«Sie ist verdorben», erklärte der Schwiegersohn und jagte seine junge Frau hinaus. Und er ahnte nicht einmal, welch glanzvolle Zukunft er ihr mit seinem Verrat bereitete.

«Sie ist verdorben», erklärte der Schwiegersohn und jagte seine junge Frau hinaus. Und er ahnte nicht einmal, welch glanzvolle Zukunft er ihr mit seinem Verrat bereitete.

Die herbstliche Luft, dicht und kühl, schien all die Bitterkeit des Geschehenen in sich aufgesogen zu haben. Sie hing schwer und unbeweglich in der Stube, während die Flammen im Ofen unruhige, tanzende Schatten an die Wände warfen.

Das junge Mädchen, das im Feuerschein fast zerbrechlich wirkte, stand mit gesenktem Kopf da und strich unbewusst über die Spitze ihres langen, dichten Zopfes. Ihre Finger zitterten, und sie war völlig verkrampft, spürte förmlich die Blicke ihrer Eltern auf sich.

— Ihr habt nicht einmal einen Monat zusammengelebt, und schon solcher Zwist. Welche Katze ist denn zwischen euch durchgelaufen? — Die Stimme der Mutter, Marina, klang weniger tadelnd als vielmehr voller tiefer, schneidender Sorge. Sie betrachtete die Tochter, die so unerwartet ins Elternhaus zurückgekehrt war, und ihr Herz zog sich in böser Vorahnung zusammen.

Das Mädchen, Warja, schüttelte nur stumm den Kopf, unfähig auch nur ein Wort hervorzubringen. Tränen, bitter und brennend, stiegen ihr in die Kehle, doch sie ballte die Fäuste und befahl sich, standzuhalten. Sie würde nicht weinen, nicht zeigen, wie sehr sie diese Ungerechtigkeit verwundete.

— Warum schweigst du? Man fragt dich doch. — Der Vater, Tichon, mischte sich ein. Er saß am Tisch, seine von Arbeit gezeichneten, runzligen Hände vor sich gefaltet.

Sein Haar, einst dunkel und dicht, war nun reichlich mit Silber durchzogen, und in seinen Augen lag Lebensmüdigkeit und eine stumme Frage an die Tochter. Diese Hände, die Axt und Pflug gleichermaßen kannten, wirkten jetzt erstaunlich hilflos.

Warja holte tief Luft, um den Kloß im Hals zu vertreiben. Es war, als sei plötzlich die ganze Welt auf ihre schmalen Schultern gefallen, und sie hatte nicht die Kraft, sie zu halten.

— Luka wollte nicht mit mir leben, er sagte, ich solle nach Hause zurückgehen, — brachte sie schließlich hervor, und ihre Worte klangen leise wie fallende Blätter.

— Wie soll das gehen? — Tichon rückte vom Tisch ab, sein Gesicht voller Unverständnis. — Ihr habt vor einem Monat geheiratet, die ganze Verwandtschaft versammelt, er kam um deine Hand anhalten, alles nach Ehrenkodex. Was ist denn passiert, dass du heimgerannt kommst? Hör zu, Warjka, wenn du dir irgendeinen Streich erlaubt hast, stehe ich nicht hinter dir. Pack dein Bündel und geh zu deinem Mann — dort ist jetzt dein Zuhause.

— Warte, Vater, wir müssen der Sache nachgehen, — Marina, die spürte, wie die Stimmung sich aufheizte, stoppte ihren Mann sanft, aber bestimmt. — Siehst du nicht, sie ist ganz außer sich? Lass sie erzählen, wie es war. Jag sie nicht zur Tür hinaus, gib ihr Zeit zu sich zu kommen.

— Ich möchte zuerst mit Mama sprechen, — flüsterte Warja, ohne den Blick zu heben.

— Nun gut, wenn mit der Mutter, dann mit der Mutter, klärt es unter euch. Ich habe gleich gesagt, dass ich Zweifel habe, aber mich hat man ja nicht gehört. Viel zu schnell habt ihr euch zur Hochzeit entschlossen. — Tichon sprang gereizt auf, zog seine abgenutzte Steppjacke an und ging, die Tür zuschlagend, in die Kühle des Herbstabends hinaus.

Mutter und Tochter blieben allein. Ein langer Flüstergesang erfüllte die Stube, unterbrochen von Marinas Seufzern und Warjas leisen, stockenden Beteuerungen. Das Mädchen verfluchte manches, verteidigte sich, suchte mit leidvollen Augen Verständnis. Dann erhob Marina sich schwerfällig, schickte die Tochter zur älteren Schwester, die mit ihrer Familie gleich in der Nähe wohnte, und trat selbst, sich sammelnd, zu ihrem Mann hinaus.

Tichon spaltete mit Wucht ein Scheit im Hof, jeder Axthieb hallte weithin durch die Stille.

— Hör zu, Tichon, weißt du, was unser Schwiegersohn sich ausgedacht hat? Er behauptet, Warja sei „verdorben“, wolle nicht mit ihr leben.

