— Such dir einen normalen Job, sonst lasse ich mich scheiden! – kreischte der arbeitslose Ehemann, während er zu Mami davonlief.

Alina zog den Reißverschluss ihrer Sportjacke zu und blickte aus dem Fenster. Oktoberblätter wirbelten durch die Luft und bedeckten die Gehwege mit einem goldenen Teppich. Es war halb sieben morgens, und in einer halben Stunde musste sie bei ihrem ersten Job sein. Die zweite Schicht wartete nachmittags.
Die Zweizimmerwohnung im siebten Stock des Plattenbaus hatte das junge Paar vor zwei Jahren per Hypothek bekommen. Damals schien alles machbar: Ihr Mann Denis arbeitete als Manager in einer Baufirma, Alina war als Verwaltungsangestellte in einem medizinischen Zentrum tätig. Die Pläne waren rosig, man träumte von Renovierung und Kindern.
Doch das Leben machte seine eigenen Korrekturen. Im Frühling verlor Denis seine Arbeitsstelle. Die Firma schloss und ließ die Angestellten ohne Abfindung und mit ausstehenden Gehaltszahlungen zurück. Alina unterstützte damals ihren Mann, sagte, dass sie gemeinsam die Schwierigkeiten überwinden würden. Sie nahm einen zusätzlichen Job als Reinigungskraft in einem Bürozentrum für die Abendstunden an.
Aus Monaten wurden ein halbes Jahr, und Denis konnte immer noch keine passende Stelle finden. Genauer gesagt, er suchte gar nicht erst. Morgens ging seine Frau zur Arbeit, abends kam sie zurück und fand ihren Mann vor dem Fernseher auf dem Sofa. Die Wohnung verwandelte sich in einen regelrechten Schweinestall: schmutziges Geschirr stapelte sich in der Spüle, Krümel lagen auf dem Tisch verstreut, Socken flogen überall herum.
– Dän, du hättest wenigstens den Staubsauger anmachen können, während ich weg war, sagte Alina erschöpft und stellte die Tasche im Flur ab.
– Es ist Krise, Alina. Es gibt keine vernünftigen Jobs. Warum sollte ich für einen Hungerlohn als Träger arbeiten? – erwiderte Denis, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden. – Ich habe übrigens einen Hochschulabschluss.
Alina ging schweigend in die Küche und begann, das Chaos zu beseitigen. Die Hände schmerzten vom ständigen Putzen in den Büros, der Rücken tat weh, aber die Hypothek verlangte monatliche Zahlungen. Die Bank interessierte sich nicht für Familienprobleme.
Zu Beginn des Herbstes spitzte sich die Situation bis zum Äußersten zu. Denis äußerte immer häufiger Vorwürfe gegenüber seiner Frau, als hätte er völlig vergessen, wer in diesem Haushalt das Geld verdiente.
– Du bist schon wieder zu spät, empfing er Alina mit missmutigem Blick. – Ich sitze den ganzen Tag allein, langweile mich. Und du denkst nur an die Arbeit.
Alina klatschte in die Hände, unfähig, ihre Gefühle zu kontrollieren:
– Denis, ernsthaft? Ich arbeite zwölf Stunden am Tag, damit wir nicht auf der Straße landen! Und du beschwerst dich, dass ich dir zu wenig Aufmerksamkeit schenke?
– Na klar, zuckte er mit den Schultern. – Eine Frau muss sich um die Familie kümmern und nicht nur Geld verdienen. Zum Beispiel Abendessen kochen. Oder wenigstens normal mit mir reden.
Blut schoss Alina ins Gesicht. Sie runzelte die Stirn und neigte leicht den Kopf, um das Gehörte zu verarbeiten. Hatte Denis wirklich so viel Dreistigkeit, ihr die Schuld dafür zu geben, dass sie für zwei arbeiten musste?
– Abendessen?, wiederholte Alina. – Und was hindert dich daran, selbst vom Sofa aufzustehen und etwas zu kochen? Du hast doch Hände und scheinbar auch einen Kopf.
