– Tauscht doch mit deinem Bruder, er hat eine Familie, und ihr braucht so eine große Wohnung nicht! – beharrte die Mutter.

– Tauscht doch mit deinem Bruder, er hat eine Familie, und ihr braucht so eine große Wohnung nicht! – beharrte die Mutter.

– Tauscht doch mit deinem Bruder, er hat eine Familie, ihr braucht so eine riesige Wohnung einfach nicht! – Maria Wiktorowna rührte energisch ihren Instantkaffee um, ohne ihren Sohn anzusehen.

Andrej löste den Blick vom Handy. Aus dem Nebenzimmer dröhnten Zeichentrickfilme und das Kreischen der Kinder. Die Luft war vom Geruch gebratener Fische durchzogen – die Mutter bereitete für die Enkel Pollack zu.

– Mama, ernsthaft? – brachte er schließlich hervor.

– Was ist denn dabei? – Maria Wiktorowna hob empört den Blick. – Für Kirjuscha, Lenotschka und die drei Kinder ist es in der Einzimmerwohnung eng, und ihr lebt zu zweit in drei Räumen. Das ist doch logisch!

Andrej öffnete den Mund, um zu antworten, doch aus dem Flur ertönte ein Krachen – dem Geräusch nach war die Garderobe umgefallen.

– Ooooomaaa! – schrie eine Kinderstimme. – Timka hat mich geschubst!

Maria Wiktorowna sprang auf und eilte, die Enkel auseinanderzubringen, während sie über die Schulter rief:

– Überlegt es euch mit Olja. Verwandtschaftspflicht und so!

Am Abend stand Andrej mitten in seiner Küche – geräumig, hell, mit einer neuen cappuccinofarbenen Einbauküche – und versuchte, das Gehörte zu verarbeiten. Olja bereitete das Abendessen zu und schnitt Gemüse für den Salat.

– Hat sie wieder angefangen? – fragte die Ehefrau, ohne sich umzudrehen.

– Diesmal schlägt sie offen vor, die Wohnungen zu tauschen.

Das Messer erstarrte in der Luft. Olja drehte sich langsam um.

– Mit Kirill? Unsere Dreizimmerwohnung gegen deren Einzimmerbude?

– Genau.

Andrej setzte sich an den Tisch und rieb sich die Schläfen. Er war zweiundvierzig, aber in solchen Momenten fühlte er sich wie ein Greis. Die Geschichte mit seinem Bruder zog sich durch sein ganzes bewusstes Leben.

Kirill war geboren worden, als Andrej dreizehn war. Ein spätes, erkämpftes, herbeigesehntes Kind – die Mutter hatte ihn mit vierzig bekommen, nach jahrelangen Versuchen. Andrej erinnerte sich gut daran, wie sich das Haus mit dem Säugling verändert hatte. Früher kontrollierte die Mutter seine Hausaufgaben, der Vater nahm ihn mit zum Angeln. Dann blieben nur noch Babygeschrei, endlose Windeln und die Sätze: „Andrjusch, du bist doch groß, du schaffst das alleine.“

Und er schaffte es. Er machte seine Hausaufgaben, bereitete sich Frühstück, wusch seine Schuluniform. Auf der Abschlussfeier saßen die Eltern mit abwesenden Gesichtern – der vierjährige Kirjuscha hatte sich mit Windpocken angesteckt, und sie sorgten sich, wie es ihm ohne sie ging.

Auch auf Andrejs und Oljas Hochzeit vor zehn Jahren wiederholte sich die Geschichte. Die Eltern kamen, überreichten einen Umschlag mit fünftausend Rubel und redeten den ganzen Abend darüber, auf welche Universität Kirill gehen würde.

– Weißt du, was das Verletzendste war? – sagte Andrej nach der Feier zu seiner Frau. – Sie haben nicht einmal bemerkt, wie schön dein Kleid war.

Olja umarmte ihn und schwieg. Was hätte sie auch sagen sollen?

