— Mama meinte, wenn du jetzt reich bist, kann man alles rückgängig machen, — murmelte der Ex.

Lilia setzte ihre Unterschrift unter das letzte Dokument und lehnte sich gegen die Stuhllehne. Erschöpfung durchdrang jede Zelle ihres Körpers — so stark, dass nicht einmal Tränen geblieben waren. Nur Leere. Die Notarin sammelte die Papiere ein, sagte etwas über Fristen, doch die Frau hörte kaum zu. Alles war vorbei.
Sergej saß daneben, scrollte auf seinem Telefon und sah aus, als wäre er gekommen, um Nebenkosten zu bezahlen und nicht, um die Ehe zu beenden. Als die Notarin erklärte, die Prozedur sei abgeschlossen, stand der Exmann rasch auf, nickte Lilia zu und ging zur Tür.
— Für beide wird es so leichter sein, — warf Sergej über die Schulter, ohne sich umzudrehen.
Die Tür schloss sich. Lilia blieb allein im leeren Büro sitzen. Fünf gemeinsame Jahre endeten in zwanzig Minuten.
Keine Abschiedsworte, keine Erklärungen. Nur ein Stempel im Pass und das Gefühl, dass alles umsonst gewesen war.
Nach der Scheidung kehrte Lilia in die kleine Ein-Zimmer-Wohnung am Stadtrand zurück. Diese Wohnung hatten sie vor vier Jahren auf Kredit gekauft, als sie noch glaubten, eine Familie aufzubauen.
Nun verzichtete Sergej auf seinen Anteil, angeblich wegen Geldmangels, und Lilia blieb mit dem Kredit allein zurück. Acht Jahre Rückzahlung. Jeden Monat ging ein Drittel ihres Gehalts an die Bank.
Die Frau arbeitete in einem kleinen Handelsunternehmen — führte Buchhaltungen, prüfte Lieferscheine, erstellte Berichte. Die Arbeit war monoton, aber stabil. Das Gehalt reichte für Kreditrate, Nebenkosten und Lebensmittel. Für mehr reichte es nicht.
Lilia lernte zu sparen.
Sie kaufte Kleidung im Ausverkauf, kochte einfache Gerichte, verzichtete auf Taxis und Unterhaltung. Abends saß sie am Küchentisch, verglich Zahlen in Berichten und versuchte nicht darüber nachzudenken, wie sehr sich alles verändert hatte. Der Fernseher blieb fast immer aus — die Stille erschien ehrlicher als der aufdringliche Lärm der Programme.
Ihre Eltern riefen jede Woche an. Die Mutter fragte, wie es ihr gehe, ob sie Hilfe brauche. Der Vater bot an, Geld zu leihen. Lilia lehnte ab. Sie wollte keine Last sein. Wollte kein Mitleid. Sie wollte sich und allen beweisen, dass sie es allein schaffen würde.
— Schatz, zögere nicht, wenn etwas ist, — sagte die Mutter. — Wir helfen dir.
— Danke, Mama. Aber ich schaffe das, — antwortete Lilia und wechselte das Thema.
Ab und zu hörte sie Gerüchte über ihren Exmann. Eine gemeinsame Bekannte erzählte, dass Sergej mit einer anderen Frau zusammengezogen sei — einer jungen Verkäuferin aus dem Nachbarladen.
Eine Kollegin erwähnte, sie zusammen in einem Café gesehen zu haben. Lilia hörte zu und nickte, aber innerlich veränderte sich nichts. Kein Schmerz, keine Kränkung. Nur Leere.
Schlimmer waren die Worte von Walentina Petrowna, der Schwiegermutter. Sie zögerte nicht, jedem zu erzählen, der zuhören wollte, dass Lilia ohne sie verloren sei. Dass sie eine schlechte Arbeit habe, kein Geld, und niemand sie mehr heiraten werde.
— Wartet nur, in einem Jahr kommt sie auf allen Vieren zurück, — sagte Walentina Petrowna zu den Nachbarinnen im Laden. — Wohin soll sie ohne uns?
Lilia erfuhr von diesen Gesprächen durch eine Freundin, schwieg aber. Streiten hatte keinen Sinn. Besser, es durch Taten zu beweisen.
