— „Gebe ich nicht her! Meins!“ — schrie die Nichte und versteckte das Handy hinter dem Rücken. Der Mann seufzte schwer.

Die kleine Kaiserin und ihr Gefolge
Galina stand mitten im Wohnzimmer und sah eine zehnjährige Mädchen an, das mit triumphierendem Gesichtsausdruck ein Smartphone an die Brust drückte. Der Bildschirm des Geräts leuchtete noch und zeigte einen geöffneten Chatverlauf.
— „Milana, gib bitte das Handy zurück“, sagte Galina und bemühte sich, ruhig zu klingen, obwohl in ihr bereits dieses dumpfe, schwere Gefühl von Gereiztheit aufstieg.
— „Gebe ich nicht her! Meins!“ Die Nichte versteckte das Telefon hinter dem Rücken und streckte die Zunge heraus. — „Da ist ein cooles Spiel, ich bin noch nicht fertig!“
— „Das ist kein Spielzeug, und ich habe dir nicht erlaubt, es zu nehmen“, sagte Galina und machte einen Schritt nach vorn.
Die Schwester, Larisa, die auf dem Sofa saß, winkte nur träge ab und blätterte in einer Zeitschrift. Sie sah aus, als wäre sie im Urlaub und nicht zu Besuch bei der jüngeren Schwester — wo sie bereits das dritte Wochenende in Folge verbrachte.
— „Ach, Galja, warum hängst du dich so am Kind auf?“ zog Larisa gähnend die Worte in die Länge. — „Sie spielt fünf Minuten und gibt’s zurück. Stell dich nicht so an, ja? Du hast doch so viele Handys… Und Milanochka hat Stress, in der Schule hat sie ganz umsonst eine Zwei bekommen. Sie muss sich entspannen.“
„Stress“, dachte Galina und sah das rosige, gut genährte Mädchen an, das die Tante mit dem Trotz eines kleinen Raubtiers anstarrte — eines, das genau weiß, dass man es nicht beißen wird. Larisas Geschichte war das große Familiendrama: eine unglückliche Ehe, lange Behandlungen, dann eine plötzliche Schwangerschaft — von wem auch immer — und hier das Ergebnis: Milana. „Ein Geschenk Gottes“, wie ihre Mutter, Tamara Pawlowna, sie nannte. Dieses „Geschenk“ wuchs in der festen Überzeugung auf, dass die Welt sich um ihre Wünsche dreht.
Galina streckte abrupt die Hand aus und riss das Gerät aus den klebrigen Fingern der Nichte. Milana sog sofort Luft ein und stieß einen schrillen, nahezu ultraschallartigen Schrei aus.
— „Maaaam! Sie ärgert miiich!“
Larisa fuhr auf dem Sofa hoch, die Zeitschrift flog zu Boden.
— „Was machst du da?! Warum verdrehst du dem Kind die Hände?“ kreischte die Schwester und stürzte zur Tochter. — „Milanochka, Häschen, zeig die Hand! Tut’s weh?“
Galina betrachtete dieses Theater mit Widerwillen. Im Büro war sie leitende Architektin, leitete komplexe Projekte — doch vor der eigenen Verwandtschaft verwandelte sie sich in Bedienpersonal. Oleg, ihr Mann, ertrug dieses Zigeunerlager nur ihretwegen. Er war ein sanfter, gebildeter Mensch, entwarf Landschaftsparks und hasste Konflikte.
— „Ich habe ihr die Hände nicht angefasst“, sagte Galina mit kühler Stimme und wischte den Bildschirm mit einem feuchten Tuch ab. — „Ich habe nur meine Sache zurückgenommen. Larisa, hab doch ein bisschen Anstand. Ihr seid am Freitag gekommen. Heute ist Sonntagabend. Oleg muss morgen früh raus, er muss schlafen. Vielleicht ist es Zeit, dass ihr geht?“
— „Du wirfst uns raus?“ Larisa legte dramatisch eine Hand an die Brust. — „Wir sind zur eigenen Schwester gekommen, wir sitzen ruhig da, stören niemanden. Und du… Na klar: reich geheiratet, jetzt willst du von der Verwandtschaft nichts mehr wissen! Eingebildet!“
— „Larisa, hör auf. Oleg ist nicht ‚reich‘, er arbeitet hart. Ich übrigens auch.“
— „Mama, ich hab Durst! Ich will Saft! Den aus dem schönen Karton!“ quengelte Milana und vergaß augenblicklich die „schmerzende“ Hand.
