— Hattet ihr keine Lust, im Laden vorbeizuschauen, liebe Gäste? Dann habe ich auch keine Lust, euch zu bekochen, — warf die Gastgeberin hin.

Aljona hatte gerade ihre Arbeitsschuhe ausgezogen, als das scharfe Klingeln der Gegensprechanlage die abendliche Stille der Wohnung durchbrach. Die Stimme am Apparat klang fröhlich und unbeschwert:
— Wir sind schon unterwegs! Mach auf!
Tatjana. Die Schwägerin. Die es nie für nötig gehalten hatte, ihre Besuche vorher anzukündigen. Aljona blickte verwirrt in den Spiegel — müdes Gesicht nach der Schicht im Krankenhaus, zerzaustes Haar. Sie wollte sich einfach auf das Sofa fallen lassen und bis zum Morgen nicht mehr rühren.
— Wer ist da? — fragte Oleg aus der Küche, ohne von seiner Zeitung aufzusehen.
— Deine Schwester mit den Kindern, — drückte Aljona den Türöffner. — Anscheinend für ein paar Tage zu Besuch.
Ihr Mann schnaubte nur und blätterte die Seite um. Für Oleg war das alltäglich — Verwandte tauchten plötzlich auf, und alle Mühen um Unterbringung und Verpflegung fielen irgendwie automatisch auf die Frau.
Ein paar Minuten später klopfte es an der Tür. Aljona öffnete und sah Tatjana mit zwei Kindern — dem zehnjährigen Maxim und der achtjährigen Kristina. Die Schwägerin hatte nur eine Sporttasche bei sich, offensichtlich vollgepackt mit Kleidung.
— Hallo! — Tatjana trat in den Flur und zog ihre leichte Jacke aus. — Es war so heiß im Zug! Kaum haben wir es geschafft.
Die Kinder traten schweigend hinter ihrer Mutter auf der Stelle und betrachteten die Wohnung. Kristina gähnte und rieb sich die Augen mit der Faust.
— Kommt rein, — trat Aljona zur Seite. — Und wo sind eure Sachen? Die Taschen?
— Das ist alles, was wir haben, — winkte Tatjana ab. — Wir sind ja nur kurz hier. Für ein paar Tage. Oh, am Bahnhof war alles so teuer! Wir konnten nicht mehr im Laden vorbeigehen, der Zug fuhr schon.
Aljona nickte, doch innerlich zuckte etwas Unangenehmes auf. Ein paar Tage ohne Lebensmittel — das bedeutete, dass gekocht werden müsste, was noch im Kühlschrank war. Eigentlich war für das Wochenende ein Einkauf geplant.
Oleg kam aus der Küche, umarmte seine Schwester.
— Wie geht’s euch? Wie war die Fahrt?
— Ganz gut, ganz gut, — lächelte Tatjana. — Die Kinder sind natürlich müde. Sie haben Hunger.
— Ich mache gleich etwas zu essen, — antwortete Aljona automatisch. — Kommt rein und macht es euch bequem.
Sie führte die Gäste ins Wohnzimmer, räumte schnell die Zeitschriften und Kissen vom Sofa. Oleg schaltete den Fernseher für die Kinder ein und verschwand wieder mit seiner Zeitung in der Küche.

