„Lenotschka, unterschreib!“ — Mein Mann wollte mir einen Kredit anhängen, aber ich habe ihm den ganzen Plan verdorben…

„Lenotschka, unterschreib!“ — Mein Mann wollte mir einen Kredit anhängen, aber ich habe ihm den ganzen Plan verdorben…

– Len, ich habe da nachgedacht. Die Wohnung deiner Tante müssen wir verkaufen.

Lena erstarrte mit dem Teller in der Hand. Nasser Buchweizen rieselte auf den alten Linoleumboden.

– Wie verkaufen, Timur? Bist du verrückt geworden? – Sie stellte den Teller erschöpft auf den Tisch, die Beine dröhnten nach der 24-Stunden-Schicht in der Chirurgie. – Wir hatten doch vereinbart… Das ist für die Zukunft.

Timur schnaubte. Er lehnte am Türrahmen, geschniegelt, duftend nach teurem Parfüm, das überhaupt nicht zu dem Geruch von gekochtem Kohl und Baldrian passte, der sich fest in diese Küche gefressen hatte.

– Welche „Zukunft“, Len? Die Zukunft ist jetzt! Ich brauche ein vernünftiges Auto und nicht diese Rostlaube da vorm Fenster. Ich bin Verkaufsmanager, ich muss gut aussehen! Und den Rest investieren wir. Kaufen eine Garage, stecken es ins Geschäft. Geld muss arbeiten und nicht als toter Ballast in einer „Großtanten“-Renovierung liegen.

Er sagte das leicht, selbstsicher, als würde er über sein eigenes Eigentum verfügen. Dabei hatte Lena diese Wohnung erst vor einem Jahr von ihrer Cousine geerbt. Eine kleine, heruntergekommene Zweizimmerwohnung in einem Schlafviertel, aber sie war ihre. Persönlich.

– Timur, das ist meine Wohnung, – Lena versuchte ruhig zu bleiben, doch ihre Finger ballten sich von selbst. – Mein Erbe. Und ich will sie nicht verkaufen. Unser Auto fährt noch. Und „investieren“… Du hast schon einmal meine Mutterschaftsgelder in irgendeine Pyramide „investiert“.

Sein Gesicht verhärtete sich sofort. Die Selbstzufriedenheit fiel ab wie billige Vergoldung.

– Das wirfst du mir immer noch vor? Ich habe damals auch für die Familie gehandelt! Und überhaupt, was ist das für ein Gerede? „Mein“, „dein“… Sind wir eine Familie oder was? Ich habe dir die besten Jahre gegeben, und du rechnest mir Pfennige vor?!

– Ich rechne nicht… – begann sie, doch er fiel ihr ins Wort.

– Was verstehst du schon von Geld, Krankenschwester? Dein Gehalt ist doch ein Witz. Ich allein trage die ganze Familie – und meine Mutter auch noch!

– Wag es nicht, so zu reden, Timur! – Lena fuhr auf. – Ich bin tage- und nächtelang im Krankenhaus…

– Eben! Tag und Nacht! – Er machte einen Schritt auf sie zu. – Und ich? Ich soll allein zu Hause sitzen? Warten, während du da irgendwelchen Fremden die Töpfe hinterherträgst? Ich bin ein Mann, ich brauche Aufmerksamkeit!

Im Flur knarrte die Tür. In die Küche trat schwer auf ihren Stock gestützt Ljubow Borisowna. Dünn, hochgewachsen, im alten, aber gepflegten Morgenmantel. Ihr Gesicht, sonst blass und erschöpft von Krankheiten, war jetzt undurchdringlich.

Timur wechselte sofort die Taktik. Ein schmeichelndes Lächeln glitt über seine Lippen.

– Mütterchen, hallo! Wir besprechen hier… organisatorische Dinge. Ich mache Lena einen Vorschlag, und sie stellt sich quer.

Er ging zu ihr, küsste ihre trockene Wange, rückte ihr den Kragen zurecht. Lena schaute mit stiller Traurigkeit zu. Ihr ganzes gemeinsames Leben hatte er sie beide so getäuscht: sie – mit seiner angeblichen Liebe, seine Mutter – mit demonstrativer Fürsorge.

