— Wir haben Kredite, und du willst also in den Urlaub fahren?! — schrie die Schwiegermutter. — Verkauf deinen Schmuck und gib uns das Urlaubsgeld, hilf der Familie!

Ksenija saß in der Küche und betrachtete den Kontoauszug ihrer Bankkarte. Das Urlaubsgeld war endlich eingegangen — achtundvierzigtausend Rubel. Für ein Jahr Arbeit, für Überstunden, für Wochenenden auf der Baustelle. Sie war Projektingenieurin in einer Baufirma, und die letzten Monate waren besonders hart gewesen.
Ksenija strich mit dem Finger über den Bildschirm ihres Handys und sah auf den Kontostand. Dieses Geld hatte sie selbst verdient. Ehrlich, mühsam, manchmal bis zur völligen Erschöpfung. Und sie wusste bereits, wofür sie es ausgeben würde.
— Ksjuscha, bist du zu Hause? — aus dem Flur ertönte Igors Stimme.
— In der Küche, — antwortete sie, ohne den Blick vom Handy zu heben.
Ihr Mann ging zum Kühlschrank, nahm eine Flasche Wasser heraus und trank ein paar Schlucke. Dann drehte er sich zu seiner Frau um:
— Hör mal, Mama hat schon wieder Probleme. Sie braucht Geld.
Ksenija schloss die Augen und atmete langsam aus. Walentina Petrowna. Die Schwiegermutter. Eine ewige Quelle finanzieller Katastrophen.
— Wie viel diesmal? — fragte sie müde.
— Fünfunddreißigtausend. Sie hat einen Kredit bei der Bank, wir müssen die Rückstände begleichen, sonst laufen irre Zinsen weiter.
— Igor, das ist jetzt schon das dritte Mal in einem halben Jahr.
— Was erwartest du denn? — er stellte die Flasche auf den Tisch. — Sie ist meine Mutter. Wir können sie nicht im Stich lassen.
Drei Jahre. Drei Jahre lang hatte Ksenija der Schwiegermutter Geld gegeben, um diese endlosen Schulden zu tilgen. Mal ein Bankkredit für eine Renovierung, die nie gemacht wurde. Mal ein Mikrokredit für einen neuen Fernseher, obwohl der alte bestens funktionierte. Mal eine weitere Ratenzahlung für irgendein Haushaltsgerät, das ungenutzt in der Ecke stand.
Walentina Petrowna konnte nicht mit Geld umgehen. Sie nahm Kredite leichtfertig auf, ohne über die Folgen nachzudenken, und kam dann mit flehentlichen Bitten zum Sohn. Und Igor bat jedes Mal Ksenija. Und sie stimmte jedes Mal zu, weil sie ihren Mann liebte und keinen Streit wollte.
Ksenija arbeitete bis spät, um irgendwie über die Runden zu kommen. Sie hatte längst vergessen, wann sie sich zuletzt etwas Neues gekauft hatte. Alles im Schrank war alt, getragen. Sie ging nicht ins Café, fuhr nicht mit dem Taxi, aß bei der Arbeit die billigsten Gerichte aus der Kantine.
Sie und Igor mieteten eine Einzimmerwohnung. Ksenija träumte davon, für eine Eigentumswohnung zu sparen, eine ordentliche Renovierung zu machen, gute Möbel zu kaufen. Doch das ganze Geld ging für die Schulden der Schwiegermutter drauf.
— Igor, ich habe auch Pläne mit diesem Geld, — sagte Ksenija leise.
— Welche Pläne? — er runzelte die Stirn.
— Ich möchte in den Urlaub fahren. Eine Woche in die Berge, ausruhen.
— In den Urlaub? — Igor starrte sie an. — Ksjuscha, du verstehst doch, dass jetzt nicht die Zeit dafür ist? Mama hat Probleme.
— Deine Mutter hat immer Probleme.
— Sie ist meine Mutter! Sie hat mich allein großgezogen, nachdem mein Vater weggegangen ist! Ich kann sie nicht im Stich lassen!
Ksenija schwieg. Diese Rede hatte sie schon hundert Mal gehört. Walentina Petrowna hatte Igor tatsächlich allein erzogen, aber das rechtfertigte nicht ihre völlige finanzielle Verantwortungslosigkeit.
