— Was machst du da, deine eigene Schwester mit den Kindern einfach auf die Straße zu setzen? — rief die Mutter empört. — Am Meer wohnt ihr also, und die Verwandtschaft…

— Maaama! Darf ich einen kleinen Kuchen essen? Maaama, wenigstens die Hälfte! — Varyas Stimme drang aus der Küche, über das Geräusch des laufenden Wassers und das Summen der Lüftung hinweg.
Olga stand im Badezimmer vor dem Spiegel, in ein Frotteehandtuch gewickelt, trocknete sich die Haare und lächelte unwillkürlich. Tropfen liefen ihr über die Schultern, das Shampoo duftete nach Lavendel.
— Erst nach dem Brei, Häschen! Kuchen ist wie eine Belohnung.
Für einen Moment wurde es still, dann seufzte Varya mit übertriebener Verzweiflung:
— Na guuut… Aber dann esse ich meinen Brei ganz schnell!
Olga nickte sich selbst im Spiegel zu, knüllte das Handtuch zusammen und ging hinaus, während sie sich im Gehen die Jogginghose überzog. Maxim stand barfuß mit einer Tasse Kaffee auf dem Balkon. Unten schwankten die Kronen der Palmen, irgendwo schlug eine Autotür zu. Die Luft war warm, leicht feucht, mit salzigem Meeresgeruch und dem Duft blühender Akazien.
Er nahm einen langsamen Schluck Kaffee, zog sein Handy hervor und scrollte durch die Fotos. Auf einem war die Fassade des neuen Hauses, frisch, hell, auf der Veranda zwei Klappstühle, an der Wand ein Haufen Bauabfälle. Junge Bäumchen standen etwas abseits, noch dünn und empfindlich, aber schon lebendig. Er berührte den Bildschirm, schrieb eine kurze Nachricht und fügte das Foto bei:
„Drei Jahre lang abends gebaut — jetzt sind wir fertig.“
Er schickte es in den Familienchat. Dann blieb er stehen, drückte die Tasse ans Kinn und lauschte, wie Varya in der Küche mit dem Löffel gegen den Teller klapperte.
Am Abend knetete Olga den Teig. Die Hände voller Mehl, die Haare zum Dutt gebunden, die Nase juckte, aber anfassen ging nicht — sonst wäre alles weiß. Varya saß am Tisch und zeichnete — ihr Bärchen bekam unter dem Buntstift lange Wimpern und einen regenbogenfarbenen Schwanz.
Maxim starrte wieder ins Handy. Erst prüfte er, ob die Nachricht vielleicht hängen geblieben war. Dann öffnete er den Chat. Kein einziges Wort. Nur eine Nachricht von seiner Schwester. Nur fünf Wörter, aber sie trafen wie eine Ohrfeige:
„Wenigstens war Großmutters Wohnung nicht umsonst weg.“
Maxim las es laut vor und hielt Olga schweigend das Handy hin. Sie warf, während sie die Hände am Schurz abwischte, einen kurzen Blick drauf und seufzte schwer.
— Wundervoll, sagte Olga laut, ohne aufzuschauen. — Kein „gut gemacht“, kein „Glückwunsch“. Nur ein Vorwurf. Wie immer.
Maxim wandte den Blick ab, steckte das Handy in die Tasche, richtete sich auf und rieb sich den Nacken.
— Ich habe nichts anderes erwartet, sagte er leise. — Alles wie vorhersehbar.
Durch die angelehnte Terrassentür kam ein kühler Luftzug. Im Haus war es still, nur Varya kicherte, während sie dem Bärchen violette Zähne ausmalte.
Olga sah ihren Mann an:
— Vielleicht hätten wir es gar nicht schicken sollen. Wir hätten es für uns behalten sollen. Wozu überhaupt?
