ihn rausgeworfen! Du musst ihn sofort wieder reinlassen! Er ist dein Mann! Sofort, verstanden?!

Irina saß ruhig in der Küche und hörte sich den Strom an Vorwürfen an.

— Und überhaupt! — die Schwiegermutter ging ins Kreischen über. — Wir klagen die Wohnung ein! Sie steht Kolja zu!

Irina lächelte leicht. Genau darauf hatte sie gewartet.

— Anna Dmitrijewna, die Wohnung gehört mir. Sie ist die Wohnung meines Vaters. Sie sollten sich besser mit den Gesetzen vertraut machen.

— Aber… aber… — die Schwiegermutter verschluckte sich fast.

— Also sind Drohungen sinnlos. Viel Glück Ihnen und Kolja.

Neujahr feierten Irina und Lena ruhig — zu zweit, aber zum ersten Mal seit vielen Jahren: glücklich. Sie kauften sogar ein kleines Glas roten Kaviar — ein winziger Luxus, den Irina sich jahrelang nicht erlaubt hatte. Lena rannte durch die Wohnung, trug eine neue Strickjacke, lachte und zündete Wunderkerzen an.

— Mama! Mama, komm, lass uns rausgehen und das Feuerwerk anschauen! — zog das Mädchen sie an der Hand.

Sie gingen hinaus auf den knirschenden, frischen Schnee. Der Himmel leuchtete in allen Farben von den strahlenden Raketen, und Lena strahlte, als hätte sich die ganze Welt endlich ihnen zugewandt.

Irina sah ihre Tochter an und dachte:

„Dafür hat sich alles gelohnt. Und dafür ist es Zeit, alles zu verändern.“

Nach den Januarfeiertagen ging Irina schweigend zur Chefin und legte die Kündigung auf den Tisch.

— Bist du sicher? — fragte die.

— Ganz sicher, — antwortete Irina und fühlte Freiheit, als hätte sie schwere Stiefel nach einem langen Weg ausgezogen.

Von Kolja ließ sie sich schnell scheiden. Er versuchte, Theater zu machen, Geld zu fordern, zu drohen — doch das Gesetz stand auf Iras Seite.

Im Frühling verkaufte sie die Wohnung. Sie setzte sich mit Lena in den Zug, und sie fuhren weg — in eine große Stadt voller Möglichkeiten. Marina half ihnen, eine gemütliche Wohnung in einem neuen Viertel zu finden. Half Irina, eine gute Arbeit zu bekommen — das Gehalt war so, dass Irina früher nicht einmal davon zu träumen gewagt hätte.

Lena ging in eine neue Schule und überraschte ihre Mutter — sie passte sich leicht an, fand schnell Freunde und lachte schon nach einem Monat am Telefon öfter als früher zu Hause.

Und Irina… Irina hörte auf, jeden Cent zu zählen. Hörte auf, auf den Vorschuss zu warten wie auf ein Fest. Hörte auf, bei jedem Anruf der Schwiegermutter zusammenzuzucken — weil es diese Schwiegermutter in ihrem Leben nun nicht mehr gab.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren kaufte sie sich eine neue Daunenjacke und eine neue Mütze. Und auch warme Winterstiefel. Irina und Lena spazierten abends durch die Stadt, Hand in Hand, und beide fühlten dasselbe:

Das Leben war endlich hell — und echt geworden.

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