— Igor, ich helfe ihr seit drei Jahren, — sagte Ksenija schließlich. — Ich habe ihr mehr als dreihunderttausend Rubel gegeben. Vielleicht reicht es?
— Wie kannst du so etwas sagen?! — empörte er sich. — Wir sind doch eine Familie!
— Dann warum lebt die ganze Familie für deine Mutter — und nicht füreinander?
Igor winkte ab:
— Du bist einfach müde. Ruh dich zu Hause aus, und gib das Geld Mama. Den Urlaub sparen wir später zusammen.
Er ging aus der Küche und ließ Ksenija allein mit ihren Gedanken zurück.
Am nächsten Tag ging Ksenija in ein Reisebüro. Sie hatte schon lange von einer Reise in die Berge geträumt — von frischer Luft, Ruhe und der Schönheit der Natur. Ihre Freundin Lena hatte sie seit Monaten überredet, gemeinsam zu fahren.
— Eine tolle Wahl! — die Reiseberaterin zeigte Fotos einer Ferienanlage. — Eine Woche Unterkunft, dreimal täglich Essen, Ausflüge in die Berge. Zweiundvierzigtausend pro Person.
Ksenija sah die Fotos an und spürte, wie in ihr etwas auftaut. Sie war so erschöpft. Von der Arbeit, von den endlosen Bitten der Schwiegermutter, von einem Leben in dauernder Sparsamkeit.
— Ich nehme es, — sagte sie fest.
Die Beraterin druckte Tickets und Unterlagen aus. Ksenija nahm sie, steckte sie in ihre Tasche und verließ das Büro leichten Herzens. Zum ersten Mal seit drei Jahren hatte sie etwas nur für sich getan.
Zu Hause legte sie die Tickets sorgfältig auf den Couchtisch im Wohnzimmer, neben die Unterlagen zur Ferienanlage. Igor war bei der Arbeit und würde erst am Abend zurückkommen. Ksenija ging in die Küche, um das Abendessen zu kochen, und pfiff dabei eine Melodie.
Gegen sechs Uhr klingelte es. Ksenija öffnete — auf der Schwelle stand Walentina Petrowna mit einem missmutigen Gesicht.
— Guten Tag, — warf die Schwiegermutter trocken hin und trat ohne Einladung ein.
— Guten Tag, Walentina Petrowna, — Ksenija schloss die Tür.
Die Schwiegermutter ging ins Wohnzimmer, warf den Mantel auf den Sessel und setzte sich aufs Sofa. Ihr Blick fiel sofort auf die Tickets auf dem Tisch.
— Was ist das? — sie schnappte sich die Tickets und begann, sie zu betrachten.
— Meine Tickets für den Urlaub, — antwortete Ksenija ruhig.
— Wie, Urlaub?! — Walentina Petrowna sprang vom Sofa auf. — Wir haben Kredite, und du willst also in den Urlaub fahren?!
Ksenija spürte, wie sich ihre Fäuste ballten:
— Sie haben Kredite. Nicht wir. Sie.
— Wie wagst du es, so frech zu sein?! — die Schwiegermutter fuchtelte mit den Tickets. — Igor hat mir alles erzählt! Du hast achtundvierzigtausend Urlaubsgeld! Du hättest der Familie helfen müssen!…
— Ich habe drei Jahre lang geholfen. Ununterbrochen.
— Und?! Du bist die Schwiegertochter! Es ist deine Pflicht zu helfen! — Walentina Petrowna trat näher. — Verkauf deinen Schmuck und gib uns das Urlaubsgeld, hilf der Familie!
Ksenija erstarrte. Schmuck. Die goldene Kette von der Großmutter. Die Ohrringe, die ihr die Mutter zum achtzehnten Geburtstag geschenkt hatte. Der Ring, der nach dem Tod der Mutter geblieben war. Das war alles, was sie noch von ihren Angehörigen hatte, die nicht mehr lebten.
— Sie wollen, dass ich die Erinnerung an meine Familie für Ihre Kredite verkaufe? — Ksenijas Stimme zitterte.
— Was für Sentimentalität! Das ist doch nur Gold! Verkaufen, Geld bekommen, uns helfen! — die Schwiegermutter winkte ab. — Oder ist dir die Familie deines Mannes nicht wichtig?!