In den folgenden Jahren bauten Andrej und Olja ihr Leben alleine auf. Sie legten von jedem Gehalt etwas zurück, verzichteten auf Urlaube, arbeiteten abends zusätzlich. Nach drei Jahren hatten sie genug für die Anzahlung zusammengespart. Die Wohnung war in einem Neubau – nackte Wände, Betonboden, Blick auf eine Brache.

– Aber sie ist unsere, – sagte Olja damals und umarmte ihren Mann mitten im leeren Raum.

Die Renovierung machten sie selbst. Andrej lernte auf YouTube, wie man Laminat verlegt, Olja eignete sich das Tapezieren an. Auf dem Baumarkt verbrachten sie Stunden damit, Fliesen fürs Bad auszuwählen.

– Beige ist langweilig! – bestand Olja.

– Und Blau ist unpraktisch! – konterte Andrej.

Am Ende kauften sie graue mit Muster – ein Kompromiss, über den sie später lachten.

Die Einweihung feierten sie ein Jahr später. Die Freunde waren begeistert, stellten Fragen, machten Fotos vor der Küche. Andrejs Eltern kamen für eine halbe Stunde.

– Die Räumchen sind aber klein, – bemerkte Maria Wiktorowna, während sie das Schlafzimmer musterte. – Bei Kirjuscha im Wohnheim ist das Zimmer größer.

– Mama, das ist eine Dreizimmerwohnung, – antwortete Andrej erschöpft.

– Also ich weiß ja nicht, wie ihr gemessen habt. Für mich ist das ein Hühnerstall.

Zu dieser Zeit studierte Kirill an der Uni, die die Eltern finanzierten – sie machten dafür sogar Schulden. Im dritten Studienjahr brachte er Lena mit – ein stilles Mädchen aus der Provinz. Drei Monate später stellte sich heraus, dass Lena schwanger war.

Die Hochzeit fiel prunkvoll aus – Maria Wiktorowna lieh sich dafür von allen Bekannten Geld. Andrej und Olja wurden nicht einmal gefragt, ob sie kommen – man informierte sie einfach. Für die Einzimmerwohnung der jungen Familie nahmen die Eltern noch einen Kredit auf.

– Sollen sie doch helfen, – sagte Olja damals. – Was geht uns das an?

Doch es ging sie eben doch etwas an. Maria Wiktorowna rief jetzt öfter an. Sie erzählte weniger von den Enkeln als vielmehr davon, wie schwer es Kirill hatte, wie klein die Wohnung sei, wie das Geld nie reiche.

– Sie plant irgendwas, – sagte Olja nach einem weiteren Schwiegermutter-Anruf.

Andrej winkte ab, doch auch in ihm breitete sich ein ungutes Gefühl aus.

Am Sonntag stand Kirill mit Familie plötzlich „zu Besuch“ vor der Tür – ohne Vorwarnung. Die drei Kinder – sieben, fünf und zwei Jahre alt – stürmten wie ein Orkan in die Wohnung. Der Älteste rannte sofort in das Zimmer, das Andrej als Arbeitszimmer eingerichtet hatte, und begann, Bücher aus dem Regal zu reißen. Die mittlere Tochter fand im Flur ein Spielzeugrutschauto – Olja hatte es für die Nachbarstochter zum Geburtstag gekauft – und raste damit durch den Flur. Der Jüngste verschmierte Schokolade auf dem Sofa.

– Kirill, könntest du vielleicht ein bisschen auf sie aufpassen? – bat Olja und versuchte, den Fleck abzuwischen.

– Ach was, sind doch Kinder! – winkte Kirill ab und ließ sich im Sessel nieder. – Boah, habt ihr’s hier gut! So eine richtige Fläche!

Lena saß schweigend in der Küche und trank Tee. In den zwei Stunden ihres Besuchs sagte sie höchstens zehn Worte.

Als das Rutschauto unter dem Gewicht von Kirills ältestem Sohn in der Mitte durchbrach, riss Andrej der Geduldsfaden:

– So, ihr zieht euch jetzt an. Wir haben heute noch etwas vor.

