— Geben Sie doch Ihre Wohnung ab – wohin soll er denn mit den Kindern? Ihr seid doch schließlich Familie.

Lena stand am Fenster und blickte in den Hof, wo unter den wenigen Laternen die geparkten Autos im Regen glänzten. Der Oktoberregen trommelte gegen die Fensterbank, und in diesem monotonen Geräusch lag etwas Beruhigendes.
Gerade dachte sie daran, dass sie neue Vorhänge fürs Schlafzimmer kaufen müsste — diese hier, beige mit ausgebleichten Rosen, hatte sie von ihrer Mutter geerbt. Wie auch die ganze Wohnung, wie auch die Hälfte der Möbel, wie auch die Angewohnheit, jeden Abend genau an diesem Fenster zu stehen.
— Len, essen wir? — rief Andrej aus der Küche.
— Ich komme — antwortete sie, ohne sich zu rühren.
Noch eine Minute stand sie da, sah zu, wie der Hausmeister in der orangefarbenen Weste träge die Blätter zu einem Haufen zusammenkehrte, den der Wind sofort wieder zerstreute. Sinnlose Arbeit. Wie so vieles im Leben.
In der Küche roch es nach Bratkartoffeln und Dill. Andrej legte ihr gerade eine Portion auf den Teller, konzentriert hantierend mit dem Pfannenwender. Er hatte gutmütige braune Augen und die Angewohnheit, die Lider leicht zu verengen, wenn er etwas tat.
Lena liebte ihren Mann für diese ruhige Gründlichkeit, dafür, dass er nicht hektisch wurde und nichts Unmögliches vom Leben verlangte. Und sie liebte ihn auch dafür, dass er keinen Anspruch auf diese Wohnung erhob, obwohl sie bereits acht Jahre verheiratet waren. Die Wohnung blieb ihr Gebiet, ihre Festung — und Andrej verstand das.
— Meine Mutter hat gesagt, sie kommt morgen vorbei — bemerkte er im Vorbeigehen und setzte sich ihr gegenüber. — Sie wollte irgendwas besprechen.
Lena nickte und spießte ein Stück Kartoffel auf die Gabel. Schwiegermutter Tamara Iwanowna kam selten, aber zielgerichtet. Ihre Besuche bedeuteten meistens Bitten oder Belehrungen — serviert unter dem Mantel der Fürsorge.
Allerdings war sie zurückhaltender geworden, seit sie ihre Zweizimmerwohnung gegen eine Einzimmerwohnung eingetauscht hatte, um den Söhnen bei ihren Hochzeiten zu helfen. Zumindest schien es so.
— In Ordnung — sagte Lena nur.
Sie aßen schweigend zu Ende, tauschten nur hin und wieder belanglose Sätze. Danach machte es sich Andrej mit dem Laptop vor dem Fernseher bequem und Lena begann abzuspülen. Gegen das Küchenfenster schlug ein Ast der alten Pappel, und Lena dachte, dass sie wohl die Hausverwaltung anrufen sollte, damit sie ihn beschneiden.
Früher hatte sich ihr Vater immer selbst darum gekümmert — war mit der Säge auf einen Hocker gestiegen, während die Mutter unten besorgt seufzte. Jetzt waren Vater und Mutter nicht mehr da. Die Wohnung war geblieben. Wohnungen bleiben immer, dachte Lena, während sie die Teller abtrocknete.
Am nächsten Abend, als Lena von der Arbeit nach Hause kam, standen vor der Tür fremde Turnschuhe, Kindergummistiefel und noch andere Schuhe. Viele Schuhe. Ihr Herz machte einen unnötigen Sprung — sie erkannte diese zusammengewürfelte Schuhauswahl schon, bevor sie die Tür aufschloss.
Im Flur schlug ihr ein Stimmenwirrwarr entgegen. Tamara Iwanowna, rund und entschlossen wie ein Panzer, in ihrem unveränderten blauen Pullover; Oleg, Andrejs jüngerer Bruder, mit blassem Gesicht und schuldbewusstem Blick; seine Frau Wika, eine blondierte Frau mit nervösen Händen; und zwei Kinder — ein etwa sechsjähriger Junge und ein jüngeres Mädchen, das schluchzend an Wikas Rock hing.
— Da ist ja Lenotschka! — verkündete Tamara Iwanowna lautstark, als wäre Lena ein Gast in ihrer eigenen Wohnung. — Komm, komm rein, wir haben uns hier zu einer ernsten Angelegenheit versammelt.