In Ksenija machte es klick. Sie sah die Schwiegermutter an und erkannte keinen nahestehenden Menschen, sondern ein endloses finanzielles Loch, das ihr Leben, ihr Geld, ihre Kraft verschlang.
— Sie stehen mir bis hier! — schrie Ksenija. — Drei Jahre! Drei Jahre gebe ich Ihnen Geld! Für Ihre sinnlosen Kredite, Ihre Einkäufe, Ihre Launen!
— Wie wagst du…

— Ich bin es leid! — unterbrach Ksenija sie. — Ich habe mir alles versagt! Keine Kleidung gekauft, nirgendwo hingegangen, von trockenem Brot gelebt — nur damit es für Sie reicht! Und Sie nehmen weiter Kredite auf und verlangen noch mehr!
— Ich bin Igors Mutter!
— Und?! Gibt Ihnen das das Recht, uns auszusaugen?! — Ksenija ging zur Tür und riss sie auf. — Raus aus meiner Wohnung. Sofort.
Walentina Petrowna wurde hochrot.
— Du wirst es bereuen! Igor wird erfahren, wie du mit mir redest!
— Soll er es erfahren! Raus!
Die Schwiegermutter schnappte sich ihren Mantel und stürmte aus der Wohnung, wobei sie die Tür so zuknallte, dass die Scheiben zitterten.
Ksenija lehnte sich mit dem Rücken an die Tür und schlug die Hände vors Gesicht. Ihr Atem ging stoßweise, das Herz hämmerte. Sie war gerade zur Schwiegermutter grob gewesen. Igor würde außer sich sein.
Eine Stunde später kam ihr Mann. Ksenija hörte, wie die Tür aufging, wie er in den Flur trat — an seinen schweren Schritten erkannte sie: Walentina Petrowna hatte sich bereits beschwert.
— Was bildest du dir eigentlich ein?! — Igor stürmte mit vor Wut rotem Gesicht ins Zimmer. — Du hast meine Mutter rausgeworfen?!
— Ja, — antwortete Ksenija fest.
— Bist du verrückt geworden?! Sie kam, um um Hilfe zu bitten, und du hast sie angeschrien und vor die Tür gesetzt!
— Sie hat verlangt, dass ich den Schmuck meiner Mutter verkaufe!
— Na und?! Das ist doch nur Gold! Du verkaufst es, hilfst uns — und später kaufst du neuen!
Ksenija sah ihren Mann an und begriff, dass er sie nie verstehen würde. Für ihn zählte nur die Mutter, nur ihre Probleme, nur ihre Schulden.
— Gib das Urlaubsgeld her, — befahl Igor. — Mama wartet darauf.
— Nein.
— Was heißt nein?!
— Das ist mein Geld. Ich habe es verdient. Ich fahre in den Urlaub.
— Was für ein Urlaub denn?! — Igor griff die Tickets vom Tisch. — Zweiundvierzigtausend?! Du hast so viel Geld rausgehauen, während wir Probleme haben?!
— Ihr habt Probleme. Du und deine Mutter. Ich habe Urlaub.
Igor schleuderte die Tickets auf den Boden.
— Du stornierst diese Reise sofort! Und du gibst das Geld meiner Mutter!
— Ich storniere nicht. Und ich gebe es nicht.
— Du Egoistin! — brüllte er. — Kaltherzige, gefühllose Egoistin! Meine Mutter braucht Hilfe, und du denkst nur an dich!
— Drei Jahre lang habe ich an euch gedacht! — schrie Ksenija zurück. — Drei Jahre lang habe ich alles geopfert! Auf neue Kleidung verzichtet, auf Vergnügen, auf Erholung! Ich habe in ständiger Sparsamkeit gelebt, nur damit Ihre Mutter genug hat, um ihre endlosen Schulden zu begleichen!
— Sie ist meine Mutter!
— Und ich bin deine Frau! Aber du kümmerst dich nicht um mich! Dir ist nur sie wichtig!
Igor ballte die Fäuste.
— Wenn du das Geld nicht gibst, weiß ich nicht, was aus unserer Ehe wird.
— Gut, — Ksenija drehte sich um und ging ins Schlafzimmer.
— Wohin gehst du?!
