— Also findet ihr das alle ganz normal, dass ich die Hypothek für diese Wohnung zahle, und ihr ohne zu fragen meine Cousine mit ihrem Freund in meinem Zimmer einquartiert habt? Na wunderbar! Sie haben drei Stunden, um auszuziehen! Sonst rufe ich die Polizei!

— Sagst du’s ihm, Tante Galja? Oder soll ich? — Leras Stimme war süß wie ein überreifer Pfirsich und genauso klebrig. Träge rührte sie den Zucker in ihrer Tasse mit billigem Instantkaffee um und hinterließ auf der Untertasse braune Ringe.
— Ich sag’s ihm, mein Kind, ich, — Galina, Kirills Mutter, winkte mit ihrer fülligen Hand ab. — Mach dir keine Sorgen. Unser Kirjuscha ist ein verständiger Junge. Er sieht doch, dass die Verwandtschaft Probleme hat. Die Seinen lässt man nicht im Stich. Ihr wohnt, bis ihr wieder auf die Beine kommt. Platz ist für alle genug.
Anatolij, der Vater, der am Tisch saß und methodisch Kekse in seinen Tee krümelte, brummte zustimmend, ohne von der Zeitung aufzusehen. Seine Teilnahme an Familienangelegenheiten beschränkte sich stets auf dieses dumpfe, bekräftigende Geräusch, das völlige Zustimmung zur Frau und völlige Unlust bedeutete, sich in Details zu vertiefen.
In der Küche herrschte eine Atmosphäre gelassener, beinahe datscha-hafter Friedlichkeit. Draußen heulte der Novemberwind, doch hier drinnen war es warm und es roch nach dem gestrigen Borschtsch. Lera fühlte sich längst als Herrin der Lage. Sie wusste: Ihr Cousin Kirill war ein Mensch, der nie Nein sagte — ein Arbeitspferd, auf dessen Nacken die ganze Familie seit Langem saß, bequem und ohne Skrupel.
Er bezahlte diese riesige Dreizimmerwohnung, die auf Kredit gekauft worden war, er schickte den Eltern Geld, er löste ihre Probleme. Also würde er auch ihres lösen. Dass sie ohne Vorwarnung mit ihrem Lebensgefährten in sein privates Zimmer eingezogen war, erschien ihr nicht als Frechheit, sondern bloß als kleine familiäre Formalität.
Im Schloss der Wohnungstür drehte sich zweimal ein Schlüssel.
— Oh, wenn man vom Teufel spricht, — Galina verzog das Gesicht zu einem zufriedenen Lächeln. — Kirjuscha ist zurück.
Kirill trat in den Flur, stellte einen schweren Koffer und eine Laptoptasche auf den Boden. Zwei Wochen auf Dienstreisen zu den Ural-Werken hatten ihn bis aufs Äußerste erschöpft. Alles, was er wollte, war eine heiße Dusche und sich in sein Bett fallen zu lassen. Er zog die Stiefel aus und blieb sofort an etwas hängen, das hier nicht sein durfte. An der Wand stand ein Paar abgetragener Herren-Sneaker in Größe fünfundvierzig, und am Haken hing eine fremde Steppjacke mit speckigem Kragen.
Schweigend ging er in die Küche.
— Kirjuscha, hallo, mein Lieber! Willkommen zurück! — Die Mutter stürzte auf ihn zu und wollte ihn umarmen.
Er schob sie sanft beiseite, sein Blick glitt über Lera und blieb an der Mutter hängen. Er stellte keine einzige Frage. Er schaute einfach nur.
— Wir… also… Lera hat Schwierigkeiten, man hat sie aus der Wohnung rausgeworfen, — plapperte Galina los, spürte dabei, wie ihre fröhliche Selbstsicherheit unter diesem kalten, müden Blick Risse bekam. — Und da hab ich mir gedacht: Dein Zimmer steht ja die meiste Zeit leer… Sie wohnen mit Maxim erst mal bei dir.