Drei Jahre vergingen. In dieser Zeit stand Lilia auf eigenen Beinen. Sie zahlte den Kredit pünktlich, ohne eine einzige Verspätung. Bei der Arbeit erhielt sie eine kleine Beförderung — nun führte sie Buchhaltung nicht nur für eine Firma, sondern auch für zwei Filialen.
Das Gehalt stieg nicht stark, aber es wurde leichter zu atmen. Sie konnte ein wenig für die Renovierung der Wohnung zurücklegen.
Die Frau hatte gelernt, allein zu leben. War die Stille gewohnt, daran, dass niemand sie kritisierte, vorwarf oder Erklärungen verlangte. Sie konnte bis zum Morgen lesen, kochen, was sie wollte, und die Wochenenden so planen, wie es ihr passte.
Die Freiheit erwies sich als überraschend angenehm.
Lilia erwartete keine Wunder. Sie arbeitete einfach, sparte, schmiedete Pläne. Sie wollte den Kredit in ein paar Jahren vorzeitig zurückzahlen, dann renovieren, vielleicht ein Auto kaufen. Bescheidene Träume, aber real.
Alles änderte sich im Herbst. An einem Oktobervorabend, als draußen Regen nieselte und der Wind die letzten Blätter von den Bäumen riss, brachte der Postbote einen Einschreibebrief. Lilia unterschrieb, nahm den Umschlag und öffnete ihn direkt im Flur.
Der Brief war vom Notar. Tante Sinaida Sergejewna, die Schwester ihrer Mutter, war verstorben. Die Frau hatte in einer Nachbarstadt gelebt, allein, ohne Kinder. Lilia hatte sie mehrmals besucht, im Haushalt geholfen, Lebensmittel gebracht.

Sinaida Sergejewna war wortkarg, streng im Auftreten, doch sie empfing ihre Nichte immer herzlich. Bewirtete sie mit selbstgemachter Marmelade, fragte nach ihrem Leben, gab Ratschläge.
Nun hatte die Tante Lilia ein Haus und ein Konto vererbt.
Die Frau las den Brief mehrmals. Ihr Herz schlug schnell, ihre Hände zitterten leicht. Erbe. Nie im Leben hätte Lilia gedacht, so etwas zu erleben.
Am nächsten Tag nahm sie sich frei und fuhr zum Notar.
Die Notarin erklärte, dass man für das Erbe Unterlagen sammeln, eine Gebühr zahlen und sechs Monate warten müsse. Lilia nickte, schrieb mit, stellte Fragen. Das Verfahren war lang und bürokratisch, aber machbar.
Nach sechs Monaten wurde Lilia offiziell Eigentümerin des Hauses und des Bankkontos. Das Haus befand sich in einem kleinen Dorf, zweihundert Kilometer von der Stadt entfernt. Alt, aber solide, mit einem kleinen Grundstück.
Am Wochenende fuhr die Frau dorthin, ging durch die Zimmer, trat in den Garten. Alles war gepflegt — die Tante hatte offenbar bis zuletzt auf das Haus geachtet.
Innen bewahrte das Haus die Dinge von Sinaida Sergejewna auf: alte Möbel, Bücher, Fotos, Geschirr. Lilia verbrachte den ganzen Tag damit, die Schränke auszuräumen. Sie fand Familienalben, Briefe, Dokumente.
In einem der Alben war ein Foto der jungen Tante in einem weißen Kleid neben einem Mann im Anzug. Auf der Rückseite stand: „Unsere Hochzeit. 1979.“
Lilia wusste nicht, dass Sinaida Sergejewna verheiratet gewesen war. Die Mutter hatte es nie erwähnt. Sie sagte nur, dass die Schwester ein schweres Leben gehabt habe, sich aber nie beschwert oder um Hilfe gebeten habe.
Das Haus zu verkaufen war traurig, aber es machte keinen Sinn, es zu behalten. Zu weit von der Arbeit entfernt, zu viel Aufwand. Lilia fand über eine Anzeige Käufer — eine Familie mit zwei Kindern.
Sie freuten sich, verhandelten wenig, zahlten sofort. Die Frau nahm nur die Fotos, einige Bücher und eine alte Schmuckschatulle mit.
Das Geld aus dem Hausverkauf plus das Konto, das die Tante hinterlassen hatte, ergab eine beachtliche Summe. Lilia saß in der Bank, blickte auf den Ausdruck und traute ihren Augen kaum. So viel Geld hatte sie noch nie gehabt.