— „Sofort, Schätzchen, sofort, Tante Galja schenkt dir ein“, sagte Larisa und sah Galina erwartungsvoll an.
— „Tante Galja schenkt nichts ein“, schnitt die Gastgeberin ab. — „Der Saft ist alle. Ihr habt in zwei Tagen drei Liter getrunken.“
— „Geizhals!“ spuckte Milana aus und starrte Galina mit kleinen, bösen Augen an. — „So geizig bist du! Oma hat recht, du bist eine fiese Zicke!“
Galina erstarrte.
— „Was hast du gesagt?“
— „Du hast schon gehört!“ fauchte das Mädchen und trat gegen das Stuhlbein.
Larisa begann hastig, Sachen zusammenzuraffen — sie merkte, dass die Tochter zu weit gegangen war.
— „Komm, Milana. Wir sind hier nicht willkommen. Siehst du, Tante Galja ist uns leid. Macht nichts, Oma hat uns Piroschki gebacken, wir fahren zu ihr.“
Sie gingen und hinterließen schmutziges Geschirr, klebrige Flecken auf dem Tisch und den hartnäckigen Geruch von Larisas billigem Parfum, der stundenlang nicht verflog. Galina sank auf einen Stuhl. In der Stille der Wohnung tickte die Uhr. Bald würde Oleg zurückkommen.
Sie liebte ihren Mann. Und er liebte sie. Doch diese „heilige Dreifaltigkeit“ — Mutter, Schwester und Nichte — war wie Rost, der ihre Ehe langsam zerfraß. Galina hoffte, mit der Zeit würde sich alles einrenken: Milana würde älter und vernünftiger werden, Larisa würde einen Mann oder eine Arbeit finden. Aber die Zeit verging — und die Ansprüche der Verwandtschaft wuchsen nur.
Der Keramik-Idol
Zwei Wochen vergingen. Oleg flog auf Dienstreise in den Norden, um die Pflanzung seltener Nadelbäume für einen neuen Stadtpark zu betreuen. Galina genoss die Ruhe — doch am Samstagmorgen klingelte es an der Tür. Draußen standen Larisa und Milana. Ohne Einladung.
— „Wir waren gerade in der Nähe und dachten, wir schauen kurz vorbei!“ Larisa drängte sich dreist in den Flur und schob die Tochter vor sich her. — „Oh, wie schön kühl es bei euch ist. Draußen ist die reinste Hitze.“
Galina kam gar nicht dazu, etwas zu sagen — die Gäste waren schon in der Küche. Milana begann sofort, den Kühlschrank zu inspizieren, und Larisa plumpste auf einen Stuhl und verlangte Kaffee.
— „Gal, hör mal, mir fehlt ein bisschen Geld bis zur Beihilfe“, begann Larisa, ohne auch nur so zu tun, als wäre ihr Höflichkeit eingefallen. — „Überweist du mir so fünftausend? Milankas Sneakers sind kaputt.“
— „Ich habe dir letzte Woche schon etwas gegeben“, erinnerte Galina, während sie den Wasserkocher aufsetzte.
— „Das war für Lebensmittel! Das hier ist Schuhe. Das Kind kann doch nicht ohne Schuhe laufen! Du willst doch nicht, dass deine Nichte barfuß geht, oder? Ihr habt mit Oleg Geld wie Heu — aber bei eurem eigenen Blut seid ihr geizig.“
Galina schwieg. Diskutieren war zwecklos. Sie wusste: Es ist leichter zu geben, als sich einen Vortrag über ihre „Herzlosigkeit“ anzuhören. Doch in diesem Moment erklang aus dem Wohnzimmer ein dumpfer Schlag — kein klirrendes Glas, sondern etwas Schweres, das auf das Parkett gefallen war.
Galina stürzte ins Zimmer.
