Der Plan des Ehemanns und der Schwiegermutter brach nach einem einzigen Anruf des Notars zusammen

Irina stellte die Becher mit den Setzlingen auf der Fensterbank um. Irgendwo tief in der Wohnung waren die gedämpften Stimmen ihres Mannes und ihrer Schwiegermutter zu hören.
Wieder besprachen sie irgendetwas ohne sie. In letzter Zeit waren solche geheimen Gespräche zur Norm geworden.
— Ir, ist das Mittagessen fertig? — Sergej tauchte in der Küchentür auf, das Handy in der Hand.
— In zehn Minuten, — Irina rührte die Suppe um. — Was habt ihr da mit deiner Mutter besprochen?
Der Mann zuckte zusammen. Seine Augen flackerten nervös.
— Ach, nur irgendeinen Unsinn.
— Was für einen Unsinn genau?
— Hör zu, ich merke mir doch nicht jede Kleinigkeit, — Sergej fuchtelte genervt mit der Hand. — Geh lieber und sag Mama, dass das Essen gleich fertig ist.
Irina wischte sich die Hände am Schürzenstoff ab und ging ins Zimmer der Schwiegermutter. Walentina Petrowna saß am Tisch und stopfte hastig irgendwelche Papiere in eine Mappe.
— Walentina Petrowna, das Mittagessen ist in zehn Minuten fertig.
— Gut, — die Schwiegermutter hob nicht einmal den Blick. — Hast du es wieder versalzen?
— Nein, diesmal ist alles in Ordnung, — Irina tat so, als hätte sie die Mappe nicht bemerkt. — Habt ihr da etwas Wichtiges mit Sergej besprochen?
Walentina riss den Kopf hoch.
— Und was geht dich das an? Kann ein Sohn mit seiner Mutter keine privaten Themen haben?
— Natürlich kann er das, — Irina zuckte mit den Schultern. — Ihr habt vor einem Monat über einen Wohnungstausch gesprochen, und jetzt ist es plötzlich still.
— Wir regeln das ohne dich, — schnitt die Schwiegermutter ab. — Geh, mir ist schwindelig.
Beim Mittagessen herrschte angespannte Stille. Sergej starrte in sein Handy, Walentina aß schweigend und mit zusammengepressten Lippen.
— Serjoscha, was ist denn nun mit dem Wohnungstausch? — Irina versuchte, die Sache von einer anderen Seite anzugehen.
Der Mann verschluckte sich.
— Was soll damit sein?
— Na, wir wollten getrennt wohnen. Du hast selbst gesagt: für uns eine Einzimmerwohnung, für deine Mutter eine Einzimmerwohnung.
— Misch dich nicht in Dinge ein, die dich nichts angehen, — mischte sich Walentina ein. — Wir entscheiden das selbst.
— Und ist das etwa nicht meine Angelegenheit? — Irina spürte, wie es in ihr zu kochen begann. — Wer bin ich hier überhaupt?
— Ir, warum fängst du schon wieder damit an? — Sergej verzog das Gesicht. — Jetzt ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt.
Am Abend, als Irina den Abwasch machte, klingelte Nachbarin Nina an der Tür.
— Ir, hast du etwas Salz für mich?
— Komm rein, — Irina holte eine Packung Salz heraus. — Willst du Tee?
— Gern, — Nina ließ sich auf den Hocker fallen. — Wie ist es so bei euch zu dritt?
— Ganz okay, — Irina stellte den Wasserkocher an. — Nur das mit der Wohnung ist irgendwie seltsam.
— Wie meinst du das?
— Wir wollten umziehen, und jetzt machen mein Mann und meine Schwiegermutter irgendetwas hinter meinem Rücken und halten mich außen vor.
Nina wandte den Blick ab.
— Und du weißt nichts davon? — Irina sah sie aufmerksam an.
— Hör zu, ich will nicht tratschen, aber … — Nina senkte die Stimme. — Ich war gestern beim Notar, um Unterlagen zu regeln. Und deine Schwiegermutter saß dort auch. Sie sagte irgendetwas über ein Erbe, das sie ihrem Sohn überschreiben will.
In Irina zog sich alles zusammen.
— Welches Erbe? Die Wohnung etwa?
