— Was heißt „WIR LASSEN UNS SCHEIDEN“? — fragte der Ehemann überrascht seine Frau. — Wir haben doch gerade erst die Hypothek aufgenommen!

— Was heißt „WIR LASSEN UNS SCHEIDEN“? — fragte der Ehemann überrascht seine Frau. — Wir haben doch gerade erst die Hypothek aufgenommen!

Valentina stand am Herd und rührte mechanisch das Gemüse­ragout. In der Küche duftete es nach geschmorten Auberginen und Gewürzen. Draußen verblasste langsam der Oktobertag und färbte den Himmel in blass-violette Töne.

Aus dem Wohnzimmer tönte Sergejs laute Stimme — er erzählte wieder einmal jemandem am Telefon, was für eine „willenlose“ Frau er habe.

— Stell dir vor, Maxim, — lachte er, — gestern wollte sie mir wieder etwas wegen der Renovierung beweisen. Sagt, wir sollen das Schlafzimmer in anderen Farben machen. Ich hab ihr gleich erklärt — es wird so, wie ICH ENTSCHEIDE. Sie versteht doch überhaupt nichts von Design, woher soll sie wissen, was schön ist und was nicht.

Valja ließ langsam den Kochlöffel sinken. Ihre Hände begannen leicht zu zittern. Sie schloss die Augen und zählte bis zehn. Das ging nun schon im dritten Jahr ihrer Ehe so. Zuerst waren es kleine Sticheleien, dann offene Verachtung, und jetzt — offene Demütigungen bei jeder Gelegenheit.

— Und ihr Gehalt ist lächerlich, — fuhr Sergej fort. — Sie arbeitet als Krankenschwester in einer Poliklinik für ein paar Groschen. Wenn ich nicht wäre, könnte sie sich gar nichts leisten. Selbst diese Wohnung haben wir nur dank meinem Geld gekauft. Ihr Beitrag — ist überhaupt NICHTS.

Valentina drehte sich langsam zur Tür. In ihrer Brust wuchs ein seltsames Gefühl — keine Kränkung, an die sie sich längst gewöhnt hatte, sondern etwas Neues. Wut. Reine, kalte Wut.

— Und weißt du, was das Lustigste ist? — Sergej lachte laut. — Sie denkt, dass ihre Meinung irgendetwas bedeutet! Gestern fing sie an, mit mir über den Urlaub zu streiten. Ich hab sie schnell auf ihren Platz verwiesen — daran erinnert, wer hier im Haus der Chef ist.

Valja ging in den Flur. Im Spiegel sah sie ein blasses Gesicht mit dunklen Augenringen. Wann war sie so erschöpft geworden? Wann war das fröhliche Mädchen verschwunden, das vor drei Jahren geheiratet hatte, voller Hoffnung?

— Sergej, — rief sie aus dem Flur.

— SIEHST DU NICHT, dass ich telefoniere? — fuhr er sie an und hielt die Hand über den Hörer. — Geh kochen und stör mich nicht!

Valentina kehrte in die Küche zurück. Holte Teller aus dem Schrank, begann den Tisch zu decken. Ihre Hände zitterten nicht mehr. In ihr wuchs eine stählerne Feder.

Eine halbe Stunde später erschien Sergej endlich in der Küche. Groß, breit­schultrig, mit einem beginnenden Bauch vom sitzenden Job im Verkauf. Er ließ sich auf den Stuhl fallen, ohne seine Frau auch nur anzusehen.

— Was gibt’s zum Abendessen? — brummte er und zog sein Handy hervor.

— Gemüse­ragout mit Hähnchen, — antwortete Valja und stellte ihm den Teller hin.

— Schon wieder dieser Fraß? — Sergej verzog das Gesicht. — Wie oft soll ich dir sagen, dass ich Fleisch will, richtiges Fleisch! Nicht dieses Diätzeug von dir.

— Hähnchen ist Fleisch, — bemerkte Valja ruhig.

— WIDERSPRICH mir nicht! — Sergej schlug mit der Faust auf den Tisch. — Du gehst mir langsam auf die Nerven! Den ganzen Tag arbeitest du, kommst nach Hause — und hier gibt’s noch nicht mal vernünftiges Essen!