Kirill antwortete nicht. Er drehte sich um und ging den Flur entlang zu seinem Zimmer. Die Tür stand einen Spalt offen. Er schob sie auf und blieb in der Tür stehen. Die Luft war stickig, fremd. Es roch nach unbekanntem Damenparfum und nach etwas Säuerlichem.
In seinem Bett, unter seiner Decke, lagen zwei Menschen ineinander verschlungen und schliefen. Lera erkannte er sofort. Neben ihr lag ein kräftiger Kerl mit beginnender Glatze. Sein behaarter Arm lag besitzergreifend auf Kirills Kopfkissen. Auf dem Stuhl lagen ihre Sachen in einem Haufen, auf seinem Schreibtisch standen eine angebrochene Bierflasche und ein Teller mit Essensresten.
Kirill sah einige Sekunden lang hin. Sein Gesicht zeigte weder Wut noch Überraschung. Es war wie eine Maske aus grauem Stein. Leise schloss er die Tür wieder und ging ebenso schweigend zurück in die Küche.
Mutter, Vater und Lera starrten ihn an, angespannt vor Erwartung. Sie warteten auf eine Reaktion: Empörung, Geschrei, Überredung — irgendetwas, nur nicht das.
Kirill ging wortlos zum Abstellschränkchen in der Ecke. Öffnete es, zog eine Rolle großer schwarzer Müllsäcke à hundertzwanzig Liter heraus. Riss zwei davon ab. Und mit diesen Säcken ging er wieder in sein Zimmer.
— Kirjuscha, was machst du denn? — In der Stimme der Mutter vibrierte eine böse Vorahnung.
Er antwortete nicht. Er trat ins Zimmer, knipste abrupt das Licht an. Das schlafende Paar regte sich missmutig. Maxim öffnete ein Auge.

— Ey… wer bist du? — murmelte er verschlafen.
Kirill ignorierte ihn. Er ging zum Stuhl und fegte mit einer einzigen Bewegung die gesamte Kleidung in den ersten Sack. Jeans, T-Shirts, Damenunterwäsche, Socken — alles flog hinein. Dann trat er an den Tisch. Laptop, Ladegeräte, Kosmetiktasche, Bierflasche, Teller — alles wanderte in den zweiten Sack. Er sortierte nicht, er überlegte nicht. Er arbeitete schnell und methodisch, wie ein Sanitäter.
— Was machst du da, du Arsch?! — Maxim war endgültig wach, setzte sich auf und versuchte, sich mit der Decke zu bedecken. Lera starrte ihren Cousin mit vor Entsetzen geweiteten Augen an.
Kirill zog die Säcke oben zu. Nahm je einen in jede Hand, drehte sich um und verließ das Zimmer, während hinter ihm das verdatterte, halbnackte Paar zurückblieb. Er schleifte die Säcke durch die ganze Wohnung, an den wie erstarrten Eltern im Flur vorbei. Er öffnete die Wohnungstür und dann auch die Tür zum Treppenhaus. Und mit Schwung schleuderte er beide Säcke in Richtung Aufzug. Sie landeten mit einem dumpfen Schlag.
Die Tür zum Flur ließ er offen stehen. Er ging zurück in die Küche, nahm die Zigarettenschachtel vom Tisch, klopfte eine Zigarette heraus. Und erst dann sah er in die versteinerten Gesichter seiner Verwandten. Seine Stimme war vollkommen ruhig, ohne den kleinsten Anflug von Emotion.
— Ich zahle sechzigtausend im Monat für diese Wohnung. Ich unterhalte euch alle. Und solange ich das tue, gelten hier meine Regeln.
Kirills letzte Worte fielen auf den Küchentisch wie Eisstücke und froren die gemütliche Atmosphäre des familiären Teetrinkens schlagartig ein. Galina sah ihren Sohn an, als spräche er eine fremde, bedrohliche Sprache. Ihr rundes, sonst gutmütiges Gesicht verzog sich, in ihren Augen erstarrte Unverständnis, das rasch in Kränkung umschlug.