Maxim zuckte die Schultern:
— Ich wollte es nur teilen. Nicht angeben. Einfach teilen. Wir haben es doch mit unseren eigenen Händen gebaut…
Sie trat zu ihm, berührte leicht seine Schulter mit ihrer staubigen Hand:
— Wir wissen, wer gebaut hat. Und wie viel es uns gekostet hat. Das reicht.
Eine Woche später wusch Maxim das Auto an der Waschstraße, das Wasser lief über die Karosserie, Sonnenreflexe tanzten auf der Motorhaube. Er hatte sich gerade die Hände abgetrocknet, als das Handy vibrierte. Auf dem Display erschien der Name seines Cousins.
— Max! Hi! Hör zu, wir haben überlegt — vielleicht kommen wir im Sommer zu euch? Haus am Meer und so… die Kinder träumen schon lange von Urlaub.
Maxim lehnte sich an die Säule und sah zu, wie die Tropfen auf die Fliesen fielen.
— Ich weiß nicht… Wir sind noch nicht fertig, überall Chaos, wir leben noch in einem einzigen Zimmer. Für Gäste wirklich nicht geeignet.
— Ach was! Wir sind total anspruchslos. Zur Not auf der Matte auf dem Boden! Hauptsache Meer! — lachte der Cousin.
Maxim schwieg. Er wollte etwas sagen, aber die Worte fanden sich nicht.
— Denk einfach drüber nach, ja? Nur für maximal eine Woche…
— Okay, sagte er knapp und legte auf.
Ein paar Tage später begann der Morgen mit einem Anruf. Das Telefon vibrierte am Rand des Tisches, der Tee war noch warm.
— Weißt du, begann die Schwester ohne Begrüßung, — du bist völlig anders geworden. Nicht mal einlädst du uns. Ihr habt euch da Paläste gebaut für Großmutters Wohnung und haltet euch jetzt für was Besseres…
Maxim umklammerte die Tasse.
— Wir haben zu zweit gebaut. Und das Geld kam sowohl von meiner Wohnung als auch von Oljas Datscha. Drei Jahre ohne Urlaub, ohne freie Tage. Und ja, wir haben es selbst gebaut, mit unseren eigenen Händen.
— Hör mal, wie er redet…
— Nein. Ich bin einfach müde davon, mich zu rechtfertigen, antwortete er in die Stille.
Doch am anderen Ende waren schon die Freizeichen. Er legte das Handy ab, als wäre es heiß.
Am Abend, als Varya eingeschlafen war, machten Olga und Maxim weiter. Eine Glühbirne hing unter der Decke und schwankte im Luftzug. Maxim schraubte Steckdosen fest — in staubigen Jeans, auf den Knien, mit der Taschenlampe zwischen den Zähnen. Olga spülte die Pinsel aus, das Wasser im Eimer war trüb, mit rosafarbenen Schlieren.
— Ich kann nicht mehr, sagte sie und wischte sich die Stirn mit dem Unterarm. — Diese Baustelle ist wie ein dritter Job.
— Halt durch. Es ist fast geschafft. Und dann — alles unseres. Ruhig, einfach, wir.

Sie setzte sich auf den Hocker, umklammerte die Knie.
— Hoffentlich war das alles nicht umsonst.
Er antwortete nicht. Zog das Verlängerungskabel hoch, stand auf und überprüfte, ob das Licht anging.
Am nächsten Tag werkelte Maxim in der Garage. Das Regal hielt endlich in den Dübeln. Staub in der Nase, Hände rochen nach Holz. Wieder klingelte das Telefon.
— Hallo, mein Junge! Hab gehört, euer Haus steht schon? Gut gemacht, gut gemacht. Warum ladet ihr niemanden ein? Luft, Meer… mein Enkel würde euch gern besuchen.
— Onkel Walera, wir leben bisher nur in einem Zimmer. Alles andere ist noch Baustelle.
— Ach komm schon! Ich habe Kamtschatka im Zelt durchwandert, auf dem Boden geschlafen! Irgendwo kriege ich schon ein Plätzchen!
Maxim presste die Lippen zusammen, sagte aber nichts.