– Fang nicht wieder an, murmelte Denis. – Männer und Frauen haben unterschiedliche Pflichten. Ich suche Arbeit, das ist auch anstrengend.
– Du suchst? – Alina sah auf den eingeschalteten Fernseher, wo gerade ein Fußballspiel lief. – Was sind die Ergebnisse deiner Suche? Wie viele Lebensläufe hast du diese Woche verschickt? Zu wie vielen Vorstellungsgesprächen bist du gegangen?
Denis wandte sich ab, was deutlich signalisierte, dass das Gespräch beendet war. Solche Dialoge wiederholten sich fast jeden Abend. Alina spürte, wie sich nicht nur die körperliche, sondern auch die seelische Erschöpfung anhäufte. Sie musste für zwei arbeiten, ihrem Mann hinterherräumen, Vorwürfe ertragen und sich noch für ihre Abwesenheit rechtfertigen.
Am Donnerstagabend riss ihr endgültig der Geduldsfaden. Alina kam um halb elf nach Hause. Ihre Beine schmerzten, der Kopf dröhnte vom Schlafmangel. In der Küche fand sie ein wahres Schlachtfeld vor: Denis hatte sich Rührei gemacht, aber offenbar war etwas schiefgegangen. Öl spritzte über den Herd, Eierschalen lagen auf dem Boden, die schmutzige Pfanne stand in der Spüle neben einem Berg ungereinigter Teller.
– Dän! – rief Alina. – Kannst du mir erklären, was hier passiert ist?
Der Ehemann kam mit missmutigem Gesichtsausdruck aus dem Zimmer:
– Was soll daran falsch sein? Ich habe gegessen, na und? Du räumst morgen auf, es eilt ja niemand.
– Morgen? Alina blieb wie angewurzelt stehen, unschlüssig, wie sie reagieren sollte. – Warum nicht heute? Warum nicht gleich nach dem Kochen?
– Weil ich müde bin. Ich habe den ganzen Tag zu Hause gesessen und über unsere Zukunft nachgedacht. Mein Kopf tut weh vor lauter Anspannung.
Alina lachte auf, doch es war eher ein nervöses, hysterisches Lachen:
– Von Anspannung? Denis, willst du mich veräppeln? Ich stehe um sechs auf, komme um elf abends zurück – und du bist müde vom Herumliegen?
– Schrei mich nicht an! – fauchte Denis. – Ich bin der Mann im Haus, und du bist nur meine Frau! Du musst respektvoll sein und mich unterstützen, statt zu streiten!
– Unterstützen? – Alinas Stimme überschlug sich. – Wer unterstützt hier wen? Wer bezahlt diese Wohnung? Wer kauft die Lebensmittel? Wer übernimmt die Nebenkosten?
– Du schaffst es nicht, die Familie zu ernähren! – brüllte Denis und fuchtelte mit den Armen. – Eine richtige Ehefrau hätte längst einen Weg gefunden, mehr zu verdienen! Und was machst du? Du wischst Böden für ein Taschengeld!
Alina spürte, wie sich in ihr alles vor Kränkung und Wut zusammenzog. Dieser Mensch, der seit einem halben Jahr auf ihre Kosten lebt, wagt es, ihr vorzuwerfen, dass sie versage?
– Einen Weg, mehr zu verdienen? – wiederholte Alina leise. – Und welchen Weg schlägst du vor? Vielleicht verrätst du mir, wo man ohne Erfahrung und Kontakte einen Job mit hunderttausend Rubel Gehalt findet?
– Keine Ahnung! – brüllte Denis. – Das ist dein Problem! Such dir einen normalen Job, sonst lasse ich mich scheiden!
Die Worte hingen in der Luft. Alina erstarrte, blinzelte und konnte kaum glauben, was sie gehört hatte. Ein Mann, der keinen einzigen Tag arbeitet, der auf ihre Kosten lebt, droht mit Scheidung? Weil sie zu wenig verdient?