Lena wechselte einen Blick mit Andrej, der an der Wand lehnte und aussah, als wolle er darin verschwinden. Sie zog den Mantel aus, hing ihn an die Garderobe, stellte ihre Tasche ordentlich auf das Regal. Sie zögerte. Sie gewann Zeit.
— Geht ins Wohnzimmer — sagte sie schließlich neutral.
Alle zogen ins Wohnzimmer, wo früher der Weihnachtsbaum der Mutter gestanden hatte, wo Vaters Bücherschrank mit den Büchern und dem Kristall stand. Oleg und Wika ließen sich auf dem Sofa nieder, die Kinder setzten sich auf den Boden dazu, Tamara Iwanowna nahm den Sessel ein — wie einen Thron. Lena blieb stehen und lehnte sich an den Türrahmen.
— Lena, verstehst du, wie die Lage ist — begann die Schwiegermutter in einem Ton, der deutlich zeigte: Das war einstudiert. — Oleg und Wika haben großes Unglück. Die Vermieterin verkauft die Wohnung und hat ihnen gesagt, sie müssen raus. Ganz plötzlich, ohne Vorwarnung. Zwei Wochen hat sie ihnen gegeben. Sie haben gesucht, aber du weißt ja, was die Mieten heutzutage kosten. Und mit Kindern will sie keiner. Da haben wir uns gedacht…
Sie ließ eine bedeutungsschwere Pause entstehen. Lena schwieg und fühlte, wie es in ihr kalt wurde.
— Wir haben uns gedacht, dass sie vorübergehend hier bei euch wohnen könnten. Natürlich nur vorübergehend. Bis sie etwas Geeignetes finden.
— Mama… — brachte Andrej kläglich heraus.
— Was heißt „Mama“? — Tamara Iwanowna wandte sich zu ihm. — Sind sie etwa keine Familie für uns? Sie haben Kinder, Andrej. Kinder! Willst du, dass deine Nichten und Neffen auf der Straße landen?
Lena schaute Oleg an. Er saß mit gesenktem Kopf da — ob aus Scham oder weil es bequemer war, schwieg er. Wika schluchzte in ihre Faust. Die Kinder saßen wie versteinert, spürten die Spannung der Erwachsenen.
— Tamara Iwanowna — begann Lena ruhig, obwohl in ihr ein Sturm tobte — wenn ich es richtig verstehe, schlagen Sie vor, dass Olegs Familie in unsere Wohnung einzieht?
— Na klar, vorübergehend eben! — Schwiegermutter winkte ab. — Ein Monat oder zwei, bis sie was finden. Ihr seid jung, ihr könnt euch leichter neu orientieren.
— Und wohin sollen wir dann?
Die Pause, die folgte, war schwer wie ein Sack Zement.
— Ihr könnt euch doch eine kleine Einzimmerwohnung zur Miete suchen, die vermieten sie euch gerne — sagte Tamara Iwanowna in einem Ton, als schlüge sie vor, im Park spazieren zu gehen. — Oder nehmt eine neue Wohnung auf Kredit! Diese hier ist sowieso alt, braucht Renovierung. Das wäre doch sogar zu eurem Vorteil — in einem Neubau würdet ihr viel besser leben!
Lena spürte, wie ihr das Blut in die Schläfen schoss. Sie sah ihren Mann an. Andrej wich ihrem Blick aus.
— Diese Wohnung gehörte meinen Eltern — sagte sie leise, aber sehr deutlich. — Sie haben sie mir hinterlassen. Hier ist mein Leben vergangen.
— Na und? — Tamara Iwanowna runzelte die Stirn. — Eine Wohnung ist eine Wohnung, nur Wände. Aber Familie — das ist Blut. Oder willst du sagen, dass dir irgendwelche Wände wichtiger sind als Kinder?
— Ich will sagen, dass dies mein Zuhause ist.
— Und Oleg und Wika haben kein Zuhause! — die Stimme der Schwiegermutter bekam einen metallischen Klang. — Gar keins! Sie stehen mit den Kindern auf der Straße! Gib deine Wohnung her, wohin soll er denn mit den Kindern? Ihr seid doch schließlich Familie!
Wika schluchzte lauter. Das Mädchen auf dem Boden begann wieder zu weinen. Die Szene war offenbar eingeübt.