Am Abend duftete es in der Wohnung wieder nach Abendessen. Olga briet Zucchini, Varya rollte auf einem Plüschflusspferd über den Boden, machte „wsch-wsch-wsch“ und ließ die Räder rumpeln.
Das Telefon vibrierte erneut. Die Mutter.
— Söhnchen, ich habe mir da so gedacht… ich komme im Sommer zu euch. An die See, die Luft, die Knochen wärmen. In meinem Alter…
Olga sah Maxim an und schüttelte sofort den Kopf:
— Nein, flüsterte sie. — Fang gar nicht erst an.
Maxim seufzte:
— Mama, wirklich — wir haben kein Bad, kein Bett, nicht mal überall Fußboden. Wir kämpfen gerade selbst ums Durchhalten.
— Na gut… Wie du meinst.
Er legte das Telefon weg. Die Luft wurde schwer.
Ein paar Tage herrschte Stille. Sogar Varya bemerkte es:
— Warum ruft Oma nicht an?
— Sie ist sicher beschäftigt, antwortete Olga und holte einen Kirschkuchen aus dem Ofen.
Früh am Morgen, als die Sonne gerade erst den Fenstersims erreichte, klingelte das Telefon — die Schwester. Maxim griff verschlafen danach.
— Hallo?
— Wir sind schon im Zug. Morgen früh sind wir da. Kannst du uns abholen? Wir sind mit den Kindern. Für zwei Wochen, ja?
Maxim setzte sich an den Bettrand:
— Was?
— Na du hast doch gesagt, dass ihr ein Zimmer habt. Wir brauchen nicht viel. Wir sind anspruchslos!
Er starrte an die Wand.
— Ich habe gesagt, wir haben ein Zimmer. Für uns drei. Mehr geht nicht.
Olga, die seinen Ton hörte, kam näher:
— Wer ist das?
Er hielt das Mikrofon zu:
— Meine Schwester. Sie ist schon unterwegs.
— Sie soll gar nicht daran denken, hier einzuziehen. Ich mache aus unserem Zuhause keinen Durchgangsverkehr, ihr Ton war scharf wie Rost auf Metall.
— Hör zu, du fährst umsonst. Wir können euch nicht aufnehmen. Sei nicht beleidigt, aber wirklich — es gibt keinen Platz.
— Aha… sagte sie. Tut-Tut-Tut.
Maxim legte das Telefon weg und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.
Der nächste Morgen zog sich träge. Varya schlief noch, ihre Haare verstreut auf dem Kissen, und im Flur roch es nach nassem Holz — die Lappen vom Abend zuvor, nach dem Streichen, trockneten noch. Olga stand am Herd und schlug Eier in eine Schüssel. Das Öl in der Pfanne zischte bereits, als es an der Tür hartnäckig klingelte…
Maxim erstarrte. Sein Blick glitt zu Olga. Sie schüttelte nur den Kopf, als könne sie nicht begreifen, was geschah. Er ging langsam in den Flur.
Auf der Schwelle stand seine Schwester. In Trainingshosen, mit zerzaustem Pferdeschwanz, in der einen Hand ein Rollkoffer, in der anderen ein Rucksack. Dahinter zwei Kinder: der Kleine mit einem angebissenen Banane, die Ältere mit einem blassen Plüsch-Tiger. Hinter ihnen ein Taxi mit offenem Kofferraum.
— Hallo! — sagte sie gut gelaunt. — Kaum angekommen!

Olga erschien hinter Maxim. Ohne Lächeln. Ohne ein Wort.
— Wir haben doch… — begann er, verstummte aber.
Die Schwester zog die Augenbrauen hoch, als wäre schon der Versuch eines Einwandes eine Beleidigung.
— Was? Freut ihr euch nicht? Ich dachte, ihr bietet wenigstens einen Kaffee an.
— Wir haben keinen Platz, sagte Olga ruhig und beherrscht. — Wir leben wirklich nur in einem Zimmer. Es gibt keinen Schlafplatz. Und keine Bedingungen.