— Ich weiß es nicht genau, — Nina rührte in ihrem Tee. — Aber sie tuschelten da. Vielleicht irre ich mich.
Als die Nachbarin gegangen war, stand Irina lange am Fenster. Dreißig Jahre Ehe, und der Mann plante etwas hinter ihrem Rücken. Zusammen mit Mütterchen — wie immer.
Am nächsten Tag bemerkte Irina, wie Sergej das Handy versteckte, sobald sie den Raum betrat. Und die Schwiegermutter kündigte an, dass sie «Erledigungen» habe — zum dritten Mal in einer Woche.
— Wieder zum Notar? — Irina konnte sich nicht zurückhalten.

Walentina erstarrte in der Tür.
— Woher weißt du…?
— Egal, — Irina wandte sich dem Fenster zu. — Richtet schöne Grüße aus.
In dieser Nacht konnte Irina nicht schlafen. Sergej schnarchte neben ihr, und sie starrte an die Decke und dachte daran, dass sie in ihrer eigenen Familie zu einem Nichts geworden war.
— Warum weiß ich überhaupt nichts? — Irina hielt es beim Frühstück nicht mehr aus. — Wer bin ich für euch — eine Fremde?
Sergej erstarrte mit der Tasse in der Hand.
— Wovon redest du?
— Von euren Geheimnissen! Vom Notar! Von den Papieren, die ihr versteckt!
— Ir, warum regst du dich so früh am Morgen so auf? — Der Mann stellte die Tasse ab. — Welche Geheimnisse denn?
— Halt mich nicht für dumm, Serjoscha, — Irina schlug mit der Hand auf den Tisch. — Dreißig Jahre sind wir zusammen, und du schmiedest mit deiner Mutter irgendwelche Pläne.
Walentina betrat die Küche mitten im Streit.
— Was soll dieses Geschrei?
— Na, Irka dreht gerade durch, — Sergej breitete die Arme aus. — Sie sieht in allem irgendwelche Papiere.
— Und was ist mit dem Notar? — Irina wandte sich zur Schwiegermutter. — Nina hat euch dort gesehen!
Walentinas Gesicht wurde kreidebleich.
— Diese Tratschtante … — Sie presste die Lippen zusammen. — Man sollte solchen Gänsen keinen Glauben schenken.
— Also wart ihr dort! — Irina spürte, wie ihr die Tränen hochstiegen. — Was habt ihr vor? Wollt ihr mich ohne Wohnung dastehen lassen?…
— Beruhige dich doch, hysterische Frau, — Walentina ließ sich auf den Stuhl sinken. — Serjoscha, erklär es ihr.
— Ir, das sind einfach nur die Unterlagen für Mamas Wohnung, — der Mann wich ihrem Blick aus. — Wir machen nichts Schlimmes.
— Und warum verheimlicht ihr es dann?
— Weil du immer alles dramatisierst! — Sergej sprang abrupt auf. — Wie jetzt gerade! Ich gehe zur Arbeit, klärt das unter euch.
Er knallte die Tür zu. Irina und Walentina blieben in schwerem Schweigen zurück.
— Ich werde es sowieso herausfinden, — sagte Irina leise.
Die Schwiegermutter verzog höhnisch die Lippen.
— Wärst du klüger, würdest du dich da raushalten.
Am Abend rief Irina ihre Freundin Tanja an.
— Tanj, ich weiß nicht, was ich tun soll, — ihre Stimme zitterte. — Sie planen irgendetwas. Und Serjoscha lügt mir ins Gesicht.
— Frag ihn direkt — wollt ihr euch etwa scheiden lassen?
— Ich habe Angst, — gestand Irina. — Was, wenn er es wirklich will?
— Dann ist es besser, die Wahrheit zu wissen, als sich weiter zu quälen.
Doch Irina brachte es nicht übers Herz. Jeden Abend wartete sie darauf, dass Sergej selbst das Gespräch suchte, etwas erklärte. Doch er kam spät, aß schweigend und verschwand zum Fernseher.
Eine Woche später merkte Irina, dass sie abnahm — vor Stress bekam sie kaum einen Bissen herunter. Sie schlief schlecht und zuckte bei jedem Telefonklingeln zusammen.
Am Freitag verkündete Walentina, dass sie übers Wochenende zu einer Freundin ins Schrebergartenhaus fahre.
— Serjoscha, können wir reden? — Irina versuchte, ihren Mann in der Küche abzufangen.
— Worüber? — er war gereizt und ungeduldig.
— Über uns. Über die Wohnung. Über das, was passiert.
— Ir, wie oft denn noch? Es passiert doch nichts! — er schob sie beiseite und ging ins Zimmer.
Am Samstag, als Sergej «Erledigungen» hatte, klingelte das Festnetztelefon. Irina nahm ab.
— Hallo?
— Guten Tag. Hier spricht Marina Viktorowna, Notarin. Kann ich mit Irina Sergejewna sprechen?
Irinas Herz schlug ihr bis zum Hals.
— Ja, die bin ich.
— Sehr gut. Ich brauche Sie am Montag bei mir im Büro zur Unterzeichnung der Unterlagen.
— Welche Unterlagen? — Irina krallte sich so fest in den Hörer, dass ihre Finger weiß wurden.
— Zur Vermögensaufteilung. Ihr Ehemann und seine Mutter waren bereits hier, aber ohne Ihre Unterschrift können wir die Transaktion nicht abschließen.
Irina sank langsam auf den Stuhl.
— Welche Transaktion?
— Haben sie es Ihnen nicht erklärt? — verwundert klang die Notarin. — Dann besprechen wir das lieber persönlich. Ich erwarte Sie am Montag um zehn. Die Adresse lautet…
Mit zitternder Hand schrieb Irina die Adresse auf. Als sie den Hörer auflegte, wurde es in der Wohnung ohrenbetäubend still. Also doch. Sie hatten etwas geplant — Valentina und Sergej — und wollten es ihr bis zum allerletzten Moment verschweigen.
Sie saß bis zum Abend im Sessel. Schaltete den Fernseher nicht ein, kochte nicht. Sie starrte nur an die Wand und dachte nach.
Als die Wohnungstür zuschlug, drehte Irina nicht einmal den Kopf.
— Warum sitzt du im Dunkeln? — Sergej knipste das Licht an. — Und es gibt kein Abendessen?
— Die Notarin hat mich angerufen, — sagte Irina leise.
Sergej erstarrte im Türrahmen.
— Welche Notarin?
— Marina Viktorowna. Sie erwartet mich am Montag für die Unterschrift zur Vermögensaufteilung.

Das Gesicht des Mannes verzog sich.
— Ir, ich kann das erklären…
— Was kannst du erklären? — endlich sah sie ihn an. — Dass ihr beide alles hinter meinem Rücken beschlossen habt?
— Es ist nicht so, wie du denkst! Wir wollten nur das Beste!
— Für wen das Beste, Serjoscha? Für mich? Oder für euch?
Sergej ließ sich schwer in den Sessel fallen und rieb sich das Gesicht.
— Du verstehst es nicht. Mama meint…
— Es ist mir egal, was deine Mutter meint! — Irina sprang auf. — Wir sind seit dreißig Jahren verheiratet! Dreißig! Und du stehst noch immer unter ihrem Pantoffel!
— Schrei nicht!
— Doch, ich schreie! — Tränen sammelten sich in ihren Augen. — Weißt du, wie ich mich den ganzen Monat gefühlt habe? Wie ein Eindringling im eigenen Haus! Wie eine Fremde!
Sergej seufzte schwer.
— Mama hat gesagt, du würdest einen Skandal machen, wenn du es erfährst.
— Was sollte ich denn erfahren, Serjoscha? Was?
— Wir haben beschlossen, nicht zwei Wohnungen zu nehmen, — er sprach leise und starrte auf den Boden. — Sondern diese zu verkaufen und ein Haus außerhalb der Stadt zu kaufen. Für Mama und mich.
— Und ich? — Irina rang nach Luft. — Soll ich etwa auf der Straße landen?
— Warum übertreibst du? Du würdest eine Entschädigung bekommen…
— Eine Entschädigung?! — sie konnte es nicht fassen. — Ihr zieht ins Haus und ich darf mit dem Geld sehen, wo ich bleibe?!
— Was ist so schlimm daran? — er hob endlich den Blick. — Wir leben doch kaum noch wie Eheleute. Du hast selbst gesagt, du willst getrennt wohnen.