— Tamara Iwanowna — Lena richtete sich auf — warum können Sie sie nicht bei sich aufnehmen?
— Ich?! — die Schwiegermutter sprang fast aus dem Sessel. — Ich habe eine Einzimmerwohnung! Wohin soll ich sie denn stecken, in den Schrank?
— Aber in einer Einzimmerwohnung könnte man zur Not auch etwas zusammenrücken. Für eine Weile.
— Lenotschka, bist du bei Verstand? Da sind siebzehn Quadratmeter! Ich habe kaum Platz für mich selbst!
— Aber uns wären Sie bereit, aus unserer Wohnung zu vertreiben.

— Ihr habt zwei Zimmer! Und ihr seid zu zweit! Und sie zu viert!
Lena atmete tief ein. Sie fühlte, wie ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, wie man sie von ihrem eigenen Territorium verdrängen wollte. Sie schaute Oleg an.
— Oleg, hattet ihr Ersparnisse? Geld für den Notfall?
Er hob endlich den Kopf. Sein Gesicht war unglücklich.
— Nun… ja, ein bisschen. Aber das ist aufgebraucht. Wika wurde letztes Jahr behandelt, und dann war das Auto kaputt…
— Das heißt, ihr habt zur Miete gewohnt, mit zwei Kindern, und nicht für unvorhergesehene Situationen gespart?
— Lena — mischte sich Andrej ein — lass das.
— Nein, es ist nötig — schnitt sie ihm das Wort ab. — Das ist wichtig. Ihr wusstet doch, dass ihr jederzeit ohne Wohnung dastehen könnt. Die Vermieterin hat das Recht zu verkaufen, das ist eine ganz normale Situation. Als Familienoberhaupt hätte Oleg das einkalkulieren müssen.
Wika fuhr auf:
— Glaubst du, wir sind dumm? Wir haben es versucht! Aber das Geld reicht nie! Wir haben Kinder, die brauchen Kleidung, Essen, Kindergarten!
— Gerade deshalb braucht man einen Notgroschen — beharrte Lena. — Für genau solche Fälle.
— Das ist ja unglaublich — Tamara Iwanowna schüttelte den Kopf. — Hör mal, Lena, ich hätte nie gedacht, dass du so herzlos bist. Ich bin fassungslos. Sitzt hier in einer Wohnung, die ihr auf dem Silbertablett serviert wurde, und belehrt andere!
— Auf dem Silbertablett? — Lena spürte, wie ein Kloß in ihrer Kehle aufstieg. — Meine Eltern haben ihr Leben lang gearbeitet, um diese Wohnung zu erhalten. Mein Vater starb an einem Herzinfarkt, direkt auf der Arbeit, mit siebenundfünfzig. Meine Mutter lebte danach noch drei Jahre allein hier und hinterließ mir die Wohnung. Das ist kein Silbertablett. Das ist ihr Leben.
— Na wunderbar, dass sie sie dir hinterlassen hat — gab die Schwiegermutter nicht auf. — Also kannst du auch der Familie helfen. Ist es wirklich so schwer, für seine Angehörigen ein wenig zusammenzurücken?
— Wir werden nirgendwo zusammenrücken — sagte Lena fest. — Das ist unser Zuhause.
Schweigen breitete sich aus. Sogar die Kinder verstummten, spürten, dass die Lage festgefahren war.
— Andrej — die Schwiegermutter wandte sich ihrem Sohn zu — was sagst du? Oder bist du überhaupt kein Mann in diesem Haus?
Andrej hob den Blick zu Lena. In seinen Augen lag so viel Traurigkeit, dass sie beinahe Mitleid mit ihm bekam. Beinahe.
— Mama, das ist unsere Wohnung. Lena hat recht.
— Das glaube ich nicht! — Tamara Iwanowna warf die Arme hoch. — Der eigene Bruder soll auf der Straße stehen, und du!
— Niemand wird auf der Straße stehen — sagte Lena. — Heute Nacht können sie hier schlafen. Wir bereiten im Wohnzimmer Betten vor. Morgen früh besprechen wir, wie wir ihnen helfen können.
— Wie helfen? — zischte die Schwiegermutter spöttisch. — Du hast doch gerade erklärt, dass sie selbst schuld sind!
— Das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt, dass sie eine solche Situation hätten einkalkulieren müssen. Aber das bedeutet nicht, dass wir ihnen keine Unterstützung geben.