Sie holte eine große Sporttasche aus dem Schrank und begann, Sachen hineinzulegen. Ihre Hände zitterten, aber sie machte stur weiter. Jeans, Pullover, Unterwäsche, Kosmetiktasche.
— Was machst du da? — Igor stand in der Tür.
— Ich packe, — antwortete Ksenija kurz, ohne ihn anzusehen.
— Wohin?!
— Zu Lena. Ich wohne bei ihr, bis ich in den Urlaub fahre. Und danach sehen wir weiter.
— Meinst du das ernst?
Ksenija hob endlich den Blick.
— Absolut. Ich bin es leid, für deine Mutter eine melkende Kuh zu sein. Es leid, in Armut zu leben und mir alles zu versagen. Es leid, dass meine Gefühle und Wünsche niemanden interessieren.
— Ksjuscha…
— Nicht, — sie zog den Reißverschluss der Tasche zu. — Drei Jahre lang habe ich versucht, eine gute Schwiegertochter zu sein, eine gute Ehefrau. Aber niemand schätzt mich. Für euch bin ich nur ein Portemonnaie.
— Das stimmt nicht!
— Warum verlangst du dann jetzt, dass ich mein Geld abgebe? Warum hast du nicht gefragt, was ich will? Warum hast du dich nicht wenigstens ein einziges Mal auf meine Seite gestellt?
Igor schwieg.
Ksenija nahm die Tasche, ging im Flur an ihrem Mann vorbei. Sie zog die Jacke an, schlüpfte in die Schuhe. Igor stand im Korridor und sah sie an.
— Du wirst es bereuen, — sagte er leise.
— Vielleicht, — Ksenija öffnete die Tür. — Oder vielleicht wirst du es bereuen.
Sie ging hinaus, ohne sich umzudrehen.
Lena öffnete die Tür eine Minute nach dem Klingeln. Ein Blick auf Ksenijas Gesicht genügte, um zu verstehen: Etwas Ernstes war passiert.
— Komm rein, — sie trat zur Seite.
Ksenija ging hinein, zog die Jacke aus und setzte sich aufs Sofa. Erst da spürte sie, wie die Tränen kamen. Sie weinte lange, und Lena saß neben ihr und strich ihr schweigend über den Rücken.
Als Ksenija sich beruhigt hatte, erzählte sie alles. Von drei Jahren finanzieller Hilfe für die Schwiegermutter, von der Forderung, den Schmuck zu verkaufen, vom Streit mit Igor.
— Du hast gut daran getan zu gehen, — sagte Lena bestimmt. — Das ist die richtige Entscheidung.
— Aber ich bin doch seine Frau…
— Eine Frau, nicht ein Geldautomat, unterbrach ihre Freundin sie. — Ksjusch, du hast diesen Urlaub verdient. Du hast das Recht verdient, für dich selbst zu leben. Wir fahren in die Berge, wie wir es geplant hatten. Und scheiß auf die alle.
Ksenija nickte. Zum ersten Mal seit drei Jahren hatte sie das Gefühl, richtig gehandelt zu haben.
Vier Tage später fuhren sie in die Berge. Ksenija ließ ihr Handy auf lautlos — Igor rief bestimmt zehnmal am Tag an, aber sie ging nicht ran. Sie brauchte Ruhe. Sie musste einfach mit sich allein sein.
Die Ferienanlage war noch schöner als auf den Fotos. Holzhäuschen, der Duft von Kiefern, in der Ferne die Berggipfel. Ksenija trat auf die Veranda, atmete die klare Luft tief ein und spürte, wie sich etwas in ihr entspannte.
Die Woche verging schnell. Sie und Lena machten Ausflüge, stiegen in die Berge, saßen abends am Lagerfeuer, tranken Tee und redeten über alles Mögliche. Ksenija dachte an ihr Leben der letzten drei Jahre zurück und begriff, wie sehr sie sich selbst verloren hatte.
Sie hatte versucht, es allen recht zu machen. Hatte allem zugestimmt, auf ihre Wünsche verzichtet, sich selbst aufgeopfert. Und als Gegenleistung bekam sie nur neue Forderungen und Vorwürfe.
— Wirst du zu ihm zurückgehen? — fragte Lena am letzten Abend, als sie auf der Veranda saßen und die Sterne betrachteten.
