— Wie bitte, ihr kauft eine Wohnung? Wir haben doch so viel für euch getan! Verräter! — empörten sich die Schwiegereltern.

— Wie bitte, ihr kauft eine Wohnung? Wir haben doch so viel für euch getan! Verräter! — empörten sich die Schwiegereltern.

— Ich habe doch gesagt: Schalt die Spülmaschine nach zehn nicht mehr an. Das ganze Haus brummt, ich kann mich nicht ausruhen!

Natalja erstarrte mit einem Teller in der Hand. Wladimir Sergejewitsch stand im Türrahmen und zog seinen Frotteebademantel enger zu. Das graue Haar stand ihm nach dem Liegen auf dem Sofa in alle Richtungen ab.

— Entschuldigen Sie, ich wollte nicht… — Natalja stellte den Teller wieder auf den Tisch. Die Reste vom Olivier-Salat waren am Porzellan festgetrocknet.

— In einem fremden Haus hat man sich an Regeln zu halten, — sagte der Schwiegervater und rückte seine Brille auf dem Nasenrücken zurecht. — Wie oft soll ich das noch wiederholen?

Natalja nickte und sah auf den Turm aus Tellern neben dem Spülbecken. Salatschüsseln, Tassen, Untertassen stapelten sich übereinander. Auf dem Herd war eine Pfanne mit angebranntem Öl erstarrt.

Wladimir Sergejewitsch drehte sich um und schlurfte in Pantoffeln den Flur entlang. Die Uhr über dem Kühlschrank zeigte halb elf. Natalja drehte den Wasserhahn auf und griff nach dem Schwamm. Das heiße Wasser verbrannte ihr die Finger.

Natalja wischte gerade den Staub von den Porzellan-Hirtinnen im Wohnzimmer, als sie hinter sich das vertraute Räuspern hörte.

— Du wischst schon wieder mit der falschen Seite des Tuchs, — Ljdmila Pawlowna stand im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt. — Wie oft soll ich sagen: Mikrofaser für Glas, Flanell für Porzellan.

— Gut, Mama, — antwortete Natalja mechanisch und drehte das Tuch um. Das vierte Jahr dasselbe. Das vierte Jahr „nur vorübergehend“.

Aus der Küche drang die Stimme des Schwiegervaters:

— Artjom! Halte den Löffel nicht mit der Faust! Wie so ein Kerl!

Der dreijährige Sohn saß am massiven Eichentisch, die Beine baumelten in der Luft. Wladimir Sergejewitsch beugte sich über ihn und korrigierte die kleinen Finger am Löffel.

— Papa, er ist doch noch klein, — versuchte Igor einzulenken, doch sein Vater winkte nur ab.

— In unserer Familie hat man das Besteck schon mit zwei richtig gehalten.

Natalja biss sich auf die Lippe. Vor vier Jahren, als Igor im Werk entlassen wurde, dachten sie: höchstens ein, zwei Monate. Eine Wohnung zu mieten konnten sie sich nicht leisten, sie legten jeden Kopeken für die Anzahlung der Hypothek zurück. „Ihr könnt erst mal bei uns wohnen, Platz ist genug“, hatte die Schwiegermutter großzügig angeboten. Igor fand nach einem halben Jahr Arbeit, aber der Lohn war halb so hoch. Und mit Artjoms Geburt mussten sie den Traum vom eigenen Zuhause vergessen — Windeln, Milchpulver, Ärzte fraßen alle Ersparnisse auf. Aus „vorübergehend“ waren vier Jahre geworden.

Das Handy vibrierte in der Tasche ihrer Schürze. Mamas Nummer.

— Natashenka, ruf mich dringend zurück, sobald du allein sprechen kannst, — die Stimme der Mutter zitterte vor Aufregung. — Erinnerst du dich an Onkel Kostja, Papas entfernten Cousin dritten Grades? Er ist vor einem Monat gestorben und hat mir ein Grundstück bei Klin hinterlassen. Ich habe mit einem Makler gesprochen — man kann es sehr выгодно verkaufen. Das Geld ist deins, Natascha. Es reicht für eine Wohnung, klein, aber eure eigene.

Natalja erstarrte mit dem Tuch in der Hand. Die Porzellan-Hirtin lächelte sie mit rosigen Wangen an.

— Bist du eingeschlafen? — fragte die Schwiegermutter gereizt. — Der ganze Schrank muss noch abgewischt werden.

Natalja wachte vom Geruch angebrannten Breis auf. Die Schwiegermutter hatte wieder vergessen, den Herd auszuschalten. Als sie in die Küche hinunterging, kratzte sie schweigend die verbrannte Kruste vom Topfboden. Die Hände bewegten sich mechanisch, doch die Gedanken waren weit weg — in jener Wohnung, von der Igor erzählt hatte.