— Was für eine Unterstützung denn? Worte? …
— Geld — antwortete Lena kurz. — Morgen sprechen wir über Geld.
Oleg und Wika warfen sich einen Blick zu. Hoffnung flackerte in ihren Augen auf.
— Na gut — knurrte Tamara Iwanowna. — Dann bleibt ihr eben über Nacht hier. Andrej, hilf deinem Bruder, die Sachen reinzutragen.
Lena drehte sich um und ging in die Küche. Ihre Hände zitterten. Sie schenkte sich Wasser ein, trank es in einem Zug aus, dann noch ein Glas. Hinter ihr hörte sie Schritte, Flüstern, Gepolter. Andrej und Oleg schleppten Taschen aus dem Auto. Wika machte die Kinder bettfertig. Tamara Iwanowna führte das Regiment.
Lena stand am Fenster und starrte in die Dunkelheit. Der Regen hatte zugenommen. Irgendwo unten hupte ein Auto. Ein ganz normaler Abend in einem ganz normalen Viertel. Und doch fühlte es sich so an, als sei die Welt Kopf gestanden.
Die Nacht wurde zum Albtraum. Die Kinder konnten an dem fremden Ort nicht schlafen, wimmerten und wälzten sich hin und her. Wika zischte sie an, Oleg schnarchte. Lena lag im Schlafzimmer und starrte an die Decke. Andrej lag neben ihr, ebenfalls schlaflos.
— Tut mir leid — flüsterte er im Dunkeln.
— Wofür?
— Für das alles. Ich wusste nicht, dass meine Mutter sich so etwas ausdenkt.
— Du hättest unser Territorium verteidigen müssen.
— Das habe ich doch. Du hast es gehört.
— Ja — Lena drehte sich zu ihm. — Danke.
Sie schwiegen. Im Wohnzimmer quietschte eine Diele, ein Kind begann zu weinen, verstummte wieder.
— Was hast du dir überlegt? — fragte Andrej. — Wegen des Geldes.
— Morgen sage ich es.
— Mir kannst du es jetzt sagen.
Lena seufzte.
— Wir helfen ihnen mit der ersten und letzten Monatsmiete für eine Mietwohnung. Und wir geben noch etwas für die Einrichtung dazu. Aber das ist eine einmalige Hilfe. Oleg hat einen Job, und Wika hatte doch auch einen. Sie kommen auf die Beine, wenn sie es wollen.
— Und wenn sie es nicht wollen?

— Dann ist das ihre Entscheidung. Aber nicht unsere Verantwortung.
Andrej zog sie zu sich und umarmte sie. Lena schmiegte sich an seine Schulter. So schliefen sie erst gegen Morgen ein.
Als sie in die Küche kam, saß Tamara Iwanowna bereits dort und trank Tee. Sie sah frisch und kampfbereit aus.
— Guten Morgen — presste Lena hervor.
— Morgen — nickte die Schwiegermutter. — Nun? Hast du nachgedacht?
— Ja.
Lena rief alle ins Wohnzimmer. Oleg und Wika kamen verschlafen und besorgt herein. Die Kinder spielten am Handy.
— Hört zu — begann Lena — ich habe überlegt, wie wir euch helfen können. Wir sind bereit, euch zwei Monatsmieten im Voraus zu bezahlen — die erste und die letzte, plus die Kaution, falls nötig. Das verschafft euch Zeit, auf die Beine zu kommen, eine vernünftige Wohnung zu finden, euch finanziell zu sortieren.
Oleg atmete erleichtert auf.
— Wirklich? Lena, das ist… danke. Wirklich danke.
— Aber es gibt Bedingungen — fuhr Lena fort. — Das ist eine einmalige Hilfe. Mehr können wir nicht tun. Ihr müsst in diesen zwei Monaten einen besseren Job finden, wenn nötig, euren Haushalt planen, anfangen zu sparen. Das ist deine Familie, Oleg, und du bist das Familienoberhaupt. Du musst ihnen Stabilität geben.
— Ich verstehe — nickte Oleg. — Ich schaffe das. Ehrlich.
Auch Wika nickte eifrig:
— Wir geben uns Mühe. Wir werden sparen.
— Dann ist das beschlossen — sagte Lena. — Heute fangt ihr an, nach Wohnungen zu suchen. Wir helfen, wenn ihr Unterstützung braucht.