Denis erschrak offenbar vor seinen eigenen Worten, doch zurückrudern war zu spät. Mit einem Türknall, dass die Scheiben erzitterten, stürmte er aus der Wohnung. Alina hörte, wie seine Schritte über das Treppenhaus donnerten und wie die Haustür des Gebäudes ins Schloss fiel.
Alina runzelte die Stirn und neigte den Kopf, während sie versuchte, das Geschehene zu begreifen. Zum ersten Mal seit vielen Monaten war es in der Wohnung still. Kein laufender Fernseher, kein unzufriedenes Gemaule des Mannes, kein Klirren von zerbrochenem Geschirr.
Schmunzelnd ging Alina in die Küche und stellte den Wasserkocher an. Denis war mit Sicherheit zu seiner Mutter gelaufen. Galina Michailowna wohnte im benachbarten Stadtteil und war immer bereit, ihr Söhnchen zu bemitleiden, während sie die Schwiegertochter für alles verantwortlich machte. Die Frau hatte nie gearbeitet, ihr gesamtes Leben auf Kosten ihres Mannes verbracht und war deshalb fest davon überzeugt, dass Ehefrauen ihre Gatten bedienen und sich dafür bedanken sollten, in deren Nähe sein zu dürfen.
Alina brühte starken schwarzen Tee auf und setzte sich an den Tisch. Merkwürdig – erstmals seit Monaten fühlte sie Erleichterung. Keine Vorwürfe, keine Rechtfertigungen für ihre Müdigkeit, keine Entschuldigungen für ihr zu niedriges Einkommen. Sie konnte einfach in Ruhe sitzen und nachdenken.

Und es gab eine Menge zu überdenken. Die Drohung mit Scheidung war nicht zum ersten Mal gefallen. Denis schreckte sie damit regelmäßig auf, sobald Alina sich über sein Nichtstun beschwerte. Früher bekam sie Angst, bat um Verzeihung, versprach, sich zu bessern. Doch jetzt, als sie die vertrauten Worte erneut hörte, begriff Alina zum ersten Mal: Was wäre eigentlich so schlimm an einer Scheidung?
Was würde sie verlieren? Einen Mann, der nicht arbeitet, nicht im Haushalt hilft, nur frisst und jammert? Einen Ehemann, der sie für alles verantwortlich macht, während sie sich abrackert? Einen Partner, der mit Scheidung droht, statt sich eine Arbeit zu suchen?
Alina trank ihren Tee aus und ging, um das Geschirr zu spülen. Morgen würde Denis mit verheulten Augen zurückkommen, um Verzeihung bitten und versprechen, sich zu ändern. Er würde sagen, dass er überreagiert habe, dass er sie liebe und ohne sie nicht leben könne. Galina Michailowna hatte sicher längst erklärt, wie man sich korrekt bei der Ehefrau entschuldigt, um ihre Gunst zurückzugewinnen.
Doch irgendetwas sagte Alina, dass dieses Mal alles anders sein würde. Zu viel hatte sich angesammelt, zu offensichtlich war die Ungerechtigkeit geworden. Für zwei arbeiten, einen erwachsenen Mann durchfüttern und sich dazu noch Vorwürfe anhören? Nein, es reichte.
Alina räumte die Wohnung auf, duschte und ging schlafen. Morgen würde ein neuer Tag kommen – und vielleicht ein neues Leben.
Alina wachte noch vor dem Wecker auf. Draußen nieselte feiner Regen, doch ihre Laune war überraschend gut. Zum ersten Mal seit vielen Monaten musste sie keine herumliegenden Männersocken wegräumen, kein unzufriedenes Brummen hören und kein Frühstück für zwei vorbereiten.
Während sie sich für die Arbeit fertig machte, dachte Alina über den gestrigen Streit nach. Je länger sie nachdachte, desto klarer wurde es: Einen erwachsenen Mann zu ernähren, der nichts anderes macht, als sich zu beschweren und Ansprüche zu stellen – das war einfach absurd. Warum sollte eine Frau so etwas ertragen? Wegen eines Stempels im Pass?