Schweigend setzte sich Valentina ihm gegenüber. Sie begann zu essen und versuchte, ihn nicht anzusehen. Sergej schob demonstrativ seinen Teller weg, holte Wurst aus dem Kühlschrank, schnitt dicke Scheiben ab.

— So müsste es immer sein, — grummelte er. — Statt dieses gesunde-Ernährungs-Theaters hier. Du willst mich wohl nur verhungern lassen.

Am nächsten Morgen wachte Valentina vom Zuschlagen der Wohnungstür auf. Sergej war wie immer zur Arbeit gegangen, ohne sich zu verabschieden. Auf dem Nachttisch lag ein Zettel: „Heute Abend kommen Pascha und Rita. Koch etwas Ordentliches. Und BRING DICH IN ORDNUNG — du siehst aus wie ein graues Mäuschen.“

Valja zerknüllte den Zettel und warf ihn weg. Sie stand auf, ging zum Spiegel. Sie sah wirklich nicht gut aus — abgemagert, Schatten unter den Augen, die Haare glanzlos. Aber es lag nicht an ihrem Aussehen. Es lag daran, dass sie in den letzten Monaten wie ein Geist im eigenen Zuhause lebte.

Auf der Arbeit bemerkten die Kolleginnen ihre gedrückte Stimmung.

— Valjuscha, was ist los? — fragte die leitende Krankenschwester Elena Petrowna besorgt. — Du bist in letzter Zeit wie ausgewechselt.

— Alles in Ordnung, — antwortete Valja automatisch und bereitete Spritzen vor.

— Mädchen, ich sehe es doch. Probleme zu Hause?

Valentina wollte wieder abwinken, aber plötzlich sprudelten die Worte aus ihr heraus:

— Elena Petrowna, haben Sie jemals das Gefühl gehabt, dass Sie… dass Sie einfach NICHT EXISTIEREN? Dass Sie — ein Nichts sind?

Die ältere Frau sah sie aufmerksam an:

— Es ist dein Mann, ja? Kränkt er dich?

— Nicht direkt kränkt… Er… — Valja stockte. — Er verachtet mich. Für alles. Für die Arbeit, das Gehalt, mein Aussehen, meinen Charakter. Für ihn bin ich nur ein Dienstmädchen. Eine kostenlose Haushaltshilfe, die auch noch Geld ins Familienbudget bringt.

— Und du erträgst das?

— Was soll ich tun? Wir haben gerade die Wohnung auf Kredit gekauft. Dreißig Jahre abzahlen…

Elena Petrowna schüttelte den Kopf:

— Valja, merk dir — keine Wohnung ist dein Würdegefühl wert. KEINE. Du bist jung, hübsch, klug. Wozu brauchst du einen Mann, der dich nicht schätzt?

Den ganzen Tag dachte Valentina über diese Worte nach. Am Abend, als sie das Essen für die Gäste vorbereitete, klingelte es an der Tür. Auf der Schwelle standen Pawel, Sergejs bester Freund, und seine Frau Margarita.

— Hallo, Valja! — lächelte Pawel. — Wie geht’s?

— Gut, kommt rein.

Margarita musterte sie kritisch:

— Du siehst irgendwie nicht gut aus. Bist du krank?

— Nein, nur müde.

— Kein Wunder, — schnaubte Rita. — Bei so einem Mann. Sergej ist ein echter Despot, das wissen alle.

— Rita! — tadelte Pawel sie.

— Was denn? Ich sag nur die Wahrheit. Valja, du bist ein Engel, dass du ihn erträgst. An deiner Stelle hätte ich längst…

In diesem Moment knallte die Eingangstür. Sergej kam herein und zog unterwegs die Jacke aus.

— Oh, ihr seid schon da! Pascha, Ritochka, hallo! — Er klopfte seinem Freund auf die Schulter, gab Margarita einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Seine Frau sah er nicht an. — Valja, bring die Snacks ins Wohnzimmer. Und Bier aus dem Kühlschrank.

Valentina ging schweigend in die Küche. Sie hörte, wie Sergej im Wohnzimmer schon seine üblichen Geschichten begann:

— Stellt euch vor, gestern hat sie wieder aufgemuckt. Wollte ein neues Sofa kaufen. Ich sag ihr — wir haben Kredit, welches Sofa? Und sie fängt an zu heulen! Eine echte Hysterikerin.