— Was soll das heißen — deine Regeln? — als Erste fand sie ihre Stimme wieder; sie bekam schrille, defensive Töne. — Wir sind Familie! Leročka ist deine Schwester, sie braucht Hilfe! Hast du denn gar kein Herz? Eigenes Blut nachts auf die Straße zu werfen!
In diesem Moment tauchte im Türrahmen der Küche Maxim auf. In Jogginghose, mit nacktem Oberkörper, wirkte er zugleich verschlafen und aggressiv. Er rieb sich das Gesicht und starrte Kirill an.
— Hör mal, du Held. Gib die Klamotten zurück. Nach welchem Recht hast du die angefasst?
Kirill drehte nicht einmal den Kopf in seine Richtung. Er sah weiter die Mutter an, als existiere Maxim nicht — nicht in diesem Zimmer, nicht in dieser Wohnung, nicht in diesem Universum. Dieses völlige, absolute Ignorieren traf den Kerl stärker als jede Gegenandrohung…
— Mein Zimmer ist mein Zimmer, — wiederholte Kirill und betonte jedes Wort. Seine Ruhe war furchteinflößender als jedes Geschrei. — Das ist weder eine Notunterkunft noch ein Wohltätigkeitsverein. Vor allem nicht für diejenigen, die es nicht einmal für nötig gehalten haben, mich zu warnen.
— Aber wohin sollen wir denn?! — kreischte Lera, sprang vom Stuhl auf. Das Schauspiel, in dem sie das Opfer gab, begann. — Man hat uns rausgeworfen! Wir haben kein Geld! Willst du, dass wir am Bahnhof übernachten?
— Das finde ich interessant, — Kirill wandte ihr langsam seinen schweren Blick zu. — Aber wie soll ich’s dir sagen … das ist mir egal. Du hast einen Freund. Und der ist, wie es aussieht, arbeitsfähig. Löst eure Probleme selbst. Nicht in meinem Schlafzimmer.
Der Vater, der bis dahin geschwiegen hatte, beschloss, sich einzumischen. Er faltete die Zeitung ordentlich zusammen, nahm die Brille ab und sah den Sohn mit dem Blick eines weisen Patriarchen an — der er nie gewesen war.
— Sohn, lass uns nicht gleich mit dem Beil zuschlagen. Na gut, ihr habt euch hinreißen lassen. Dem Mädchen muss man helfen. Sollen sie eben ein, zwei Wochen bleiben, und dann fällt uns schon etwas ein …
— Mit einer Woche ist es hier nicht getan, Papa, — schnitt Kirill ihm das Wort ab. — Und das weißt du ganz genau. Erst wird es eine Woche. Dann ein Monat. Dann „sie finden Arbeit, gleich kommt der erste Lohn“. Das habe ich schon durch. Es reicht.
Er machte eine kurze Pause und ließ den Blick über alle drei schweifen: über die Mutter, die kurz davor war, in gerechten Zorn auszubrechen; über den Vater, der es bereits bereute, sich eingemischt zu haben; und über Lera, deren Gesicht sich zu einer Grimasse gekränkter Unschuld verzog.
— Regel Nummer eins, — sagte er kalt und deutlich. — Mein Zimmer ist mein Territorium. Eure Gästin und ihr … Kavalier, — er spuckte das Wort aus, als wäre es etwas Widerliches, — haben exakt drei Stunden, um ihre Säcke zu holen und aus dieser Wohnung zu verschwinden. Es ist jetzt 20:17. Um 23:17 dürfen sie nicht mehr hier sein.
— Bist du verrückt geworden?! — schrie die Mutter auf. — Das wagst du nicht! Ich lasse das nicht zu!
— Du wirst es zulassen, — Kirills Blick wurde hart wie Stahl. — Denn wenn sie um 23:18 immer noch hier sind, rufe ich die Polizei und erstatte Anzeige wegen unbefugten Eindringens. Mir reicht ein Kontoauszug, um zu beweisen, dass das meine Wohnung ist — und dass ihr alle hier nur wohnt.

Er gab ihnen eine Sekunde, um das Gehörte zu begreifen. Dann setzte er den zweiten, entscheidenden Schlag — der nicht mehr gegen Lera gerichtet war, sondern mitten ins Herz seiner Eltern.