— Wie bitte? — Die Axt verharrte in der Luft. — Was heißt „verdorben“? Wann hätte sie denn dazu Zeit gehabt? Außer Luka hatte sie keinen. Unser Mädchen ist gehorsam. Oder haben wir etwas übersehen?

— Ach du… Vater nennt man dich, und du glaubst ihm sofort. Ich jedenfalls glaube unserer Tochter. Sie schwört, dass vor ihm niemand war. Und man sieht es ihr auch an — ich kenne mein Kind. In ihren Augen liegt Reinheit, keine Schuld.

— Wenn es nicht stimmt — warum beschuldigt er sie dann? Und warum jetzt? Nach einem Monat. Konnte er das nicht früher sagen und sie nicht gleich zur Tür weisen?

— Eben das ist es ja, dass er die ganze Zeit geschwiegen hat und nun, sieh mal an, jagt er sie hinaus. Was ist ihm in den Kopf gefahren? Welche Laus hat ihn gestochen?

— Nein, das lasse ich nicht auf sich beruhen, — Tichon trieb die Axt mit solcher Kraft in den Hackklotz, dass dieser mit lautem Knacken zersprang. — Wir müssen zu den Schwiegerleuten gehen und fragen, warum sie unser Mädchen beschmutzen. Wenn sie sie nicht wollten, hätten sie sie nicht nehmen müssen.

— Tichon, komm zu dir, beruhige dich, so kann man nicht reden. Man braucht überlegte Worte, keine Fäuste.

Lukas Familie wohnte zwei Straßen weiter, in einem kleinen, fast puppenartigen Häuschen, das er von seiner Großmutter geerbt hatte. Genau dort, hinter dem niedrigen Zaun, hatte ihr kurzes gemeinsames Leben begonnen — und so abrupt geendet.

Marina und Tichon besuchten den Schwiegersohn am nächsten Tag und trafen ihn beim Schneeschaufeln an. Der große, kräftige Bursche wandte verlegen den Blick ab, als er sie sah.

— Na, wie lebt’s sich, Schwiegersohn, — Tichon trat nah an ihn heran, seine Stimme war ruhig, aber in ihr klang Stahl. — Also, erklär uns: Warum war es nötig, das Mädchen vom Hof zu jagen?

— Ich wünsche euch auch ein gutes Leben, — Luka richtete sich auf und stützte sich auf den Besen. — Ich habe sie nicht gejagt, ich habe nur vorgeschlagen, dass wir uns trennen.

— Bist du denn nicht bei Verstand? Wozu habt ihr im Gemeindebüro unterschrieben? Das Mädchen heult zu Hause, was sollen die Leute sagen? Du zeigst mit dem Finger auf sie, obwohl sie mit reinem Herzen lebte.

Luka trat von einem Fuß auf den anderen, Schneeflocken setzten sich auf seine Wimpern und sein dunkles Haar.
— Im Großen und Ganzen habe ich ihr alles gesagt… Wir lassen uns scheiden, und damit basta.

— Dann sag wenigstens den Grund, — mischte sich Marina ein. Ihre Augen flehten ihn an, die Wahrheit zu sagen und nicht jene bittere Lüge, die bereits durchs Dorf kroch. — Worum geht es denn? Was hat sie dir nicht recht gemacht? Sag es offen.

— Ich werde nicht mit ihr leben, und damit hat sich’s. — Er krallte seine Finger so fest um den Besenstiel, dass die Knöchel weiß wurden. — Eure Warja ist verdorben.

Tichon zuckte unwillkürlich nach vorne, als hätte ihn ein Stromschlag getroffen.
— Wenn das so ist — warum hast du einen Monat geschwiegen? Hast du es nicht gleich gemerkt? Warum hast du sie dann vor den Altar geführt, warum vor den Leuten einen Schwur abgelegt?

— Ich habe es gemerkt. Dachte, es würde sich legen. Hat sich nicht gelegt. Ich liebe sie nicht.

— Ach du Lump, hast sie benutzt und nun schiebst du sie ab! — Marina bebte vor Empörung, rote Flecken überzogen ihre Wangen. — Wie soll das Mädchen den Leuten in die Augen sehen? Du lügst, ich glaube dir kein Wort. Ich glaube meiner Tochter. Du verleumdest sie!

— Denkt, was ihr wollt. Ich gebe euch eure Tochter zurück. Geschlagen habe ich sie nicht, keinen Finger habe ich gegen sie erhoben. Also nehmt sie unversehrt zurück.

— Oh Herrgott, mir wird schlecht, — Marina griff sich ans Herz, ihre Stimme sank zu einem Flüstern. — Wo hat man je gehört, dass ein eigenes Kind wie ein unnützes Bündel zurückgebracht wird? Wozu ist sie dir überhaupt gefolgt? Sie hat dich nicht mal angesehen, du selbst bist doch angerannt gekommen, um zu freien, die Augen haben dir geleuchtet!