Milana stand beim Kamin und hielt jene Figur in den Händen. Es war nicht einfach irgendein Gegenstand. Es war eine seltsame, etwas kantige Figur eines tanzenden Kranichs, aus dunklem Holz geschnitzt und mit einer komplexen Lackierung überzogen. Dieses Stück hatte Oleg von seiner ersten Liebe bekommen — einem Mädchen, das vor vielen Jahren tragisch ums Leben gekommen war. Galina kannte die Geschichte. Sie war nicht eifersüchtig auf die Vergangenheit. Im Gegenteil: Sie respektierte das Andenken ihres Mannes. Dieser Kranich war für Oleg ein Symbol für Jugend, Reinheit und dafür, dass das Leben weitergeht. Den Staub wischte er selbst von der Figur.

— „Milana, stell das zurück. Sofort“, sagte Galina, und ihre Stimme wurde hart.
— „Die ist voll cool!“ Milana drehte den Kranich hin und her und zerrte an seinem dünnen Flügel. — „Ich will die haben. So was hab ich nicht.“
— „Das ist Onkel Olegs Sache. Sie ist ihm sehr wichtig. Leg sie hin“, Galina streckte die Hand aus.
— „NEIN!“ schrie Milana. — „Ich will! Mama, guck mal, was für ein Vögelchen! Soll Galka mir schenken!“
Larisa kam kauend mit einem Keks ins Zimmer.
— „Ach, was für ein Nippes. Schenk’s dem Kind, was kostet’s dich? Irgendein Stück Holz. Kauft euch ein neues, im Übergang gibt’s sowas doch überall.“
— „So etwas gibt es nicht im Durchgang. Das ist Erinnerung“, Galina trat näher. — „Milana, gib’s her.“
— „Gebe ich nicht! Meins! Ich hab’s gefunden!“ Das Mädchen versteckte die Figur hinter dem Rücken und wich zurück. — „Mama hat’s erlaubt!“
— „Ich habe nichts erlaubt! Larisa, sag’s deiner Tochter!“
Larisa zuckte nur mit den Schultern und klopfte Krümel auf den Teppich.
— „Gal, sei doch nicht so eine Nervensäge. Dem Kind gefällt’s. Lass sie ein paar Tage damit spielen, dann bringen wir’s zurück. Oder sie wirft’s weg, wenn’s ihr langweilig wird. Himmel, mach doch kein Drama.“
Galinas Geduld riss.
— „Raus“, sagte sie leise.
— „Wie bitte?“ Larisa hörte auf zu kauen.
— „Ich sagte: RAUS! SOFORT! IHR BEIDE!“ brüllte Galina so, dass Milana zusammenzuckte — die Figur aber nicht losließ.
— „Bist du krank?“ Larisa drehte einen Finger an der Schläfe. — **„Wegen so einem Stück Holz jagst du deine eigene Schwester raus? Komm, Milana. Tante Galja ist heute nicht ganz bei sich. Wahrscheinlich Mutterschaftswut — eigene Kinder hat sie ja nicht.“
Dieser Satz traf härter als eine Ohrfeige. Galina rang nach Luft vor Empörung. Larisa nutzte die Sekunde des Schocks, schob die Tochter Richtung Ausgang — und Milana sprang mit dem Kranich in der Hand zur Tür hinaus.
— „Gebt die Figur zurück!“ rief Galina und stürzte hinterher, doch die schwere Wohnungstür fiel bereits ins Schloss.
Das Schloss klickte. Sie waren weg. Mit Olegs Sache.
Ein Lynchgericht in Mutters Wohnung
Galina ging in der Wohnung auf und ab, rief Larisa an — keine Antwort. Sie rief die Mutter an — besetzt. Oleg sollte in einem Tag zurückkommen. Wie sollte sie ihm in die Augen sehen? Er hatte ihr nie etwas vorgeworfen, aber dieser Kranich… das war etwas Persönliches. Es war ein Verrat an seinem Vertrauen.
Schließlich hielt Galina es nicht mehr aus. Sie griff nach den Autoschlüsseln und fuhr zur Mutter. Tamara Pawlowna lebte in einer alten „Stalinka“, voll mit Teppichen, Kristall und dem Geruch von Medikamenten…
Die Tür war nicht abgeschlossen. Galina stürmte in die Wohnung und sah ein idyllisches Bild: Larisa lag auf dem Sofa und schaute eine Serie, Tamara Pawlowna schälte Kartoffeln, und Milana fuhr auf dem Boden den Kranich über den Teppichflor wie ein Spielauto, wobei sie mit Kraft auf die zerbrechlichen Flügel drückte.