— Und noch etwas. Wenn wir schon von Regeln sprechen: Ab morgen fangt ihr auch an, fürs Wohnen hier zu bezahlen. Miete für eure Zimmer. Deins, Mama: zwanzigtausend im Monat. Deins, Papa: fünfundzwanzig — es ist größer. Geld auf die Karte, bis zum Fünften jedes Monats. Wenn kein Geld kommt, sucht ihr euch zusammen mit Lera eine Unterkunft. Habe ich mich klar genug ausgedrückt? Die drei Stunden laufen.
Er drehte sich um und verließ die Küche, hinter sich ein klingendes, betäubtes Schweigen. Er warf nicht einfach nur eine freche Verwandte hinaus. Er hatte gerade diese gemütliche kleine Welt gesprengt, die seine Familie auf seine Kosten gebaut hatte — und ihnen die Rechnung für die Trümmer überreicht.
Kirill ging nicht in sein Zimmer, um sich zu verstecken. Er ging hin, um es zu behaupten. Er riss das Fenster weit auf und ließ eisige Novemberluft in den abgestandenen Raum, der nach fremdem Schweiß und billigem Parfüm stank. Der Wind wirbelte sofort ein paar Werbeflyer über den Tisch, die Lera dagelassen hatte. Kirill raffte sie zusammen und warf sie in den Papierkorb. Dann zog er das zerknitterte Bettzeug vom Bett, hielt es angewidert mit zwei Fingern, als wäre es das Fell eines kranken Tieres, und schleuderte es in die Ecke. Die nackte Matratze wirkte trostlos und schmutzig.
Als Erste trat die Mutter ins Zimmer. Sie stürmte nicht herein, sie sickerte hinein wie giftiger Nebel. Ihr Gesicht war dunkelrot, die Hände zitterten leicht.
— Begreifst du überhaupt, was du getan hast? — begann sie mit leiser, zischender Stimme, die schlimmer war als jedes Schreien. — Du hast uns gedemütigt. Deine Familie. Vor diesem … Maxim. Du hast deine eigene Mutter zur Lachnummer gemacht.
Kirill zog, ohne sie anzusehen, frische Bettwäsche aus dem Schrank.
— Ich habe im Flur die Sachen zweier fremder Menschen abgestellt, die in meinem Bett geschlafen haben. Mehr habe ich nicht getan.
— Fremder Menschen? Ist Leročka dir fremd?! — Galina wurde lauter. — Ich erinnere mich, wie wir mit deinem Vater die letzten Rubel zusammengekratzt haben, damit es für deinen ersten Computer reicht. Wie deine Tante, Leras Mutter, uns Geld geliehen hat, als man deinem Vater im Werk den Lohn nicht ausgezahlt hat. Und so zahlst du es zurück? Mit deiner Gefühlskälte? Hat dir das Geld die Augen verblendet?
Er breitete das frische Laken sorgfältig aus und strich jede Falte glatt. Seine Bewegungen waren präzise und ruhig, als wäre er ein Chirurg und nicht mitten in einem Skandal.
— Geld, Mama, hat mir nicht die Augen verblendet. Es hat sie mir geöffnet. Ich sehe, dass ich für eine Wohnung bezahle, in der ich nicht einmal mein eigenes Zimmer habe. Ich sehe, dass ich erwachsene Menschen durchfüttere, die das für ihr Privileg halten. Und ich sehe, dass ihr alle beschlossen habt, als würde das für immer so weitergehen. Ihr habt euch geirrt.
Im Türrahmen erschien der Vater. Er versuchte, Autorität zu spielen, indem er sich an den Rahmen lehnte.
— Kirill, hör auf. Bring die Mutter nicht so weit. Wir verstehen doch alles: Du bist erschöpft von der Reise, die Nerven. Machen wir’s so: Die beiden übernachten heute, und morgen setzen wir uns alle zusammen und besprechen alles in Ruhe. Wie Erwachsene. Und das mit deinem Geld … das hast du im Affekt rausgehauen. Das ist nicht menschlich, von den Eltern Geld für ein Dach über dem Kopf zu verlangen.
