— Wiktor, regel das mit deiner Frau! Was erlaubt sie sich eigentlich?! Sie hat mich vor die Tür gesetzt!

— Wiktor, regel das mit deiner Frau! Was erlaubt sie sich eigentlich?! Sie hat mich vor die Tür gesetzt!

Wiktor saß im Büro und ging Verträge durch, als das Telefon in einem hysterischen Schrei explodierte:

— Wiktor, regel das mit deiner Frau! Sie hat mich vor die Tür gesetzt! Was erlaubt sie sich eigentlich?!

Die Stimme seiner Schwester Kristina zitterte vor Empörung und Tränen. Wiktor schob die Akten beiseite und spürte, wie die vertraute Spannungskopfschmerz-Pulsation in den Schläfen einsetzte.

— Kristina, beruhige dich. Was ist passiert?

— Was passiert ist?! — Ihre Stimme schoss eine Oktave nach oben. — Deine Frau… die da… sie hat all meine Sachen auf die Treppe geworfen! Einfach genommen und rausgeschmissen! Wie Müll! Ich stehe jetzt im Hausflur, und die Nachbarn schauen mich an wie… wie einen Penner! Wiktor, verstehst du?! Sie hat mich gedemütigt! Vor allen!

Wiktor schloss die Augen und massierte den Nasenrücken. In den letzten zwei Wochen hatte er gespürt, dass sich zu Hause etwas Unangenehmes zusammenbraute. Anna war stiller geworden, angespannt, und Kristina… Kristina benahm sich weiterhin, als wäre sie in einem Fünf-Sterne-Hotel mit Rundumservice.

— Und was ist dem vorausgegangen? — fragte er vorsichtig.

— Nichts! Absolut gar nichts! — schluchzte Kristina. — Ich habe einfach gelebt, mich auf die Prüfungen vorbereitet, niemanden gestört. Und sie ist morgens in mein Zimmer gestürmt… also ins Gästezimmer, und hat angefangen zu brüllen, ich müsse ausziehen! Ich habe gesagt, ich bin zu meinem Bruder gekommen, das sei auch dein Zuhause, und sie… sie hat einfach angefangen, meine Sachen in Taschen zu stopfen! Wiktor, sie hat mich nicht mal richtig packen lassen! Sie hat mich einfach mitsamt den Sachen zur Tür rausgeschoben!

Wiktor spürte, wie in ihm Wut hochkochte. Wie konnte Anna es wagen? Kristina war seine jüngere Schwester, fast noch ein Kind, sie war hergekommen, um sich an der Uni zu bewerben, und so ging man mit ihr um? In seinem Zuhause?

— Ist sie völlig verrückt geworden? — platzte es aus ihm heraus. — Wo bist du gerade?

— Auf dem Treppenabsatz! Mit drei Taschen! Wiktor, ich kann nirgends hin! Übermorgen ist meine Prüfung, ich muss lernen, und ich…

— Bleib da. Ich regel das jetzt, — warf Wiktor kurz angebunden hin und drückte, ohne sich die Schluchzer seiner Schwester weiter anzuhören, auf „Auflegen“.

Seine Finger zitterten, als er die Nummer seiner Frau wählte. Die Freizeichen kamen ihm endlos vor.

— Ja? — Annas Stimme war ruhig, sogar zu ruhig.

— Anna, was ist hier los?! — explodierte Wiktor, ohne sich zu beherrschen. — Kannst du mir erklären, warum meine Schwester mit ihren Sachen auf der Treppe steht?!

Eine Pause. Er hörte ihren Atem — gleichmäßig, kontrolliert.

— Weil ich sie gebeten habe auszuziehen, und sie sich geweigert hat, — antwortete Anna ebenso ruhig. — Also habe ich ihr beim Umzug geholfen.