Als Erstes tilgte Lilia den Kredit für die Wohnung. Komplett. Vorzeitig. Als der Bankmitarbeiter ihr die Bescheinigung über die Schuldenfreiheit gab, trat die Frau hinaus auf die Straße und blieb einige Minuten reglos stehen. Acht Jahre Ratenzahlungen waren vorbei. Keine monatliche Abgabe eines Drittels des Gehalts mehr. Freiheit.
Danach begann Lilia, eine neue Wohnung zu suchen. Die Einzimmerwohnung war eng gewesen, sie wollte Platz, Licht, ein ordentliches Viertel. Sie besichtigte dutzende Optionen, bevor sie die passende fand: eine Zweizimmerwohnung in einem Neubau, mit einer großen Küche, einem geräumigen Zimmer und einem hellen Schlafzimmer. Die Fenster gingen zum Park hinaus, in der Nähe gab es Geschäfte und Haltestellen.
Lilia verkaufte die alte Wohnung und kaufte die neue ohne Kredit. Einen Monat später zog sie um. Sie richtete alles nach ihrem Geschmack ein: ein bequemes Sofa, einen großen Arbeitstisch, Bücherregale, Blumen auf den Fensterbänken. Jeden Tag kam sie nach Hause und freute sich über den Platz und die Ruhe.
Doch ein Teil des Geldes blieb noch übrig. Lilia überlegte lange, wohin sie es investieren sollte. Es einfach liegen zu lassen erschien unvernünftig — die Inflation würde es auffressen. In fremde Geschäfte zu investieren war riskant.
Und dann kam ihr die Idee: ein eigenes Unternehmen zu gründen. Buchhalterische Betreuung für Einzelunternehmer.
Erfahrung hatte sie reichlich, Kontakte ebenfalls. Viele Bekannte und Freunde baten sie immer wieder um Hilfe bei Steuern, Berichten, Dokumenten. Früher half Lilia kostenlos in ihrer Freizeit. Nun konnte sie versuchen, diese Hilfe in ein richtiges Geschäft zu verwandeln.
Sie meldete ein Einzelunternehmen an, mietete ein kleines Büro unweit ihrer Wohnung, kaufte einen Computer und Drucker, bestellte Visitenkarten. Die ersten Kunden kamen schnell — Mundpropaganda funktionierte.
Lilia führte die Buchhaltung für kleine Läden, Werkstätten, Freelancer, Taxifahrer. Es gab viel zu tun, aber es gefiel ihr. Das Einkommen war höher als in ihrem alten Job.
Nach einem halben Jahr musste sie eine Assistentin einstellen. Eine junge Frau namens Oksana, die gerade ihr Wirtschaftsstudium abgeschlossen hatte. Sie war fähig, fand sich schnell in den Unterlagen zurecht und half bei den Berichten.
Das Leben kam ins Lot. Eine geräumige Wohnung, eigenes Geschäft, stabiles Einkommen. Lilia wachte morgens auf, kochte Kaffee in der hellen Küche, blickte auf die herbstlichen Bäume vor dem Fenster und lächelte. Niemand kritisierte sie, verlangte etwas oder drängte ihr eine fremde Meinung auf. Sie konnte leben, wie sie wollte.
Eines Abends, als Lilia im Büro an einem Quartalsbericht für einen Kunden arbeitete, klingelte es an der Tür. Sie öffnete, ohne in den Türspion zu schauen. Auf der Schwelle stand Sergej.
Der Exmann sah erschöpft aus. Die Jacke war zerknittert, die Jeans alt, im Gesicht Stoppeln. In der Hand hielt er eine Einkaufstüte aus dem Supermarkt.

— Hallo, — sagte Sergej und wechselte unsicher von einem Bein aufs andere.
— Guten Abend, — antwortete Lilia, ohne sich zu bewegen.
— Kann ich reinkommen? Wir müssen reden.
— Worum?
Der Exmann zögerte, senkte den Blick.
— Na ja… über das, was war. Über uns. Dürfte ich?
Lilia trat wortlos zur Seite. Sergej trat ein und sah sich um.
— Wow. Ein Büro hast du? Stark.
— Danke. Was willst du?
Der Exmann ging ins Büro und setzte sich auf den Besucherstuhl. Lilia blieb stehen, die Arme verschränkt.
