— Du hast ein Abendessen nur für uns zwei versprochen! Und jetzt ist der ganze Tisch voller fremder Leute! — Die Augen der Ehefrau glänzten vor Verletzung.

Wera saß an einem kleinen Tisch in der Ecke des Cafés und beobachtete ihre neue Familie. Maxims Eltern diskutierten laut die neuesten Neuigkeiten aus dem Leben der Nachbarn, seine Schwester Alina blätterte im Menü auf der Suche nach den teuersten Gerichten. Maxim erzählte seinem Vater lebhaft von irgendeiner Arbeitssituation. Niemand schaute in ihre Richtung.
— Werja, was nimmst du? — fragte die Schwiegermutter, ohne den Blick vom Menü zu heben. — Hier gibt es ausgezeichnete Steaks.
— Ich habe schon gewählt, — antwortete Wera leise.
Die Schwiegermutter nickte und tauchte sofort wieder in das Gespräch mit ihrem Mann ein, darüber, welche Renovierung ihre Bekannten geplant hatten. Wera knüllte den Rand der Serviette in ihren Händen zusammen. Fünf Jahre Ehe. Man sollte glauben, sie wäre daran gewöhnt, dass sie an ihrem eigenen Geburtstag zur bloßen Dekoration wurde. Doch jedes Mal überrollte sie der Schmerz mit derselben Wucht.
— Maxim, erinnerst du dich an die Petrowas? — fragte Alina laut. — Die haben sich letzte Woche scheiden lassen. Stell dir das vor!
— Was? Wirklich? — Maxim wandte sich seiner Schwester zu und vergaß endgültig seine Frau. — Was ist passiert?
Wera trank einen Schluck Wasser aus dem Glas. Ihr Hals schnürte sich vor Kränkung zusammen. Ihr Geburtstag war wieder zu einem weiteren Familientreffen geworden, bei dem sie überflüssig war. Der Kellner brachte die Gerichte, und alle machten sich mit gutem Appetit über das Essen her. Maxims Eltern bestellten noch weitere teure Getränke. Niemand fragte Wera nach ihrer Meinung.
— Stoßen wir auf das Geburtstagskind an! — erinnerte sich Maxim plötzlich und hob sein Glas.
Alle hoben widerwillig ihre Gläser, stießen kurz an und kehrten sofort zu ihren Gesprächen zurück. Wera lächelte mechanisch. In ihr zog sich alles vor Schmerz und Enttäuschung zusammen.
Der Abend neigte sich dem Ende zu. Der Kellner brachte die Rechnung und legte sie vor Wera. Sie warf einen Blick auf die Summe — fünfundzwanzigtausend Rubel. Niemand tat auch nur so, als wolle er bezahlen.
— Danke für den wundervollen Abend, Werotschka, — sagte die Schwiegermutter, als sie vom Tisch aufstand. — Das war wirklich sehr nett von dir.
Schweigend holte Wera ihre Karte hervor und bezahlte. Maxim half seiner Mutter bereits beim Anziehen des Mantels und plauderte fröhlich mit seinem Vater. Sie gingen hinaus auf die Straße, wo schon zwei Taxis warteten — eines für Maxims Eltern und Alina, das andere für sie und ihren Mann.
Im Auto war Maxim bester Laune. Er lehnte sich zurück und seufzte zufrieden.
— Das war doch ein tolles Fest! — sagte er begeistert. — Mama war so froh! Und Papa war richtig gut drauf. Ich habe sie lange nicht mehr so zufrieden gesehen.
Wera schwieg und klammerte sich mit den Fingern an den Riemen ihrer Handtasche. Ihre Knöchel waren vor Anspannung ganz weiß. In ihrer Brust wuchs die Kränkung, vermischt mit Wut. Maxim schwärmte weiter davon, wie großartig alles gewesen sei, ohne ihren Zustand zu bemerken.
— Und Alinka hat auch aufgeblüht! Sie war in letzter Zeit so bedrückt, — fügte er hinzu. — Gut, dass wir uns alle zusammengefunden haben.