— Willst du mich verarschen?! — Wiktors Stimme brach in einen Schrei aus. Einige Kollegen drehten sich um, und er wandte sich demonstrativ zum Fenster, senkte den Ton zu einem wütenden Zischen. — Das ist meine Schwester! Ein neunzehnjähriges Mädchen, das zum Studieren hergekommen ist! Du hast sie auf die Straße gesetzt wie die letzte…

— Wiktor, lass das besser, — Annas Stimme wurde kalt. — Sag nichts, was du später bereust.

— ICH soll es bereuen?! — Er rang fast nach Luft vor Empörung. — DU hast gerade meine Schwester rausgeworfen! Ein Kind! Begreifst du überhaupt, was du getan hast?!

— Ein Kind, — wiederholte Anna wie ein Echo, und in ihrer Stimme lag etwas Gefährliches. — Ein Kind, das in zwei Wochen nicht ein einziges Mal seinen Teller abgewaschen hat. Ein Kind, das Partys in unserer Wohnung veranstaltet, während wir arbeiten. Ein Kind, das mein neues Kleid ohne zu fragen genommen und einen Weinfleck drauf gemacht hat. Ein Kind, das mir heute Morgen gesagt hat, es gehe nirgends hin, weil „hier ihr Bruder wohnt“.

— Und?! — fiel Wiktor ihr ins Wort. — Ihr Bruder wohnt hier tatsächlich! Das ist auch mein Zuhause, oder hast du das vergessen?

— Nein, Wiktor, — Annas Stimme wurde leiser, aber dadurch nur noch gefährlicher. — Das ist mein Zuhause. Meine Wohnung, die ich drei Jahre bevor ich dich geheiratet habe, von meinem Geld gekauft habe. Du wohnst hier, weil du mein Mann bist. Und deine Schwester hat hier gewohnt, weil du mich zwei Wochen lang angebettelt hast und ich zugestimmt habe. Vorübergehend. Für die Zeit der Aufnahmeprüfungen.

— Na und, dass es deine Wohnung ist! — fauchte er, spürte, wie ihm der Boden unter den Füßen wegzog, wollte es aber nicht zugeben. — Wir sind Familie! Oder ist das für dich ein leeres Wort?!

— Gerade weil wir Familie sind, rede ich mit dir, statt einfach die Schlösser auszutauschen, — schnitt Anna ab. — Wiktor, deine „Kleine“ hat sich wie eine egoistische, ungezogene Person benommen. Ich habe zwei Wochen lang durchgehalten. Ich habe versucht zu reden. Habe erklärt, dass man in einem fremden Haushalt hinter sich aufräumt, nachts nicht lärmt, nicht an fremde Sachen geht. Weißt du, was sie mir geantwortet hat?

Wiktor schwieg und biss die Zähne zusammen.

— Sie hat gesagt: „Das ist das Zuhause meines Bruders, und ich mache, was ich will. Wenn es dir nicht passt — dein Problem.“ So, Wiktor. Wortwörtlich. Und als ich sie gebeten habe, sich eine andere Unterkunft zu suchen, hat sie erklärt, sie gehe nirgendwo hin. Also ja, ich habe ihre Sachen auf den Treppenabsatz gestellt. Ordentlich, nebenbei gesagt.

— Das war deine Pflicht! — platzte es aus Wiktor heraus, obwohl er schon merkte, wie dumm es klang, aber er konnte nicht stoppen. — Du bist die Hausherrin! Du hättest einen Weg finden müssen!

— Meine Pflicht? — In Annas Stimme klang Erstaunen auf. — Wiktor, meinst du das gerade ernst? Meine Pflicht ist es, deine erwachsene Schwester zu erziehen?

— Sie ist nicht erwachsen! Sie ist neunzehn!

— Ich war achtzehn, als ich ein Zimmer im Wohnheim gemietet und abends gearbeitet habe, um es zu bezahlen, — sagte Anna in eisigem Ton. — Und ich habe es trotzdem geschafft, hinter mir aufzuräumen und nicht die Vermieterin anzupampen. Also erzähl mir nichts vom Alter.