— Sergej, vielleicht solltest du nicht so über deine Frau reden? — meinte Pawel zögernd.

— Was denn? Ich sage nur die Wahrheit. Sie ist wie ein Kind — „will ich“ und fertig! Begreift nicht, dass man Geld verdienen muss und nicht für Unsinn ausgeben.

Valentina erstarrte mit dem Tablett in den Händen. In ihr stieg wieder diese kalte Wut auf.

— Übrigens, wisst ihr, wie viel sie verdient? — fuhr Sergej fort. — Fünfundzwanzig Tausend! LÄCHERLICH, oder? Ich verdiene mehr mit einem einzigen Vertrag. Und trotzdem glaubt sie, sie hätte irgendwelche Rechte.

— Sergej, das ist nicht nett, — mischte sich Margarita ein. — Valja ist ein guter Mensch, rede nicht so.

— Ach was! Sie ist das doch gewohnt. Stimmt’s, Valja? — rief er Richtung Küche. — Du bist doch unsere GEDULDIGE!…

Valentina stellte das Tablett auf den Couchtisch. Sie richtete sich auf. Sah ihrem Mann direkt in die Augen.

— Sergej, wir müssen reden.

— Reden wir später, — winkte er ab. — Siehst du nicht, wir haben Gäste.

— NEIN. Jetzt.

Alle starrten sie überrascht an. Sergej runzelte die Stirn:

— Valja, was erlaubst du dir eigentlich?

— Ich reiche die Scheidung ein.

Totenstille erfüllte das Wohnzimmer. Sergej erhob sich langsam vom Sofa.

— Was heißt „wir lassen uns scheiden“? — fragte er erstaunt. — Wir haben doch gerade erst die Hypothek aufgenommen!

— Es heißt genau das. Ich kann und will nicht länger mit einem Menschen leben, der mich verachtet.

Sergej brach in schallendes Gelächter aus:

— Bist du verrückt geworden? Welche Scheidung? Warum denn? Weil ich die Wahrheit sage?

— Weil du mich erniedrigst. Ständig. Bei jeder Gelegenheit. Für dich bin ich — ein Nichts.

— Hör auf, dir was einzubilden! — Sergej trat dicht an sie heran. — Ich ernähre dich, kleide dich, sorge für dich. Die Wohnung hab ICH gekauft! Und du bist UNDANKBAR!

— Die Wohnung haben WIR gekauft, — Valja wich seinem Blick nicht aus. — Die Anzahlung habe ich gemacht. Aus meinen Ersparnissen und dem Erbe meiner Mutter.

— Deine Groschen? — Sergej schnaubte verächtlich. — Das ist NICHTS im Vergleich zu dem, was ich eingebracht habe!

— Vielleicht sollten wir gehen… — schlug Pawel peinlich berührt vor.

— Sitzt! — bellte Sergej. — Sollen alle sehen, was für eine FRAU ich habe! Macht hier Drama ohne Grund!

Valentina atmete tief ein:

— Morgen reiche ich die Scheidung im Standesamt ein. Wir verkaufen die Wohnung und teilen das Geld. Die Hypothek lösen wir auf.

— Du bist verrückt geworden! — Sergejs Gesicht lief rot an. — Es wird KEINE Scheidung geben! Du bist meine Frau und wirst tun, was ICH sage!

— NEIN! — schnitt Valja hart ab. — Ich werde das nicht mehr tun. Drei Jahre lang habe ich deine Frechheiten, deine Verachtung und deine Demütigungen ertragen. ES REICHT.

— Wen glaubst du, interessiert so jemand wie du? — explodierte Sergej. — Dreißig Jahre, keine richtige Ausbildung, kein Geld! Du wirst es bereuen!

Margarita hielt es nicht mehr aus:

— Sergej, hör auf! Du bist selbst schuld — du hast sie dazu gebracht!

— MISCH DICH NICHT EIN! — schrie er. — Das sind unsere Familiensachen!

— Nicht mehr, — bemerkte Valentina kalt. — Ich packe meine Sachen und gehe zu einer Freundin. Die Schlüssel lasse ich auf dem Tisch.