— Hör zu, Lilia, ich weiß, dass wir uns drei Jahre nicht gesehen haben, — begann Sergej. — Und ich weiß, dass wir uns nicht im Guten getrennt haben. Aber ich wollte reden.
— Also sprich.
— Ich habe viel nachgedacht. Über uns. Über das, was war. Und ich habe verstanden, dass wir uns vielleicht damals beeilt haben. Mit der Scheidung.
Lilia hob die Augenbrauen.
— Beeilt? Du hast selbst gesagt, dass es für uns beide leichter wird.
— Ja, hab’ ich. Aber jetzt denke ich anders. Vielleicht sollten wir es noch einmal versuchen?
Die Frau schwieg und musterte ihren Exmann. Sergej wich ihrem Blick aus, spielte nervös mit dem Reißverschluss seiner Jacke.
— Sergej, du hast dich drei Jahre nicht gemeldet. Du hast mit einer anderen Frau gelebt. Und jetzt entscheidest du plötzlich, dass man es noch einmal versuchen sollte. Warum?…
Der Exmann zuckte mit den Schultern.
— Mit Olya hat es nicht geklappt. Wir haben uns getrennt. Und da habe ich gedacht… Vielleicht ist das ein Zeichen? Dass ich zu dir zurückkommen soll?
— Ein Zeichen?
— Na ja. Wir waren uns doch mal nahe. Wir haben eine gemeinsame Vergangenheit.
Lilia schloss die Augen und zählte bis zehn.
— Sergej, sag ehrlich: Bist du gekommen, weil du mich vermisst hast — oder weil du erfahren hast, dass ich jetzt Geld habe?
Der Exmann zuckte zusammen, als hätte man ihn geschlagen.
— Nein! Also… Mama hat gesagt, dass, wenn du jetzt reich bist, man alles wieder rückgängig machen kann, — murmelte Sergej und hob immer noch nicht den Blick.
Schweigen erfüllte das Büro. Lilia stand da und ließ das Gehörte sacken. Also ging es nicht um Gefühle. Nicht um den Wunsch, Fehler gutzumachen. Einfach nur: Walentina Petrowna hatte von dem Geld erfahren und beschlossen, dass die Ex-Schwiegertochter jetzt wieder passen würde.
— Verstehe, — sagte Lilia langsam. — Deine Mutter glaubt also, dass man zurückkommen kann, nur weil ich jetzt eine Wohnung und ein Geschäft habe?
Sergej zuckte mit der Schulter.
— Na ja… Sie meinte nur, dass du dich gut eingerichtet hast. Und dachte, dass wir es vielleicht noch mal versuchen sollten. Wir waren uns doch mal nah.
— Waren. Vor drei Jahren. Bevor du sagtest, dass es für uns beide leichter wäre, getrennt zu leben.
— Lilia, sei nicht so. Ich war jung, dumm. Ich wusste nicht, was ich verlieren würde.
Lilia ging zum Tisch, setzte sich in den Stuhl und faltete die Hände auf der Tischplatte.
— Sergej, seien wir ehrlich. Wenn ich diese Wohnung, dieses Büro, dieses Geld nicht hätte — wärst du dann gekommen?
Der Exmann zögerte, drehte die Tüte in den Händen.
— Wahrscheinlich nicht. Aber das Wichtigste ist doch, dass wir jetzt die Chance haben, alles zu reparieren!
— Was reparieren? Du bist selbst gegangen. Du hast mit einer anderen Frau gelebt. Und jetzt, wo ich Geld habe, erinnerst du dich plötzlich an mich?
— So ist es nicht! — Sergej hob endlich den Blick. — Ich habe wirklich an dich gedacht. Ich wusste nur nicht, wie ich anfangen soll.
— Drei Jahre lang wusstest du es nicht?
Der Exmann fand keine Antwort.
Lilia stand auf und trat zum Fenster. Draußen senkten sich die Dämmerung und Laternen gingen an. Die Stadt lebte ihr Leben, ohne sich für fremde Dramen zu interessieren.
— Geh, Sergej, — sagte sie leise, ohne sich umzudrehen.
— Lilia, warte! Lass uns wenigstens reden!
— Es gibt nichts zu besprechen. Du bist nicht gekommen, weil du mich vermisst hast. Du bist gekommen, weil deine Mutter beschlossen hat, dass ich jetzt passe. Solche Beziehungen brauche ich nicht.