Ljubow Borisowna ging langsam zu ihrem Hocker am Fenster und setzte sich. Schweigend. Endlos lange. Sie blickte in die Dunkelheit hinter der Scheibe, wo ein feiner Oktoberregen begann. In der Küche wurde es so still, dass man hörte, wie Wasser aus dem alten Hahn tropfte. Timur wurde nervös.

– Mam, sag du ihr doch! Die Wohnung steht leer und wir brauchen das Geld. Das Auto…

– Das Auto, – sagte die Schwiegermutter, nicht fragend, sondern feststellend. Sie wandte den Kopf nicht. Ihre leise Stimme klang jetzt wie Stahl. – Ein neues Auto brauchst du. Und Lena, die braucht es nicht, ja?

Timur blinzelte, überrumpelt. Diese Reaktion hatte er nicht erwartet.

– Wieso? Es wäre doch unser gemeinsames! – Er zwang sich wieder zu lächeln. – Wir sind doch eine Familie!

– Familie, – wiederholte Ljubow Borisowna tonlos. – Das bedeutet, alles ins Haus zu bringen, Timur. Nicht aus dem Haus.

– Was redest du da, Mama?! – fuhr er sie an. – Wie „aus dem Haus“? Ich tue alles für uns! Ich will, dass wir wie normale Menschen leben! Dass du zur Datscha fahren kannst, ohne diese Kiste!

– Zur Datscha komme ich auch mit dem Bus, – endlich wandte sie ihm den Blick zu. Ihre ausgewaschenen Augen sahen ihn hart an, ohne jeden Funken Mitleid. – Ich habe dich nicht großgezogen, damit du deine Frau ausplünderst. Lena hat jedes Recht auf diese Wohnung. Ihre Tante hat sie ihr hinterlassen. Nicht dir.

Lena rang nach Luft. Sie wusste immer, dass die Schwiegermutter sie mochte – manchmal sogar mehr als ihren eigenen Sohn. Ljubow Borisowna, streng und oft unerträglich kritisch, hatte die ruhige, vertrauensvolle Lena sofort akzeptiert. Lena pflegte sie nach den Herzinfarkten, gab Spritzen, kochte Diätbrei – und die Schwiegermutter antwortete mit strenger, aber unerschütterlicher Loyalität. Doch so offene Unterstützung hatte Lena nicht erwartet.

Timur lief rot an.

– Aha, also „Lenotschka“?! Und ich bin nicht mehr der Sohn? Alles für sie, ja?!

– Hör auf zu brüllen, – die Stimme der Schwiegermutter blieb fest. – Mein Blutdruck geht sonst hoch, und dann kann Lena sich wieder mit mir herumplagen. Du kannst doch nur Türen knallen.

– Ja?! Na dann knall ich eben! – schrie er. – Lebt doch allein hier, wenn ihr so klug seid! Wenn ich hier so schlecht bin!

Er griff nach seiner teuren Lederjacke. In diesem Moment piepte sein Telefon im Tascheninneren. Er riss es hastig heraus. Lena sah auf dem leuchtenden Bildschirm den Rand einer Nachricht: „Kätzchen, und wie läuft es? Er…“.

Lenas Herz stolperte und stürzte in eine kalte, zähe Leere. „Kätzchen“. Nicht „Oleg–Ersatzteile“. Nicht „Semen–Reifenwechsel“. „Kätzchen“.

– Wer… wer ist das, Timur? – fragte sie flüsternd, vor ihrer eigenen Stimme erschrocken.

– Geht dich nichts an! – fuhr er sie an und versteckte das Telefon.

– Ach, nichts an… – Lena richtete sich langsam auf. Die Erschöpfung fiel von ihr ab. Stattdessen kam eine klingende, eisige Wut. – Also, wer dir schreibt, geht mich nichts an. Aber meine Wohnung – das geht dich was an?! Für dein „Kätzchen“ reicht das Geld wohl nicht, ja?! Ein Auto für dein „Kätzchen“?!