Sie drehte sich um und ging ins Schlafzimmer. Sergej stürmte ihr hinterher:

— BLEIB STEHEN! Wohin glaubst du, gehst du? Komm sofort zurück! Ich BEFEHLE es dir!

Valja holte einen Koffer aus dem Schrank und begann, ihre Sachen einzupacken. Ihre Hände zitterten nicht. In ihr war eine seltsame Leere und gleichzeitig — Erleichterung.

— Valja, hör auf, dich lächerlich zu machen! — Sergej versuchte ihr den Koffer zu entreißen. — Hör mit diesem Theater auf!

— FASS mich nicht an! — Valentina riss den Koffer zu sich. — Und wag es nicht, mich zu berühren!

— Was bildest du dir ein, du Miststück! — Sergej holte aus, doch Pawel fing rechtzeitig seine Hand ab.

— Serjoha, beruhig dich! So geht das nicht!

— Lass los! — Sergej riss sich los. — Sie ist MEINE Frau! Ich habe das Recht!

— Nicht mehr, — Valja schloss den Koffer. — Du hast keinerlei Rechte mehr an mir.

Eine Woche verging. Valentina wohnte nun bei ihrer Freundin Olga, die ihr bereitwillig ein Zimmer in ihrer Zweizimmerwohnung angeboten hatte. Sergej rief zehnmal am Tag an, aber Valja ging nicht dran. Er schrieb Nachrichten — erst drohend, dann flehend, dann wieder drohend. Sie antwortete nicht.

Auf der Arbeit bemerkten alle die Veränderungen — Valentina schien wieder aufzublühen. Die dunklen Ringe unter den Augen verschwanden, sie bekam wieder Farbe im Gesicht, ihre Augen funkelten neu.

— Gut gemacht, meine Liebe, — nickte Elena Petrowna anerkennend. — Richtig so. Man darf nicht zulassen, dass jemand auf dir herumtrampelt.

Während der Mittagspause saß Valentina im Schwesternzimmer, als die Tür mit einem Knall aufflog. In der Tür stand Sergej — unrasiert, in einem zerknitterten Hemd, mit rot unterlaufenen Augen.

— DA BIST du also! — brüllte er. — Na los, wir gehen nach Hause! SOFORT!

— Sergej, geh bitte, — Valja stand vom Tisch auf. — Ich muss arbeiten.

— Arbeiten muss sie! — er lachte höhnisch. — In deinem armseligen Job! Hör auf mit dem Blödsinn, pack deine Sachen!

— Ich gehe nirgendwohin. Und ich bitte dich, meinen Arbeitsplatz zu verlassen.

— DEIN Arbeitsplatz? — Sergej machte einen Schritt auf sie zu. — Ohne mich bist du gar nichts! Ein Staubkorn! EIN NICHTS!

Elena Petrowna schaute erschrocken herein:

— Was geht hier vor? Wer sind Sie überhaupt, junger Mann?

— Ich bin der EHEMANN dieser Undankbaren! — fauchte Sergej. — Und ich verlange, dass sie sofort mitkommt!

— Sie können hier gar nichts verlangen, — sagte die Krankenschwester streng. — Wenn Sie nicht gehen, rufe ich den Sicherheitsdienst.

— Ach, halt du den Mund! — Sergej stieß sie grob zur Seite. — Misch dich nicht ein, alte Schachtel!

Valentina glühte vor Zorn:

— WAG es nicht, sie anzufassen! RAUS hier, sofort!

— Oder was? — Sergej grinste spöttisch. — Was willst du tun, du graue Maus?

Und in Valentina explodierte etwas. All die Wut, die Kränkung, die Demütigung der letzten drei Jahre — alles brach hervor.

— ICH HABE GESAGT — RAUS! — schrie sie. — RAUS HIER! Du bist ein armseliger, kleiner, erbärmlicher Wicht! Der nur dadurch existiert, dass er andere erniedrigt! Du bist NIEMAND! Hörst du? NIEMAND!

Sergej wich zurück, schockiert von ihrer Wut.

— Drei Jahre habe ich deine Gemeinheiten ertragen! — fuhr Valentina fort und trat auf ihn zu. — Drei Jahre lang angehört, wie nutzlos ich sei! Weißt du was? DU bist nutzlos! Du kannst nicht einmal ein Ei braten! Ein Hemd bügeln! Ohne eine Frau bist du nur ein Stück Fleisch, das nur fressen kann!