Wera schaute aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Lichter der Stadt. In ihrem Kopf kreiste nur ein Gedanke — warum erträgt sie das? Warum lässt sie zu, dass sie so behandelt wird? Der Taxifahrer schaltete das Radio ein, und ein fröhliches Lied schnitt ihr in die Ohren. Wera schloss die Augen und versuchte, die aufsteigenden Tränen zurückzuhalten.
— Warum schweigst du? — bemerkte Maxim schließlich. — Bist du müde?
Wera antwortete nicht. Was hätte sie sagen sollen? Dass ihr eigener Geburtstag sich wieder in ein Fest für seine Familie verwandelt hatte? Dass sie eine enorme Summe bezahlt hatte, nur um den ganzen Abend in einer Ecke zu sitzen und zuzusehen, wie man sie ignorierte?
Das Auto hielt vor ihrem Haus. Wera stieg als Erste aus dem Taxi und ging schnellen Schrittes zum Eingang. Maxim bezahlte den Fahrer und eilte ihr nach.

In der Wohnung zog Wera die Schuhe aus und ging ins Wohnzimmer. Die Zweizimmerwohnung, ihr Eigentum noch vor der Ehe, empfing sie mit der gewohnten Stille. Maxim betrat den Raum hinter ihr, noch immer in gehobener Stimmung.
— Wer, warum schmollst du denn? — fragte er und zog sein Jackett aus. — Es ist doch alles gut gelaufen!
Wera drehte sich abrupt um. In ihren Augen funkelten Tränen voller Wut.
— Gut? Für wen gut, Maxim? — Ihre Stimme zitterte vor unterdrückten Emotionen.
— Na, für wen wohl… — begann Maxim verwirrt.
— Ich habe deine Familie nicht zu meinem Geburtstag eingeladen! — schrie Wera. — Ich wollte den Abend mit dir verbringen, nur wir zwei! Und sie sind unangekündigt aufgetaucht!
Maxim wollte etwas erwidern, doch Wera ließ ihn nicht zu Wort kommen.
— Fünfundzwanzigtausend, Maxim! Sie haben für fünfundzwanzigtausend gegessen und getrunken! — Ihre Stimme brach. — Und keiner kam auch nur auf die Idee, vorzuschlagen, die Rechnung zu teilen!
— Sie wollten dich doch nur gratulieren… — sagte Maxim unsicher.
— Gratulieren? — Wera lachte bitter. — Deine Mutter hat mich den ganzen Abend nicht einmal angesehen! Du hast die ganze Zeit mit deinen Eltern und deiner Schwester geredet! Mich — das Geburtstagskind — hast du überhaupt nicht beachtet!
— Wera, übertreib nicht…
— Ich übertreibe? — Wera machte einen Schritt auf ihn zu. — Nenn mir auch nur einen Moment des ganzen Abends, an dem sich jemand von ihnen an mich gewandt hat! Nur einen!
Maxim schwieg und trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Wera schüttelte den Kopf und ging an ihm vorbei ins Bad. Sie musste diesen Tag, diesen Schmerz, diese Demütigung von sich abwaschen. Heißes Wasser strömte über ihren Körper, vermischte sich mit den Tränen. Wera stand unter der Dusche, bis ihre Haut rot wurde und das heiße Wasser aufhörte zu fließen.
Als sie das Bad verließ, stellte sie fest, dass Maxim bereits schlafen gegangen war. Typisch. Er mied Konflikte und versteckte sich im Schlaf. Wera legte sich auf ihre Bettseite, doch der Schlaf wollte nicht kommen. Im Dunkeln zogen die Bilder der letzten Jahre an ihr vorbei.
Der Sommerurlaub im letzten Jahr. Sie hatten ein halbes Jahr dafür gespart, eine romantische Reise geplant. Eine Woche vor der Abreise rief die Schwiegermutter an — sie müsse dringend ans Meer, aus gesundheitlichen Gründen. Und statt Romantik verbrachte Wera zwei Wochen damit, sich ihre Beschwerden anzuhören, diätisches Essen zu kochen und mit ihr am Strand zu sitzen, während Maxim sich auf den Wasserrutschen amüsierte.
Der Geburtstag ihrer Mutter. Wera hatte extra einen Tisch im Restaurant reserviert, die Gästeliste erstellt. Und am Tag der Feier erschienen Maxims Verwandte — alle. Ihre Mutter lächelte verunsichert, versuchte eine freundliche Gastgeberin zu sein, obwohl es an Plätzen und Essen fehlte. Die Feier war ruiniert.