— Das wirst du bereuen! — rief Sergej und sprang vom Stuhl auf.
— Kaum, — antwortete Lilia ruhig, immer noch aus dem Fenster blickend.
Der Exmann blieb kurz stehen, drehte sich dann um und ging, die Tür knallend. Lilia seufzte, kehrte an den Tisch zurück und arbeitete weiter am Bericht.
Das neue Leben brachte Ruhe. Die helle Wohnung mit großen Fenstern, Blumen auf dem Fenstersims, Bücher in den Regalen. Alles war ihr eigenes, ehrlich erarbeitetes. Lilia wachte morgens ohne Wecker auf, kochte Kaffee, blickte auf den Park vor dem Fenster und freute sich an der Stille.
Das Geschäft wuchs. Es kamen mehr Kunden, und das Büro musste vergrößert werden. Oksana machte ihre Arbeit hervorragend, aber eine Assistentin reichte nicht mehr. Lilia stellte noch einen Mitarbeiter ein — einen jungen Mann namens Denis, der gerade einen Buchhaltungskurs abgeschlossen hatte. Jung, voller Energie, lernte schnell.
Eines Abends, als Lilia zu Hause mit einem Buch saß, kam eine Nachricht von Sergej. Die Frau starrte lange auf den Bildschirm, öffnete dann doch den Chat.
— Hallo. Wie geht’s dir? Wollte schon lange reden.
Lilia legte das Buch weg, dachte nach. Sie wollte nicht antworten, aber ignorieren erschien auch merkwürdig. Sie tippte eine kurze Nachricht:
— Hallo. Alles gut. Worum wolltest du reden?
Die Antwort kam eine Minute später:
— Können wir uns treffen? Es ist ein wichtiges Gespräch.
— Sergej, wir haben alles besprochen. Wir haben nichts mehr zu besprechen.
— Bitte. Es ist wirklich wichtig. Nicht nur für mich — für dich auch.
Lilia runzelte die Stirn. Was könnte denn wichtig sein? Sie schrieb:
— Worum geht es?
Doch Sergej antwortete nicht.
Zwei Tage später kam der Exmann ins Büro. Lilia arbeitete mit Oksana an einer Steuererklärung für einen Kunden, als die Tür aufging und Sergej in der Tür stand. Er sah aus wie jemand, dem die eigene Dreistigkeit unangenehm ist. Zerknittertes Hemd, ausgewaschene Jeans, flackernder Blick.
— Hallo, — sagte Sergej und scharrte mit dem Fuß am Türrahmen.
— Guten Tag, — antwortete Lilia, ohne vom Tisch aufzustehen. — Was willst du?
Oksana warf einen schnellen Blick auf ihre Chefin, dann auf den Besucher und verließ taktvoll das Büro.
Sergej trat ein, schloss die Tür.
— Lilia, ich weiß, dass ich mich das letzte Mal nicht optimal verhalten habe, — begann er, suchend nach Worten. — Aber ich möchte wirklich reden. Ernsthaft.
— Sprich.
— Ich habe über uns nachgedacht. Über das, was war. Und ich habe verstanden, dass wir es noch einmal versuchen könnten. Wir hatten doch eine Geschichte. Wir waren uns nah.
Lilia lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust.
— Sergej, das hast du beim letzten Mal schon gesagt. Und damals hast du zugegeben, dass deine Mutter beschlossen hat, ich wäre jetzt passend. Was hat sich geändert?
Der Exmann errötete.

— Na ja… Ich habe mich da unglücklich ausgedrückt. Es geht nicht ums Geld.
— Worum dann?
— Darum, dass ich meinen Fehler erkannt habe. Ich hätte nicht gehen sollen. Wir könnten jetzt noch zusammen sein.
Lilia runzelte die Stirn, neigte den Kopf leicht, als könne sie kaum glauben, was sie hörte.
— Also, — stellte die Frau langsam klar, — zurückkommen kann man nur, weil ich jetzt eine Wohnung und ein Geschäft habe?
Sergej versuchte zu widersprechen, doch er verstummte. Sein Blick irrte durch das Büro — über die neuen Möbel, den Computer, die Stapel von Unterlagen. Alles verriet: Sergej war nicht wegen Gefühlen gekommen. Er war wegen Bequemlichkeit gekommen. Wegen Stabilität. Wegen eines fertigen, gut geordneten Lebens.