— Marina, setz dich, setz dich auf die Bank, — Tichon stützte seine Frau, sein Zorn wich plötzlich ernster Sorge. — Wir gehen gleich zu deinen Schwiegerleuten, wir fragen seine Eltern, sollen sie Rechenschaft über ihren Sohn ablegen.

— Also gut, ich habe mich vielleicht falsch ausgedrückt, — begann Luka sich zu rechtfertigen, als er merkte, dass die Sache ernste Formen annahm. — Aber ich werde trotzdem nicht mit ihr leben.

— Schweig, besser schweig, sonst weiß ich nicht, was ich tue, — Tichon führte seine Frau zum Gartentor, doch ihnen kam — wie aus dem Boden gewachsen — Ksenija entgegen, Lukas Mutter.

— Na, da ist ja die Schwiegerin, — sagte Marina mit bitterer Ironie. — Vielleicht weißt du, warum dein Stepan unser Mädchen beschämt. Erst hat er sie zur Frau genommen, und jetzt weist er ihr die Tür. Wie kann man so etwas tun? Ist sie etwa ein Gegenstand?

— Ach, ich weiß es ja selbst nicht, — Ksenija hob beschwichtigend die Hände. — Wir haben nachgebohrt, er hat geschwiegen, und dann gestanden, dass eure Warja wohl schon andere Kissen kannte — da muss wohl jemand gewesen sein. Und mein Sohn? Mein Sohn hat ehrlich gesagt: er konnte nicht verzeihen und nicht mit ihr leben.

— Denk nach, was du da redest, Schwägerin! — schrie Tichon, und seine Stimme durchbrach die Stille der Straße. — So etwas hat es nicht gegeben! Niemand war vor deinem Sohn. Wir haben eine ehrliche Tochter gegeben, und er hat sie in den Schmutz gezogen. Wofür? Will er nicht leben mit ihr — soll er’s sagen, aber verleumden hat er nicht das Recht!

Ksenija, im festgebundenen Kopftuch, verengte die Augen herausfordernd:
— Woher willst du das wissen? Ich glaube meinem Sohn.

— Pfui auf dich! — Tichon spuckte verzweifelt aus. — Bleibt ihr hier, ihr Verfluchten, wir werden es irgendwie überstehen, alle Gerüchte ertragen. Komm, Marina, wir haben hier nichts mehr verloren. Dieser Schwätzer Luka! Ich habe damals schon meine Zweifel gehabt.

— Gib wenigstens die Sachen unserer Tochter mit, damit wir sie abholen können.

— Nehmt alles, bringt es weg, — willigte Luka bereitwillig ein, froh, dass der Schwiegervater und die Schwiegermutter nachgaben.

— Gib mir zwei Tage Zeit, bis ich wieder zu mir komme, dann komme ich mit dem Pferd und hole alles ab, — versprach Tichon und wandte sich ab.

Sie gingen durch die Straße, versanken im ersten Schnee, bemerkten weder die Leute noch die weiße Stille um sich.
— Wäre es nur so, dass niemand davon erfährt — aber die Leute werden fragen, und Ksenija wird tuscheln, ihren Sohn verteidigen. Wofür müssen wir solches Leid tragen? Saß sie daheim, und plötzlich kam Luka wie ein Wirbelwind. Zwei Mal stand er auf der Schwelle, und dann schleppte er sie schon ins Standesamt. Warja hatte nicht einmal Zeit, nachzudenken. Und ich habe mich gefreut: Wenn sie sie nehmen, dann soll sie gehen.

Die Sachen von Warja transportierte die Familie gemeinsam. Der Pferdeschlitten, von einem kräftigen Wallach gezogen, knarrte traurig mit den Kufen. Luka war nicht zu Hause — er war vorsorglich verschwunden. Ksenija beobachtete den Vorgang mit kaltem Interesse von ihrer Veranda aus. Sie waren schon bereit zur Abfahrt, als Lukas Vater um die Ecke bog. Er nickte zum Gruß, doch Tichon warf ihm nur einen vernichtenden Blick zu und schnallte die Zügel.

Der Weg nach Hause verlief schweigend. Ebenso schweigend brachten sie Warjas Truhen und Bündel ins Haus. Marina breitete die Bettdecke aus, die sie selbst für die Jüngste genäht hatte, legte die Kissen zurecht, die sie eigenhändig bestickt hatte. Sie erinnerte sich, wie sie einst die Aussteuer vorbereitet hatte, ohne zu wissen, wen ihre Tochter einmal heiraten würde — und weinte leise über die erdrückende Ungerechtigkeit.

Bald kam Kira, die ältere Tochter, angerannt. Ohne den Mantel auszuziehen, trat sie an die Schwester heran und umarmte sie fest, schwesterlich. Und da brach das neunzehnjährige Mädchen, das all die Zeit keine einzige Träne vergossen hatte, nicht einmal nachts ins Kissen, an der Schulter der Schwester zusammen und weinte — leise, tonlos, verzweifelt.