Jedes Wochenende. Samstags kam die Schwiegermutter mit Kuchen und Neuigkeiten. Sonntags fuhren sie zu Maxims Eltern zum Mittagessen. Wera und ihr Mann hatten kaum noch Zeit, allein zu sein. Wenn Wera zu widersprechen versuchte, war Maxim beleidigt — wie könne man seine Familie nicht sehen wollen?
Zwei Wochen waren seit diesem schrecklichen Geburtstag vergangen. Wera und Maxim sprachen kaum miteinander. Als am Samstag die Schwiegermutter anrief und ankündigte, dass sie zu Besuch käme, packte Wera schweigend ihre Sachen und ging spazieren. Sie lief drei Stunden durch den Park, bis sie eine Nachricht von ihrem Mann erhielt, dass sie zurückkommen könne.
— Mama war enttäuscht, — sagte Maxim, als sie zurückkam. — Sie hat extra einen Kuchen gebacken.
Wera zuckte mit den Schultern und ging ins Schlafzimmer. Es war ihr egal. Die Erschöpfung von dieser Beziehung hatte ihren Höhepunkt erreicht. Sie wollte nicht länger darum kämpfen, die Aufmerksamkeit ihres eigenen Mannes gegen seine Familie zu verteidigen.
Ihre sechste Hochzeitstagsjubiläum rückte näher. Wera dachte nicht einmal an eine Feier, doch plötzlich zeigte Maxim Initiative. In der Küche kam er auf sie zu und umarmte sie von hinten.
— Wer, ich habe einen Tisch im Restaurant für unseren Jahrestag reserviert, — flüsterte er ihr ins Ohr. — In dem italienischen, das du so magst.
Wera spannte sich in seinen Armen an.
— Nur wir zwei? — fragte sie, ohne sich umzudrehen.
Maxim zögerte eine Sekunde, dann nickte er.
— Natürlich nur wir, — versicherte er. — Ich verspreche, alles wird gut. Wie früher.
Wera drehte sich um und sah ihm in die Augen. In ihnen lag Aufrichtigkeit. Vielleicht hatte er es wirklich verstanden? Vielleicht würde sich etwas ändern? Sie erlaubte sich, daran zu glauben.
Die nächsten zehn Tage verliefen relativ ruhig. Maxim war aufmerksamer, blieb abends öfter zu Hause. Er sagte sogar das sonntägliche Mittagessen bei seinen Eltern ab und schob es auf die Arbeit. Wera begann aufzutauen.
Am Tag des Jubiläums zog sie ihr Lieblingskleid an, das blaue — jenes, das sie zu ihrem ersten Date getragen hatte. Maxim war ungewöhnlich still, während sie sich fertig machten. Wera schob das auf Nervosität.
Sie stiegen vor dem Restaurant aus dem Taxi. Maxim ließ ihr den Vortritt und hielt ihr die Tür auf. Wera betrat den Saal — und erstarrte. Am Fenster, an einem großen Tisch, saß die gesamte Familie von Maxim. Die Schwiegermutter winkte ihnen fröhlich zu und bedeutete, näherzukommen. Maxims Vater hob sein Glas zur Begrüßung. Alina tippte eilig etwas in ihr Handy.
Wera drehte sich langsam zu ihrem Mann um. Tränen liefen ihr bereits über die Wangen und verwischten die Wimperntusche.
— Maxim… — Ihre Stimme bebte.
— Wer, hör mir zu, — begann er hastig. — Das ist doch ein wichtiges Ereignis für die ganze Familie! Sechs Jahre — ein bedeutendes Datum! Mama meinte, es wäre falsch, ohne sie zu feiern. Sie waren doch bei unserer Hochzeit, sie haben uns geholfen…

— Du hast es versprochen, — flüsterte Wera. — Du hast ein Abendessen nur für uns zwei versprochen! Und jetzt sitzt hier ein ganzer Tisch voller fremder Menschen!
— Wie können wir denn fremd sein? — mischte sich die herangetretene Schwiegermutter ein. — Wir sind eine Familie! Und du benimmst dich egoistisch, Wera. Man darf sich nicht von den Angehörigen abgrenzen!