— Menschlich ist es, einem Sohn, der dieses Dach bezahlt, einen fremden Kerl ins Zimmer zu setzen? — Kirill steckte das Kissen in den Bezug und schüttelte es auf. — Da gibt es nichts zu besprechen. Meine Bedingungen habt ihr gehört. Die Zeit läuft.

Hinter dem Vater tauchten Lera und ihr Kavalier Maxim auf, bereits in Jeans und T-Shirt. Er fühlte sich sichtlich gedemütigt und suchte nach einer Möglichkeit, zurückzuschlagen.
— Hast du die Grenzen verloren, Hausherr? — dröhnte er mit tiefer Stimme und machte einen Schritt nach vorn. — Glaubst du, du bist hier der Schlaueste? Wir gehen nirgendwohin. Mal sehen, wie du die Polizei rufst. Die werden schon klären, wer hier im Recht ist.
Kirill drehte sich endlich zu ihnen um. Er sah durch Maxim hindurch, direkt in Leras Augen. In seinem Blick lag kein Hass. Da war etwas Schlimmeres — eisige Verachtung.
— Also findet ihr das alle ganz normal, dass ich die Hypothek für diese Wohnung zahle, und ihr ohne zu fragen meine Cousine mit ihrem Freund in meinem Zimmer einquartiert habt? Na wunderbar! Sie haben drei Stunden, um auszuziehen! Sonst rufe ich die Polizei!
Er zog das Handy aus der Tasche und blickte auf den Bildschirm.
— Noch zwei Stunden und dreiundvierzig Minuten. Ihr könnt anfangen zu packen. Oder weiter hier stehen und eure Zeit verschwenden. Die Entscheidung liegt bei euch.
Er ging an ihnen vorbei und schob die erstarrte Verwandtenschar beiseite, wie ein Eisbrecher das Eis zerdrückt. Er ging ins Bad, schloss die Tür hinter sich und ließ Wasser laufen. Das laute Rauschen der Dusche wurde für sie zum Klang eines gestarteten Timers, der die letzten Minuten ihres gewohnten, bequemen Lebens herunterzählte. Für ihn war es der erste Atemzug frischer Luft im eigenen Zuhause.
Die drei Stunden vergingen. Auf die Minute genau. Die Wanduhr in der Küche — ein billiger Plastikkreis mit aufgemalten Früchten — zeigte 23:17. Niemand war gegangen. Lera und Maxim saßen mit herausfordernder Miene am Tisch. Sie hatten ihre Säcke vom Treppenabsatz wieder in den Flur gezerrt und warteten nun ab, was als Nächstes passieren würde.
Sie waren sicher, dass Kirill bluffte. Dass es nur ein emotionaler Ausbruch eines müden Menschen gewesen war, der verfliegen würde, wenn man nur genug Druck machte und abwartete. Die Eltern saßen neben ihnen und bildeten mit ihnen ein stummes, aber festes Bündnis. Ihre Körperhaltung war ein einziger vorwurfsvoller Erwartungsblick. Sie warteten auf Entschuldigungen.

Die Badezimmertür ging auf. Kirill kam heraus, in ein sauberes Haus-T-Shirt und eine Jogginghose gekleidet. Er sah die Versammelten nicht an. Er ging in die Küche, schenkte sich ein Glas Wasser aus dem Filter ein und trank es in langsamen, gleichmäßigen Schlucken. Die Luft in der Küche war dick, geladen mit unausgesprochenen Vorwürfen — wie vor einem Gewitter.
— Na? — fragte die Mutter mit giftigem Grinsen, als er das Glas abstellte. — Die Zeit ist um. Wo ist deine Polizei, Kommandant? Oder hast du es dir doch anders überlegt, eigenes Blut auf die Wache zu schleppen?
Kirill sah auf die Uhr. 23:18. Dann hob er den Blick zur Mutter.
— Ich habe es mir nicht anders überlegt.
