— Ich habe genug davon, dass deine Mutter mein Konto plündert! Ich arbeite, und sie gibt alles für ihre „Medikamente“ aus! Es reicht mir!

— Ich habe genug davon, dass deine Mutter mein Konto plündert! Ich arbeite, und sie gibt alles für ihre „Medikamente“ aus! Es reicht mir!

— Hast du schon wieder deine Karten gesperrt? — Sergejs Stimme dröhnte so laut, dass die Wände im Fünfgeschosser fast bebten. — Mama kann sich jetzt nicht mal mehr Brot kaufen!

Jelena stand am Spülbecken, wusch eine Tasse, und ihre Hände zitterten. Aber nicht vor Angst — vor Wut. Sie wischte sich die Finger am Handtuch ab und drehte sich langsam um.

— Ja, ich habe sie gesperrt. Weil ich es satt habe, dass deine Mutter meine Karte benutzt, als wäre sie ihre eigene.

Sergej trat näher, und ein scharfer Geruch von Motoröl schlug ihr entgegen — er war direkt aus der Werkstatt gekommen, ohne sich umzuziehen.

— Verstehst du überhaupt, wie das aussieht? Eine Rentnerin, die Mutter deines Mannes, ohne einen Cent!

— Eine Rentnerin, — unterbrach sie ruhig, — hat letzten Monat dreißigtausend von meiner Karte abgehoben. Und fünfundzwanzigtausend im Monat davor.

Aus dem Zimmer tauchte Valentina Semjonowna auf, mit zerzausten grauen Haaren und dem Gesicht einer beleidigten Märtyrerin.

— Lenotschka, fang nicht schon wieder an. Ich bin doch nicht fremd für dich. Wirklich, du benimmst dich, als wäre ich eine Fremde…

Jelena verschränkte die Arme.

— Und wer gibt das Geld für „Medikamente“, „Hilfe für eine Freundin“ und „Vitamine aus Deutschland“ aus?

— Das stimmt doch alles! — mischte sich Sergej ein. — Mama ist krank, und du vertraust ihr nicht einmal!

— Und was bin ich? Eine Geldmaschine? — fuhr Jelena heraus. — Ich stehe um sechs auf, bringe die Kinder zur Schule, gehe zur Arbeit, zurück — abends. Und jedes Mal habe ich Angst, den Kontostand zu prüfen: Vielleicht wieder im Minus.

Valentina Semjonowna ließ sich schwer auf den Hocker sinken.

— Mein Gott, was für Menschen wir heute sind. Zählt jeden Pfennig, als wären wir fremd.

— Und seid ihr keine Fremden? — fragte Jelena ruhig. — Warum nehmt ihr dann ohne zu fragen?

— Ich habe doch alles für die Familie getan! Für Medikamente, Essen…

— Für die Familie, — spottete Jelena. — Aber warum haben unsere Kinder dann keine Winterkleidung?

Valentina Semjonowna fuhr hoch.

— Ach so! Ich bin also eine Diebin, ja?

— Nenn es, wie du willst. Tatsache bleibt Tatsache.

Sergej stieß die Luft aus und schlug mit der Faust auf den Tisch:

— Jetzt reicht’s! Mama ist keine Diebin! Und ich lasse nicht zu, dass du so mit ihr redest!

Jelena spürte, wie es in ihr brodelte. Sie kannte dieses Schauspiel: Die Mutter stellt sich als Opfer dar, der Sohn als Beschützer. Jedes Mal dasselbe.

— Dann entscheide dich, — sagte sie leise, aber fest. — Entweder du kontrollierst, was deine Mutter tut, oder ich regele es selbst.

— Und was willst du regeln? — höhnte er. — Zur Polizei gehen?

— Warum nicht? Siebzigtausend sind kein Scherz.

— Lena, übertreib nicht! — Sergej wurde lauter. — Mama wird alles zurückzahlen!

— Wovon? Von ihrer Rente? — Jelena lachte bitter. — Wie viele Jahre sollen wir warten, bis sie „zurückzahlt“?

Valentina Semjonowna presste sich dramatisch die Hand an die Brust:

— Sergej, mein Sohn, mir wird schlecht… Der Blutdruck steigt. Alles wegen ihr.

Sergej sprang los, um Tabletten zu holen. Jelena sah zu, wie Mutter und Sohn ihre gewohnte Szene aufführten. Und plötzlich schoss ihr nur ein Gedanke durch den Kopf: „Es reicht.“

Sie ging zum Kühlschrank, öffnete die Tür und nahm den Kontoauszugsbon, der mit einem Magneten befestigt war.

