— Wo steckst du schon wieder? Meine Verwandtschaft ist zu Besuch gekommen, das Abendessen wartet! — brüllte der Ehemann am Telefon.

Galina verließ um halb sieben das Krankenhaus. Ihre Beine schmerzten dumpf, im Kopf war Leere. Zwölf Stunden am Stück. Eine Patientin mit Diabetes — Koma, Intensivstation, die ganze Schicht war dahin.
Sie erreichte die Haltestelle, setzte sich auf die Bank und schloss die Augen. Wenigstens eine Minute. Wenigstens eine Sekunde Ruhe.
Und dann — ein Anruf.
— Hallo?
— Wo treibst du dich rum?! — schrie Viktor so laut, dass sie das Telefon vom Ohr wegzog.
— Witja, ich komme gerade erst aus dem Krankenhaus.
— Ist mir egal! Meine Verwandten sind zu Besuch gekommen, sie warten auf das Abendessen! Wann kommst du endlich?!
— Welche Verwandten? — Galina blinzelte verwirrt. — Du hast nichts gesagt.
— Und warum sollte ich dir was sagen? Bist du meine Frau oder nicht? Man muss Leute begrüßen, wenn sie ankommen! Tante Sina aus Woronesch mit ihrer Tochter! Und der Neffe Serjoscha! Sie sind extra zu uns gekommen!
— Witja, ich wusste das doch nicht.
— Du wusstest es nicht! Bei dir ist immer das Gleiche — nichts gewusst, nicht geschafft, nicht gekonnt! — Er keuchte vor Wut. — Sie sitzen hier schon seit zwei Stunden! Hungrig! Und der Tisch ist leer!
— Vielleicht könntest du… selbst?
— Was selbst?! — brüllte er. — Bin ich etwa eine Frau, um in der Küche herumzurennen? Du bist die Ehefrau! Das ist dein Job — Haus, Gäste, Essen! Und nicht bis in die Nacht in Krankenhäusern herumzuhocken!
— Ich hocke nicht herum! Ich arbeite! Unsere Patientin wäre beinahe gestorben.
— Deine Patienten interessieren mich nicht! Die Familie ist wichtiger! Komm sofort nach Hause und mach das Essen!
Er legte auf.
Galina saß da und starrte auf den Telefonbildschirm. „Anruf beendet.“ So. Zweiundzwanzig Ehejahre — in einem einzigen Satz.
Der Bus kam in fünfzehn Minuten. Während der Fahrt dachte sie darüber nach, was sie schnell kochen könnte. Zu Hause gab es wahrscheinlich nicht einmal Kartoffeln. Wieder in den Laden rennen. Wieder schwere Tüten schleppen. Wieder stundenlang am Herd stehen.
Und sie sitzen im Wohnzimmer — Viktor, Tante Sina, ihre Tochter. Wie hieß sie? Lena? Ira? Egal. Sitzen, beschweren sich und diskutieren, was für eine schlechte Ehefrau sie sei.
— Stellt euch vor, — sagt Viktor sicher, — sie hält ihre Arbeit für wichtiger als die Familie!
Und Tante Sina schüttelt den Kopf:
— Ach, Witjenka, eine Frau muss wissen, wo ihr Platz ist…
Galina betrat die Wohnung und hörte sofort Gelächter aus dem Wohnzimmer. Fröhlich, zufrieden. Anscheinend hatte Witja schon alle mit seinen Witzen über die „verschollene“ Ehefrau amüsiert.
— Galja ist angekommen! — rief er. — Endlich!
Sie trat ins Zimmer. Wirklich — das Sofa war voll. Tante Sina — rundlich, im bunten Kleid. Daneben eine etwa dreißigjährige Frau — wohl die Tochter. In der Ecke ein junger Mann mit dem Handy — der Neffe.
— Oh Galotschka! — Tante Sina erhob sich. — Wie du abgenommen hast! Ganz erschöpft, du Arme!
— Guten Abend, — brachte Galina hervor. — Entschuldigen Sie, dass ich zu spät bin.
— Macht nichts, macht nichts! — winkte die Tante ab. — Wir verstehen das. So ein Beruf eben. Aber jetzt bist du ja da! Witja sagt, du backst so leckere Piroggen!
Galina sah ihren Mann an. Er saß im Sessel und lächelte selbstzufrieden.
— Gal, — sagte er sanft, — kannst du vielleicht den Tisch decken? Die Leute sind von der Reise hungrig.