– Was hat man denn am Sonntag vor? – wunderte sich der Bruder.

– Wichtiges.

Kirill war beleidigt, ging aber. Abends – wie gewohnt – rief Maria Wiktorowna an.

– Ihr habt doch gesehen, wie schwer sie es haben! – begann sie ohne Umschweife. – Drei Kinder in einem Zimmer! Wäre es nicht nur fair, wenn ihr teilt?

– Mama, womit sollen wir teilen? – fragte Andrej müde.

– Na womit schon? Mit dem Wohnraum! Ihr habt drei Zimmer für zwei Personen, sie haben ein Einzimmerapartment für fünf. Tauscht, und alle sind glücklich!…

Andrej legte auf, ohne sich zu verabschieden.

Der „Familienrat“ wurde für den kommenden Samstag angesetzt. Maria Wiktorowna bestand darauf, dass alle kommen. Am Küchentisch saßen bereits alle: die Eltern, Kirill mit Lena. Die Kinder rannten durch die Wohnung, doch niemand schenkte ihnen Beachtung.

– Also, – begann Maria Wiktorowna feierlich, – wir sind hier, um eine wichtige Frage zu besprechen. Kirill braucht mit seiner Familie eine richtige Wohnung. Andrej und Olja haben überflüssigen Wohnraum. Ich schlage einen fairen Tausch vor – ihr zieht in die Einzimmerwohnung, sie in eure Dreizimmerwohnung. Ganz gerecht, schließlich haben sie Kinder.

Stille legte sich über den Tisch. Olja drückte Andrejs Hand unter der Tischplatte.

– Gerecht? – wiederholte Andrej langsam. – Mama, findest du das wirklich gerecht?

– Was soll daran ungerecht sein? Man muss der Familie helfen!

Andrej stand auf. Der Stuhl quietschte über den Linoleumboden.

– Weißt du, Mama, ich habe vierzig Jahre geschwiegen. Aber jetzt ist Schluss. Als ich Hilfe bei den Hausaufgaben brauchte – habt ihr euch um Kirill gekümmert. Als ich mich an der Uni beworben habe – wart ihr mit seinem Kindergarten beschäftigt. Zu meiner Hochzeit wart ihr eine halbe Stunde da, aber für ihn habt ihr euch bis über beide Ohren verschuldet. Ich verlange nichts. Ich habe nie etwas verlangt.

Wir haben uns unser Leben selbst aufgebaut, Olja und ich. Die Wohnung selbst gekauft, alles selbst renoviert. Und jetzt wollt ihr, dass wir die Früchte unserer Arbeit jemandem geben, der es gewohnt ist, auf Kosten anderer zu leben?

– Wie kannst du so über deinen Bruder reden! – fauchte Maria Wiktorowna.

– Ich sage die Wahrheit. Kirill ist ein erwachsener Mann mit drei Kindern. Wenn er sie nicht versorgen kann – ist das sein Problem, nicht unseres. Wir werden unsere Wohnung gegen keine Einzimmerbude tauschen. Punkt.

– Andrjucha, jetzt übertreibst du aber! – meldete sich Kirill. – Wir sind doch Familie!

– Familie? – Andrej drehte sich zu ihm. – Wann hast du dich das letzte Mal für mein Leben interessiert? Weißt du, wo ich arbeite? Wofür ich mich begeistere? Wie meine Freunde heißen? Für dich existiere ich nur als Quelle von Vorteilen. Erst waren es „geliehene“ Geldbeträge, die du nie zurückgezahlt hast. Jetzt ist es die Wohnung. Was kommt als Nächstes?

Maria Wiktorowna öffnete und schloss den Mund wie ein Fisch am Ufer. Nikolaj Petrowitsch, der bislang geschwiegen hatte, räusperte sich:

– Vielleicht hat er ja recht, Mascha… Das ist nicht in Ordnung…

– Was, ihr seid alle gegen mich?! – schrie Maria Wiktorowna. – Ich kümmere mich nur um die Familie!