Die Schwester schnaubte.
— Aha. Also „Haus am Meer“, aber Gästen — Tür vor der Nase?
Maxim trat auf die Veranda:
— Wir haben es gesagt. Am Telefon. Dass es nicht geht. Warum bist du trotzdem gefahren?
— Warum hast du denn überhaupt das Foto in den Chat gestellt? Um anzugeben?
Olga hielt den Atem an, nahm Varyas Jacke vom Geländer, als müsse sie sich daran festhalten. Hinter ihnen lugte Varya bereits in den Flur und rieb sich die Augen.
— Kommt, Kinder. Man hat uns hier nicht erwartet, sagte die Schwester und drehte sich zum Taxi um. Die Kinder nahmen wortlos die Tüten. Eine blieb am Türrahmen hängen, etwas fiel heraus.
Maxim ging ihr nach, blieb am Gartentor stehen.
— Warte. Das ist alles falsch. So geht das nicht. Aber wir können auch nicht…
Die Schwester drehte sich nicht um.
Olga folgte ihr, holte sie auf dem Kiesweg ein und fasste sie einen Moment am Ellbogen.
— Wir haben von euch nie ein „Wie geht es euch?“ gehört. Kein „Können wir helfen?“. Aber sobald alles fertig ist — alle sofort da. Wir sind kein Hotel. Und zu nichts verpflichtet.
Die Schwester riss den Arm los.
— Alles klar. Nicht für die Familie gebaut. Jetzt weiß ich, was ihr für Leute seid.
Sie stieg ins Taxi, die Kinder hinterher. Der Wagen wendete und fuhr Richtung Landstraße.
Olga und Maxim standen am Tor. Der Kies knirschte unter den Schuhen. Varya rannte heran und nahm ihren Vater an der Hand.
— Papa, warum ist die Tante beleidigt?
Maxim antwortete nicht.
Ein paar Stunden später klingelte das Telefon. Auf dem Display: „Mama“. Er wollte nicht rangehen. Aber er ging ran.
— Was tust du da? Deine eigene Schwester mit den Kindern auf die Straße gesetzt?!
— Mama, ich habe es ihr gesagt. Wir wohnen auf einer Baustelle. Wir können nicht mal uns drei normal unterbringen. Sie hat es absichtlich gemacht. Ohne anzukündigen. Ohne zu fragen.
— Ach, ihr seid jetzt alle stolz. Wohnt am Meer. Und die Verwandtschaft — Müll, ja?
Er wollte etwas sagen. Tat es aber nicht. Drückte einfach auf „Auflegen“.
Am Abend flammte der Familienchat wieder auf.
Schwester: Heute hat mein Bruder mich rausgeworfen. Kam, um mich zu erholen, und er — auf die Straße. Und selbst hat er sich mit Omas Wohnung ein Palast hingestellt.
Eine Minute später schrieb der Onkel:
So ist das. War mal ein guter Mensch — jetzt überheblich.
Maxim las nicht weiter und tippte auf „Chat verlassen“. Der Bildschirm wurde dunkel.
Währenddessen spülte Olga das Geschirr. Varya saß auf dem Boden und spielte mit Topfdeckeln.
— Schreiben sie?
— Ist nicht mehr wichtig, sagte Maxim und legte das Handy oben auf den Kühlschrank.
Am Morgen wachte er vom Klingeln auf. Wieder die Mutter.
— Maxim, du liegst falsch. Du hast deine Wohnung verkauft und lädst nicht mal Gäste ein. Das ist nicht richtig.
Er setzte sich, die Füße auf dem kalten Boden. Olga im Flur packte Varyas Sachen für den Kindergarten.
— Mama. Wo wart ihr, als wir nachts die Wände verputzten? Als wir beim Essen sparten, um das Rohr für den zweiten Stock zu kaufen? Als wir nachts spachtelten, strichen, drei Stunden schliefen und dann zur Arbeit gingen? Wo wart ihr da?