Ein paar Tage lang lief sie wie im Nebel umher. Wenn sie auf dem schmalen Sofa im Durchgangszimmer einschlief, stellte sie sich weiße Wände vor, ohne die vom Alter nachgedunkelten Porträts fremder Verwandter. Sie sah ein Kinderzimmer, in dem Maksim seine Spielsachen ausbreiten durfte, ohne Angst vor einem scharfen Zuruf. Eine Küche — ihre Küche, in der niemand hinter ihr stehen würde mit dem Kommentar: „Du schneidest die Zwiebel falsch.“

— Träumst du schon wieder? — Die Schwiegermutter kam in die Küche und schlurfte in abgetragenen Pantoletten herein. — Hast du die Milch gekauft?

— Sie ist im Kühlschrank, — Natalja wandte sich zum Fenster.

Gestern hatte Igor wieder von der Wohnung angefangen. Er zeigte Fotos auf dem Handy — eine ganz normale Zweizimmerwohnung in einem Schlafbezirk, aber die eigene. Natalja sah, wie nervös er war.

— Wie sagen wir es den Eltern? — fragte sie damals.

Igor schwieg, dann legte er einen Arm um ihre Schultern:

— Wir schaffen das.

Aber Natalja erinnerte sich an den letzten Versuch, darüber zu reden. Damals war Wladimir Sergejewitsch vom Tisch aufgestanden und hatte den angebrochenen Borschtsch weggeschoben:

— Wir haben euch aufgenommen. Das muss man sich erst verdienen — eure „Selbstständigkeit“.

Jetzt, während sie die Teller mit dem Handtuch abtrocknete, spürte Natalja etwas Neues in sich. Keine Angst, sondern Entschlossenheit. Soll es eben einen Skandal geben. Sollen sie wochenlang nicht mit ihnen reden. Sie wird es aushalten — für Maksim, für ihre kleine Familie.

Artjom legte auf dem Boden Puzzleteile zusammen, als Ljdmila Pawlowna das Wohnzimmer betrat.

— Räum das sofort weg! In einer Stunde kommen Gäste!

Der Junge stopfte hastig die Kartonteile in die Schachtel. Ein Stück rutschte ihm aus den Händen und rollte unter das Sofa.

— Tollpatsch! — Die Schwiegermutter zog ihn am Arm. — Von wem hast du nur diese Ungeschicklichkeit?

Natalja bügelte in der Zimmerecke Igors Festhemd. In der Küche klapperte das Geschirr — eine Haushaltshilfe, extra für den runden Geburtstag des Schwiegervaters engagiert.

— Natascha, ziehst du wenigstens ein ordentliches Kleid an? — Die Schwiegermutter musterte sie. — Blamier die Familie nicht vor den Smirnows.

Gegen sieben Uhr abends füllte sich die Wohnung mit Gästen. Wladimir Sergejewitsch thronte im Sessel und nahm Glückwünsche entgegen. Auf dem Couchtisch stapelten sich die Geschenke — Cognac, Bücher, ein teurer Füller.

Natalja stellte ihrem Schwiegervater eine Schachtel mit den gesammelten Werken seines Lieblingsautors hin. Ein Drittel ihres Gehalts, aber sie hoffte auf Waffenstillstand.

— Danke, — trocken k—

Ljudmila Pawlowna brach in Tränen aus und schluchzte in ihr Taschentuch:

— Wir haben euch geholfen, und ihr… Verräter!

— Das ist kein Verrat, — sagte Natalja fest und stand auf. — Das ist ein normales Leben.

— Raus! — brüllte der Schwiegervater und schleuderte die Serviette weg. — Dass ich euch hier nie wieder sehe!

Die Haustür knallte hinter ihnen zu. Natalja trug den verschlafenen Artjom, Igor schleppte eine Tasche mit den Kindersachen — mehr konnten sie nicht mitnehmen. Auf dem Treppenabsatz brannte nur die Notlampe.

Im Auto lag Stille in der Luft. Artjom schnaufte auf dem Rücksitz, die Nase in seinen Hasen gedrückt. Igor bekam den Motor lange nicht an — seine Hände zitterten.

— Verzeih mir, — stieß er hervor und starrte auf die beschlagene Windschutzscheibe. — Ich hätte nicht gedacht, dass Vater so…

Natalja schwieg. Tränen liefen ihr über die Wangen, doch innen fühlte sie sich seltsam leicht. Als hätte man ihr nach einem langen Aufstieg einen schweren Rucksack abgenommen.

— Natash, es tut mir leid. Erst jetzt habe ich begriffen, wie es für dich gewesen sein muss. Jeden Tag.

Sie drehte sich zu ihm. Im Halbdunkel des Innenraums wirkte sein Gesicht ganz jung — wie vor zehn Jahren, als sie sich kennengelernt hatten.

— Nicht, — flüsterte sie. — Wir schaffen das.

Igor tastete nach ihrer Hand und drückte ihre kalten Finger. Natalja verschränkte ihre mit seinen — fest, wie damals, beim ersten Date im Park.

Endlich sprang der Motor an. Sie fuhren aus dem Hof hinaus und ließen die erleuchteten Fenster der Schwiegerelternwohnung hinter sich. Artjom schmatzte im Schlaf und drückte den Hasen fester an sich.

— Wohin fahren wir? — fragte Igor an der Ampel.

— Zu meiner Mutter. Und morgen fangen wir an, nach unserem eigenen Zuhause zu suchen.

Vor ihnen lag das Unbekannte, aber Natalja lächelte durch die Tränen hindurch.

Pappkartons stapelten sich im Flur der neuen Wohnung. Artjom zog einen Plüschteddy über die Schwelle und schleifte ihn über den staubigen Boden. Natalja packte das Geschirr aus und wickelte es aus alten Zeitungen.

— Mama, darf man hier auf dem Sofa hüpfen? — fragte ihr Sohn und lugte ins Wohnzimmer.

— Darfst du, — lächelte sie, und der Junge ließ sich mit Anlauf auf die Kissen plumpsen.

Igor strich die Wand im Kinderzimmer. Hellblaue Farbe legte sich ungleichmäßig auf den alten Putz, doch er trug sorgfältig die zweite Schicht auf. Unter den Füßen knarrte das ausgetrocknete Parkett.

— Der Tisch ist da, — rief er aus dem Zimmer. — Morgen holen wir ihn ab, der Nachbar hilft mit dem Auto.

Den Esstisch hatten sie über eine Anzeige gefunden — massiv, der Lack abgeplatzt, aber stabil. So wie der Rest der Möbel: eine Kommode aus dem Secondhandladen, Stühle von Bekannten, nur das Sofa kauften sie neu — für Artjom.

Am Abend saßen sie in der Küche, tranken Tee aus zusammengewürfelten Tassen. Artjom malte an seinem kleinen Tisch, die Zunge vor Eifer zwischen den Lippen. Er schaute sich nicht um, zuckte nicht bei jedem Geräusch zusammen.

— Du lächelst, — bemerkte Igor und nahm seine Frau in den Arm.

— Wirklich?

Natalja hatte es nicht einmal gemerkt. In den letzten Wochen hatten sie kein einziges Mal gestritten. Igor kam von der Arbeit und umarmte sie als Erstes, statt zu den Eltern zu gehen, um Bericht zu erstatten.

Das Telefon blieb still. Igors Mutter ging nicht ans Telefon, sein Vater drückte die Anrufe weg und berief sich auf Beschäftigung. Igor runzelte die Stirn und starrte auf den dunklen Bildschirm.

— Sie kommen wieder zur Besinnung, — sagte Natalja leise. — Die Zeit heilt.

Natalja wendete gerade die Plinsen in der Pfanne, als die Sprechanlage klingelte. Artjom rannte zum Hörer und stellte sich auf die Zehenspitzen.

— Wer ist da?

Im Lautsprecher herrschte Stille, dann erklang eine vertraute Stimme:

— Opa ist’s. Macht auf.

Igor erstarrte, die Kaffeetasse halb zum Mund geführt. Natalja schaltete den Herd aus.

In der Tür stand Wladimir Sergejewitsch. Der Wind hatte sein graues Haar zerzaust, unter den Augen lagen Schatten. In den Händen hielt er einen Pappkarton.

— Artjoms Spielsachen, — murmelte er. — Ich hab sie in der Garage gefunden.

Artjom lugte hinter Mamas Rücken hervor und streckte die Hand nach der Kiste aus. Darin lagen seine alten Autos und die Bausteine.

Der Schwiegervater trat von einem Fuß auf den anderen und blickte irgendwo über ihre Köpfe hinweg.

— Ich glaube… — er räusperte sich. — Ich hätte früher begreifen müssen, dass Kinder das Recht haben, ihr eigenes Leben zu leben.

— Kommen Sie rein, — Natalja trat zur Seite. — Möchten Sie Tee? Die Plinsen sind gerade fertig.

Wladimir Sergejewitsch ging langsam hinein und sah sich den Flur mit der selbstgebauten Garderobe an. Aus einem alten Radio klang leise Musik. Auf dem Tisch lag eine karierte Tischdecke, in einer Vase standen trockene Ebereschenzweige.

Er setzte sich auf den angebotenen Stuhl und nahm die Tasse entgegen. Artjom kletterte ihm auf den Schoß und zeigte ihm eine neue Zeichnung.

— Ihr habt es schön hier, — sagte der Schwiegervater leise.

Natalja nickte. Der Hass war zusammen mit der Angst verschwunden. Hier, in den eigenen vier Wänden, konnte sie sie selbst sein.

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