— Hier. Seht her. Abhebung vor drei Tagen. Von meiner Karte. Wer war das?

— Weiß ich nicht, — stammelte die Schwiegermutter. — Vielleicht hat der Geldautomat sich geirrt.

— Der Geldautomat? — Jelena verengte die Augen. — Gehen Geldautomaten jetzt in die Apotheke und geben Freundinnen Geld?

Sergej winkte ab.

— Lena, du machst aus einer Mücke einen Elefanten! Es ist doch Mama!

— Eben. Eine Mutter. Die ein Vorbild sein sollte und nicht der Familie mit Kindern das letzte Geld rauszieht.

Stille. Nur die alte Wanduhr tickte.

Jelena spürte plötzlich, wie die Wände auf sie zukamen, die Luft wurde zäh wie Gelee. Sie sah ihren Mann an — und verstand: Es ist vorbei. Es gibt kein „wir“ mehr. Es gibt ihn und seine Mutter. Und sie — ist überflüssig.

— Valentina Semjonowna, — sagte sie ruhig. — Geben Sie das Geld zurück.

— Ich habe nichts! — fuhr diese auf. — Such, wenn du willst!

— Ich werde es finden, — nickte Jelena. — Und Anzeige erstatten.

Sergej fuhr herum:

— Bist du verrückt geworden? Das ist meine Mutter!

— Und ich bin die Mutter deiner Kinder. Und wenn ihnen jemand etwas stiehlt, schweige ich nicht.

— Stiehlt?! — kreischte die Schwiegermutter. — Undankbares Weib! Ich war sieben Jahre hier bei euch wie eine eigene!

— Eine „Eigene“ würde nicht in fremde Geldbörsen greifen, — sagte Jelena müde.

Sie ging in den Flur, holte einen alten Koffer aus dem Schrank und stellte ihn an die Haustür.

— Was tust du da?! — schrie Sergej.

— Ich helfe deiner Mutter beim Packen.

— Das ist dein Ernst?! — sein Gesicht lief rot an. — Du wirfst sie raus?!

— Ja.

Valentina Semjonowna sprang auf:

— Aha, so bist du also! Dafür habe ich dir Suppen gekocht und die Kinder gehütet!

— Von meinem Geld, — entgegnete Jelena ruhig. — Und ich habe nie darum gebeten.

— Es reicht, Sergej! — schrie die Schwiegermutter. — Ich gehe! Aber vergiss nicht, Junge: Diese Hexe wird dich ohne Familie dastehen lassen!

— Soll sie gehen, — sagte Jelena. — Aber den Schlüssel soll sie dalassen.

— Darauf kannst du lange warten! — fauchte die Alte und stürmte ins Zimmer.

Sergej stand da, ratlos, als hätte man ihn vor eine Entscheidung gestellt, auf die er nicht vorbereitet war.

— Lena… so geht das nicht. Es ist doch meine Mutter.

— Ich bin auch jemandes Mutter, — antwortete sie leise. — Und ich lasse niemandem das Letzte von meinen Kindern nehmen.

Sie sah ihn lange und schwer an. Der Mann, der einst Schutz versprochen hatte, stand jetzt auf der Seite des Diebstahls.

— Wähl, Serjoscha. Entweder die Familie — oder deine Mutter mit ihren Theaterstücken.

Er öffnete den Mund, fand aber keine Worte.

Das Telefon schwieg seit drei Tagen. Sergej meldete sich nicht, schrieb nicht, als wäre er verschwunden. In der Wohnung herrschte eine für ihr Zuhause ungewöhnliche Ruhe — so still, dass man hören konnte, wie die Küchenuhr die Sekunden schlug und der Heizkörper zischte, als würde er etwas zuflüstern.

Jelena wachte nun ohne den gewohnten Lärm von klappernden Töpfen auf, ohne das Geschrei des Fernsehers und ohne das ewige „Lenotschka, wo sind meine Brillen?“. Die Stille war zuerst süß, dann unheimlich.

Am Morgen, während die Kinder sich für die Schule fertig machten, versuchte Jelena, so zu tun, als sei alles in Ordnung.

— Mama, wann kommt Papa zurück? — fragte Maksim, während er seine Jacke zuknöpfte.

— Wenn er versteht, was er tun muss, — antwortete sie ruhig.

— Und Oma?

— Oma hat jetzt eine andere Wohnung.

Katja seufzte:

— Na gut. Aber sie soll mich nicht jeden Abend anrufen und fragen, ob ich meine Hausaufgaben mache.