– Nein, Mama, – sagte Andrej ruhig. – Du kümmerst dich nur um deinen einen Sohn. Und für dich bin ich immer noch der dreizehnjährige Junge, der „schon alleine zurechtkommt“. Nun gut – ich bin zurechtgekommen. Und ich werde auch weiterhin zurechtkommen. Ohne euch.

Er nahm Oljas Hand.

– Komm, wir gehen nach Hause.

Sie gingen hinaus, begleitet von Maria Wiktorownas Schreien über Undankbarkeit und Hartherzigkeit. Im Aufzug umarmte Olja ihren Mann fest.

– Ich bin stolz auf dich.

– Ich hätte es schon längst sagen müssen.

Die nächsten Wochen vergingen in wohltuender Stille. Maria Wiktorowna rief noch ein paar Mal an – mal weinte sie ins Telefon, mal drohte sie mit Verwünschungen, mal spielte sie auf Mitleid. Andrej antwortete trocken und höflich: „Mama, wir haben alles besprochen. Die Entscheidung steht fest.“

Dann hörten die Anrufe auf. Von gemeinsamen Bekannten erfuhr Andrej, dass die Eltern versuchten, ihre Datscha zu verkaufen, um Kirill beim Wohnungskauf zu helfen. Er zuckte mit den Schultern – ihre Entscheidung.

– Bereust du es? – fragte Olja eines Tages.

– Was denn? Dass ich ihnen die Meinung gesagt habe? Nein. Ich bereue nur, dass ich es nicht früher getan habe.

Ein halbes Jahr verging. Ein Februarabend. Draußen tobte ein Schneesturm, in der Küche der Sokolows war es warm und gemütlich. Olja saß in einem Sessel, die Beine angezogen, und las ein Buch. Andrej arbeitete am Laptop an einem Projekt. Auf der Fensterbank schlief die Katze – sie hatten sie vor einem Monat völlig abgemagert und durchgefroren am Hauseingang gefunden.

– Magst du Tee? – fragte Olja.

– Gern.

Sie stand auf und stellte den Wasserkocher an. Am Kühlschrank hingen Magnete von ihren Reisen – Kasan, Sotschi, Kaliningrad. Jeden Urlaub konnten sie sich jetzt leisten, da sie keine Verwandten mehr „finanzieren“ mussten.

– Weißt du, manchmal denke ich, – sagte Olja und schenkte Tee ein, – unsere Wohnung – das sind nicht nur Quadratmeter. Das ist unsere Festung, unsere Arbeit, unsere Geschichte. Jede Schramme im Parkett, jedes Regal – alles unseres, erarbeitet, erkämpft.

– Und niemand hat das Recht, darauf Anspruch zu erheben, – stimmte Andrej zu.

Das Telefon schwieg. Kirill lebte Gerüchten zufolge immer noch in der Einzimmerwohnung. Die Eltern hatten die Datscha verkauft, aber das Geld reichte nur zur Tilgung eines Teils der Kredite. Maria Wiktorowna meldete sich nicht mehr.

– Es ist traurig, irgendwie, – sagte Andrej und blickte auf den fallenden Schnee. – Man hätte sich eine normale Familie gewünscht. Aber…

– Eine normale Familie ist die, die wir selbst aufbauen, – vollendete Olja. – Und die haben wir. Wir beide. Und Barsik.

Die Katze öffnete ein Auge, als wolle sie ihre Worte bestätigen.

Andrej lächelte und nahm seine Frau in den Arm. Draußen tobte der Sturm, doch in ihrer kleinen Festung war es warm. Und diese Wärme hatten sie selbst geschaffen, mit eigenen Händen – nicht auf Kosten anderer.

Fremdes Glück lässt sich nicht auf fremde Kosten bauen – diese einfache Wahrheit hatte Maria Wiktorowna nie begriffen. Doch Andrej und Olja kannten sie auswendig.

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