— Natürlich, — antwortete sie.
Und ging in die Küche, um für Menschen das Abendessen zuzubereiten, die sie zum ersten Mal im Leben sah.
Um halb zwölf stellte Galina das letzte Gericht auf den Tisch — gebratene Kartoffeln mit Speck. So, wie Viktor sie mochte. Oder nein — das hatte doch Neffe Serjoscha gewünscht. Oder war es Tante Sina?
Alle Gesichter verschwammen zu einem einzigen hungrigen, zufriedenen, erwartungsvollen Gesicht.
— Galotschka, endlich! — Tante Sina klatschte in die Hände. — Wir dachten schon, wir bleiben hungrig!
— Oh, entschuldigt, — murmelte Galina. — Es hat etwas gedauert.
— Nicht schlimm! — meinte die Tochter der Tante. — Jetzt gibt’s ja ein richtiges Festmahl!
Viktor, zufrieden, schenkte Wodka ein:
— Na dann, auf unser Treffen! Auf die Familie!
Galina setzte sich auf die Stuhlkante. Sie wollte nur eines — diese verfluchten Schuhe ausziehen. Die Beine brannten nach zwölf Stunden im Krankenhaus und weiteren drei Stunden in der Küche.
— Tante Galja, gibt’s noch Brot? — fragte der Neffe, ohne vom Teller aufzusehen.
— Ja, natürlich. — Sie stand auf und holte welches.
— Und bring eingelegte Gurken! — rief Tante Sina. — Hab welche im Kühlschrank gesehen!
— Und Senf! — fügte Viktor hinzu. — Ohne Senf schmeckt der Speck nicht!
Galina lief hin und her. Brachte alles, was verlangt wurde. Niemand sagte „Danke“. Es war selbstverständlich — die Ehefrau hat zu bedienen.
Am Tisch sprachen sie über Kinder, Arbeit, Lebensmittelpreise. Keiner fragte Galina, wie es ihr ging. Sie war Hintergrund. Personal.
— Weißt du noch, Witja, — lachte Tante Sina, — wie wir als Kinder bei der Großmutter waren? Sie hat auch so lecker gekocht!
— Ja, das waren schöne Zeiten, — stimmte Viktor zu. — Nicht so wie jetzt.
— Übrigens, — die Tante sah Galina an, — du bist noch immer dieselbe: ruhig, unauffällig. Da hat Witja Glück! Eine häusliche Frau — das ist ein Geschenk.
Galina versuchte zu lächeln. In ihr zog sich etwas zusammen. „Ruhig, unauffällig.“ Das war alles, was man über sie dachte.
Um ein Uhr nachts gingen die Gäste endlich. Langes Verabschieden, Umarmungen, Versprechen, „in Kontakt zu bleiben“.
— Danke für das Abendessen! — rief die Tochter im Gehen. — Es war sehr lecker!
— Galotschka, du bist spitze! — Tante Sina küsste sie auf die Wange. — Witja, pass auf deine Frau auf!
Die Tür fiel ins Schloss. Viktor streckte sich zufrieden:
— Na siehst du, ein schöner Abend. Haben die Verwandten lange nicht gesehen.
Galina räumte schweigend das schmutzige Geschirr ab. Teller, Gläser, Schüsseln. Berge davon.
— Witja, — sagte sie leise, — kannst du vielleicht helfen?
— Was? — Er zog sich gerade aus. — Ach, das Geschirr. Ach komm, du bist doch schnell fertig. Ich bin müde. Muss früh raus.
— Ich bin auch müde. Und ich muss auch früh raus.
— Gal, fang nicht an, — verzog er das Gesicht. — Ich habe eine verantwortungsvolle Arbeit. Und dir macht es doch nichts aus, ein paar Teller zu spülen.
Sie blieb in der Küche stehen, die fettige Pfanne in den Händen. Tränen liefen ihr über die Wangen.
„Ein paar Teller spülen.“ Zwölf Stunden im Krankenhaus. Ein Leben gerettet. Danach drei Stunden Kochen für fremde Menschen. Und jetzt — Geschirrspülen bis zwei Uhr nachts.
„Ein paar Teller.“
Am Morgen ging Viktor zur Arbeit, ohne sich zu verabschieden. Galina fuhr wie im Halbschlaf ins Krankenhaus. Im Bus nickte sie ein und verpasste ihre Haltestelle.