— Halt die Klappe! — versuchte Sergej sie zu unterbrechen, aber Valja konnte nicht mehr aufhören.

— NEIN, DU hältst die Klappe! Ein Verkaufsmanager — so nennst du das eine Karriere? Du drückst Leuten unnötigen Müll aufs Auge und glaubst, du wärst der Mittelpunkt der Welt! Und ich? Ich behandle Menschen! Ich helfe ihnen! Und mir ist egal, dass mein Gehalt klein ist — ich mache etwas Wichtiges! Und du? Was machst DU? Sitzt im Büro, trinkst Kaffee und quasselst am Telefon!

– Ja ich…— Sergej ballte die Fäuste.

— WAS? — Valja trat dicht an ihn heran. — Schlägst du mich? Nur zu! Aber denk daran — ich stelle Anzeige, und dann hast du eine Vorstrafe! Mal sehen, wie du dann einen Job findest!

Sergej wich zurück. Er hatte seine Frau noch nie so gesehen — Augen glühten vor Zorn, ihr ganzer Körper strahlte Stärke und Entschlossenheit aus.

— Du… du bist nicht die, für die ich dich gehalten habe, — murmelte er.

— Genau! Ich bin kein Fußabtreter, über den du einfach drüberlaufen kannst! Ich bin ein MENSCH! Und ich verlange Respekt! Und du bist zu Respekt nicht fähig — nur zu Frechheit und Demütigung!

Im Flur hatten sich Mitarbeiter versammelt, angelockt vom Lärm. Zwei Sicherheitsleute schauten vorsichtig ins Zimmer.

— Valentina Andrejewna, sollen wir die Polizei rufen? — fragte einer von ihnen.

— Nicht nötig, — Valja holte tief Luft. — Dieser Mann geht jetzt. FÜR IMMER.

Sergej verließ die Poliklinik und schwankte dabei. Sein Kopf dröhnte. So einen Widerstand hatte er von seiner stillen, fügsamen Frau nie erwartet. Wo war diese verängstigte Frau geblieben, die früher jeden seiner Ausfälle schweigend ertragen hatte?

Zu Hause stellte er fest, dass Valentina alle ihre Sachen mitgenommen hatte. Sogar ihre Lieblings­tasse — genau die, aus der sie morgens Tee trank. Auf dem Küchentisch lag ein Umschlag. Darin — der Scheidungsantrag und die Klage über die Vermögens­teilung.

Sergej schleuderte die Papiere auf den Boden. Er griff zum Telefon, wählte Nummer um Nummer. Zuerst seine Schwiegermutter — sie legte auf, sobald sie seine Stimme hörte. Dann Olga, die Freundin seiner Frau — sie schickte ihn direkt zur Hölle. Selbst Pawel, sein bester Freund, sagte, er sei selbst schuld und hätte eine gute Frau nicht ruinieren dürfen.

Ein Monat verging. Sergej sah nicht mehr so selbstsicher aus. Bei der Arbeit häuften sich Probleme — er konnte sich nicht konzentrieren, verspielte Aufträge. Zu Hause herrschte Chaos — schmutziges Geschirr, ungeputzte Böden, Berge ungewaschener Wäsche. Es stellte sich heraus, dass er ohne Valentina völlig unfähig war, den Haushalt zu organisieren.

Er ernährte sich nur noch von Fertiggerichten und Liefer­essen — kochen hatte er nie gelernt. Hemden brachte er in die Reinigung — bügeln konnte niemand. Die Wohnung, die sie gemeinsam gekauft hatten, erschien nun riesig und leer.

Seine Versuche, die Frau zurückzubekommen, scheiterten. Valentina war unnachgiebig — nur über das Gericht, nur offizielle Scheidung, nur Vermögens­teilung. Keine Gespräche, keine Treffen.

Dann geschah das, womit Sergej gar nicht gerechnet hatte. Bei einer Besprechung kündigte der Chef Personal­abbau an. Der Erste auf der Liste war er selbst — seine Leistung war eingebrochen, Kunden beschwerten sich über sein Verhalten, Kollegen wollten nicht mehr mit ihm arbeiten.