— Das ist was anderes! — Wiktor spürte, dass er diesen Streit verlor, und aus Ohnmacht wurde er nur noch wütender. — Kristina hat eine andere Erziehung, sie ist es gewohnt…

— Woran ist sie es gewohnt? — unterbrach Anna ihn. — Daran, dass man ihr alles hinterherträgt? Dass ihr alles erlaubt ist? Dass der große Bruder jedes Problem löst? Wiktor, sie ist neunzehn. In diesem Alter gründen Menschen Familien, bekommen Kinder, leisten Wehrdienst. Und du erzählst mir, sie sei ein Kind?

— Hör auf mit deinen klugen Sprüchen! — fuhr er sie an. — Begreifst du überhaupt, was du angerichtet hast?! Sie steht im Hausflur! Übermorgen hat sie Prüfung! Sie hat keinen Ort, wo sie hin kann!

— Sie hat eine Mutter, die zwei Stunden entfernt wohnt, — antwortete Anna ungerührt. — Und sie hat ein Wohnheim, wenn sie aufgenommen wird. Und sie hat Geld für ein Hotel, das du ihr regelmäßig überweist.

— Woher weißt du von den Überweisungen? — rutschte es Wiktor heraus.

— Weil das unser gemeinsames Konto ist, Genie, — sagte Anna müde. — Und ich sehe alle Buchungen. Fünftausend Taschengeld. Zehntausend für Kleidung. Noch mal siebentausend — ohne Verwendungszweck. In zwei Wochen, Wiktor. Zweiundzwanzigtausend.

— Sie ist meine Schwester!

— Und sie ist mein Problem! — Zum ersten Mal in dem Gespräch hob Anna die Stimme. — Das vor genau einer Stunde aufgehört hat, als ich sie vor die Tür gesetzt habe!

— Du… du bist doch nicht ganz richtig! — stieß Wiktor hervor und verlor endgültig die Kontrolle. — Du bist eine herzlose Egoistin, der meine Familie scheißegal ist!

— So, stopp, — Annas Stimme wurde wieder leise. — Wiktor, du hast mich gerade „nicht ganz richtig“ und „Egoistin“ genannt?…

Etwas in ihrem Ton ließ ihn verstummen.

— Ich… ich habe emotional reagiert…

— Nein, warte, lass uns diesen Gedanken zu Ende bringen, — fuhr Anna mit beängstigender Ruhe fort. — Ich bin also eine Egoistin, weil ich in meiner eigenen Wohnung nicht im Chaos leben will? Weil ich nicht möchte, dass ein fremder Mensch in meinem Schrank herumwühlt? Weil ich es satt habe, hinter einer erwachsenen Göre herzuräumen, die sich nicht einmal bedankt?

— Kristina ist kein fremder Mensch!

— Für mich schon, Viktor. Eine Fremde. Ich habe sie vorher drei Mal in meinem Leben gesehen. Auf unserer Hochzeit, an Neujahr und am Geburtstag deiner Mutter. Und jedes Mal hat sie sich benommen, als wäre ich das Dienstmädchen. Also ja, für mich ist sie eine Fremde, die meine Gastfreundschaft ausgenutzt hat.

— Gut! Wunderbar! — Viktor hatte sich längst nicht mehr unter Kontrolle. — Also ist meine Familie für dich fremd! Soll ich vielleicht auch ausziehen? Damit ich dein Königreich nicht entweihe?!

Die Pause dauerte so lange, dass Viktor sogar nachsah, ob die Verbindung abgebrochen war.

— Weißt du was, Viktor, — sagte Anna schließlich, und ihre Stimme klang seltsam: müde und zugleich entschlossen. — Deine Schwester kann zurückkommen. Heute Abend. Sie holt die restlichen Sachen, entschuldigt sich bei mir für ihre Unverschämtheit und zieht aus. Wenn du das für falsch hältst — dann verpiss dich gleich mit ihr. Ich habe diese Wohnung vor der Ehe gekauft, sie gehört mir vollständig. Du kannst deine Sachen nehmen und wohnen, wo du willst. Bei deiner Schwester, bei deiner Mutter, schlaf meinetwegen im Büro. Ist mir egal.