— Galina Iwanowna, alles in Ordnung? — fragte die Kollegin Lida. — Sie sehen nicht gut aus.
— Alles gut, — log Galina. — Nur etwas müde.
— Gäste?
— Ja. Die Verwandten meines Mannes waren da.
— Verstehe, — Lida nickte mitfühlend. — Ich kenne das. Die Frau schuftet, alle anderen entspannen.
Den ganzen Tag arbeitete Galina wie auf Autopilot. Spritzen, Infusionen, Blutdruck messen. Mechanisch, ohne Herz.
— Galina Iwanowna, — rief sie der Arzt Petrow, — kommen Sie morgen zum Seminar? Neue Methoden der Reha nach Schlaganfällen.
— Welches Seminar?
— Morgen um sechs. Gleich hier in der Nähe. Kostenlos. Gibt ein Zertifikat.
— Ich weiß nicht… — Galina dachte an Zuhause. An Viktor, der auf das Abendessen warten würde. — Wahrscheinlich geht es nicht.

— Schade. Sind interessante Vorträge. Und überhaupt, es ist gut, manchmal aus der Routine rauszukommen.
Am Abend beim Abendessen war Viktor ungewöhnlich gesprächig:
— Übrigens, Tante Sina hat angerufen. Hat sich für den gestrigen Abend bedankt. Hat gesagt, du kochst hervorragend.
— Ach ja? — Galina stochert ohne Freude im Salat.
— Ja. Und sie hat gesagt, dass ich Glück mit meiner Frau habe. — Er grinste selbstzufrieden. — Hab ihr zugestimmt.
— Witja, — sagte sie plötzlich, — morgen ist ein Seminar im Medizentrum. Darf ich hingehen?
— Was für ein Seminar?
— Über neue Behandlungsmethoden. Es gibt ein Zertifikat.
— Und wer macht das Abendessen? — runzelte er die Stirn.
— Einmal könntest du selbst.
— Gal, stell dich nicht an. Was sollen denn diese Seminare? Hast du nicht genug Arbeit? Zu Hause gibt’s genug zu tun.
— Aber es ist für die Arbeit! Für meine Qualifikation!
— Was wirst du da schon Neues lernen? — fauchte Viktor. — Spritzen setzen? Das machst du seit dreißig Jahren. Hör auf mit diesem Seminar-Unsinn. Kümmere dich lieber um die Sachen zu Hause.
Galina schwieg. Dann stand sie auf und begann den Tisch abzuräumen.
„Seminar-Unsinn“, dachte sie. Dreißig Jahre. Dreißig Jahre setzt sie Spritzen. Und er denkt, sie könne nichts Neues lernen.
Dabei hatte sie früher davon geträumt, Ärztin zu werden. Sie hatte sogar angefangen, Medizin zu studieren. Doch im zweiten Jahr lernte sie Witja kennen. Verliebte sich. Heiratete. Gab das Studium auf.
„Wozu Ärztin werden? — sagte er damals. — Krankenschwester ist auch ein guter Beruf. Du verdienst was, und zu Hause schaffst du alles.“
Und sie hörte auf ihn. Ging auf die Medizinschule. Wurde Krankenschwester.
Und jetzt: „Hör auf mit dem Seminar-Unsinn.“
— Gal, — rief Viktor, — der Salat war zu wenig gesalzen. Mach das nächste Mal mehr rein.
Sie nickte schweigend.
„Das nächste Mal“, dachte sie. „Vielleicht gibt es kein nächstes Mal?“
Dieser Gedanke kam plötzlich. Und erschreckte sie selbst…
Am nächsten Tag ging Lida schließlich tatsächlich zum Seminar.
— Galina Iwanowna! — rief sie ihre Kollegin. — Wie geht’s? Gehst du zum Yoga?
— Zum Yoga? — Galina blieb stehen.
— Ja, schau, da hängt ein Aushang. Kostenlose Kurse für Frauen über fünfzig. Im medizinischen Zentrum, jeden Dienstag. Willst du mitkommen?
Galina betrachtete den bunten Flyer. „Yoga für Körper und Seele. Finden Sie Ihre innere Harmonie.“
— Ich weiß nicht… — begann sie.
— Ach komm schon! — Lida nahm sie am Arm. — Lass uns gehen! Was haben wir zu verlieren? Eine Stunde Zeit. Und vielleicht gefällt es dir.