Maksim grinste:

— Ja, als wären wir im Kindergarten.

Sie gingen und schlugen die Tür zu, und Jelena blieb allein zurück. Sie betrachtete die halbe Tasse Kaffee und dachte: „So beginnt es also — mit Stille. Wenn das laute Leben über die Schwelle tritt.“

Am Abend rief Ljubow Nikolajewna, die Nachbarin, an.

— Lena, hallo. Walja ist bei mir. Sitzt da, mit roten Augen, und beschwert sich, dass du sie rausgeworfen hast.

— Ich habe sie nicht hinausgeworfen, — antwortete Jelena trocken. — Ich habe ihr ein faires Angebot gemacht — Geld zurückgeben und bleiben.

— Sie sagt, sie hat hohen Blutdruck und keinen Ort zum Leben.

— Bekommt sie Rente? — unterbrach Jelena.

— Ja, bekommt sie.

— Dann hat sie auch einen Ort zum Leben. Sie ist kein Kind.

Am anderen Ende der Leitung entstand eine Pause.

— Du weißt, ich will dich nicht verurteilen, aber… ohne Mann ist es bestimmt schwer?

Jelena lächelte schwach:

— Schwer ist es, wenn jemand neben dir steht, dem alles egal ist. Ohne ihn ist es leichter.

Sie legte auf und spürte zum ersten Mal seit Langem ein seltsames Gefühl von Ruhe.

Eine Woche später meldete sich Sergej. Er rief spät abends an.

— Ich stehe unten vor dem Haus. Lass mich rein, wir müssen reden.

Jelena stand reglos an der Tür. In ihren Augen lagen Misstrauen, in ihrer Brust Wut und Unruhe.

— Worüber?

— Nicht am Telefon.

Sie öffnete. Sergej stand mit einer Einkaufstüte und einem schuldbewussten Lächeln da.

— Ich habe den Kindern Obst gekauft.

— Gut. Stell es auf den Tisch.

Er ging in die Küche wie ein Fremder. Setzte sich, rieb sich mit den Handflächen das Gesicht.

— Lena, ich habe über alles nachgedacht. Mama… na ja, sie lag natürlich falsch. Aber sie ist eben ein alter Mensch. Sie versteht nicht, wie ernst das alles ist.

— Alter ist keine Absolution, — schnitt Jelena ihm das Wort ab.

— Ich weiß! Nur… verzeih, dass ich damals rumgeschrien habe.

— Es geht nicht um das Geschrei, — sagte sie leise. — Du hast dich auf die falsche Seite gestellt.

Sergej starrte auf den Tisch.

— Ich konnte einfach nicht… es ist doch meine Mutter.

— Und ich — bin kein Mensch?

Er hob den Blick.

— Ich will zurückkommen.

Jelena schwieg.

— Alles wird anders, — fügte er hastig hinzu. — Ich habe mit Mama geredet, sie hat versprochen, sich nicht mehr einzumischen.

— Hat sie das Geld zurückgegeben?

— Noch nicht. Aber sie sagte, dass…

— Also hat sich nichts geändert. — Sie stand auf. — Sergej, du hast es nicht verstanden. Ich will nicht mehr so leben wie früher.

— Du zerstörst die Familie wegen Geld?! — fuhr er auf.

— Nicht wegen Geld. Sondern weil es keinen Respekt gibt. Weder vor meiner Arbeit noch vor meinen Worten.

Er stand auf, trat näher:

— Lena, du bist stur, aber ich liebe dich. Lass uns neu anfangen.

— Zuerst zahl die Schulden zurück.

— Aber das ist doch Mama…

— Wenn du begreifst, dass „Mama“ nicht „alles ist erlaubt“ bedeutet, dann reden wir.

Sie wandte sich ab. Sergej blieb noch einen Moment an der Tür stehen, dann nahm er die Tüte und ging. Er schlug nicht einmal die Tür zu. Er ging einfach — als wäre er in der Dunkelheit verschwunden.

Der Winter verging. Jelena stürzte sich in die Arbeit: Die Kunden wurden mehr, sie begann zusätzlich bei Außenterminen zu arbeiten. Die Kinder gewöhnten sich an das neue Leben. Maksim wurde ruhiger, Katja selbstständiger.

Abends sahen sie zu dritt alte Filme, aßen Nudeln mit Dosenfleisch und lachten über alberne Handlungen. Und alles fühlte sich irgendwie echt an, ohne Anspannung.