— Komm, du erzählst mir alles. Alles. Danach wird’s leichter, — sagte Kira und führte sie in die Stube, weg von den Augen der Eltern.

Erst im Gespräch mit ihrer Schwester begann die Jüngere zu begreifen, dass ihre Blindheit freiwillig gewesen war. Sie hatte die wachsende Kälte in Luka nicht bemerkt und seinen finsteren Blick sich selbst angelastet. Auf die Lehre der Mutter hörend, hielt sie das Haus tadellos sauber, kochte seine Lieblingsgerichte, sah zu ihm auf, als wolle sie sagen: „Sieh, ich bemühe mich für dich.“

Marina kam herein, setzte sich auf die Kante der Bank.
— Ich denke darüber nach… vielleicht ist Warja nicht allein gegangen. Was, wenn ein Kind unterwegs ist? Was sollen wir dann tun?

— Was wir tun sollen? — Kira zog ihre dichten, schwarzen Brauen zusammen. — Wir schleppen Luka am Strick her, vor dem eigenen Kind wird er sich nicht drücken. Das Gesetz ist auf unserer Seite.

Warjas Blick wurde heller, die Vermutung der Mutter lockte mit einem winzigen, bebenden Hoffnungsschimmer. Offenbar waren die Gefühle noch nicht erkaltet, und sie bewahrte immer noch das Bild ihres Mannes im Herzen.
— Ich weiß nicht, — gab sie ehrlich zu. — Es wäre schön, wenn ein Kleines käme.

— Ach, du mein Dummerchen, — sagte Marina mit bitterer Zärtlichkeit. — Nun gut, wir warten ab. Die Zeit wird zeigen, was kommt.

— Weißt du was, komm öfter zu uns, setzt dich mal zu den Kindern, das lenkt ab. Du musst diesen Undankbaren aus deinem Herzen werfen, — sagte Kira.

— Vielleicht sollte sie wegfahren, — schlug Marina vorsichtig vor. — In Sossnowka lebt Verwandtschaft, vielleicht könnte sie dorthin ziehen.

— Ach, Mama, was sagst du da? Sich bei der Verwandtschaft verstecken? Was soll sie in diesem gottverlassenen Sossnowka tun? Vor ihrem eigenen Schatten davonlaufen?

Alle drei schwiegen wieder, jede versunken in ihre eigenen Gedanken über die Zukunft. Aus dem Flur ertönte das Knarren der Tür, schwere Schritte, dann das tiefe Grollen von Männerstimmen: Tichon hatte jemanden mitgebracht. Am rollenden Klang erkannten sie sofort Tante Polina, die Cousine des Vaters—eine Frau mit Charakter. Ohne Einladung trat sie selbst in die Stube; ihre stattliche, füllige Gestalt erfüllte den Raum.

— Um wen wird hier geweint? — fragte sie, als sie die düsteren Gesichter der Frauen sah. — Was habt ihr verloren? Sitzt da wie aufgeplusterte Spatzen. — Ihre laute, dröhnende Stimme war wahrscheinlich auf der ganzen Straße zu hören.

— Weißt du denn nicht, was uns zugestoßen ist, Polina? — begann Tichon.

— Gehört habe ich’s. Und was nun? Mich dazusetzen und auch heulen? — Na los, Mädchen, begrüßt die Besucherin ordentlich, ladet mich wenigstens an den Tisch. — Sie war nicht nur älter als Warja und Kira, sondern auch älter als Marina und nannte sie alle oft ungezwungen „Mädchen“ — vertraut, ohne Spott, aber mit unerschütterlicher Autorität.

Schließlich verließen alle die Stube, deckten einen einfachen Tisch und saßen lange da, um das Geschehene zu besprechen.

— Ach, Mädels, mir tun schon die Ohren weh vom Zuhören, genug jetzt. Ich bin nämlich wegen einer Sache gekommen. Willst du im Dorfsowjet unter meiner Leitung arbeiten?

— Ich? — Warja sah die lautstarke Verwandte verblüfft an.

— Ja, wer denn sonst? Ich rede mit dir. Ich brauche eine Buchhalterin, der Rechnungsführer Onkel Mischa will schon gar nicht mehr vom Ofen runtersteigen. Jeden Tag jammert er: „Lass mich gehen, Polina, die Zahlen tanzen mir vor den Augen.“

— Aber ich kann das nicht.

— Ja wirklich, Polina, woher sollte sie es können, sie hat doch nur die Schule, — erinnerte Marina. — Sie wollte ja in die Stadt zum Lernen, aber wir haben es ihr ausgeredet, hatten Angst vor der Stadt. Und jetzt mag man gar nicht mehr auf die Straße gehen — alle wollen wissen, warum die Tochter so schnell vom Mann weg ist. Besser wäre es gewesen, sie wäre damals schon weggegangen. Vielleicht ist es auch jetzt nicht zu spät — wir könnten sie in die Fabrik schicken, die nehmen welche direkt nach der Schule.