Sie erkannte ihre eigene Stimme nicht wieder. Timur wich zurück. Er war es nicht gewohnt, sie so zu sehen. Er kannte nur die gutmütige, leise Lena, die ihm alles verzieh – die betrunkenen Eskapaden, die „verschwundenen“ Gehälter, die offensichtigen Lügen.

– Was… was erlaubst du dir, du graue Maus?! – zischte er, mit einem Schlag all seine gespielte Gepflegtheit verlierend. – Wer braucht dich denn außer mir? Sieh dich doch an! Abgetragener Bademantel, die Hände stinken nach Creme!

– Ihre Hände riechen nach Arbeit, – schnitt Ljubow Borisowna von ihrem Platz her ein. – Und deine – nach fremdem Parfüm.

Das war ein Treffer in den Solarplexus. Timur rang empört nach Luft.

– Mama! Du jetzt auch? Ihr habt euch abgesprochen, was?!

– Raus, – sagte die Schwiegermutter leise. – Geh. Frisch Luft schnappen. Und nachdenken. Wenn du überhaupt noch womit denken kannst.

Timur sah seine Mutter an, dann seine Frau, und begriff, dass er die Schlacht heute verloren hatte. Er riss mit widerwärtigem Fluchen die Tür auf und stürmte hinaus auf den Treppenabsatz. Die Wohnungstür knallte so heftig, dass im Schrank die Gläser klirrten.

In der Küche senkte sich Stille. Nur der Regen trommelte gegen das Fensterbrett.

Lena stand wie versteinert. Sie weinte nicht. Die Tränen waren in ihr gefroren, zu einem schweren, eiskalten Kloß.

Ljubow Borisowna erhob sich mühsam. Ging zum Schränkchen, holte ein Glas mit getrockneten Kräutern heraus.

– Das ist, Lenotschka, für die Nerven. Johanniskraut und Minze. Habe ich selbst im Sommer auf der Datscha gesammelt, genau am Peterstag, – sie schüttete die Kräuter in die Teekanne. – Da ist jetzt die meiste Kraft drin. Trink es… Und an die Wohnung – darfst du gar nicht erst denken. Er hat da nichts zu entscheiden.

Sie stellte die Kanne auf den Tisch. Lena sah in das faltige, strenge Gesicht der Schwiegermutter – und plötzlich begriff sie, dass sie in diesem Haus einen echten Verbündeten hatte.

– Ljubow Borisowna… er… er kommt doch nicht zurück, oder?

Die Schwiegermutter lächelte schief, aber wenig heiter.

– Er kommt zurück, Lenotschka. Wo soll er denn hin. Solche kommen immer zurück. Irgendwo müssen sie ja wohnen. Und etwas essen müssen sie auch. Er wird angekrochen kommen.

Und tatsächlich kam er zurück. Am nächsten Morgen. Leise, verknittert, mit einem billigen Strauß Astern in der Hand. Die Astern, schon vom ersten Frost erwischt, sahen genauso erbärmlich aus wie er.

Er fiel vor Lena auf die Knie, direkt im Flur, und vergrub das Gesicht in ihrer Schürze.

– Vergib mir, Lenusja, vergib dem Dummkopf! Der Teufel hat mich geritten! – murmelte er, während er ihre vom Krankenhaus nach Antiseptikum riechenden, müden Hände küsste. – Ich bin ausgerastet! Ich brauche die Wohnung nicht, ich brauche nichts! Nur dich! Verlass mich nicht, Len…

Lena stand da und sah auf seinen dunklen Hinterkopf. Ihr gutgläubiges Herz zuckte, bereit zu vergeben, zu glauben, aufzunehmen. Er hob den Blick – blau wie bei einem Kind, und genauso verlogen.

– Nie wieder… hörst du, Lena? Nie wieder!

Sie nickte langsam, obwohl in ihr alles schrie: „Lüge!“. Aber sie wollte sich so sehr irren.