Und Galina ging. Einfach weil sie müde war — müde davon, ständig jemandem zu erklären, warum sie nicht kann, warum es nicht geht, warum keine Zeit ist.
Im Saal waren etwa zwanzig Frauen. Verschiedene Altersgruppen, die Yogamatten ausrollten. Die Trainerin — eine junge Frau mit ruhiger Stimme — bat alle, sich hinzulegen und die Augen zu schließen.
— Spüren Sie Ihren Körper, — sagte sie. — Hören Sie Ihr Atmen.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren spürte Galina tatsächlich ihren Körper. Die müden Schultern. Den angespannten Nacken. Die verkrampfte Kiefermuskulatur.
Und zum ersten Mal seit vielen Jahren — Stille im Kopf.
Die Stunde verging schnell. Als das Licht wieder anging, wollte Galina die Augen gar nicht öffnen.
— Hat’s dir gefallen? — fragte Lida.
— Ja, — Galina war selbst überrascht. — Sehr sogar.
— Dann kommen wir nächsten Dienstag wieder?
— Ich komme.
Zu Hause empfing sie ein missmutiger Viktor:
— Wo warst du? Ich warte seit einer halben Stunde auf das Abendessen!
— Ich war beim Kurs, — antwortete Galina ruhig.
— Bei welchem Kurs denn?
— Yoga. Es hat mir gefallen.
— Yoga? — er schnaubte. — In deinem Alter? Gal, bist du verrückt geworden?
Drei Wochen lang ging sie heimlich zum Yoga. Sie sagte, sie müsse länger arbeiten. Und jeden Dienstag fühlte sie sich lebendig.
Doch dann — ein weiterer Anruf.
Galina stand gerade in der Baum-Pose, konzentriert auf ihr Gleichgewicht, als das Telefon klingelte.
— Nicht rangehen, — sagte die Trainerin. — Das ist Ihre Zeit.
Aber der Anrufbeantworter sprang automatisch an:
— Wo bist du?! — fauchte Viktors Stimme. — Wir haben Gäste! Tante Sina ist mit ihrer Tochter gekommen! Wo ist das Abendessen?! Sofort nach Hause!
Alle im Saal drehten sich um. Galina stand da, rot vor Scham.
— Sie können später zurückrufen, — sagte die Trainerin leise.
Galina blickte auf das Telefon. Auf dem Display — sieben weitere verpasste Anrufe.
Und plötzlich machte etwas in ihr „klick“.
— Nein, — sagte sie. — Ich werde nicht zurückrufen.
Sie schaltete das Telefon aus.
— Können wir weitermachen? — bat sie die Trainerin.
Nach dem Yoga ging Galina langsam nach Hause. Sie war vorbereitet. Das eingeschaltete Telefon klingelte ununterbrochen in ihrer Tasche, aber sie nahm nicht ab.
Zuhause empfing sie ein außer sich geratener Viktor:
— Wo warst du?! Tante Sina ist abgereist, ohne das Abendessen abzuwarten! Eine Schande für die ganze Familie!
— Ich war beim Kurs, — sagte Galina.
— Bei welchem Kurs?! Und warum nimmst du das verdammte Telefon nicht ab?!
— Beim Yoga. Und ich habe es ausgeschaltet.
— Yoga?! — brüllte er. — Deine Yoga interessiert mich nicht! Wenn ich anrufe — hat die Ehefrau zu antworten!
— Ja, — nickte Galina. — Die Ehefrau. Nicht eine Dienstmagd.
— Was?
— Ich sagte: keine Dienstmagd. Und keine Sklavin. Wenn deine Gäste kommen — koch ihnen selbst etwas. Oder bestell Essen.
— Spinnst du?! — Viktor war fassungslos. — Ich kann doch nicht kochen!
— Ich konnte früher auch keine Spritzen setzen. Habe es gelernt. Du wirst auch lernen.
— Gal, bist du verrückt geworden?
— Im Gegenteil, — lächelte sie. — Endlich klar im Kopf.

Viktor sah seine Frau an und erkannte sie nicht wieder. Diese ruhige, lächelnde Frau hatte nichts gemein mit seiner einst gehorsamen Galja.
— Liebst du mich nicht mehr? — fragte er verwirrt.
— Doch, — antwortete sie ehrlich. — Aber ich fange an, mich selbst auch zu lieben.
Einen Monat später reichte Galina einen Antrag auf bezahlten Urlaub ein.