— Ihr wollt das Mädchen also verstecken?! — Polina sah Marina streng an. — Das heißt, ihr glaubt, Warjka sei schuld, wenn sie weglaufen soll.

— Aber was sagst du da, — Marina wedelte abwehrend mit der Hand. — Keine Schuld liegt auf ihr, denk das nicht einmal.

— So denkt ihr das also: aus den Augen, aus dem Sinn. Weggehen ist leichter. Aber hier auszuharren, das durchzustehen, dieses vermaledeite Eheleben — dafür braucht man Kraft, — sie ballte ihre mächtige Faust. — Wenn sie unschuldig ist, soll sie den Leuten in die Augen sehen und lächeln. Und wenn jemand fragt, soll sie sagen, dass Luka ein Tyrann ist und sie nicht mit ihm leben wollte. Und den Rest der Gerüchte lässt man einfach an sich abprallen.

— Genau, Tante Polja, ich sehe das auch so, — stimmte Kira zu.

— Aber wie soll sie hier arbeiten, wenn sie das Rechnungswesen nicht gelernt hat? — Marina klammerte sich sofort an Polinas Idee.

— Wenn sie zusagt, bekommt sie eine Empfehlung für die Kurse. Und dafür muss sie nicht mal in die Stadt — im Bezirkszentrum bieten sie jetzt Schulungen an. Intensivkurse. Will sie, kann sie jeden Tag mit dem Milchw wagen fahren, ich spreche mit dem Fahrer. Oder sie nimmt ein Zimmer im Wohnheim.

— Und wenn ich es nicht schaffe?

— Hör mal, du Angsthase, auf den Kursen zu lernen ist nicht gefährlicher als zu heiraten. Entscheide dich schnell, sonst suche ich mir eine andere.

Warja erhob sich vom Tisch, richtete die Schultern und ihre Stimme, die noch vor Kurzem zitternd vor Tränen gewesen war, klang nun klar und fest:
— Ich bin einverstanden! Wann soll ich fahren?

— Das nenne ich eine Ansage! In einer Woche geht es los.

Die Tage, nun erfüllt von neuen Sorgen, vergingen viel schneller. Im Haus kehrte wieder Leben ein, eine Art Aufatmen: Die Tochter lernte. Sie kam von den Kursen erschöpft, aber inspiriert zurück, saß zu Hause bis spät in die Nacht über den Büchern, und am Morgen eilte sie wieder ins Bezirkszentrum. Abends, wenn sie sich schlafen legte, dachte sie immer noch an Luka; in ihrem Herzen glomm eine naive Hoffnung, er würde sie einmal abholen, irgendwo auf sie warten und sagen: „Alles war falsch, komm zurück.“ Und sie würden glücklich, lange zusammenleben… Mit diesen Gedanken schlief sie ein.

Bis zum Frühjahr hatte Warja bereits im Dorfsowjet Arbeit gefunden. Sie saß in einem kleinen Büro, die Nase tief in die Papiere gesteckt, hob manchmal stundenlang nicht einmal den Kopf. Luka kam nie, suchte sie nie — offenbar ging er andere Wege, mied sie absichtlich.

An einem dieser Abende kam Kira zu den Eltern, zog die Schwester in die Stube und flüsterte aufgeregt:
— Du darfst jetzt nicht weinen. Ihr seid ohnehin schon geschieden, es gibt nichts mehr zu bereuen.

— Was ist passiert?

— Man sagt, Luka will heiraten.

— Wie bitte? Wen?

— Die Liska Semjonowa. Erinnerst du dich? Diese Schlichte, die läuft wie eine Pfauhenne.

Lisu kannte Warja gut, sie hatte sie immer für die schönste und anmutigste im ganzen Dorf gehalten.

— Also hat er sie gewählt? — Warjas Lippen begannen zu zittern. Gerade erst war sie zur Ruhe gekommen, da traf diese Nachricht sie wie ein Schlag.

— Bitte weine nicht. Das Wasser ist abgeflossen, es kommt nicht zurück. Er war deiner Tränen nicht wert.

— Was flüstert ihr da? Sprecht so, dass wir es auch hören! — rief Tichon die Schwestern an den Tisch. Bald erfuhren auch er und Marina von der neuen Heirat des ehemaligen Schwiegersohns.

— Ich hätte nie gedacht, dass sie uns so behandeln würden, — jammerte Marina. — Ich werde Ksenija jetzt ins Gesicht spucken, und dann mache ich einen großen Bogen um sie, ich will sie nicht mehr kennen. Die Tochter vom Hof, und gleich danach eine andere ins Haus führen!

— Ich gehe sofort hin und sage denen die Meinung über ihren Sohn! — Tichon begann hastig, die Stiefel anzuziehen; sein Gesicht lief rot an.

Die Frauen stürzten zu ihm:
— Lass das, geh nicht! Du machst nur Dummheiten, dann ist es bis zur Miliz nicht weit. Die erstatten Anzeige und beschmutzen uns noch mehr.