Auf der ersten Arbeit merkten die Kolleginnen sofort die Veränderung in Alinas Stimmung. Normalerweise erschöpft und wortkarg, wirkte sie heute erstaunlich ausgeruht.
– Alina, du strahlst heute irgendwie ganz besonders, bemerkte die Krankenschwester Sweta. – Was ist passiert? Hat dein Mann eine Arbeit gefunden?
Alina schmunzelte:
– Nein, Swetotschka. Mein Mann hat mit Scheidung gedroht. Und weißt du was? Mir gefällt diese Idee.
– Ernsthaft? – Sweta riss die Augen auf. – Und was ist mit der Wohnung, dem Kredit?…
– Und was ist mit der Wohnung? Die Hypothek bezahle ich, die Dokumente sind auf mich ausgestellt. Soll er sich eine andere Ernährerin suchen.
Den ganzen Tag ging Alina im Kopf verschiedene Szenarien durch. Am Abend stand ihr Entschluss endgültig fest. Nach ihrer zweiten Schicht fuhr sie zu einem rund um die Uhr geöffneten Kopierladen und machte Kopien aller wichtigen Dokumente: Reisepass, Heiratsurkunde, Wohnungsunterlagen, Einkommensnachweise.
Am nächsten Morgen eilte sie nicht wie gewohnt zur Arbeit, sondern ging zur Rechtsberatung. Der ältere Anwalt, Viktor Semjonowitsch, hörte sich die Geschichte aufmerksam an.
– Verstehe, nickte er. – Gemeinsames Vermögen außer der Wohnung gibt es nicht? Und auch keine Kinder?
– Nein. Die Wohnung ist auf Hypothek, ich zahle allein. Denis arbeitet seit einem halben Jahr überhaupt nicht.
– Dann dauert die Scheidung vor Gericht etwa einen Monat, höchstens anderthalb. Wir reichen eine Klage auf Auflösung der Ehe ein und geben die Unmöglichkeit des gemeinsamen Lebens an. Die Wohnung bleibt bei Ihnen, da Sie die alleinige Kreditnehmerin sind.
Viktor Semjonowitsch verfasste die Klageschrift, erklärte den Ablauf und die Höhe der Gerichtsgebühren. Alina unterschrieb die Unterlagen und zahlte den Vorschuss für die anwaltlichen Dienste. Eine Stunde später lagen die Papiere bereits im Büro des Bezirksgerichts.
Mit einem Gefühl der Erleichterung kehrte Alina nach Hause zurück. Die Maschine war in Gang gesetzt – nun musste sie nur noch das Ergebnis abwarten. Denis war immer noch nicht aufgetaucht; er schmollte offensichtlich im Haus seiner Mutter und wartete darauf, dass seine Frau ihn anflehen würde, zurückzukehren.
Doch solche Bitten blieben aus. Alina ging ruhig ihrem Alltag nach: Sie arbeitete, räumte die Wohnung auf, kochte sich ihr Abendessen. Niemand drehte den Fernseher auf volle Lautstärke, niemand verstreute seine Sachen, niemand klagte über Langeweile und fehlende Aufmerksamkeit.
Am vierten Tag hielt Denis es nicht mehr aus. Am Samstagmorgen klingelte es an der Tür. Alina öffnete – und sah ihren Mann mit schuldbewusstem Gesichtsausdruck. Denis hielt einen Strauß verwelkter Chrysanthemen in der Hand, offensichtlich in der nächstbesten Bude gekauft.

– Alinka, hallo, begann er mit einem unsicheren Lächeln. – Entschuldige wegen neulich. Ich war zu aufgebracht und habe Unsinn geredet. Verstehst du, die Arbeitslosigkeit geht mir an die Nerven.