Aus ihrem Zimmer, die Tür einen Spalt geöffnet, beobachtete Ljubow Borisowna die Szene schweigend. Sie sah, wie Lena die Astern annahm, wie sie ihrem Mann beim Aufstehen half. Die Schwiegermutter schüttelte nur den Kopf und schloss leise die Tür. Sie kannte ihren Sohn. Das war keine Reue. Das war ein Taktikwechsel…

– Oksanochka, versteh doch, Kätzchen! Mit Gewalt ging’s nicht! Sie hat sich an diese Wohnung gekrallt wie… wie eine Krankenschwester an die Sterilität! Und meine Mutter hat auch noch Öl ins Feuer gegossen!…

Timur flüsterte ins Telefon, während er auf dem Balkon stand und sich fröstelnd in die Jacke kuschelte. In der Küche klapperte Lena mit den Töpfen – sie bereitete ihm das Abendessen zu nach seinem „schweren Tag“.

– Es ist mir egal, warum es nicht geklappt hat! – klang eine quengelige Mädchenstimme in der Leitung. – Du hast mir Türkei im Oktober versprochen! Fünf Sterne! Ich hab’s schon allen Freundinnen erzählt! Lerkas Mann hat ihr einen Pelzmantel gekauft, und du kannst mir nicht mal für einen Urlaub was zusammenkratzen?

– Ich kann’s, Kätzchen, ehrlich! Ich hab schon alles durchdacht! – sprudelte Timur. – Ich geh jetzt anders ran. Durch Zärtlichkeit. Sie ist gutgläubig, sie taut auf. Ich brauche nur, dass sie ein Papier unterschreibt… Eine kleine Vollmacht. Angeblich für die Beantragung einer Wohnnebenkostensubvention für Mama. Und mit dieser Vollmacht kann ich dann…

– Pass bloß auf, Timur! – die Stimme wurde plötzlich hart. – Wenn in einer Woche das Geld nicht da ist, hat Lerkas Mann mich übrigens zum Essen eingeladen. Er schmeißt im Gegensatz zu manchen hier keine leeren Worte rum.

Timur schluckte.

– Wird alles gut, mein Kätzchen. Ganz bestimmt!

Er kam in die Küche zurück wie ausgewechselt.

– Lenotschka, mein Sonnenschein! Du bist sicher so müde! – Er trat hinter sie, legte die Arme um ihre Schultern. Lena zuckte zusammen, entspannte sich aber gleich wieder. Wie sehr sie glauben wollte. – Lass mich das machen. Geh, ruh dich aus. Leg dich hin.

In den nächsten Tagen lebte Lena wie im Nebel. Timur war so, wie er nicht einmal im ersten Jahr ihrer Ehe gewesen war. Er brachte ihr Kaffee ans Bett, ging selbst zur Apotheke, um Medikamente für seine Mutter zu holen, saß abends zu Hause, las Ljubow Borisowna demonstrativ Zeitung vor und ignorierte demonstrativ sein Smartphone.

– Schau an, Lenotschka, – wunderte sie sich selbst, – vielleicht hat dein Ausbruch wirklich gewirkt? Vielleicht bessert er sich ja.

Ljubow Borisowna schnaubte nur und bat Lena, ihr den Blutdruck zu messen.

– Hundertvierzig zu neunzig. Schon wieder, – seufzte Lena und legte das Blutdruckmessgerät beiseite. – Du brauchst die Tablette.

– Ich mag deine Chemie nicht, – knurrte die Schwiegermutter. – Bring mir lieber die Schneeballbeeren, die wir letztes Jahr eingekocht haben. Das ist Medizin. Die muss man, Lenotschka, weißt du wann sammeln? Nicht einfach im Herbst, sondern wenn der erste Frost kommt. Dann verliert sie die Bitterkeit und bekommt ihre ganze Kraft. Gegen den Druck – besser geht’s nicht. Und fürs Herz gut. Mit Zucker zerreiben, eins zu eins, in den Kühlschrank. Morgens ein Löffel, abends ein Löffel.