Schweigen. Fast friedlich. Lena dachte schon, alles wäre geklärt — doch da stellte Tamara Iwanowna ihre Tasse mit einem Knall ab, dass alle zusammenzuckten.
— Wie — begann sie mit eisiger Stimme — ihr wollt also die Wohnung nicht hergeben?
— Nein — antwortete Lena ruhig.
— Und wenn die Mietwohnungen nicht geeignet sind? Wenn sie nichts Ordentliches finden?
— Sie werden etwas finden. Zwei Monate sind genug Zeit.
— Genug — äffte die Schwiegermutter. — Und wenn nicht genug? Was dann? Sollen sie wieder auf der Straße stehen?
— Tamara Iwanowna, wir tun, was wir können.
— Was ihr könnt! — die Schwiegermutter fuhr hoch. — Ihr sitzt hier in einer Drei-Zimmer-Wohnung…
— Zwei-Zimmer — korrigierte Lena.
— Was macht das für einen Unterschied! Ihr sitzt hier zu zweit wie die Made im Speck, und euren eigenen Bruder, euer Fleisch und Blut, setzt ihr vor die Tür!
— Wir setzen niemanden vor die Tür — Lenas Stimme blieb ruhig, doch sie hatte einen harten Kern. — Wir bieten Hilfe an. Konkrete, echte Hilfe.
— Hilfe — verzog die Schwiegermutter verächtlich das Gesicht. — Ihr kauft euch frei, ja? Mit Geld wedeln könnt ihr, aber menschlich handeln — das könnt ihr nicht!
— Mama, es reicht — sagte Oleg leise. — Sie tun schon genug.
— Du schweig! — fuhr Tamara Iwanowna ihn an. — Deine Mutter hat dich großgezogen, auf die Beine gestellt, ihre Wohnung verkauft, damit ihr heiraten könnt! Und jetzt…
— Stopp — unterbrach Lena. — Sie haben ihre Wohnung auf eigene Entscheidung verkauft. Niemand hat sie dazu gezwungen.

— Ich habe es für meine Söhne getan!
— Gut — sagte Lena. — Dann wissen Sie ja, wie es ist, für seine Familie Opfer zu bringen.
Tamara Iwanowna verstummte, starr wie ein Igel im Verteidigungsmodus. Lena machte einen Schritt nach vorn:
— Übrigens, wenn Ihnen Oleg so am Herzen liegt, habe ich einen Vorschlag. Warum ziehen Sie nicht für ein, zwei Monate zu einer Freundin? Dann kann die Familie Ihres Sohnes bei Ihnen wohnen. Das wäre echte Hilfe.
Totenstille. Alle starrten Tamara Iwanowna an. Sie öffnete den Mund, schloss ihn, öffnete ihn wieder.
— Ich… was? Zu einer Freundin? Meine Wohnung abgeben? Du… du meinst das ernst?
— Absolut — Lena verschränkte die Arme vor der Brust. — Sie haben doch von Familie gesprochen, von Blut. Hier ist Ihre Chance, Ihrem Sohn wirklich zu helfen.
Die Schwiegermutter lief rot an, dann wurde sie blass. Ihr Mund bewegte sich, aber keine Worte kamen heraus.
— Ich bin doch nicht verpflichtet… das ist etwas anderes… ganz etwas anderes…
— Wieso etwas anderes? — Lena neigte den Kopf. — Sie verlangen von uns, unser Zuhause für Oleg aufzugeben. Warum tun Sie nicht dasselbe?
— Weil ich seine Mutter bin! Ich habe schon alles getan! Ich habe meine Wohnung verkauft!
— Und jetzt erwarten Sie, dass andere Opfer bringen — schloss Lena. — Verstanden.
Tamara Iwanowna griff nach ihrer Tasche. Ihre Hände zitterten.
— Ihr seid… undankbar! Herzlos! Egoisten!
— Möglich — Lena nickte. — Aber diese Wohnung bleibt unsere.
Die Schwiegermutter stürzte zur Tür, drehte sich noch einmal um:
— Oleg, Wika, packt eure Sachen! Wir bleiben hier keine Minute länger!
— Mama, warte — Oleg erhob sich. — Sie haben doch zugestimmt zu helfen. Das ist ein gutes Angebot.
— Ein Angebot! — spie Tamara Iwanowna. — Das ist ein Almosen! Eine mildtätige Gabe!