Tichon bekam endlich den Stiefel übergezogen.
— Warjka, warum schweigst du? Komm mit mir, du kannst ihm wenigstens ins Gesicht spucken.

— Papa, beruhige dich, — Kira hakte sich bei seinem Arm ein. — Ich würde selbst hingehen, aber es bringt nichts mehr. Bei dem Mädchen hat sich gerade alles eingespielt: sie ist zur Ruhe gekommen, arbeitet, Tante Polja lobt sie. Wenn wir hingehen, reißen wir nur alte Wunden auf — und die Leute hätten wieder reichlich Stoff zum Klatschen.

— Stimmt, Tichon, setz dich, kühl dich ab, — Marina hielt ihren Mann an den Schultern fest. — Die Leute merken selbst, wer Recht hat und wer nicht. Man hat mir schon oft gesagt, dass sie Luka nicht glauben, sondern uns unterstützen. Soll er heiraten — vielleicht ziehen sie weg, damit sie uns nicht mehr vor Augen stehen.

Doch Luka und seine neue Frau zogen nirgends hin — sie blieben im Heimatdorf wohnen. Warja beruhigte sich bald, fand sich mit allem ab und versuchte, nicht mehr an ihn zu denken, auch wenn tief in ihrem Inneren immer noch ein dumpfer Schmerz blieb.

Im Sommer war es angenehm im Büro: Durch die offenen Fenster strömte der honigsüße Duft von Gras und blühender Linde, in den Zweigen der Birken sangen unermüdlich die Vögel. Und dieses beständige Zwitschern — eintönig und beruhigend — war ihr ans Herz gewachsen. Außerdem begann sie wieder in den Klub zu gehen: Jede Woche brachte man einen neuen Film.

Eines Tages, kurz vor der Vorführung, kam der Dorfscherzbold Petka auf sie zu, nahm sie spielerisch unter den Arm:
— Na, soll ich dich später nach Hause bringen?
Warja rückte vorsichtig, aber bestimmt zur Seite.
— Wozu? Ich kenne den Weg.

— Wie „wozu“? Vielleicht heirate ich ja, — sagte er mit schiefem Lächeln.

— Ich war schon verheiratet, danke. Nicht nötig.

— Na also, du warst verheiratet — dann kennst du dich aus. Komm, Varjok, gehen wir ein bisschen spazieren, so eine Nacht!

Das Mädchen würdigte ihn eines so kalten, abweisenden Blickes, dass er sofort die Flucht ergriff und etwas Unverständliches murmelte. Warja erinnerte sich später an diesen Vorfall und lobte sich insgeheim, dass sie seine leichtsinnigen Absichten sofort durchschaut hatte.

Eines Tages, während der Mittagspause, war das Büro verwaist, nur Warja hielt sich noch auf, um einen Bericht fertigzustellen. Da hörte man unsichere Schritte auf der Veranda, und die Dielen im Flur knarrten klagend.

Die Schritte waren vorsichtig, als betrete jemand zum ersten Mal das Gebäude. Warja ging nachsehen: Im Halbdunkel des Flurs stand ein junger Mann mit einem Reisekoffer, in staubigen Stiefeln. Verlegen rückte er seine Brille zurecht, als er das Mädchen bemerkte.

— Guten Tag! Wo sind denn alle?

— Guten Tag! Wen suchen Sie denn? Jetzt ist Mittagspause. Warten Sie etwa eine Stunde.

— Ich brauche den Vorsitzenden, — er trat näher, und Warja erkannte kluge, etwas müde Augen hinter den Gläsern. — Ich habe hier die Zuweisung. Er weiß Bescheid, man hat ihn bestimmt informiert.

— Dann sind Sie unser neuer Agronom? — schlussfolgerte sie.

— So ist es! Agronom, — er stellte den Koffer ab, und auf seinem Gesicht erschien ein offenes, freundliches Lächeln. — Wiktorow Sergej Nikolajewitsch, — stellte er sich zügig vor.

— Warja Tichonowna — Buchhalterin. Na ja, im Moment nur Assistentin, — fügte sie verlegen hinzu, ihr Herz klopfte plötzlich schneller.

— Und in welchem Büro ist der Vorsitzende? Und wohin soll ich den Koffer stellen?

— Lassen Sie ihn hier bei uns im Büro, hier ist bis zum Abend offen.

Er ließ den Koffer stehen, hielt aber noch immer seinen vom Weg staubigen Mantel in den Händen.
— Ich hab gar nicht daran gedacht — erst ausschütteln müsste ich ihn, — sagte er und ging zur Veranda.
Warja holte ein sauberes Handtuch und zeigte auf den Sommerwaschplatz:
— Dort können Sie sich waschen.

— Danke, genau das brauche ich. — Er blieb stehen, sah sie an: — Verzeihen Sie, Warja Tichonowna, Sie müssen doch essen, und ich halte Sie auf.