Ksenija schwieg lange.
— Nein. Ich habe verstanden, dass ich so nicht mehr leben will. Igor wird nie auf meiner Seite stehen. Für ihn ist seine Mutter wichtiger. Ich mache ihm dafür keinen Vorwurf — aber ich will nicht mein ganzes Leben an zweiter Stelle stehen.

— Es wird nicht leicht, — warnte Lena.
— Ich weiß. Aber leicht war es für mich auch vorher nicht.
Nach der Rückkehr ging Ksenija sofort zu einem Anwalt. Sie ließ sich zur Scheidung beraten, erfuhr, welche Unterlagen nötig sind und welche Rechte sie hat.
Die Wohnung war gemietet und lief auf Igors Namen. Gemeinsames Eigentum gab es kaum — alte Möbel, Geschirr, Haushaltsgeräte. Es gab nichts zu teilen.
Ksenija schrieb Igor, dass sie die Scheidung einreichen werde. Er versuchte sie anzurufen, aber sie nahm nicht ab. Dann kam eine Nachricht: „Du zerstörst unsere Familie wegen Geld. Denk noch einmal darüber nach.“
Sie antwortete nicht.
Parallel zur Scheidung begann Ksenija, eine Wohnung zu suchen. Abends sah sie sich Anzeigen an, vereinbarte Besichtigungen. Sie wollte eine kleine Einzimmerwohnung finden, in der sie allein leben würde — ohne fremden Druck, ohne Forderungen.
Zwei Wochen später fand sich eine passende Wohnung am Stadtrand. Dreißig Quadratmeter, hell, mit guter Renovierung. Zwanzigtausend im Monat.
Ksenija zahlte die Kaution, unterschrieb den Vertrag und zog am nächsten Tag ein. Lena half ihr, die Sachen zu bringen. Es war nicht viel — zwei Taschen Kleidung, der Laptop, ein paar Kisten mit Büchern und persönlichen Dingen.
Ksenija stand mitten im leeren Zimmer und schaute aus dem Fenster. Die Aussicht war nicht besonders beeindruckend — Plattenbauten, unten ein Spielplatz. Aber es war ihr Raum. Ihre Wohnung. Ihr Leben.
Sie nahm aus einer Kiste einen Rahmen mit einem Foto — darauf war sie mit ihrer Mutter, aufgenommen ein Jahr vor deren Tod. Ksenija stellte das Foto auf die Fensterbank und sagte leise:
— Mama, ich habe deinen Schmuck nicht verkauft. Und ich werde ihn niemals verkaufen.
Die Scheidung wurde einen Monat später rechtskräftig. Sie und Igor gingen gemeinsam zum Standesamt, reichten schweigend die Unterlagen ein, unterschrieben schweigend. Kein Wort zueinander.
Als Ksenija das Standesamt verließ, spürte sie eine seltsame Erleichterung. Die schwere Last, die sie drei Jahre lang getragen hatte, fiel ihr endlich von den Schultern.
Das Leben begann sich langsam, aber sicher zu ordnen. Ksenija arbeitete weiter, sparte Geld. Zum ersten Mal seit langer Zeit konnte sie sich eine neue Jacke leisten, ins Kino gehen, am Wochenende in eine Nachbarstadt fahren.
Sie opferte sich nicht mehr für fremde Schulden auf. Sie sparte nicht mehr an jeder Kleinigkeit. Sie lernte, für sich zu leben.
Eines Abends saß Ksenija auf ihrem kleinen Sofa, trank Tee und schaute einen Film. Das Handy lag neben ihr, auf dem Bildschirm erschien eine Nachricht von Lena: „Wie geht’s dir?“
Ksenija lächelte und tippte zurück: „Gut. Wirklich gut.“
Und das war die Wahrheit. Sie lebte allein, in einer bescheidenen Mietwohnung — ohne Mann und ohne „Familie“. Aber sie war frei. Frei von fremden Forderungen, von endlosen Schulden, von dem Gefühl, allen etwas schuldig zu sein.
Ksenija versprach sich, sich nie wieder für andere zu verlieren. Nie wieder ihre Träume für fremde Launen zu opfern. Sie hatte das Recht verdient, glücklich zu sein. Und das würde sie sein.