— Macht es euch nichts aus, wenn wir hier schlafen? — Tatjana ließ sich in den Sessel sinken. — Das Sofa sieht bequem aus.
— Natürlich, — nickte Aljona. — Ich hole gleich die Bettwäsche.
Im Kühlschrank fand sie Hühnerfleisch, das eigentlich für das Abendessen am nächsten Tag vorgesehen war, ein paar Gemüse und Getreide. Aljona holte die Pfanne und begann zu kochen. Draußen wurde es bereits dunkel, und die Müdigkeit drückte so stark, dass ihre Hände kaum noch das Messer halten konnten.
— Mama, was gibt’s zum Abendessen? — spähte Maxim in die Küche.
— Gleich ist es fertig, — lächelte Aljona den Jungen an. — Geduld ein bisschen.
Eine halbe Stunde später standen Teller mit gebratenem Hühnchen, Reis und Tomatensalat auf dem Tisch. Tatjana setzte sich mit dem Blick einer müden Reisenden, die besondere Aufmerksamkeit erwartete.
— Es riecht so lecker! — sagte die Schwägerin und schöpfte sich eine großzügige Portion. — Ich dachte schon, wir bleiben heute hungrig.
Die Kinder aßen schweigend und konzentriert. Oleg kaute zerstreut und blickte auf sein Handy. Aljona saß da und beobachtete, wie das Essen verschwand, das eigentlich für zwei Tage reichen sollte.
— Danke, sehr lecker, — sagte Maxim, während er seinen Kompott austrank.
— Bitte, — streichelte Aljona dem Jungen über den Kopf. Endlich jemand, der Danke sagte.
Nach dem Abendessen machte es sich Tatjana auf dem Sofa mit ihrem Handy bequem, während die Kinder in der Wohnung umherliefen. Kristina fand alte Spielsachen im Schrank und verteilte sie auf dem Boden. Maxim schaltete das Tablet ein und vertiefte sich ins Spiel.
Aljona räumte den Tisch ab, wusch das Geschirr und dann die Bettwäsche für die Gäste in der Maschine. Oleg ging schlafen und murmelte:
— Familie eben. Wir halten ein paar Tage durch.
Um elf Uhr abends legte Aljona endlich die Kinder auf das Sofa und deckte sie zu. Tatjana nahm im Schlafsessel Platz, der extra ausgeklappt werden musste.
— Gute Nacht, — sagte Aljona und schaltete das Licht aus.
— Gute Nacht, — erwiderte die Schwägerin. — Und danke für das Abendessen.
Aljona legte sich neben ihren Mann, der bereits schnarchte. Morgen wieder Arbeit, also früh aufstehen. Und die Gäste würden zu Hause sein, und sie müssten mit Frühstück, Mittagessen, Abendessen versorgt werden. Aus dem, was noch im Kühlschrank war.
Am Morgen stand Aljona wie üblich um halb sieben auf. In der Küche fand sie Tatjana, die vor dem offenen Kühlschrank stand und unzufrieden dreinschaute.
— Was gibt’s hier zu essen? — fragte die Schwägerin. — Die Kinder sind aufgewacht und haben Hunger.
— Ich mache gleich Frühstück, — schaltete Aljona den Wasserkocher ein. — Habt ihr irgendwelche Vorlieben?
— Nein, was da ist, — zuckte Tatjana mit den Schultern. — Nur die Kinder brauchen etwas Sättigendes. Maxim wird ohne Fleisch nicht satt.

Fleisch gab es keines. Aljona briet Eier, schnitt Käse und Wurst, die sie für das Wochenende aufgehoben hatte. Sie kochte Tee und holte Kekse. Die Kinder frühstückten mit Appetit, Tatjana aß langsam und betrachtete den Inhalt ihres Tellers.
— Wann kommt ihr von der Arbeit zurück? — fragte die Schwägerin.
— Meistens um halb sieben, — trank Aljona ihren Tee aus und stand dabei. — Und warum?
— Ach, nur so, interessiert mich. Wir werden wahrscheinlich tagsüber mit den Kindern spazieren gehen. Die Stadt anschauen.
Oleg frühstückte schweigend und ging zur Arbeit. Aljona machte sich ebenfalls fertig und fuhr ins Krankenhaus, ließ die Gäste zu Hause. Den ganzen Tag quälte sie der Gedanke: „Was essen sie da? Und was wird es zum Abendessen geben?“
Am Abend kehrte Aljona nach Hause zurück und fand die Küche verwüstet vor. Krümel auf dem Tisch, schmutziges Geschirr im Spülbecken, verschütteter Tee auf dem Herd. Tatjana saß im Wohnzimmer mit dem Handy, die Kinder schauten Zeichentrickfilme.
— Wie war’s? — fragte Aljona, während sie ihre Jacke auszog.
— Ganz gut, — antwortete die Schwägerin, ohne vom Bildschirm aufzusehen. — Wir waren spazieren, im Park. Die Kinder haben Eis gegessen.
— Und Mittag gegessen?
— Ja, haben im Kühlschrank etwas gefunden. Maxim hat Rührei gemacht.
Aljona blickte in den Kühlschrank. Leer. Völlig leer, abgesehen von etwas Senf und einem Glas Marmelade. Am Abend stand erneut das Kochen des Abendessens bevor — und es gab nichts zuzubereiten.
— Oleg, — rief Aljona leise ihren Mann ins Schlafzimmer. — Wir müssen einkaufen gehen. Es ist überhaupt kein Essen mehr da.
— Dann geh doch, — Oleg hob nicht einmal die Augen von der Zeitung. — Wo ist das Problem?
— Das Problem ist, dass ich seit drei Tagen hintereinander deine Verwandten aus meinem Gehalt bekoche und sie nicht einmal Danke sagen.
— Ach, reg dich doch nicht so auf, — schaute der Mann endlich seine Frau an. — Zwei Tage kannst du doch aushalten? Es sind doch meine Neffen.
— Es ist schon der dritte Tag, Oleg. Und niemand hat auch nur angeboten, sich an den Lebensmitteln zu beteiligen.
— Dann bitte sie doch.
— Ich muss nicht darum bitten! Es ist elementare Höflichkeit, mit Lebensmitteln zu Besuch zu kommen oder zumindest anzubieten, einkaufen zu gehen.