— Aber wie kann das sein? — fragte Sergej fassungslos. — Ich bin doch schon so viele Jahre im Unternehmen!

— Genau deshalb geben wir Ihnen zwei Wochen, um eine neue Stelle zu finden, — erwiderte der Chef kühl. — Wir hätten Sie auch fristlos entlassen können — wegen Verletzung der Arbeits­disziplin. Sie sind letzte Woche dreimal zu spät gekommen, haben einen wichtigen Vertrag zerstört und einen Kunden beleidigt. Seien Sie froh, dass Sie noch Glück haben.

Sergej verließ das Büro wie betäubt. Ohne Arbeit, ohne Frau, mit einer Hypothek am Hals. Die Suche nach einer neuen Stelle verlief erfolglos — überall wurden Referenzen verlangt, und die bekam er natürlich nicht.

Die Wohnung musste schnell verkauft werden — allein konnte er die Raten nicht bezahlen. Nach Kredittilgung und Aufteilung des Restbetrags mit Valentina blieb ihm nur genug Geld, um eine Einzimmer­wohnung zu mieten.

Drei Monate später fand Sergej eine Stelle als Verkäufer in einem Elektronikladen. Gehalt — dieselben „lächerlichen“ fünfundzwanzigtausend Rubel, über die er früher spöttisch gelacht hatte. Eine junge Chefin behandelte ihn wie einen Schuljungen, ließ ihn Böden wischen und Schaufenster putzen.

Eines Abends, auf dem Heimweg, sah er Valentina. Sie kam gerade aus einem Café mit einem Mann — groß, intelligent aussehend, mit Brille. Sie unterhielten sich angeregt, Valja lachte. Sie sah großartig aus — frisch, schön, in einem neuen Mantel.

Sergej wollte auf sie zugehen, aber seine Beine blieben wie angewurzelt. Valentina bemerkte ihn, für einen Moment trafen sich ihre Blicke. In ihren Augen lag weder Wut noch Schmerz — nur Gleichgültigkeit. Sie wandte sich ab und stieg in das Auto ihres Begleiters.

Sergej blieb an der Haltestelle stehen, starrte den verschwindenden Rücklichtern hinterher. Ein feiner Herbstregen setzte ein. Bis zu seiner Mietwohnung waren es noch drei Bushaltestellen. In seiner Tasche piepte das Telefon — eine SMS der Bank wegen überfälliger Kreditraten.

Langsam trottete er zur Haltestelle, die Schultern im Regen eingezogen. Er erinnerte sich, wie er vor einem Jahr zu Pawel gesagt hatte: „Valja geht ohne mich zugrunde, sie ist zu nichts fähig.“

Es stellte sich heraus, dass er ohne sie zugrunde gegangen war.

Zu Hause — in der fremden Mietwohnung mit abgenutzter Tapete — ließ Sergej sich auf das durchgesessene Sofa fallen. Im Kühlschrank standen eine einsame Flasche Kefir und ein Paket Pelmeni. Auf dem Tisch türmten sich schmutzige Tassen. Irgendwo hinter der Wand schrien die Nachbarn.

Er holte sein Telefon hervor, öffnete die Galerie. Auf dem Foto lächelte Valentina — zwei Jahre alt, von ihrem Urlaub am Meer. Damals hielt er sie noch nicht für „niemand“, erniedrigte sie nicht bei jeder Gelegenheit. Oder doch? Vielleicht hatte er es nur besser versteckt. Sergej wusste es selbst nicht mehr — irgendwann hatte er angefangen, sie wie eine Dienstmagd zu behandeln.

Draußen rauschte die Stadt. Irgendwo dort, in einer gemütlichen Wohnung, begann Valentina ein neues Leben. Ohne Erniedrigung, ohne Verachtung, ohne ständige Vorwürfe. Und er blieb zurück — mit seinem Stolz, seiner Überheblichkeit und seiner Leere.

Das Telefon vibrierte — eine Nachricht von einem ehemaligen Kollegen: „Hab gehört, deine Ex hat wieder geheiratet. Den Arzt aus der Privatklinik. Sagen, er trägt sie auf Händen.“

Sergej ließ das Telefon fallen. Das war’s. Ende. Er hatte endgültig die einzige Frau verloren, die ihn je geliebt hatte.

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