Lena hörte zu und nickte. Sie mochte diese alltäglichen Weisheiten ihrer Schwiegermutter. Sie hatten etwas Echtes, Bodenständiges, im Gegensatz zu Timurs verlogener Glitzerwelt.

Timur indes verlor keine Zeit.

– Mamul, – setzte er sich eines Abends neben seine Mutter, als Lena nicht zu Hause war. – Also… ich hab mich informiert. Dir steht doch als Arbeitsveteranin eine Subvention für die Wohnung zu. Und bei uns hat sich da ein kleiner Rückstand angesammelt, als ich… na ja… nicht so gut verdient hab. Also, um den Rückstand umzustrukturieren und die Subvention zu beantragen, muss man viel rennen. Du kannst nicht, und Lena ist auf Arbeit. Lass mich das machen?

Ljubow Borisowna kniff die Augen zusammen.

– Du? Durch Ämter rennen? Sowas hat man an dir noch nie gesehen, mein Sohn.

– Aber für dich, Mama! – Er legte theatralisch die Hand auf ihre Schulter. – Man braucht nur eine Vollmacht. Von Lena. Die Wohnung ist ja auf sie eingetragen. Damit sie mir erlaubt, die Unterlagen zu besorgen. Ich hab meinen Bekannten gebeten, er hat ein Formular vorbereitet. Sie unterschreibt – und alles ist erledigt.

– Na gut, mach, – sagte die Schwiegermutter gleichgültig und zuckte mit den Schultern. – Wenn du beschlossen hast, mal nützlich zu sein.

Am Abend inszenierte Timur vor Lena ein regelrechtes Theater.

– Lenotschka, Liebling, ich will Mama helfen. Diese Subvention durchbekommen. Aber was für ein Papierkram! Du weißt doch, wie ich dich schone – ich will nicht, dass du nach der Schicht noch zum Amt rennst. Ich mach das alles selbst. „Unterschreib hier, – er reichte ihr ein sauber gefaltetes Blatt, — das ist nur eine Vollmacht für die Unterlagenbeschaffung“. Reine Formalität.

Lena nahm den Stift. Ihr gutgläubiges Herz war schon bereit, überall zu unterschreiben, wenn nur dieser zerbrechliche Frieden nicht wieder zerbrach. Doch etwas hielt sie zurück. Vielleicht glänzten seine Augen zu sehr? Oder er wandte sich zu lässig zum Fenster ab?

– Timur, was ist das hier… „Generalvollmacht“? – Sie entfaltete das Blatt. – Mit dem Recht auf Verkauf, Schenkung und Erhalt von Geldmitteln?

Timur erstarrte.

– Äh? Das… das ist die Standardform, Len! Juristen schreiben immer sowas, zur Sicherheit! Damit man es nicht zehnmal ändern muss. Du vertraust mir doch?

– Hab vertraut, – sagte Lena leise. Sie sah die Zeilen an, und der Schleier fiel von ihren Augen. „Mit dem Recht auf Verkauf“. „Mit dem Recht auf Schenkung“. „Kätzchen“. „Türkei“. Alles ergab ein einziges, hässliches Bild.

– Also du… – Timur lief rot an, als er begriff, dass der Betrug misslungen war. – Du vertraust mir nicht?! Ich tue alles für die Familie, und du…

– Geh weg, Timur, – Lena legte das Papier auf den Tisch. Ihre Stimme war ruhig und tot.

– Was?! – kreischte er. – Du wirfst mich raus?! Aus meinem eigenen Haus?!

– Das ist nicht dein Haus. Das ist die Wohnung deiner Mutter. Und meine – die, die du so verzweifelt verkaufen wolltest. Geh.

– Wohin soll ich denn?! Mama! – schrie er und rannte ins Zimmer der Schwiegermutter. – Mama, sie schmeißt mich raus!

Ljubow Borisowna saß im Sessel, vollkommen ruhig. Auf dem Beistelltisch neben ihr stand der Telefonhörer – kein Handy, sondern ein alter Wählscheibenapparat.