Oleg zuckte mit den Schultern und tauchte wieder in die Zeitung ein. Das Gespräch war beendet.
Aljona ging allein einkaufen. Sie gab zweitausend Rubel für Lebensmittel für alle aus. Zu Hause bereitete sie das Abendessen zu — geschmortes Fleisch mit Kartoffeln. Tatjana aß mit Appetit und lobte:
— Du bist so eine gute Hausfrau! Du kannst wirklich kochen.
Die Kinder aßen wieder schweigend. Nach dem Abendessen räumte Aljona die Küche auf, während die Gäste fernsahen.
— Gehst du morgen wieder einkaufen? — fragte Aljona vorsichtig die Schwägerin.
— Wozu? — Tatjana war überrascht. — Du kochst doch so lecker. Wir hätten es nicht geschafft. Und den Kindern schmeckt dein Essen sowieso besser…
Aljona nickte nur und sagte nichts. Innerlich kochte langsam etwas Heißes und Schweres auf.
Am vierten Morgen wachte Aljona mit fester Entschlossenheit auf. Sie stand auf, zog sich an, packte alles Essbare aus dem Kühlschrank in ihre Tasche — Reste von Käse, ein paar Äpfel, Kekse. Auf dem Regal ließ sie ein offenes Marmeladenglas, altes Brot und Senf zurück.
Oleg schlief noch. Die Gäste ebenfalls. Aljona schlich leise aus der Wohnung und fuhr zur Arbeit.
Am Abend kam Aljona später als gewöhnlich nach Hause. In der Wohnung herrschte eine seltsame Stille, wie nach einem Sturm. Die Luft wirkte dünn, als sei etwas Wichtiges in Abwesenheit der Gastgeberin geschehen.
In der Küche lag im Spülbecken nur noch ein einziger Topf mit Resten von abgekochtem Wasser. Daneben auf dem Tisch ein Teelöffel und ein leeres Marmeladenglas, das jemand bis zum Boden sorgfältig ausgeschabt hatte. Weitere Spuren von Kochaktivität waren nicht zu erkennen.
Oleg saß im Wohnzimmer mit dem Blick eines Mannes, gegen den sich die ganze Welt persönlich verschworen zu haben schien. Sein Gesicht wirkte beleidigt, die Stirn so stark gerunzelt, dass sich eine tiefe Falte zwischen den Augen bildete.
— Den ganzen Tag haben wir Sandwiches gegessen, — sagte Oleg, als Aljona vorbeiging. — Du hättest uns wenigstens warnen können.
Aljona zog ruhig ihre Jacke aus und hängte sie in den Schrank. Kein Wort. Sie ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank — leer, wie erwartet. Nur Senf und ein Rest Brot.
— Aljona! — rief Tatjana aus dem Wohnzimmer. — Ich muss mit dir reden.
Die Schwägerin kam entschlossen in die Küche. Die Kinder saßen auf dem Sofa und sahen schweigend Zeichentrickfilme, bemüht, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