— Macht nichts, ich wäre sowieso hier geblieben.

„Na so was — jung, und schon mit Brille“, dachte sie auf dem Weg zurück ins Büro. Auf dem Dorf trug kaum jemand eine Brille, nur ältere Leute, daher war es ungewöhnlich, sie im Gesicht eines jungen Mannes zu sehen.

— Sind Sie aus der Stadt zu uns gekommen?

— Natürlich. Nach der staatlichen Zuweisung.

Warja dachte daran, dass er sicher hungrig war.
— Vielleicht wollen Sie auch essen? Nur wird jetzt auf dem Feldlager gekocht, das ist ziemlich weit von hier.

— Ach was, ich komme schon zurecht.

— Nein, kommen Sie, ich mache Ihnen Tee. Ich habe Kuchen dabei, gestern mit Mama gebacken. Und etwas Speck auch. — Essen Sie Speck?

— Warum nicht?! Mein Großvater hat auf dem Dorf gelebt, ich bin ständig hingefahren. Und Speck schätze ich sehr.

Warja breitete ein sauberes Tuch auf dem Tisch aus und legte das einfache, ländliche Mittagessen darauf. Sergej sah auf das Essen:
— Nein, das geht nicht, das haben Sie für sich mitgebracht, Sie müssen mich nicht bewirten.

— Essen Sie, — Warja schob ihm den geschnittenen Speck und die flauschigen Kuchen hin. — Der Vorsitzende würde mich dafür nur loben, — sagte sie und erfand rasch eine Ausrede.

— Na gut, meine Mutter hat mir auch etwas eingepackt, — er holte sein Bündel hervor, zu dem er unterwegs nicht einmal gegriffen hatte, nahm schüchtern eine Tasse duftenden Tees.

Der Vorsitzende lobte Warja tatsächlich dafür, dass sie den jungen Spezialisten freundlich empfangen hatte. Man brachte Sergej Nikolajewitsch bei der alten, alleinstehenden Agrifena unter. Der neue Agronom erwies sich als tüchtig und fand sich schnell in der Verwaltung ein. Der Vorsitzende war stolz, nun einen Fachmann mit Diplom zu haben. Und fehlende Erfahrung konnte der pensionierte Agronom ausgleichen, der bereit war, Rat zu geben.

Jeden Morgen eilte Sergej Nikolajewitsch als Erstes zu Warja, um sie zu begrüßen.
— Der Speck, Warja, war vorzüglich, so guten habe ich noch nie gegessen.

— Ich würde noch welchen bringen, aber jetzt heißt es bis zum Spätherbst warten. Das waren die letzten Reste, die wir retten konnten.

— Darum geht’s nicht, ich wollte nur sagen, wie lecker er war. — Er trat näher, zog aus der Innentasche seines Jacketts eine Tafel Schokolade und legte sie auf ihren Tisch.

— Oh, wozu das?

— Nehmen Sie, Warja, das ist für Sie! — Er errötete und verließ schnell das Büro.

Den ganzen Sommer über tauschten Warja und Sergej verstohlene Blicke und belanglose Sätze aus und trafen sich nicht ein einziges Mal außerhalb der Verwaltung. Auch zu Hause wusste man schon vom jungen Agronomen — man sah die Veränderung in der Tochter: Sie ging mit Freude, kam mit nachdenklichem Lächeln. Und erst Ende August erschien ein Schatten von Unruhe auf ihrem Gesicht: Sergej erwartete seine Mutter zu Besuch.

— Warja, meine Mutter kommt zu Besuch, um zu sehen, wie ich mich hier eingerichtet habe. Also… — Er rieb sich die Hände, vielleicht vor Aufregung. — Halte es nicht für dreist, aber da wir schon Freunde sind, komm doch auch vorbei und setz dich zu uns.

— Ich? Aber… wird es Ihrer Mutter gefallen? Und was soll ich sagen?

— Gefallen wird es ihr, ich habe ihr schon längst geschrieben, wie du mich empfangen hast, wie wir uns angefreundet haben, was für gute Menschen es hier gibt… Komm, Warja, meine Mutter wird sich freuen. Und ich auch, — fügte er leise, beinahe flüsternd, hinzu.

Am Abend erzählte Warja ihrer Mutter die Neuigkeit. Tichon nahm eine frische Zeitung, tat so, als würde er lesen, lauschte aber mit halbem Ohr jedem Wort.
— Nun, was soll man da groß überlegen? Er ist ja nicht allein, seine Mutter kommt — lass Warjka ruhig hingehen. Aber eins: danach lädst du ihn zu uns ein. Sobald du bei ihm warst — lad ihn her. Und dann sehen wir, was er sagt.

Die Sorge Warjas war unbegründet. Vera Petrowna erwies sich als freundliche, aufgeschlossene Frau, und Warjas Erscheinen freute sie ehrlich. Eine Woche später reiste sie ab, und Sergej kam, wie verabredet, bald darauf zu Besuch ins Haus der Tichonows.