— Ich wollte getrennt von deiner Mutter leben! Nicht von dir!
In diesem Moment klingelte Sergejs Telefon. Er zog es heraus, sah auf den Bildschirm und drückte den Anruf weg.
— Mama ruft an, — murmelte er. — Sie will wissen, wie du reagiert hast.
— Ihr habt alles geplant, — Irina schüttelte den Kopf. — Sogar meine Reaktion.
— Ir, mach doch keine Tragödie daraus…
— Was soll ich denn machen?! Mich freuen, dass ihr mich aus eurem Leben entfernt?
Das Telefon klingelte erneut. Sergej seufzte und ging ran:
— Ja, Mama. Ja, sie weiß es. Nein, jetzt ist kein guter Moment.
Irina riss ihm das Telefon aus der Hand.
— Walja, ich weiß alles! — schrie sie in den Hörer. — Euer Plan ist gescheitert! Am Montag gehe ich zum Notar und erfahre meine Rechte!
— Beruhig dich, du Idiotin! — ertönte die scharfe Stimme der Schwiegermutter. — Gib Serjoscha das Telefon!
— Nein! Schluss damit! Ich bin nicht deine Dienerin!
Sie warf das Telefon auf das Sofa und wandte sich zu ihrem Mann.
— Ich gehe fürs Wochenende zu Tanja. Und am Montag gehe ich zum Notar.
— Ir, wohin willst du denn mitten in der Nacht? — Sergej versuchte, sie aufzuhalten. — Lass uns in Ruhe reden.
— Dreißig Jahre hattet ihr Zeit, mit mir zu reden! — Sie griff nach ihrer Tasche und begann, wahllos Dinge hineinzuwerfen. — Und weißt du was, Serjoscha? Ich bin sogar froh, dass es so gekommen ist. Jetzt sehe ich, wer du wirklich bist.
Sie stürmte aus der Wohnung, ohne zuzuhören, was ihr Mann ihr hinterher rief. Draußen war es kalt, doch Irina spürte es nicht. In ihrem Kopf kreiste nur ein Gedanke: „Wie konnte er nur?“
Tanja öffnete die Tür und schnappte nach Luft:
— Ir! Was ist passiert?
— Sie wollten mich ohne Wohnung sitzen lassen, — Irina brach schon im Türrahmen in Tränen aus. — Serjoscha und seine Mutter. Sich selbst ein Häuschen kaufen und mir ein paar Krümel lassen.
— Diese Mistkerle! — Tanja zog ihre Freundin hinein. — Komm rein, ich mache dir gleich Tee.
Das ganze Wochenende verbrachte Irina bei Tanja. Das Telefon explodierte fast vor lauter Anrufen von Sergej, aber sie ging nicht ran. Am Sonntagabend kam eine Nachricht: „Mama ist zurück. Lass uns reden. Komm nach Hause.“
— Wage es ja nicht! — fauchte Tanja. — Erst zum Notar. Dort erfährst du, was Sache ist.
— So mache ich es auch, — nickte Irina.
Am Montag, Punkt zehn Uhr, betrat sie das Büro der Notarin. Marina Viktorowna, eine energische Frau mittleren Alters, schüttelte ihr herzlich die Hand.
— Kommen Sie, setzen Sie sich. Ihr Mann und die Schwiegermutter müssten gleich eintreffen.
— Wissen sie denn, dass ich hier sein werde? — Irina staunte.
— Natürlich. Ich habe ihnen klargemacht: Ohne Sie gibt es keine Unterschriften.
Nach fünf Minuten öffnete sich die Tür. Sergej und Walentina kamen herein. Die Schwiegermutter verzog das Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Sergej wagte keinen Blick.

— Gut, alle sind da, — die Notarin breitete die Unterlagen aus. — Also, wir haben hier den Verkauf der Wohnung unter der Adresse…
— Moment, Moment! — unterbrach Irina sie. — Ich verstehe überhaupt nicht, was hier passiert. Mir hat niemand etwas richtig erklärt.
Marina Viktorowna sah überrascht die beiden an.
— Sie haben das zu Hause nicht besprochen?
— Nein, — sagte Irina fest. — Sie haben mir nichts gesagt, bis Sie mich angerufen haben.