— „Milana, gib her!“ Galina sprang auf die Nichte zu.
Das Mädchen kreischte und presste die Figur an den Bauch.
— „Omaaa! Sie schon wieder!“
Tamara Pawlowna erhob sich schwerfällig vom Stuhl und wischte die Hände an der Schürze ab. Ihr Gesicht zeigte weltumspannende Trauer und Unzufriedenheit.
— „Galja, du bist hereingeplatzt wie eine Banditin. Was ist los? Warum erschreckst du das Kind?“
— „Mama, diese Figur gehört Oleg. Sie ist ihm als Erinnerung unendlich wichtig. Milana hat sie gestohlen. Sie soll sie sofort zurückgeben!“
— „Nicht gestohlen, nur zum Spielen genommen!“ fiel Larisa vom Sofa aus ein. — „Du bist selber schuld, hast sie nicht geschenkt, und jetzt ist das Kind traurig.“
— „Galja“, die Stimme der Mutter wurde belehrend. — „Du bist eine erwachsene Frau. Und du benimmst dich wie eine Egoistin. Dein Oleg wird das überstehen. Was, ist es ihm für ein Waisenkind zu schade? Milanochka hat keinen Vater, sie braucht Freude. Und ihr wälzt euch im Überfluss. Kauf deinem Mann ein neues Spielzeug.“
— „Mama, du verstehst es nicht! Das ist kein Spielzeug! Das ist…“ Galina versuchte zu erklären, aber sie spürte, wie sie mit dem Kopf gegen eine wattige Wand rannte.
Sie beugte sich hinunter und versuchte, Milanas Finger aufzubrechen. Das Mädchen schrie, als würde man es aufschneiden, und biss Galina in die Hand.
— „Au! Verdammt noch mal!“ platzte es aus Galina heraus.
— „Wag es ja nicht, in meinem Haus zu fluchen!“ brüllte Tamara Pawlowna. Sie schoss mit einer Behändigkeit, die man ihr in ihrem Alter und mit ihrer Statur nicht zugetraut hätte, zu ihnen hin. — „Lass das Kind in Ruhe!“
Die Mutter stieß Galina grob zur Seite und riss der Enkelin die Figur aus den Händen.
— „Wenn ihr euch um diesen Dreck nicht einigen könnt, dann bekommt ihn eben niemand!“ Mit diesen Worten schlug Tamara Pawlowna den hölzernen Kranich mit voller Wucht gegen das gusseiserne Tischbein.
Ein trockenes Knacken ertönte. Der dünne Hals des Vogels brach ab, ein Flügel splitterte in Späne. Tamara Pawlowna schleuderte die Bruchstücke auf den Boden.
— „So! Der Konflikt ist beendet. Milana, wein nicht, Oma gibt dir Schokolade. Und du, Galja, verschwinde von hier. Und keinen Fuß setzt du wieder hier rein, bis du dich bei deiner Schwester und deiner Nichte für deine Geizigkeit entschuldigt hast.“
Galina starrte auf die Splitter. In ihr wurde es leer und kalt. Sie spürte weder den Schmerz der gebissenen Hand noch Kränkung. Nur eine eisige Erkenntnis: Das ist das Ende.
Ohne ein Wort drehte sie sich um und ging.
Teil 4. Meuterei an Bord
Oleg kam am nächsten Tag spätabends zurück. Müde, aber zufrieden. Er brachte den Geruch der Taiga mit und Zedernnüsse. Galina empfing ihn im Flur. Sie zog es nicht in die Länge. Führte ihn in die Küche, goss Tee ein und legte ein Tuch auf den Tisch, in das die Bruchstücke des Kranichs gewickelt waren — sie war zur Mutter zurückgefahren, als die anderen draußen spazieren waren, und hatte die Reste geholt.
Sie erzählte alles. Ohne Beschönigung. Ohne den Versuch, die Verwandtschaft zu rechtfertigen.
Oleg schwieg. Er entfaltete das Tuch, betrachtete lange das gebrochene Holz. Sein Gesicht veränderte sich nicht, kein Muskel zuckte — doch Galina sah, wie seine Augen dunkler wurden. Er wickelte die Späne sorgfältig wieder ein.