Maxim schwieg und starrte auf den Boden. Die Schwiegermutter fuhr fort, Wera über die Bedeutung familiärer Werte zu belehren, über die Dankbarkeit, die man zeigen müsse. In Wera riss etwas. Die Geduld, die sie jahrelang gesammelt hatte, war plötzlich aufgebraucht.
Sie wandte sich Maxim zu. In ihren Augen waren keine Tränen mehr — nur Müdigkeit und Entschlossenheit.
— Wird es immer so sein? — fragte sie leise. — Wird deine Familie immer wichtiger sein als ich?
Maxim hob den Blick zu seiner Mutter, als würde er bei ihr eine Antwort suchen. Dieser Blick sprach Bände. Ja, es würde immer so sein. Er würde sie niemals wählen.
Langsam zog Wera ihren Ehering ab. Das Metall war noch warm von ihrer Haut. Sie nahm Maxims Hand und legte ihm den Ring hinein.
— Deine Familie ist da, — sagte sie ruhig. — Dann feier mit ihnen. Ich gehe nach Hause.
— Wera, warte! — rief Maxim.
— Soll sie doch gehen! — empörte sich die Schwiegermutter. — Sie stellt sich ja nur hysterisch an!
Wera drehte sich um und verließ das Restaurant. Hinter ihr hörte sie die Stimmen, doch sie blickte nicht zurück. Draußen hielt sie ein Taxi an und nannte die Adresse. Der Fahrer fragte etwas über das Wetter, doch Wera hörte nicht zu. Vor ihren Augen stand Maxims Gesicht — verwirrt, aber nicht bereit, sie zu verteidigen.
Zu Hause zog sie sich nicht einmal um. Direkt im Kleid begann sie, die Sachen ihres Mannes zu packen. Hemden, Hosen, Krawatten — alles flog in die Koffer. Die Hochzeitsfotos ließ sie stehen — soll er sie mitnehmen, wenn er will. Als er zurückkam, standen im Flur bereits drei Koffer und zwei Taschen.
— Wera, lass uns reden, — begann Maxim von der Tür aus. — Du hast das alles falsch verstanden. Familie ist wichtig. Mama hat recht…
— Maxim, — unterbrach ihn Wera. — Ich will nicht jeden glücklichen Moment mit deiner Familie teilen. Jedes Fest, jedes Wochenende, jeden Urlaub. Ich habe dich geheiratet, nicht deine gesamte Verwandtschaft.
— Aber es ist doch normal, Zeit mit den Eltern zu verbringen! — empörte sich Maxim.
— Zeit verbringen — ja. Ihr Leben führen — nein, — Wera deutete auf die Koffer. — Wenn du dich nicht von deiner Mutter lösen kannst, brauchst du keine Frau. Dann geh zurück unter ihre Fittiche.

— Wera, aber das ist doch unsere Wohnung…
— Meine Wohnung, — korrigierte sie ihn. — Vor der Ehe erworben, erinnerst du dich? Nimm deine Sachen und geh.
Maxim wollte etwas entgegnen, doch Wera schob ihn mit den Koffern zur Tür hinaus. Die Tür fiel ins Schloss. Wera lehnte sich mit dem Rücken dagegen und rutschte langsam zu Boden.
Der Hochzeitstag wurde zu ihrem Trennungstag. Ironisch, wie symbolisch das war. Wera saß auf dem Flurfußboden und dachte über die bevorstehende Scheidung nach. Darüber, wie sie nicht gleich erkannt hatte, dass Maxim schlicht nicht fähig war, ein selbstständiger Mann zu sein. Er sah immer zu seiner Mutter auf, suchte immer ihre Zustimmung. Und sie, Wera, hatte jahrelang gehofft, dass es vorbeigehen würde. Dass er erwachsen würde.
Aber manche werden nie erwachsen. Sie bleiben ewige Kinder. Und das ist ihre Entscheidung. Nur wollte Wera mit so einem Menschen nicht länger leben.
Ja, es tat weh. Ja, es war bitter. Aber dieser Schmerz würde vergehen. Und die Freiheit vom ständigen Beisein fremder Menschen in ihrem Leben — die würde bleiben. All das lag nun hinter ihr.