Die Mutter schwieg.
— Du bist böse geworden, Maxim. Dieses Haus hat dich verändert.

Er sah zum Fenster, wo der Wind die leichten Baumwollvorhänge bewegte.
— Nein, Mama. Ich bin nur müde davon, für alle bequem zu sein. Das ist unser Haus. Mit unseren Händen gebaut. Das ist kein Sanatorium. Und kein Ort, an dem andere auf Kosten von uns Urlaub machen.
— Na dann lebt eben. Wie ihr wollt. — Sie legte auf. Mehr kam nicht.
Den ganzen Tag lief Olga schweigend herum, vertieft in Arbeit — sie kochte Kompott, setzte Setzlinge auf der Veranda um. Varya schnitt Papierblumen aus.
Spät am Abend saßen Olga und Maxim auf den Stufen der Terrasse. Varya schlief. In den Tassen — Pfefferminztee.
— Ich hätte das Foto nie schicken sollen, sagte er leise. — Warum musste ich das tun?
— Nein, sagte Olga. — Es war richtig. Jetzt weißt du nur, wer wirklich wer ist.
Er nickte. Leise. Und plötzlich sagte er laut:
— Großmutter hätte sich gefreut. Sie hat immer gesagt, ich müsse ans Meer.
In der Ferne rauschte das Meer. Trocken, dumpf, friedlich.
Am nächsten Tag, gegen Mittag, klopfte es am Tor. Auf der Schwelle stand Tamara Andrejewna — die Nachbarin, mit der sie manchmal ein paar Worte am Laden wechselten. In den Händen hielt sie einen mit einem Tuch abgedeckten Kuchen.
— Olya, hallo, sagte sie lächelnd. — Ich sehe, ihr seid ja bald fertig mit der Renovierung? Toll. So viel mit eigenen Händen — das bedeutet wirklich viel.
Olga nickte und strich eine Haarsträhne hinters Ohr:
— Es ist sehr anstrengend, ehrlich gesagt.
— Du siehst auch richtig erschöpft aus, bemerkte Tamara Andrejewna und sah ihr ins Gesicht. — Ist alles in Ordnung?
— Die Verwandten rauben uns die Nerven. Seit einem Monat — ständig ruft einer an, dann der andere. Alle wollen hier Urlaub machen. Als hätten wir hier ein Kurhotel eröffnet.
Tamara winkte ab:
— Ach Gott, wie gut ich das kenne. Als Kolja und ich — Gott hab ihn selig — gerade das Haus gekauft hatten, kamen sie in ganzen Herden zu uns. Familienweise. Bis ich eines Tages alle an ihre Plätze gesetzt habe. Seitdem — Ruhe.
Olga lächelte, zum ersten Mal seit Langem ganz aufrichtig.
— Danke Ihnen. Genau ins Schwarze.
Am nächsten Tag wachte Olga vom Klingen der Löffel in der Tasse auf — Maxim bereitete Tee zu. Auf der Veranda roch es nach Erde und etwas Frischem, als würde der Tag versprechen, ein guter zu werden. Von draußen hörte man bereits den Hund hinter dem Zaun bellen. Alles fühlte sich anders an — ruhiger, sauberer. Freier.
Auf der Veranda roch es nach nassen Fliesen — am Vortag hatte es geregnet. Maxim stellte neben die Gießkanne eine Kiste mit Setzlingen. Das Wurzelwerk drückte bereits aus der Plastikverpackung — höchste Zeit.
Auf dem Nachbargrundstück mähte jemand Gras, das Motorbrummen war zu hören. Varya saß am Beet und zeichnete mit einem Stöckchen Muster in die feuchte Erde. Neben ihr lag der Hund — ein Mischling, der sich im Frühling bei ihnen niedergelassen hatte. Sie hatten ihn Pfirsich genannt, obwohl er dunkelgrau war.
— Papa, darf ich helfen? fragte Varya und stand auf.