Danach trafen Warja und Sergej sich bis zum Winter regelmäßig, und als er ihr schließlich einen Heiratsantrag machte, konnte sie sich erst nicht durchringen, aus Angst, sich wieder zu irren. Im Büro sah man die beiden mit Zustimmung an und mutmaßte bereits über die bevorstehende Hochzeit.

An jenem Tag fiel der Schnee in großen, flaumigen Flocken und hüllte die Erde in eine weiße, glitzernde Decke. Drinnen war es warm und gemütlich, der angeheizte Ofen knisterte fröhlich, auf den Tischen standen Schüsseln mit duftenden Kuchen. Und draußen, am Tor, hatten sich schon die Gäste versammelt, um die jungen Leute zu begrüßen.

— Der Bräutigam ist mit Brille — das heißt, der ist klug, — meinte eine Tante voller Respekt.
Kira, die ältere Schwester, lachte leise:
— Ach, Sergej Nikolajewitsch ist auch ohne Brille klug. — Sie rückte ihr festliches Tuch zurecht und schaute mit Stolz auf ihre Schwester, die so glücklich und strahlend war.

Ein Jahr später bekam das junge Paar ein neues Haus, gerade erst gebaut, speziell für junge Fachkräfte. Und fünf Jahre später wuchsen bei den Wiktorows schon zwei kleine Racker heran.

Sergej Nikolajewitsch war im ganzen Bezirk bekannt und geachtet — für sein Wissen und seinen unglaublichen Fleiß. Bald bot man ihm eine Stelle im Bezirkszentrum mit Beförderung an. Warja und Sergej berieten sich und nahmen an. Am meisten bedauerte es der Vorsitzende, der sich den Kopf darüber zerbrach, woher er nun einen ebenso guten Agronomen nehmen sollte.

Luka und Lisa lebten anfangs ruhig. Doch dann begannen sie immer häufiger zu streiten und zu zanken, man erzählte, Lisa sei sogar einmal von ihm fortgegangen — er war krankhaft eifersüchtig, auf jeden und alles. Und wäre nicht der zwei Kinder wegen, hätte sie ihn vielleicht ganz verlassen. So liefen sie beide mürrisch herum, wortkarg, als trügen sie eine schwere Last auf den Schultern.

Die Eltern Warjas hatten den früheren Schwiegerleuten die Kränkungen längst verziehen und grüßten sie bei Begegnungen, auch wenn von der alten Herzlichkeit natürlich nichts geblieben war. Ksenija senkte schuldbewusst die Augen, wenn sie Marina traf, und fragte manchmal schüchtern, wie es Warja gehe, wie sie lebe. Danach seufzte sie und ging langsam heimwärts.

Als die Kinder von Warja Tichonowna und Sergej Nikolajewitsch längst erwachsen waren, erinnerte sich im Dorf kaum noch jemand an den Tag, als Luka gesagt hatte: „Ich bringe euch eure Tochter zurück.“ Nur zwei alte Frauen, die auf der Bank vor dem Haus saßen, erwähnten es ab und zu in Gesprächen über alte Zeiten.

Sergej Nikolajewitsch blieb schließlich mit der Familie im Bezirkszentrum wohnen, obwohl man ihn mehrfach in die Stadt holen wollte. Aber ihre Kinder — der erwachsene Sohn und die Tochter — die nach dem Studium in der Großstadt lebten, würden wohl kaum je in die Heimat zurückkehren. Sie würden ihr Leben in der großen Stadt aufbauen.

— Was soll man machen, — sagte Sergej mit sanfter Wehmut, die Entscheidung der Kinder akzeptierend. — Sie sind aus dem Nest geflogen, nun gehen sie ihren eigenen Weg. Dafür sind Kinder da — um weiterzugehen als wir.

— Sergej, iss etwas und ruh dich aus, du hast wieder bis Mitternacht über den Unterlagen gesessen, und heute ist Sonntag, — sagte Warja liebevoll und richtete das Tischtuch.

— Jawohl, Warjetschka, ich werde es tun, — antwortete er lächelnd und legte sich auf das Sofa, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Er döste fast sofort ein, und sie saß daneben, blickte aus dem Fenster, hinter dem derselbe flauschige, leise fallende Schnee wirbelte wie an ihrem Hochzeitstag.

Er legte sich auf die Erde, hüllte alles in ein weißes, reines Tuch, wusch alte Kränkungen und Schmerzen fort und schenkte das Gefühl eines neuen Anfangs. Leise trat sie zu ihrem Mann, sah, dass er mit einem sanften Lächeln eingeschlafen war.

Sie nahm eine weiche, warme Decke und deckte ihn vorsichtig zu. Zufrieden, erfüllt von tiefer, stiller Ruhe, ging sie in die Küche, um das Geschirr wegzuräumen — und jeder ihrer Schritte klang wie eine leise, helle Melodie ihres neuen, echten Glücks.

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