— „Danke, dass du die Wahrheit gesagt hast“, sagte er leise. — „Geh schlafen, Galotschka.“
— „Oleg, ich…“ begann sie.
— „Alles gut. Ich habe alles verstanden.“
Der Samstagmorgen begann mit einem Klingeln an der Tür. Galina zuckte zusammen und verschüttete Kaffee. Sie wusste, wer das war. Jeden Samstag brachte Larisa Milana „fürs Wochenende“, um sich um ihr Privatleben zu kümmern oder einfach auszuschlafen.
Oleg stand vom Tisch auf.
— „Bleib sitzen.“
Er ging zur Tür. Galina konnte nicht stillsitzen und schlich auf Zehenspitzen in den Flur.
Oleg öffnete, trat aber nicht zur Seite, sondern versperrte mit seinem breiten Körper den Durchgang. Auf der Schwelle stand eine geschniegelt wirkende Larisa mit einer Tasche voller Sachen und Milana.
— „Oh, hallo, Papa!“ Larisa versuchte sich vorbeizudrängen. — „Nehmt euren Untermieter. Ich bin bis Sonntagabend weg, ich hab ein Date!“
— „Nein“, sagte Oleg ruhig.
— „Was heißt ‚nein‘?“ Larisa erstarrte.
— „Das Haus ist geschlossen. Für euch beide. Für immer.“
— „Was, bist du wegen dem Stück Holz beleidigt?“ Larisa verzog die Lippen zu einem Grinsen. — „Ach komm, Oleg. Das war alt. Wir haben euch einen Gefallen getan, den Müll entsorgt.“
— „Verschwindet“, sagte Oleg genauso leise.
— „Mein Junge, bist du komplett durchgedreht?“ Larisa stemmte die Hände in die Hüften. — „Das ist auch die Wohnung meiner Schwester! Galja! Galja, komm her! Dein Mann schmeißt uns raus!“
Galina trat hinter Olegs Rücken hervor. In ihr zitterte etwas. Diese Feder, die man jahrelang zusammengedrückt hatte, war bereit, zurückzuschnellen.
— „Galja, sag ihm das!“ verlangte Larisa. — „Wir müssen Milana hierlassen!“
— „Geht. Raus.“ Galina sah der Schwester direkt in die Augen.
— „Habt ihr euch abgesprochen?!“ kreischte Larisa. — „Ach, ihr undankbaren Schweine! Wir kommen mit offenem Herzen, und ihr wegen so ’nem Müll… Mögt ihr doch verrecken mit eurem Geld! Geizhälse!“
Und da explodierte Galina.
Das war nicht einfach Unmut. Das war ein Vulkan.
— „RAUS HIER!!!“ brüllte Galina so, dass sie sich die Stimme ruinierte. — „VERPISST EUCH ZUM TEUFEL! ICH HASSE EUCH! ICH KANN EUCH NICHT MEHR SEHEN! PARASITEN!“

Sie weinte nicht. Sie lachte — ein schreckliches, bellendes Lachen; ihr Gesicht war vor Wut verzerrt. Sie packte einen Stockschirm und holte aus.
Larisa wurde bleich. Sie war es gewohnt, die Schwester gefügig, weich, „bequem“ zu sehen. Diese Furie mit dem verzerrten Gesicht, bereit, zuzuschlagen, kannte sie nicht.
— „Mama!“ piepste Milana und versteckte sich hinter der Mutter.
— „RAUS!“ brüllte nun auch Oleg und machte einen Schritt nach vorn.
Larisa packte die Tochter an der Hand und rannte, stolpernd, die Treppe hinunter — an den Aufzug dachte sie nicht einmal.
Oleg schlug die Tür zu. Galina stand mitten im Flur und atmete schwer. Ihre Brust hob und senkte sich hastig.
— „Wie geht’s dir?“ fragte Oleg und trat zu ihr.
— „Ich…“ Galina sah auf ihre zitternden Hände. — „Ich hab Hunger. Und ich will alle ihre Fotos wegwerfen.“
Teil 5. Spinnen im Glas
Eine Stunde später raste Tamara Pawlowna herbei. Sie hämmerte mit den Fäusten gegen die Tür und verlangte, „der Stimme des Gewissens in die Augen zu sehen“. Oleg öffnete — ohne die Kette abzunehmen.