Alina stand schweigend im Türrahmen und machte keine Anstalten, ihn hereinzulassen. Denis streckte ihr die Blumen entgegen:
– Nun komm schon. Wir lieben uns doch. In jeder Familie gibt es mal Streit. Aber jetzt habe ich verstanden, wie schwer du es hast. Ich werde dir mehr im Haushalt helfen, das verspreche ich.
– Denis, sagte Alina ruhig, deine Sachen sind schon gepackt.
Ihr Mann blinzelte verwirrt:
– Welche Sachen? Wovon redest du?
Alina ging in den Flur und brachte zwei große Sporttaschen heraus. Denis starrte sie ungläubig an.
– Alina, was machst du da? Ich habe mich doch entschuldigt und bringe sogar Blumen mit.
– Deine Kleidung, Dokumente, persönliche Dinge, zählte Alina auf, während sie die Taschen über die Schwelle stellte. – Gib die Schlüssel ab und wohn, wo du willst.
– Bist du verrückt geworden?! empörte sich Denis lautstark. – Das ist auch meine Wohnung! Ich bin dein Ehemann, ich habe das Recht, hier zu leben!
– Ehemann? Alina verzog spöttisch den Mund. – Der, der seit einem halben Jahr auf meinen Kosten lebt und noch Ansprüche stellt? Wer zahlt den Kredit? Wer zahlt die Nebenkosten? Wer kauft das Essen?
– Aber wir sind verheiratet! quietschte Denis. – Du kannst mich nicht rauswerfen!
Alina holte den Wohnungsschlüssel aus ihrer Tasche hervor:
– Schlüssel. Jetzt.
– Ich gebe ihn nicht her! Denis verschränkte die Arme hinter dem Rücken. – Du hast kein Recht!
– Gut, sagte Alina mit einem Nicken. – Dann wird morgen der Schlosser die Schlösser austauschen. Und in einer Woche bekommst du die Vorladung zur Scheidung.
Denis erbleichte:
– Welche Scheidung? Alina, was tust du da? Mama hat doch gesagt, du beruhigst dich und entschuldigst dich bei mir!
– Mama? Alina lachte kurz. – Galina Michailowna, die ihr ganzes Leben lang auf Kosten ihres Mannes gelebt hat? Ja, tolle Ratgeberin. Nur sind die Zeiten vorbei, Denis. Moderne Frauen müssen keine gesunden Männer versorgen.
– Alina, warte! Er packte sie am Arm. – Lass uns ruhig reden. Ich werde jede Arbeit annehmen! Als Lagerarbeiter, als Hausmeister – egal! Bitte, gib mir noch eine Chance!
Alina löste sanft seine Hand von ihrer:
– Eine Chance? Denis, du hattest ein halbes Jahr Chancen. Statt zu arbeiten lagst du auf dem Sofa und gabst mir die Schuld, dass ich zu wenig verdiene. Und am Donnerstag hast du sogar gesagt, du würdest dich scheiden lassen, wenn ich keinen normalen Job finde.
– Ich hab nicht nachgedacht! Denis schüttelte verzweifelt den Kopf. – Es ist mir nur rausgerutscht! Du weißt doch, dass ich dich liebe!
– Liebe? Alina runzelte die Stirn und neigte den Kopf leicht. – Eine seltsame Liebe. Ein liebender Mensch droht nicht mit Scheidung – er sucht nach Wegen zu helfen.
Denis begriff, dass es Alina ernst war. Sein Gesicht lief rot an, die Panik trat offen zutage:
– Na gut, na gut! Ich suche jede Arbeit! Wirklich jede! Aber bitte, wirf mich nicht raus!
– Zu spät, entgegnete Alina. – Entscheidung getroffen. Gib die Schlüssel – oder morgen sind die Schlösser neu.
Denis stand noch eine Minute lang da, die Schlüssel fest in der Faust. Dann legte er sie langsam auf die Schwelle:
– Du wirst das bereuen, murmelte er. – Ohne mich gehst du zugrunde. Wer hilft dir, wenn etwas passiert?