Manchmal ertappte Jelena sich bei dem Gedanken: „Ich bin nicht allein. Ich bin einfach mit denen zusammen, die mir wirklich wichtig sind.“

Im Frühling rief Sergej wieder an. Seine Stimme war heiser, müde:

— Lena, hallo. Mama ist im Krankenhaus. Sie sagt, sie möchte dich sehen.

Sie erstarrte.

— Wozu?

— Sie sagt, sie will sich entschuldigen.

— Wo liegt sie?

— Im Stadtkrankenhaus, Abteilung sechs.

Jelena saß lange auf der Bettkante. Dann stand sie auf, zog sich an und ging los.

Im Krankenzimmer roch es nach Medikamenten und etwas Säuerlichem. Valentina Semjonowna lag blass und abgemagert da, die Augen ohne das frühere Feuer.

— Du bist gekommen, — flüsterte sie. — Habe ich nicht erwartet.

Jelena trat näher.

— Sergej sagte, Sie wollten reden.

— Ja… — die alte Frau starrte an die Decke. — Vielleicht hattest du recht. Das Geld damals… ich hätte das nicht tun sollen. Ich dachte, du merkst es nicht.

— Ich habe es gemerkt.

— Ich wollte Sergej Werkzeuge kaufen. Er hat schon lange davon geträumt. Dachte, es wäre eine Überraschung. Aber es kam… wie immer.

Jelena wusste nicht, ob sie das glauben sollte.

— Trotzdem darf man nichts nehmen, ohne zu fragen.

— Ich weiß. Verzeih.

Zum ersten Mal hörte sie dieses Wort von ihrer Schwiegermutter. Ohne Theater, ohne Tränen. Einfach — leise.

— Zurückgeben kann ich es nicht, — fügte diese hinzu. — Aber wenn du willst… sag Sergej, er soll es dir geben. Er hat Geld, er spart.

Jelena schüttelte den Kopf.

— Nicht nötig. Ich habe schon alles gegeben — Geld und Nerven.

Sie stand auf.

— Ich wünsche Ihnen Gesundheit, Valentina Semjonowna.

— Lena… — die alte Frau hielt sie am Arm zurück. — Du bist vielleicht stark, aber… lebe nicht mit Groll. Groll frisst, wie Rost.

Jelena riss sich los, aber in ihrer Brust stach etwas.

Draußen war es warm, der Schnee war geschmolzen, es roch nach feuchter Erde. Jelena ging den Gehweg entlang und dachte: „Die Alte hat recht. Groll ist wirklich wie Rost — er frisst langsam, aber sicher alles von innen auf.“

Eine Woche später kam Sergej wieder. Diesmal — ohne Blumen, ohne Tüten.

— Mama ist gestorben, — sagte er leise.

Jelena schwieg. Worte kamen nicht.

— Ich wollte dir sagen… sie hat an dich gedacht. Sie hat um Verzeihung gebeten.

Sie atmete tief.

— Ich habe schon verziehen.

Sergej nickte.

— Lena, ich weiß, es ist spät, aber… wenn es geht… ich würde gern ab und zu zu den Kindern kommen.

— Du bist ihr Vater, — sagte sie. — Ich verbiete es nicht. Bleib nur nicht zu lange.

Er sah sie an: müde, ruhig, aber standhaft. Und er verstand, dass nichts mehr zurückzuholen war.

— Du hast dich verändert, — flüsterte er.

— Nein, — antwortete sie. — Ich habe nur aufgehört zu ertragen.

Einen Monat später saß Jelena in der Küche, trank Tee und sah zu, wie Katja Hausaufgaben machte und Maksim etwas aus Bausteinen bastelte. Auf dem Fensterbrett blühte ein Ficus — zum ersten Mal seit zwei Jahren.

In der Wohnung war es wirklich gemütlich geworden. Ohne fremdes Theater, ohne Vorwürfe.

Manchmal erinnerte sie sich abends an Sergej — nicht mit Hass, sondern wie an etwas, das einst Teil ihres Lebens war, aber nun vorbei ist. Wie ein alter Schlüssel zu einer Tür, die sich nicht mehr öffnet.

Es endete nicht, als die Schwiegermutter ging. Und auch nicht, als der Mann seinen Koffer packte. Es endete, als Jelena eine einfache Sache begriff: Liebe ist kein PIN-Code, den man herausfinden und benutzen kann, bis die Karte gesperrt wird. Liebe ist Vertrauen. Und wenn man es ohne zu fragen abhebt, ist das Konto leer.

Und sie hatte nicht mehr vor, es von fremden Händen auffüllen zu lassen.

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