— Gal, — sagte Viktor beim Frühstück, — vielleicht solltest du das lassen? Bei mir ist jetzt Hochbetrieb, bleib doch zu Hause.
— Ich habe schon eine Reise gebucht, — sagte sie ruhig.
— Eine Reise? Wohin?
— In ein Sanatorium. Am Schwarzen Meer. Für zwei Wochen.
— Alleine?! — seine Augen weiteten sich.
— Alleine.
Viktor schwieg eine Weile, offenbar überforderte ihn das.
— Und wenn Gäste kommen?
— Bestell Essen. Oder koch selbst. Rezepte gibt’s im Internet.
— Aber das ist doch falsch! Eine Ehefrau kann das nicht machen!
— Doch, — lächelte Galina. — Ich habe nachgesehen — sie kann.
Im Sanatorium wachte sie um neun Uhr auf. Ohne Wecker. Zum ersten Mal seit dreißig Jahren.
Draußen rauschte das Meer.
Das Telefon war still. Gestern Abend hatte sie es ausgeschaltet.
„Was Viktor wohl macht“, dachte sie. Und war erstaunt — sie dachte es ohne Angst. Nur aus Neugier.
Sie schaltete das Telefon ein. Sieben verpasste Anrufe. Vier Nachrichten.
„Ich habe Pizza bestellt. Teuer!“
„Wann kommst du zurück?“
Sie schaltete das Telefon wieder aus.
Zum Frühstück gab es Buffet. Sie nahm sich ein Schokocroissant. So eines hatte sie sich zu Hause nie gekauft — für sich selbst tat sie ohnehin wenig.
Am Nachbartisch saß eine Frau in ihrem Alter. Sie las ein Buch und trank Kaffee.
— Ist das Buch gut? — fragte Galina.
— Wunderbar! — die Frau lächelte. — Über eine Frau, die mit fünfzig beschließt, ihr Leben zu verändern.
— Und schafft sie es?
— Ich lese noch. Aber ich glaube — ja.
Galina nahm sich einen Kaffee. Einen echten, starken. Zu Hause trank sie immer löslichen — schneller, einfacher.
Nach dem Frühstück ging sie zum Strand. Setzte sich auf eine Liege und schloss die Augen.
„Und was, wenn ich nicht zurückkehre?“ — dachte sie plötzlich.
Der Gedanke war unerwartet. Und beängstigend. Und verlockend.
Natürlich würde sie zurückkehren. Sie hatte ihre Arbeit, ihre Wohnung, ihr Leben. Aber jetzt wusste sie — sie könnte auch nicht zurückkehren. Wenn sie es wollte.
Zuhause kam sie gebräunt, ausgeruht und mit einer neuen Frisur an.

Viktor empfing sie an der Tür:
— Endlich! Ich habe dich vermisst!
Er umarmte sie — und sie stieß ihn nicht weg. Aber sie umarmte ihn auch nicht wie früher.
— Wie geht’s dir? — fragte sie.
— Gut. Obwohl ich etwas abgenommen habe. Habe mich die ganze Zeit von Pizza ernährt.
— Hast du keinen Borschtsch gekocht?
— Wie soll ich Borschtsch kochen?! — empörte er sich.
— Genauso wie ich vor dreißig Jahren. Nach Rezept.
Galina ging in die Küche. Das Spülbecken war voller schmutzigem Geschirr. Auf dem Tisch — Pizzakartons.
— Witja, — sagte sie ruhig, — morgen gehe ich wieder zur Arbeit. Und übermorgen habe ich Yoga. Jeden Dienstag und Donnerstag.
— Aber…
— Keine „aber“. Das ist meine Zeit.
Viktor sah seine Frau an und begriff — etwas hatte sich unwiderruflich verändert. Diese Frau würde nicht mehr beim ersten Anruf angerannt kommen. Sie würde sich nicht mehr dafür entschuldigen, dass sie ein eigenes Leben hatte.
— Und das Abendessen? — fragte er unsicher.
— Wir kochen zusammen, — lächelte Galina. — Oder abwechselnd. Wie erwachsene Menschen.
Sie schenkte sich eine Tasse Tee ein und schaute ihn abwartend an.
— Also? Fangen wir an zu lernen? Oder willst du weiter Pizza essen?
Viktor seufzte:
— Lernen, denke ich.
— Gut, — nickte sie. — Dann fangen wir mit Borschtsch an.