— Du drohst mir?!

— Nein, Viktor. Ich schütze mein Zuhause. Ich tue, was ich schon vor zwei Wochen hätte tun müssen. Du kannst weiter schreien, mich beleidigen und mir Vorwürfe machen. Aber jedes weitere Wort bringt dich näher an die Tür — mit einem Koffer. Deine Entscheidung.

In der Leitung herrschte Stille. Viktor atmete schwer und spürte, wie das Adrenalin langsam nachließ und einem kalten Begreifen Platz machte.

— Ich erwarte deine Entscheidung bis sieben Uhr abends, — fügte Anna hinzu. — Deine Schwester kann die Sachen zwischen acht und neun abholen. Wenn du sie begleitest, sorge dafür, dass sie keine Szene macht. Ich habe keine Kraft für Drama. Das ist alles.

Das Besetztzeichen klang wie ein Urteilsspruch.

Viktor sank auf den Stuhl und starrte auf den Bildschirm seines Handys. Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Auf der einen Seite Kristina, die er seit Kindheitstagen beschützt hatte — die kleine Schwester, die schluchzend in den Hörer geweint hatte. Auf der anderen Seite Anna, mit der er vier Jahre zusammenlebte, die er liebte… oder zu lieben glaubte?

Das Telefon vibrierte erneut. Kristina.

— Na, hast du mit ihr geredet? Hat sie sich entschuldigt? Wann kann ich zurück?

Viktor rieb sich das Gesicht mit den Handflächen.

— Kristina… erzähl mir noch mal. Ganz genau. Was ist wirklich passiert?

— Was heißt „ganz genau“? — In der Stimme seiner Schwester lag Kränkung. — Wiktor, glaubst du mir nicht?

— Erzähl einfach. Von Anfang an.

— Na ja… ich bin aufgewacht, wie immer. So gegen elf. Bin in die Küche…

— Um elf? — hakte Viktor nach. — Und wann bist du gestern schlafen gegangen?

— Na ja… so gegen drei, schätze ich. Wir haben mit den Mädels gequatscht, dann habe ich noch eine Serie zu Ende geschaut…

— Halt. Die Mädels waren bei uns zu Hause?

— Na klar, sie waren zu Besuch. Na und? Wir haben doch leise gesessen!

Viktor erinnerte sich, wie Anna am Montag wortlos ein zerbrochenes Weinglas aus dem Wohnzimmer aufräumte, das „aus Versehen vom Regal gefallen“ war.

— Weiter.

— Also, ich bin in die Küche, wollte frühstücken, und da war Anna. Und sie fing sofort an, dass ich mein Geschirr abwaschen soll. Ich hab gesagt, ich wasch später ab, ich muss doch erst essen. Und sie meinte, „später“ sei bei mir immer erst abends, und sie sei es leid, hinter mir herzuräumen. Stell dir das vor! Als würde ich hier Müll verteilen!

— Hast du denn abgewaschen?

— Wiktor! — empörte sich Kristina. — Auf wessen Seite bist du?!

— Ich frage nur.

— Na ja… manchmal hab ich’s vergessen. Ich hab doch die Prüfungen vor der Nase! Ich muss lernen!

Viktor schloss die Augen. „Manchmal vergessen“ bedeutete bei Kristina: nie abgewaschen.

— Und dann?

— Dann ging’s los, dass ich nachts zu laut sei. Dass sie früh raus muss. Na ja, ich höre manchmal Musik, aber doch nicht laut! Und außerdem, die Wohnung ist groß, sie müsste mich gar nicht hören!

— Drei Zimmer, Kristina. Eine Dreizimmerwohnung, kein Palast.

— Na und! Und dann hab ich gesehen, dass sie mein Kleid bügelt. Das da, das Blaue, das ich auf der Party anhatte. Und ich hab gefragt, warum sie es nimmt, und sie sagt, das sei ihr Kleid! Stell dir das vor!

Viktor spürte, wie ihm etwas Kaltes in den Magen sackte.

— Kristina. Das blaue Kleid, das du letzte Woche auf dem Foto in Instagram anhattest?

— Ja! Ist doch schön! Ich dachte, Anna merkt’s nicht, sie hat’s schon lange nicht mehr getragen…

— Mein Gott, — stöhnte Viktor. — Kristina, du hast ihre Sachen ohne zu fragen genommen?

— Wiktor, wir sind doch fast Familie! Was ist schon dabei? Schwestern teilen doch Sachen!

— Ihr seid keine Schwestern.

— Na, fast! Und überhaupt, ich hätte es gewaschen und zurückgegeben, aber da ist aus Versehen ein Fleck entstanden…

— Was für ein Fleck?

— Na ja… ein bisschen Wein ist draufgekommen. Rotwein. Aber ich hab’s doch nicht absichtlich!

Viktor spürte, wie seine ganze „gerechte“ Wut einfach verpuffte.

— Und was hat Anna gesagt?

— Sie… na ja, sie hat gesagt, das Kleid hätte zwanzigtausend gekostet und sie hätte es nur einmal angehabt, auf einer Firmenfeier. Und ich soll entweder die Reinigung bezahlen oder ein neues kaufen. Und ich hab gesagt, woher soll ich so viel Geld nehmen? Und überhaupt, was soll’s, ein Kleid, kann man halt ein neues kaufen. Und da ist sie richtig kreidebleich geworden und meinte, ich müsse ausziehen.

— Und was hast du geantwortet?

— Was hätte ich denn antworten sollen?! — Kristinas Stimme wurde wieder beleidigt. — Ich hab gesagt, ich bin zu meinem Bruder gekommen, das ist auch dein Zuhause, und ich gehe nirgendwo hin! Soll sie doch gehen, wenn’s ihr nicht passt!

Viktor fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.

— Kristina, — sagte er langsam. — Das ist nicht mein Zuhause. Das ist Annas Wohnung. Die sie vor unserer Hochzeit gekauft hat.

— Na und? Ihr seid doch verheiratet!

— Das heißt, juristisch bin ich dort nur gemeldet. Es ist ihr Eigentum.

— Aber du bist doch ihr Mann!

— Und genau deshalb wohne ich dort. Du aber nicht.

Die Stille in der Leitung sagte mehr als jedes Wort.

— Also bist du… bist du auf ihrer Seite? — flüsterte Kristina schließlich, und ihre Stimme zitterte. — Gegen deine eigene Schwester?

— Ich versuche, die Situation zu verstehen, — antwortete Viktor müde. — Kristina, sag ehrlich: Hast du hinter dir aufgeräumt?

— Na ja… nicht immer…

— Hast du abgewaschen?

— Wiktor…

— Kristina. Ja oder nein.

— Manchmal hab ich’s vergessen, — murmelte sie.

— Hast du Freunde mitgebracht, ohne Bescheid zu sagen?

— Einmal…

— Wie oft?

— Zwei Mal, — gab sie leise zu. — Vielleicht drei.

— Und du hast Annas Sachen ohne zu fragen genommen.

— Nur ein Kleid! Und ich wollte es zurückgeben!

— Mit einem Rotweinfleck.

Kristina schluchzte.

— Wiktor, warum bist du so gemein? Ich hab’s doch nicht absichtlich! Ich… ich dachte einfach, wir sind doch Familie…

— Familie ist keine Generalvollmacht für Unverschämtheit, — sagte Viktor und spürte, wie seine letzten Illusionen zerbröselten. — Du hast dich wie ein ungezogenes Kind benommen, Kristina. Und Anna hatte jedes Recht, dich rauszuwerfen.

— Aber…

— Nein, hör mir zu. Du kannst heute Abend zurückkommen. Zwischen acht und neun. Du holst die Sachen, die noch da sind. Du entschuldigst dich bei Anna. Richtig, wie ein Erwachsener. Und dann ziehst du aus. Entweder zu Mama oder du mietest dir ein Zimmer. Du hast Geld — das, was ich dir überwiesen habe.

— Und die Prüfung?

— Bis zur Prüfung sind es zwei Tage. Das reicht, um eine Übergangslösung zu finden. Kristina, du bist neunzehn. Zeit zu lernen, Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen.

— Also entscheidest du dich für sie.

— Ich entscheide mich für den gesunden Menschenverstand. Und ja, Kristina, ich entscheide mich für meine Frau. Weil sie recht hat. Vollkommen.

— Das wirst du bereuen! — fauchte Kristina, und im nächsten Moment hörte er nur noch das Besetztzeichen.

Viktor starrte auf sein Handy und seufzte schwer. Dann wählte er Annas Nummer.

— Ja? — Ihre Stimme war wachsam.

— Entschuldige, — sagte er einfach. — Du hattest recht. In allem. Ich hab mich von den Tränen einlullen lassen und die Situation nicht verstanden. Tut mir leid.

Eine Pause.

— Hast du mit ihr gesprochen? — fragte Anna vorsichtig.

— Ja. Und ich habe begriffen, dass ich ein kompletter Idiot war. Anna, es tut mir leid. Für das Geschrei, für die Beleidigungen, dafür, dass ich dich nicht sofort unterstützt habe. Du hast es zwei Wochen lang ausgehalten, und ich hab’s nicht mal richtig wahrgenommen…

— Ich habe versucht, es dir zu sagen, — antwortete sie leise. — Aber du hast jedes Mal abgewinkt. „Sie ist doch noch ein Kind“, „sie gewöhnt sich“, „gib ihr Zeit“…

— Ich weiß. Ich war blind. Oder ich wollte es nicht sehen. Für mich war es einfacher zu tun, als wäre alles okay.

— Viktor… ich bin kein Monster. Ich hab’s wirklich versucht. Aber als sie gesagt hat, ich solle selbst verschwinden… da war Schluss. Da habe ich verstanden: Wenn ich jetzt keinen Punkt setze, wird sie hier einfach bleiben. Weil du ihr niemals hättest Nein sagen können.

— Du hast recht, — gab er zu. — Hätte ich nicht. Danke, dass wenigstens einer von uns Rückgrat hatte.

— Bist du nicht wütend?

— Auf mich — sehr. Auf dich? Nein. Du hast getan, was ich hätte tun müssen. Du hast unser Zuhause geschützt.

Anna atmete leise aus, und er hörte, wie die Spannung in ihr nachließ.

— Kommt sie heute Abend? — fragte sie.

— Ja. Sie holt ihre Sachen. Und… Anna, ich bin da. Ich sorge dafür, dass es ruhig bleibt. Dass sie sich entschuldigt. Wirklich.

— Gut, — sagte Anna nach kurzem Schweigen. — Viktor… vielleicht war ich zu hart mit dem „Nimm deine Sachen“…

— Nein, — unterbrach er sie. — Du warst nicht zu hart. Ich hab’s verdient. Aber ich hoffe wirklich, dass du mir eine Chance gibst, das wieder gutzumachen.

— Wir werden sehen, — in ihrer Stimme lag ein schwaches Lächeln. — Fürs Erste sorg dafür, dass deine Schwester heute Abend keinen Zirkus veranstaltet.

— Wird sie nicht. Versprochen.

Als er auflegte, merkte er, dass seine Hände nicht mehr zitterten. Zum ersten Mal an diesem Tag fühlte er klar. Vielleicht zum ersten Mal seit zwei Wochen.

Er schaute auf die Uhr. Bis zum Abend waren es noch fünf Stunden. Genug, um sich die Worte für ein sehr schwieriges Gespräch mit seiner Schwester zurechtzulegen. Ein Gespräch, das er schon längst hätte führen müssen.

Und vorerst — musste der Bericht fertig werden.

Es war Zeit, dass alle erwachsen werden. Einschließlich er selbst.

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