— Natürlich, Maxim zog einen der Setzlinge heraus. — Nur nicht auf das Loch treten. Schau, hier hinein.
Er setzte das Bäumchen — eine junge Apfelbaum-Sämling — in die ausgehobene Grube und begann, Erde anzuschaufeln. Varya reichte ihm die Gießkanne und trat anschließend vorsichtig die Erde fest.
Olga, im Arbeitskittel, verlegte die Pflastersteine entlang des Weges. Sie arbeitete methodisch, fast meditativ: Stein nehmen, setzen, mit dem Gummihammer festklopfen, mit der Wasserwaage prüfen.
— Noch drei, dann ist es fertig, sagte sie, ohne den Kopf zu heben.
— Ich komme gleich zu dir, nickte Maxim. — Zwei Bäume noch.
Varya lief schon zur nächsten Grube und hockte sich daneben.
Vom anderen Ende des Zauns erklang plötzlich:
— Oooh, bei euch sieht’s ja schon aus wie auf einer Ausstellung! Maxim, Olya, hallo!
Es war Pjotr — der Nachbar, stämmig, mit kurzem grauen Haar, und immer in Shorts, selbst im Winter.
— Hallo, Pjotr Semjonowitsch, rief Maxim zurück. — Kommen Sie auf einen Tee rein?
— Nee, ich bin nur vorbeigelaufen. Wollte nur sagen — ihr seid klasse. Alles selbst gemacht, ohne Hilfe. Respekt. Heute sieht man das selten.
Maxim lächelte. Olga blickte kurz hoch und richtete sich auf.
— Danke. Das bedeutet uns viel.
Pjotr winkte ab und ging weiter.
Maxim pflanzte die restlichen Bäumchen. Varya blieb die ganze Zeit bei ihm. Am Abend zog sich am Zaun bereits eine gleichmäßige Reihe von Setzlingen entlang. Klein, dünn — aber ihre eigenen.
Varya strich mit den Fingern über den dünnen Stamm des nächstgelegenen Bäumchens.
— Papa, gehört dieses Bäumchen jetzt uns?
Maxim hockte sich hin, legte einen Arm um sie.
— Ja, mein Schatz. Alles hier gehört jetzt uns.
Sie nickte, ohne es ganz zu begreifen, aber spürbar beeindruckt.
Im Haus war es ruhig. Das Handy lag längst in der Schublade. Niemand rief mehr an. Niemand fragte, forderte oder erinnerte an sich.
Auf dem Tisch stand Apfelkompott. Im Flur die Schuhe von dreien. An der Wand Varyas Zeichnung: eine Sonne und ein Haus mit grünem Dach.
Olga kam zu ihnen, hockte sich hin, wischte sich die Hände am Schurz ab.
— Fertig, sagte sie und blickte den Weg entlang. — Jetzt können wir einfach leben.
Maxim nickte. Varya nahm beide Eltern an die Hände.
Und plötzlich wurde die Luft still. Nicht draußen — drinnen. Als hätte die Welt aufgehört, etwas zu verlangen.
Maxim strich mit der Hand über die Erde neben dem frisch gepflanzten Bäumchen und ließ den Blick über die Reihe der Setzlinge wandern.
— Wir sind beim Haus geblieben. Aber ohne Verwandte, sagte er leise.
Olga hob den Kopf:
— Glaubst du, wir sind schuld?
Er schüttelte den Kopf:
— Ich glaube nicht. Ich weiß, dass sie beleidigt sind. Vielleicht lange. Vielleicht für immer. Aber, Olya… wir haben niemandem etwas Schlechtes getan. Wir wollten nur nicht nach den Regeln anderer leben. Und das ist kein Verbrechen.
Sie sah ihn an, sagte nichts, nickte dann langsam.
Varya rannte inzwischen lachend der Gießkanne hinterher, verschüttete Wasser, als wäre es das Normalste der Welt.
— So ist es richtig, flüsterte Olga. — Ganz richtig.