– Timur, – begann sie ungewohnt laut und deutlich. – Ich habe neulich mit Raissa Petrowna telefoniert. Erinnerst du dich? Vom dritten Eingang? Wir haben zusammen im „Textilkombinat“ gearbeitet.

Timur stutzte.

– Welche Raissa? Was hat die damit zu tun?!

– Die Sache ist die, mein Sohn. Ihre Tochter, Oksana. Sie macht Nägel. Und Raissa hat erzählt, dass die Tochter in die Türkei fliegt. Mit einem Verehrer. So ein großzügiger, so ein verliebter Verehrer… Hat alles bezahlt. Nur gibt’s da wohl ein Problem mit dem Geld. Oksanochka wartet. Hat Angst, dass die Türkei ins Wasser fällt.

Timur wurde so bleich, dass er wie ein Toter aussah. Er starrte seine Mutter an, unfähig, ein Wort herauszubringen. Er hatte völlig vergessen, dass „Oksana–Nägel“ die Tochter von ihrer alten Kollegin war. Die Welt, die er so sorgfältig aufgebaut hatte, brach zusammen.

– Du… Mama… was…

– Ich bin vielleicht alt und krank, mein Sohn, – Ljubow Borisowna erhob sich mühsam, auf ihren Stock gestützt. – Aber ich bin weder taub noch blind. Und im Gegensatz zu dir habe ich viele echte Freundinnen. Ich habe Raissa alles erzählt. Auch von der Wohnung, die Lenotschka geerbt hat, und von deiner „Vollmacht“.

Sie machte eine Pause, damit die Worte sich setzen konnten.

– Oh, wie Raissa geschrien hat. Sagt, sie wird ihre Oksanotschka morgen windelweich prügeln, auch wenn sie schon dreißig ist. Und dass du dich ihr nie wieder nähern sollst. Also…

Die Schwiegermutter trat an ihren erstarrten Sohn heran.

– Geh, Timur.

– Wohin?! – In seiner Stimme war keine Wut mehr, sondern tierische Angst.

– Geh doch… zu Oksana. Mit deinen Sachen. Schau, vielleicht nimmt sie dich ja. Ohne Geld.

Er wollte sich zu Lena stürzen.

– Lenusja! Sie ist schuld! Sie hat das alles eingefädelt! Ich doch…

Lena öffnete schweigend die Wohnungstür.

Er sah ihr ruhiges, fremdes Gesicht an, sah das strenge, unerschütterliche Gesicht seiner Mutter – und verstand, dass es vorbei war. Endgültig. Hier würde für ihn nichts mehr aufleuchten. Er schnappte seine Jacke, die nach fremdem Parfüm roch, und rannte hinaus.

…Eine Woche verging. In der Wohnung wurde es ruhig. Ungewohnt ruhig. Ljubow Borisowna fühlte sich besser – der Blutdruck spielte kaum noch verrückt. Lena rannte nach der Arbeit nicht mehr nach Hause, um rechtzeitig das Abendessen zu schaffen. Sie hielt im Laden an, kaufte sich nicht mehr Hackfleisch im Sonderangebot, sondern ein gutes Stück Käse oder ein Glas Oliven.

Abends saßen sie zusammen in der Küche. Ljubow Borisowna erklärte Lena, wie man Gurken richtig einlegt, damit sie schön knackig werden, und Lena erzählte Krankengeschichten aus dem Krankenhaus.

– Bald kommt der erste Frost, – sagte die Schwiegermutter einmal, während sie aus dem Fenster auf die vergilbten Birken sah. – Zeit für die Schneeballbeeren, Lenotschka.

– Zeit, Ljubow Borisowna, – lächelte Lena. – Werden Sie gesund. Dann fahren wir zur Datscha. Wir sammeln sie. Wir sammeln alles – und bringen alles in Ordnung.

Sie wusste, dass es so sein würde. Vor ihr lag viel Arbeit, viele Mühen, aber zum ersten Mal seit vielen Jahren fühlte sie keine Angst, sondern Zuversicht. Zuversicht, dass nun alles richtig werden würde.

Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: