— Ja, ich habe eine Wohnung. Ja, sie gehört mir. Nein, meiner Schwiegermutter gebe ich die Schlüssel nicht!

— Ja, ich habe eine Wohnung. Ja, sie gehört mir. Nein, meiner Schwiegermutter gebe ich die Schlüssel nicht!

Ksenia rührte wieder einmal im Borschtsch und schaute missmutig auf die zwei mickrigen Rote-Bete-Stückchen, die träge an der Oberfläche trieben, während ihr Mann seit einer halben Stunde auf dem Sofa im Handy herumstocherte.

In der Küche roch es nach Knoblauch und gereizter Stimmung.

— Wladimir, ich bitte dich wirklich, — Ksenia versuchte ruhig zu sprechen, doch ihre Stimme kippte trotzdem ein wenig, — kannst du endlich den Müll rausbringen, bevor deine Mutter kommt?

— Warum bist du wie eine kaputte Schallplatte? — antwortete Wladimir träge, ohne den Blick vom Bildschirm zu heben. — Mama wird sowieso sagen, dass bei uns Chaos herrscht. Dann hat sie wenigstens nicht ganz unrecht.

— Großartige Logik, — fauchte Ksenia. — Vielleicht reißen wir gleich die Tapeten ab und kippen überall Dreck hin, damit der Eindruck perfekt ist?

Sie hatte kaum ausgesprochen, da ertönte an der Tür ein bestimmtes, fast herrisches Klopfen.

Keine Klingel — genau ein Klopfen.

Ksenia wischte sich die Hände an der Schürze ab und ging öffnen.

Auf der Schwelle stand wie immer Tamara Petrowna — im Mantel bis zum Hals zugeknöpft, mit einer Frisur, die aussah, als hätte sie die halbe Haarspray-Abteilung aufgebraucht. In den Händen — eine Tüte, aus der ein Baguette und ein Glas eingelegte Gurken ragten.

— Oh, die Hausherrin! — sagte die Schwiegermutter mit spitzem Blick. — Kochen wir wieder unser Spezialgericht? Schon wieder diese rosafarbene Suppe?

— Das ist Borschtsch, Tamara Petrowna, — antwortete Ksenia geduldig. — Klassisch, so wie Sie ihn mögen.

— Borschtsch… — zog die Schwiegermutter gedehnt, als sie in den Topf schaute. — Der sieht ja aus wie Kompott mit Zwiebeln. Wer hat dir überhaupt kochen beigebracht?

— Mama, — mischte sich Wladimir ein und stand vom Sofa auf. — Wir haben doch gesagt, Ksjuscha hat ihre eigene Art.

— Kunst haben Künstler, — schnitt Tamara Petrowna ab. — Eine Hausfrau aber sollte eine normale Suppe kochen.

Ksenia biss sich auf die Zunge, um nichts Scharfes zu sagen.

Doch es wurde schlimmer. Tamara Petrowna zog den Mantel aus, stellte die Tüte auf den Tisch und verkündete geschäftig:

— Also, Kinder. Ich bin wegen eines ernsten Gesprächs hier.

Wladimir spannte sich an. Ksenia ebenfalls. „Ernstes Gespräch“ bedeutete normalerweise, dass jemand Schuld hatte — und dieser Jemand war fast immer Ksenia.

— Die Sache ist die… — die Schwiegermutter holte ihre Brille hervor und begann in einigen Papieren zu blättern. — Eine Nachbarin hat mir zugeflüstert, dass Ksenias Großmutter gestorben sei.

— Schon seit einem Jahr, — entgegnete Ksenia trocken.

— Eben! — rief Tamara Petrowna triumphierend. — Also ist eine Wohnung übrig geblieben.

Ksenia erstarrte.

— Woher wissen Sie das? — fragte sie und versuchte, ihre Stimme ruhig zu halten.

— Ich habe meine Quellen, — sagte die Schwiegermutter bedeutungsvoll. — Und ich finde, es wäre richtig, wenn ihr die Wohnung sofort auf Wolodja überschreibt. Damit sie in der Familie bleibt.

— Und ich bin was? Keine Familie? — Ksenia verschränkte die Arme.

— Du… na ja, verstehst du, — die Schwiegermutter tat so, als würde sie nach den passenden Worten suchen, — Ehefrauen kommen und gehen. Aber ein Sohn — der bleibt für immer.

— Aha. Also ich komme und gehe, und Wladimir steht hier wie ein Möbelstück? — Ksenia verengte die Augen. — Großartige Metapher, danke.

— Ksjuscha, fang bitte nicht an, — mischte sich Wladimir ein und kratzte sich am Hinterkopf. — Mama hat recht, das ist doch logisch.

— Logisch?! — Ksenia lachte fast, doch das Lachen klang trocken. — Wladimir, das ist meine Großmutter, meine Wohnung. Warum um alles in der Welt sollte sie dir gehören?

— Weil du seine Frau bist! — hob Tamara Petrowna die Stimme. — Du sollst an deinen Mann denken, nicht an dich.

— Und Sie sollten an Ihren Sohn denken, und nicht an fremdes Eigentum, — Ksenia kochte innerlich bereits. — Und außerdem — die Wohnung ist keine „Familienreliquie“. Sie gehört mir persönlich.

— Genau — solange du in unserer Familie bist, — bemerkte die Schwiegermutter giftig.

Ksenia spürte, wie sich in ihr alles zusammenzog.

— Wladimir, — sie wandte sich an ihren Mann, — wirst du auch nur ein einziges Mal auf meiner Seite stehen?

Wladimir seufzte, wandte aber den Blick ab:

— Ksjuscha, ich denke nur… Mama hat recht. Die Wohnung wäre für uns sehr nützlich. Wir könnten sie verkaufen, ein Häuschen außerhalb der Stadt kaufen…

— Und dann würde ich dort mit Ihrer Mutter auf einem Grundstück leben? — Ksenia lachte. — Das wäre kein Haus, das wäre eine Strafkolonie.

— Man sieht, dass du undankbar bist, — zischte Tamara Petrowna. — Wir denken doch nur an dich, mein Sohn und ich, und du…

— Oh, natürlich, an mein Glück denken Sie! — unterbrach Ksenia sie. — Vor allem wenn Sie jede Woche kommen und prüfen, wie ich das Geschirr spüle.

— Weil du es spülst, als würdest du es mit dem linken Fuß machen, — grinste die Schwiegermutter.

Ksenia schwieg. Sie wusste: Ein einziges weiteres Wort — und es würde ein Streit werden, den das ganze Haus hören würde.

Doch innerlich brach alles über sie herein.

Sie riss sich die Schürze ab, warf sie auf den Tisch und sagte kalt:

— Gut. Ich habe verstanden, warum Sie hergekommen sind. Danke für die Gurken. Gehen Sie bitte.

— Was heißt das, willst du mich rauswerfen? — Tamara Petrowna riss überrascht die Augenbrauen hoch.

— Ich bitte Sie zu gehen. Und dich auch, Wladimir, — fügte Ksenia hinzu und sah ihren Mann an. — Ich muss nachdenken.

— Ksjuscha, du übertreibst, — begann er, doch Ksenia drehte sich bereits um und ging ins Schlafzimmer, wo sie die Tür hinter sich zuknallte.

Aus der Küche klang empört:

— Siehst du, Sohn? Das ist ihr wahres Wesen!

Ksenia stand, lehnte sich an die Tür und verstand zum ersten Mal seit Langem:

Es sieht so aus, als müsse sie nicht nur ihre Wohnung verteidigen, sondern ihr ganzes Leben ändern.

Ksenia wachte davon auf, dass im Flur jemand laut die Schranktür zuschlug.

Die Schläfrigkeit wich, und ein schweres Vorahnen breitete sich in ihr aus.

In der Küche saß Wladimir — mit einer Tasse Kaffee und dem Gesichtsausdruck eines Menschen, der gleich etwas Unangenehmes sagen wird.

Auf dem Tisch lagen einige Papiere, daneben — ein Handy, auf dessen Display eine Nachricht von „Mama“ blinkte.

— Wir müssen reden, — sagte er, ohne aufzusehen.

— Ganz schön viel Pathos am Morgen, — Ksenia setzte sich ihm gegenüber. — Was ist denn? Hat der Borschtsch wieder nicht die richtige Farbe?…

— Ksjuscha, mach keine Witze, — er presste die Lippen zusammen. — Du verstehst doch, dass die Sache mit der Wohnung nicht einfach in der Luft hängen kann.

— Sie hängt nicht, — antwortete Ksenia ruhig. — Die Wohnung gehört mir.

— Das geht so nicht, — Wladimir hob den Blick. — Das ist falsch. Mama hat recht: Wir sind eine Familie, alles sollte gemeinsam sein.

— Aha, gemeinsam. Vor allem, wenn es mir gehört, — Ksenia lächelte spöttisch. — Aber wenn es etwas von dir ist, dann ist es natürlich „heilig“.

— Verdreh nicht alles, — er runzelte die Stirn. — Wir könnten sie verkaufen, den Kredit abbezahlen, endlich ein Auto kaufen…

— Ein Auto, mit dem du deine Mutter jeden Morgen zum Markt fahren wirst? — Ksenia lehnte sich zurück. — Eine großartige Investition.

— Du machst aus allem absichtlich einen Witz, — sagte er gereizt. — Aber ich meine es ernst. Wenn du die Wohnung nicht auf mich überschreibst, dann…

— Dann was? — Ksenia verengte die Augen.

— Dann reiche ich die Scheidung ein, — stieß Wladimir aus, als hätte er einen Stein von sich geworfen.

Stille senkte sich über den Raum.

Nur die Uhr tickte träge an der Wand, als würde sie die Sekunden bis zur Explosion herunterzählen.

— Wunderbar, — sagte Ksenia schließlich. — Also lass uns das klarstellen: Du bist bereit, die Ehe zu zerstören, weil ich dir die Wohnung meiner Großmutter nicht schenken will?

— Du übertreibst maßlos! — er sprang auf. — Es geht nicht um die Wohnung, sondern darum, dass du nicht an uns als Team denken willst.

— Ein Team? — Ksenia hob die Augenbrauen. — Ein Team bedeutet, dass beide auf dasselbe Tor spielen. Aber im Moment sehe ich: Du spielst zusammen mit deiner Mutter, und ich — allein.

— Weil Mama recht hat! — rief er. — Sie will uns doch nur helfen.

— Oh ja, ich weiß genau, wie sie „hilft“, — Ksenia lächelte bitter. — Erst kritisiert sie mein Kochen, dann lässt sie durchblicken, ich sei nicht gut genug für ihren Sohn, und jetzt will sie mir auch noch mein Erbe wegnehmen.

— Du übertreibst, — wiederholte er, diesmal jedoch leiser.

Ksenia spürte, wie in ihr die Wut aufstieg. Nicht nur Beleidigung — sondern der Impuls, einfach eine Tasche zu nehmen und wegzugehen, ohne sich umzusehen.

— Wladimir, — sie stand auf und blickte von oben auf ihn herab, — seien wir ehrlich: Wenn ich die Wohnung morgen auf dich überschreibe, lässt deine Mutter mich dann endlich in Ruhe?

— Na ja… — er zögerte. — Ich denke schon.

— Das ist also die Wahrheit, — sagte Ksenia kalt. — Du bist bereit, mit unserer Ehe zu handeln, nur um deiner Mutter den Frieden zu schenken.

Er wandte sich ab, holte sein Handy heraus und tippte etwas.

— Mama, sie versteht es nicht, — sah Ksenia noch auf dem Bildschirm, bevor er ihn wegdrehte.

— Hervorragend, — ihre Stimme zitterte, doch sie fing sich. — Richte deiner Mutter aus, dass ich auch etwas verstanden habe.

Sie ging ins Schlafzimmer, holte einen Koffer und begann, ihre Sachen einzupacken.

Ein paar Minuten später erschien Wladimir in der Tür.

— Du gehst? — in seiner Stimme lag mehr Verwirrung als Zorn.

— Ja, — antwortete sie knapp. — Wenn du dich für deine Mutter und ihre Ratschläge entschieden hast, mache ich dir Platz für ein gemeinsames Leben.

— Ksjuscha, dramatisier nicht, — er machte einen Schritt auf sie zu, doch sie wich zurück.

— Das ist kein Drama, — sie sah ihm direkt in die Augen. — Das ist der Schluss des ersten Akts.

— Du bist verrückt geworden, — er packte sie am Arm, aber Ksenia riss sich los.

— Lass mich los, — sagte sie fest. — Und ja, ich nehme alles mit. Sogar den Wasserkocher.

— Den Wasserkocher? — er blinzelte verwirrt.

— Ja. Symbol unserer Ehe: eigentlich nützlich, aber ständig am Zischen, — sie warf den letzten Pullover in den Koffer und schlug ihn zu.

Wladimir stand schweigend da.

Ksenia ging an ihm vorbei, ohne sich umzudrehen.

Im Flur hörte sie noch, wie er leise, fast flüsternd sagte:

— Mama, sie ist weg.

Und plötzlich musste sie lachen.

Lachen darüber, dass sie wirklich glaubten, sie könnten sie mit Drohungen und Manipulationen kleinmachen.

Doch irgendwo tief in ihr war das Lachen bitter — denn sie wusste: Der eigentliche Krieg lag erst vor ihr.

Die neue Wohnung empfing Ksenia mit dem Geruch von altem Holz und völliger Stille.

Die Großmutter hätte gesagt: „Die Wände erinnern sich an alles.“

Ksenia schloss die Tür hinter sich und fühlte zum ersten Mal seit Langem: Das hier war ihr Raum.

Drei Tage lebte sie wie im Trancezustand: rief einen Schlosser, wechselte die Schlösser aus, bestellte eine neue Tür.

Wladimir rief an, schrieb, hämmerte in den Messengern.

Sie antwortete nicht.

Am vierten Tag ertönte ein Klingeln — live.

Durch den Spion — Tamara Petrowna, mit genau dem Gesichtsausdruck, der gleichzeitig Beleidigung, Verachtung und unerschütterliche Selbstgerechtigkeit ausstrahlte.

Ksenia öffnete langsam — aber nur bis zur Türsperre.

— Glaubst du ernsthaft, dass du einfach so gehen und damit ist alles erledigt? — fragte die Schwiegermutter mit giftigem Lächeln.

— Ja. Und es muss so sein, — antwortete Ksenia ruhig.

— Ksjuscha, — die Stimme wurde weich, doch gerade das machte sie nur noch unangenehmer, — wir sind doch eine Familie. Wir haben gemeinsame Interessen.

— Ihr und euer Sohn — ja, — Ksenia entfernte die Kette nicht. — Ich habe jetzt meine eigenen.

— Du bist verpflichtet, die Wohnung abzugeben, — Tamara Petrowna hörte sofort auf, Nettigkeit zu spielen. — Andernfalls wird Wolodja die Aufteilung des Vermögens beantragen.

— Soll er doch, — Ksenia zuckte die Schultern. — Dann teilen wir auch gleich den Wasserkocher.

— Was? — die Schwiegermutter blinzelte verwirrt.

— Lange Geschichte, — Ksenia lächelte trocken.

— Ksjuscha, du ruinierst dein Leben! — schrie Tamara Petrowna plötzlich. — Glaubst du, ohne Mann wird es leicht? Du wirst in einem Monat angekrochen kommen!

— Wissen Sie, — Ksenia sah ihr direkt in die Augen, — ich schlafe lieber allein in meiner eigenen Wohnung, als das Bett mit einem Muttersöhnchen zu teilen.

Tamara Petrowna lief rot an.

— Das hat dir also deine Großmutter beigebracht?!

— Ja, — Ksenia lächelte plötzlich. — Sie sagte immer: „Schütze, was dir gehört. Männer kann man wechseln, eine Wohnung — nur selten.“

Ein Türknall.

Tamara Petrowna blieb draußen vor der Schwelle stehen, murmelte etwas über Undankbarkeit.

Eine Woche später saß Ksenia im Gerichtssaal.

Wladimir kam mit seiner Mutter, sie — mit ihrem Anwalt.

— Die Wohnung ist das persönliche Eigentum meiner Mandantin, — sagte ihr Vertreter fest. — Sie wurde geerbt und unterliegt daher nicht der Aufteilung.

Wladimir knetete eine Mappe in seinen Händen, und Tamara Petrowna flüsterte ihm ununterbrochen etwas ins Ohr.

Der Richter fällte schnell das Urteil: Die Wohnung bleibt bei Ksenia, und das gesamte gemeinsam erworbene Vermögen wird halbiert.

Im Flur nach der Sitzung versuchte Wladimir auf sie zuzugehen:

— Ksjuscha, wir hätten das doch friedlich regeln können…

— Friedlich? — sie drehte sich abrupt zu ihm um. — Meinst du damit, als du und deine Mutter versucht habt, mich aus meinem eigenen Zuhause zu drängen?

— Ich wollte nur… dass wir…

— Dass wir was? — unterbrach sie ihn. — Dass ich nach euren Regeln lebe? Keine Chance.

Sie wandte sich ab und ging, ließ ihn mit seiner Mutter zurück, die bereits einen neuen Monolog über „gewissenlose Frauen“ begann.

Am Abend öffnete Ksenia eine Flasche Champagner.

Allein. Ohne Trinksprüche und Gäste.

Sie blickte aus dem Fenster auf die Lichter der Stadt und dachte, dass es ja, schwer werden würde.

Aber schwer ist es, wenn man in einem fremden Leben lebt.

Jetzt aber hatte sie ihr eigenes.

Das Handy vibrierte:

„Mama, sie hat gewonnen.“

Die Nachricht war an sie… versehentlich geschickt worden.

Ksenia lachte.

Lange, bis die Tränen kamen. Denn das war ein Punkt. Ein lauter. Ein endgültiger.

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