Er zog das Handy aus der Tasche. Alle spannten sich an. Lera drückte sich instinktiv in den Stuhl. Maxim zog die Stirn zusammen und bereitete sich auf ein unangenehmes Gespräch mit der Streife vor. Anatolij seufzte schwer — er spürte die Schande kommen.
Kirill scrollte durch seine Kontakte und drückte auf „Anrufen“. Er schaltete den Lautsprecher ein. Aus dem Handy ertönte eine muntere Männerstimme.
— Hallo, Kir, hi! Ist was passiert?
— Hi, Serjog. Stör ich? — Kirills Stimme klang völlig alltäglich, sachlich.
— Ach was, wir schlafen noch nicht. Wie bist du angekommen?
— Gut. Hör zu, ich hab eine Sache für dich. Bei mir werden hier zwei Zimmer frei.
In der Küche hing eine verständnislose Stille. Galina sah ihren Mann irritiert an. Zwei?
— Oho! — staunte die Stimme am Telefon. — Welche denn? Schmeißt du deine Eltern raus, oder was? — witzelte er.
— Genau das, — antwortete Kirill ohne den Hauch eines Lächelns. In diesem Moment wurde das Gesicht seiner Mutter zu einer grauen Maske. — Ja, in derselben Wohnung. Ab morgen kannst du Mieter reinsetzen. Such anständige Leute, zahlungsfähig. Eine Familie geht, aber ohne Kinder und ohne Tiere. Geld im Voraus für zwei Monate. Ich schicke dir gleich Fotos der Zimmer. Alles klar, wir bleiben in Kontakt.
Er beendete das Gespräch und legte das Handy auf den Tisch. Dann drehte er sich zu seinen versteinerten Verwandten um. Der Vater sah ihn an, als hätte er einen Schlag in die Magengrube bekommen. Lera und Maxim saßen mit offenem Mund da und begriffen endlich das Ausmaß der Katastrophe, die sie selbst ausgelöst hatten.

— Ich sehe, ihr habt es nicht verstanden, — begann Kirill ruhig und wandte sich an die Eltern. — Ihr habt beschlossen, dass es unsere gemeinsame Wohnung ist, weil ich die Hypothek zahle. Nein. Das ist meine Wohnung. Mein Vermögenswert und meine Last. Und wenn ihr meine Regeln nicht respektiert, dann lebt ihr nach den Regeln des Marktes. Die Hypothek bezahlt sich nicht von allein. Deshalb werden eure Zimmer ab morgen vermietet.
Er machte eine Pause, damit ihnen die ganze Tiefe des Abgrunds bewusst wurde, in den sie gerade stürzten.
— Ihr habt eine Wahl. Ihr könnt natürlich bei Lera wohnen. Man muss ihr ja helfen, sie ist Familie. Ich bin sicher, sie und Maxim nehmen euch gern auf. Oder, — er machte noch eine Pause, — es gibt eine zweite Möglichkeit. Mein Zimmer. Sobald Lera und ihr Freund ihre Sachen von hier rausgetragen haben, könnt ihr beide dort einziehen. Zusammen. Ihr wohnt in einem Zimmer — wie früher, als ihr jung wart. Das ist doch so romantisch.
Er sah sie an — ohne Wut, ohne Bedauern. Mit der kühlen Gelassenheit eines Menschen, der eine endgültige Entscheidung getroffen hat. Er hatte nicht nur die Cousine hinausgeworfen. Er hatte seine Eltern aus seinem Leben gestrichen und sie von „Hausherren“ zu jämmerlichen Mitbewohnern auf Abruf gemacht, vollständig abhängig von seinem Willen. Er ließ ihnen nichts — weder Stolz noch Status, nicht einmal die Illusion von Kontrolle.
Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und ging in sein Zimmer. Er knallte die Tür nicht zu. Er schloss sie nur leise hinter sich. Das Klicken des Schlosses klang in der betäubten Küche wie ein Schuss, der ihr früheres Leben abrupt beendete. Dort, am Tisch, blieben vier Menschen sitzen, die gerade alles verloren hatten — und die dafür niemanden verantwortlich machen konnten als sich selbst …