— „Oleg! Wie wagst du das! Du hast das Kind erschreckt! Larisa ist hysterisch! Mach sofort auf, wir müssen über dein Verhalten reden!“
— „Schwiegermutter“, Olegs Stimme klang wie Hammerschläge auf einen Sarg. — „Ab heute existiert ihr für uns nicht mehr. Es wird kein Geld mehr geben. Keine Hilfe. Und Enkelkinder werdet ihr nicht sehen, wenn sie einmal da sind. Lebt, wie ihr wollt.“
— „Wie bitte… Ihr müsst! Ich bin die Mutter! Ich verklage euch auf Unterhalt!“
— „Klagt. Und die Umschläge sind aus. Lebt wohl.“
Er schloss die Tür vor ihrer Nase und drehte den Schlüssel zweimal im Schloss.
Ein halbes Jahr verging.
In Tamara Pawlownas Wohnung herrschten Halbdunkel und der Geruch von Baldrian.
— „Du frisst schon wieder!“ Tamara Pawlowna sah Milana voller Hass an, während das Mädchen ein Brötchen verdrückte. — „Brot kostet Geld!“
— „Lass mich in Ruhe, Alte!“ fauchte die Enkelin. — „Wenn Mama kommt, sag ich ihr, dass du mich verhungern lässt!“
— „Deine Mama ist ’ne arme Schluckerin!“ zischte die Großmutter. — „Findet keine anständige Arbeit. Sitzt mir auf dem Nacken, Schmarotzerin.“
In diesem Moment kam Larisa in die Wohnung. Sie wirkte älter und ungepflegt. Der Haaransatz war herausgewachsen, Maniküre hatte sie längst keine mehr.
— „Mama, gibt’s was zu essen?“ fragte sie und streifte die abgelatschten Schuhe ab.
— „Hast du was gekauft?“ fragte Tamara Pawlowna. — „Meine Rente ist nicht aus Gummi! Deine Schwester, diese Giftschlange, hat wenigstens geholfen — und du ziehst nur!“
— „Fang nicht wieder mit Galka an!“ Larisa schleuderte die Tasche auf den Boden. — „Du bist schuld! Du hast ihre Figur kaputt gemacht! Wenn nicht du, würden wir jetzt leben wie die Made im Speck! Du alte Dumme!“
— „Ich bin dumm?! Ich hab mich um euch gekümmert! Ich hab die Enkelin geschützt!“ Tamara Pawlowna griff sich ans Herz. — „Raus hier! Leb, wo du willst!“
— „Das ist auch mein Anteil an der Wohnung! Ich geh nirgendwohin!“ Larisa stapfte in die Küche und begann mit Töpfen zu scheppern. — „Milana, mach deine Hausaufgaben!“
— „Mach ich nicht! Du hast mir ein Tablet versprochen und keins gekauft! Du lügst!“ Milana trat gegen einen Stapel Zeitungen.
— „Du kleine Dreckskröte!“ Larisa hob ein Handtuch nach der Tochter.
Der nächste Streit begann. Geschrei, Beschimpfungen, gegenseitige Verwünschungen. Sie hassten einander. Ohne äußeren Feind und vor allem ohne äußere Geldquelle — Oleg und Galina — begannen sie, sich gegenseitig aufzufressen.
Larisa fand keinen Job, der ihren Ansprüchen entsprach. Tamara Pawlowna geizte mit jeder Kopeke und gab der Tochter an allem die Schuld. Und die „Lieblingsenkelin“ Milana, ihrer Geschenke und Vergnügungen beraubt, verwandelte sich in eine wütende häusliche Tyrannin, die beide terrorisierte und das „schöne Leben“ einforderte, an das man sie gewöhnt hatte.
Es war ihre persönliche Hölle. Ein geschlossener Kreis ohne Ausweg.
Und bei Oleg und Galina war es still. An der Stelle des zerbrochenen Kranichs stand eine neue Figur — ein lustiger, dicker Keramikkater, den sie zusammen auf einem Kunsthandwerksmarkt gekauft hatten. Er war albern, aber heil. Genau wie ihr Leben jetzt.