— Nein, Mama. Es ist Hilfe. Ganz normale Hilfe.
— Du hältst zu ihnen? — ihre Stimme bebte. — Gegen deine eigene Mutter?
— Ich halte zu meiner Familie — sagte Oleg müde. — Ich muss an meine Frau und die Kinder denken. Und Lena und Andrej haben recht — ich muss meine Probleme selbst lösen. Ich bin das Familienoberhaupt.
Tamara Iwanowna starrte ihn lange an. Dann drehte sie sich um und ging, die Tür krachte hinter ihr ins Schloss. Das Echo rollte durch die Wohnung und verebbte.

Wika schluchzte — aber jetzt eher vor Erleichterung. Die Kinder wurden lebhafter, spürten, wie die Spannung nachließ. Oleg sank auf das Sofa und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.
— Verzeiht — murmelte er. — Für den ganzen Zirkus.
— Schon gut — Andrej klopfte ihm auf die Schulter. — Hauptsache, wir haben eine Lösung gefunden.
Lena trat ans Fenster. Der Regen hatte aufgehört, und ein blasses Sonnenlicht schimmerte über den Häusern. Die Pfützen glänzten, die nassen Bäume dampften. Unten fegte der Hausmeister wieder Blätter zusammen — hartnäckig und gewissenhaft.
— Len — rief Andrej sie.
Sie drehte sich um. Ihr Mann sah sie mit etwas wie Bewunderung an.
— Du warst großartig.
— Ich habe nur mein eigenes verteidigt — zuckte Lena mit den Schultern.
— Unseres — korrigierte er. — Unseres.
Oleg und Wika begannen zu packen. Die Kinder wuselten fröhlich um die Taschen herum, gespannt auf das nächste Abenteuer. Lena ging in die Küche, schenkte sich Kaffee ein. Setzte sich an den Tisch — genau jenen, an dem ihre Eltern morgens Tee tranken, an dem sie ihre Hausaufgaben gemacht hatte, an dem Andrej ihr einen Antrag gemacht hatte.
Die Wohnung war still.
In der Tür erschien Andrej und setzte sich ihr gegenüber.
— Du warst hart.
— Anders ging es nicht. Sonst hätten sie uns einfach überrollt.
Er nickte und betrachtete seine Tasse.
— Weißt du, Mutter hat die Wohnung damals wirklich ihretwegen verkauft.

— Ich weiß — Lena streckte die Hand aus und legte sie auf seine. — Und das war ihre Entscheidung. Freiwillig. Aber das bedeutet nicht, dass wir ihr nun lebenslang etwas schulden.
— Und Oleg?
— Oleg schafft das. Er hat doch zugestimmt, oder? Er versteht es also.
Aus dem Flur hörten sie Stimmen — Oleg und Wika verabschiedeten sich, dankten, versprachen anzurufen, sobald sie eine Wohnung finden. Die Kinder schwatzten, Wika schniefte, Oleg murmelte etwas. Dann fiel die Tür ins Schloss — und Stille kehrte ein.
Lena stand auf und ging zum Fenster. Die Sonne bahnte sich ihren Weg durch die Wolken, färbte die Pfützen in schillernde Farben. Der Hausmeister war verschwunden. Die Blätter verteilten sich schon wieder über den Asphalt — doch das war nicht wichtig. Sie würden wiederkommen, und er würde sie wieder zusammenkehren, immer und immer wieder. So funktioniert das Leben.
Lena erinnerte sich an ihre Mutter, die in ihrem letzten Herbst hier am selben Fenster gestanden hatte. In den Hof geblickt, auf die Bäume, auf den Regen. Sie erinnerte sich an ihren Vater, der immer sagte: „Ein Zuhause sind nicht die Wände. Ein Zuhause ist das, was du bereit bist zu verteidigen.“
Und sie hatte es verteidigt.
Andrej kam von hinten, legte die Arme um ihre Taille und das Kinn auf ihre Schulter.
Sie standen am Fenster, eng umschlungen, und sahen zu, wie der Herbst die Blätter durch den Hof trug, wie die Stadt ihrem Alltag nachging, wie in den Fenstern gegenüber Lichter angingen. Dort drüben, in diesen Fenstern, spielten sich sicher auch Dramen ab, Konflikte und Siege. Jemand verteidigte Grenzen, jemand gab nach, jemand suchte einen Kompromiss.