Alina klatschte in die Hände:
– Helfen? Denis, ein halbes Jahr lang hast du nur Probleme verursacht. Jetzt komme ich auch allein klar.
Der Mann schulterte die Taschen und ging zögernd Richtung Aufzug. An der Schwelle drehte er sich noch einmal um:

– Alina, ich komme in einer Woche zurück. Du wirst abgekühlt sein und verstehen, dass du einen Fehler machst.
– Komm nicht zurück, antwortete Alina ruhig. – In einer Woche bekommst du die Vorladung zur Scheidung.
Die Aufzugstüren schlossen sich und fuhren mit Denis, seinen Sachen und seinen überhöhten Ansprüchen davon. Alina ging in die Wohnung zurück, schloss die Tür mit allen Schlössern ab und lehnte sich an die Wand.
Stille. Zum ersten Mal in zwei Jahren Ehe herrschte echte Stille im Haus. Kein Fernseher lief, keine Schranktüren schlugen, niemand beschwerte sich über die Qualität des Abendessens. Man konnte einfach leben, ohne ständig auf fremde Unzufriedenheit achten zu müssen.
Alina ging durch die Wohnung und nahm die Veränderungen wahr. Ohne Denis wirkte der Raum größer. Keine herumliegenden Socken, die Bücher standen ordentlich in den Regalen, im Badezimmer hing nur noch ein Handtuch.
Am Abend kam Galina Michailowna. Die Schwiegermutter klingelte und verlangte eine Erklärung:
– Alina, mach die Tür auf! Was soll dieser Skandal? Mein Sohn ist völlig verheult angekommen!
– Galina Michailowna, antwortete Alina durch die Tür, Ihr Sohn ist ein erwachsener Mann. Er soll selbst für seine Taten geradestehen.
– Wie kannst du es wagen, deinen Ehemann hinauszuwerfen?! empörte sich die Schwiegermutter. – Das ist widernatürlich! Eine Frau muss die Familie unterstützen!
– Zwei Jahre habe ich unterstützt, erwiderte Alina trocken. – Jetzt soll er sich selbst unterstützen.
Galina Michailowna klopfte noch eine Weile gegen die Tür und schrie Vorwürfe, aber Alina öffnete nicht. Eine Frau, die nie gearbeitet hat und ihr Leben lang von Männern abhängig war, konnte schwerlich die Entscheidung einer modernen Frau begreifen.

Einen Monat später kam die Benachrichtigung über die Gerichtsverhandlung. Denis erschien nicht, er hatte eine Erklärung über sein Einverständnis zur Scheidung eingereicht. Offensichtlich hatte er begriffen, dass jeder Streit sinnlos wäre: Die Wohnung war durch Alinas Einkommen finanziert, die Kreditverpflichtungen trug allein sie, gemeinsames Vermögen gab es nicht.
Der Richter gab der Klage ohne weitere Fragen statt. Zehn Tage später hielt Alina die Scheidungsurkunde in den Händen.
Am Abend, auf dem Heimweg von der Arbeit, blieb sie am Fenster stehen und blickte auf die herbstliche Stadt. Blätter wirbelten im Licht der Laternen, feiner Regen fiel. Genau nach einem Monat war ein Leben zu Ende gegangen – und ein neues hatte begonnen.
Sie musste nicht mehr zwei Jobs gleichzeitig ausüben, um einen gesunden Mann zu ernähren. Sie konnte sich auf ihre Haupttätigkeit konzentrieren und sich ein Hobby suchen. Oder endlich Fahrstunden nehmen, wovon sie schon im Studium geträumt hatte.
Alina kochte sich Tee, setzte sich in ihren Lieblingssessel am Fenster und nahm ein Buch zur Hand. In der Wohnung herrschten Ruhe und Frieden. Niemand drohte mehr mit Scheidung, weil die Ehefrau zu wenig verdiente. Das Leben gehörte jetzt nur noch ihr allein.