— Nein, du verstehst das falsch! — brachte der Exmann schließlich hervor. — Mama meinte nur, dass du erfolgreich geworden bist. Und sie sagte, vielleicht sollten wir es noch mal versuchen. Schließlich waren wir doch Mann und Frau!
— Waren. Vor drei Jahren. Bis du sagtest, es wäre leichter für uns beide getrennt.
— Lilia, bitte verzeih mir! Ich war ein Idiot! Aber jetzt will ich alles gutmachen!
— Gutmachen? — Lilia stand vom Tisch auf. — Oder dich einfach nur an ein fertiges Leben dranhängen?
— Das ist unfair!
— Unfair? — die Frau lächelte kalt. — Weißt du, was unfair ist? Wenn jemand drei Jahre nach der Scheidung auftaucht, nur weil er erfahren hat, dass seine Ex-Frau plötzlich Geld hat.
Sergej zuckte zusammen, murmelte etwas Unverständliches. Versuchte, sich zu rechtfertigen, doch seine Worte verhedderten sich und machten alles nur schlimmer.
Lilia ging zur Tür und öffnete sie.
— Geh, Sergej. Und komm nicht wieder.
— Lilia, warte! Ich will wirklich bei dir sein!
— Nein. Du willst bei meinen Geld sein. Und solche Beziehungen brauche ich nicht.
Der Exmann stand mitten im Büro, unfähig, etwas zu sagen. Dann ging er langsam zur Tür.
— Du wirst das bereuen, — sagte Sergej leise im Hinausgehen.
Lilia lächelte, trat einen Schritt näher und sagte ruhig:
— Ich kehre nie zurück. Nicht einmal zu Fehlern.
Dann schloss sie die Tür und ließ die Vergangenheit endgültig draußen.
Eine Woche später rief Walentina Petrowna an. Lilia sah den Namen auf dem Display und nahm den Anruf lange nicht an. Dann antwortete sie doch.
— Hallo?
— Lilia, guten Tag, — die Stimme der Schwiegermutter klang angespannt, aber höflich. — Wie geht es dir?
— Guten Tag, Walentina Petrowna. Gut. Und Ihnen?
— Auch ganz gut. Hör zu, ich wollte reden. Sergej hat gesagt, ihr habt euch gesehen.
— Ja, haben wir.
— Lilia, ich verstehe, zwischen euch gab es viele Missverständnisse. Aber es ist Zeit vergangen. Vielleicht solltet ihr alte Beleidigungen vergessen? Noch einmal versuchen?

Lilia schloss die Augen und zählte bis zehn.
— Walentina Petrowna, Sergej und ich haben uns vor drei Jahren scheiden lassen. Einvernehmlich. Es verbindet uns nichts mehr.
— Wie, nichts? Ihr wart doch Familie!
— Waren. Jetzt nicht mehr.
— Lilia, sei nicht so hart, — in der Stimme der Schwiegermutter klang Ärger. — Sergej ist ein guter Junge. Damals war er jung. Jetzt hat er sich geändert.
— Möglich. Aber das ist nicht mehr meine Angelegenheit.
— Lilia! — Walentina Petrowna erhob die Stimme. — Ich weiß, dass du jetzt Geld hast. Aber das ist kein Grund, abgehoben zu sein! Hast du vergessen, woher du kommst?
Die Frau lächelte.
— Walentina Petrowna, ich komme aus einer normalen Familie, in der man mich geliebt hat. Und das Geld habe ich selbst verdient. Mit harter Arbeit. Und ich werde es auch selbst verwalten.
— Du bist geizig! Das bist du! Du willst nicht teilen!
— Teilen mit wem? Mit einem Mann, der vor drei Jahren gegangen ist und jetzt zurückkommt, weil er vom Erbe erfahren hat?
Die Schwiegermutter schwieg.
— Lilia, gut, vielleicht hat Sergej sich falsch ausgedrückt. Aber er will wirklich bei dir sein!
— Nein. Er will bei meinem Geld sein. Auf Wiedersehen, Walentina Petrowna.
Lilia beendete das Gespräch und blockierte die Nummer.
Ein halbes Jahr verging. Lilia baute das Geschäft weiter aus. Sie eröffnete ein zweites Büro im benachbarten Stadtteil, stellte zwei weitere Mitarbeiter ein. Die Kundenbasis wuchs, genauso wie das Einkommen.