— Na gut, — die Notarin rückte ihre Brille zurecht. — Kurz gesagt: Ihr Mann und seine Mutter wollen die Wohnung verkaufen und ein Haus außerhalb der Stadt kaufen. Aber die Wohnung gehört Ihnen beiden gemeinsam, also geht ohne Sie gar nichts.
— Und was soll aus mir werden? — Irina umklammerte ihre Tasche.
— Laut den eingereichten Papieren steht Ihnen eine finanzielle Entschädigung zu — ein Viertel des Wohnungswerts.
— Ein Viertel?! — Irina sprang fast auf. — Ich habe aber Anspruch auf die Hälfte!
— Ganz genau, — nickte die Notarin. — Deshalb habe ich Sie ja eingeladen. Diese Papiere sind absoluter Unsinn.
Walentina verfärbte sich grünlich.
— Was soll der Blödsinn! Serjoscha hat gesagt, ihr seid euch einig!
— Einig worüber denn? — empörte sich Irina. — Ich habe erst am Samstag vom Notar erfahren, dass ihr da etwas ausheckt!
Die Notarin richtete ihren strengen Blick auf Sergej.
— Sie haben mich in die Irre geführt. Solche Unterlagen ohne Zustimmung der Ehefrau sind wertlos.
— Hab ich dir doch gesagt, Mama, — murmelte Sergej. — Wir hätten gleich vernünftig mit Irka reden müssen.
— Und was jetzt? — Walentina schlug mit der Hand auf den Tisch. — Alles umsonst?
— Nicht unbedingt, — sagte die Notarin ruhig. — Sie können eine neue, faire Vereinbarung aufsetzen.
— Nein, — sagte Irina plötzlich entschlossen. — Keine Vereinbarungen.
Alle sahen sie überrascht an.
— Wissen Sie, ich habe dreißig Jahre wie ein Fußabtreter gelebt. Gemacht, was man mir gesagt hat. Geduldet. Und was bekomme ich dafür? Ihr wolltet mich mit einem Viertel abspeisen und rausschmeißen.
Sie stand auf.
— Marina, ich will mich scheiden lassen. Und das Vermögen aufteilen. Gesetzlich, über das Gericht.
— Irka, was tust du da? — Sergej hob endlich den Kopf. — Wir können doch irgendwie…
— Nein, Serjoscha. Können wir nicht. Ich glaube dir kein einziges Wort mehr.
— Undankbare dumme Gans! — fauchte Walentina. — Wir haben dich ernährt und versorgt, und du…
— Halt den Mund, — unterbrach Irina sie. — Du hast immer zwischen uns gestanden. Und du, Serjoscha, hast immer sie gewählt. Nie mich.
— Irina hat recht, — sagte die Notarin unerwartet. — Sie haben sich wirklich unfair verhalten. Ich kann Ihnen eine gute Anwältin empfehlen, — wandte sie sich an Irina.
Drei Monate später teilte das Gericht das Vermögen. Irina erhielt die gesetzliche Hälfte und kaufte sich eine kleine, aber gemütliche Wohnung im Nachbarviertel.

Zum Einzug brachte Tanja eine Torte und Sekt mit.
— Na, wie ist es? — fragte sie und verteilte den prickelnden Inhalt in die Gläser.
Irina sah sich um. Klein, aber ihr eigenes. Niemand nörgelt. Niemand tuschelt hinter ihrem Rücken.
— Verdammt, Tanj, ich fühle mich wie neu geboren, — sie lächelte. — Zum ersten Mal seit dreißig Jahren lebe ich für mich selbst.
— Und Serjoscha?
— Er und seine Mutter haben sich doch ihr Häuschen gekauft. Kleiner, als sie wollten, aber gekauft. Sollen sie da glücklich werden.
— Tut es dir nicht leid?
Irina schüttelte den Kopf.
— Ich bereue nur eins — dass ich nicht früher gegangen bin. So viele Jahre an sie verschwendet.
Sie hob ihr Glas.
— Auf ein neues Leben. Ohne Rückblick. Ohne Angst. Mein eigenes Leben.
— Auf dein Leben, — Tanja stieß mit ihr an.
Und zum ersten Mal seit vielen Jahren fühlte Irina — jetzt ist alles richtig.