— Ich dachte, du bist eine normale Hausfrau, — begann Tatjana, die Arme verschränkt. — Aber so gehst du mit der Familie um. Wir kommen ja nicht jeden Tag vorbei. Es ist einfach unhöflich, Gäste ohne Essen sitzen zu lassen.
Aljona drehte sich um und sah die Schwägerin aufmerksam an. Tatjana stand da, überzeugt von ihrer eigenen Rechtmäßigkeit.
— Hattet ihr keine Lust, im Laden vorbeizuschauen, liebe Gäste? Dann habe ich auch keine Lust, euch zu bekochen, — sagte Aljona ruhig, ohne ihre Stimme zu erheben.
— Was?! — Tatjana öffnete überrascht den Mund. — Meinst du das ernst?
— Absolut ernst.
— Aber wir sind doch Familie! — Tatjana begann mit den Händen zu gestikulieren. — Familienbande zählen nichts? Gastfreundschaft? Und Mama? Mama hätte das nie getan! Bei ihr stand immer ein voller Tisch für die Verwandten!
— Dann fahrt doch zu Mama, — warf Aljona gelassen ein.
— Aljona! — Oleg kam in die Küche. — Vielleicht hast du wirklich überreagiert? Du hättest es etwas sanfter machen sollen. Sie haben ja Kinder mitgebracht.
Aljona drehte sich langsam zu ihrem Mann. Sie sah ihn lange und aufmerksam an, als sähe sie ihn zum ersten Mal.
— Willst du, dann geh ihnen hinterher, — sagte Aljona ruhig. — Aber auf meine Kosten wird hier niemand wohnen. Niemand. Nie wieder.
Oleg öffnete den Mund, wollte etwas erwidern, doch seine Frau drehte sich bereits um und ging ins Schlafzimmer. Die Tür schloss sich mit einem leisen Klick hinter ihr.
Tatjana blieb einen Moment in der Küche stehen, den Blick zwischen dem leeren Kühlschrank und der Schlafzimmertür hin- und herwandernd. Dann seufzte sie schwer und ging ins Wohnzimmer zu den Kindern.
— Mama, fahren wir nach Hause? — fragte Kristina leise.
— Ja, morgen fahren wir, — antwortete Tatjana trocken.

Am Morgen frühstückte niemand. Tatjana packte schweigend die Sachen der Kinder in ihre Tasche, während Maxim und Kristina auf dem Sofa saßen, bereit zur Abreise. Oleg half, das Gepäck zum Aufzug zu bringen, doch die Verabschiedung verlief still. Keine Umarmungen, keine Küsse zum Abschied und keine Einladungen, wiederzukommen.
— Na dann, bis bald, — sagte Tatjana, als sich die Aufzugstüren öffneten.
— Tschüss, — erwiderte Oleg kurz.
Die Kinder winkten und verschwanden hinter den schließenden Türen.
In den folgenden zwei Tagen schlich Oleg wie eine Maus durch die Wohnung. Er kochte sich Tiefkühlteigtaschen, räumte das Geschirr sorgfältig weg. Die Zeitung las er schweigend, den Fernseher schaute er mit Kopfhörern. Seine Frau beobachtete er heimlich, sprach sie aber nicht an.
Am dritten Tag ging der Mann selbst einkaufen. Er brachte zwei Taschen voller Lebensmittel, stellte sie kommentarlos auf den Küchentisch. Seitdem wurde der Name Tatjana im Haus nicht mehr erwähnt.
Aljona kehrte zu ihrem gewohnten Rhythmus zurück. Sie kochte genau für zwei Personen, ohne Vorrat. Kauft Lebensmittel nach einem Wochenplan. Wartete auf niemanden, passte sich an niemanden an.
Am Wochenende schlug Oleg vor:
— Vielleicht gehen wir ins Kino?
— Gute Idee, — stimmte Aljona zu.
Der Mann kaufte Tickets, Popcorn, sie saßen nebeneinander im Kino und sahen eine Komödie. Sie lachten an denselben Stellen. Danach gingen sie ins Café, bestellten Kaffee und Dessert.
— Weißt du, — sagte Oleg und rührte Zucker in seiner Tasse um, — ich habe eines verstanden.
— Was?

— Verwandtschaft ist kein Grund, Grenzen zu überschreiten.
Aljona nickte und nahm einen Schluck Kaffee. Sie sagte nicht, dass sie das schon lange wusste. Sie nickte einfach.
Einen Monat später rief Tatjana Oleg an. Sie wollte mit den Kindern zu den Maiferien kommen. Oleg sagte, er würde darüber nachdenken und zurückrufen. Doch er rief nicht zurück.
Der Kühlschrank im Haus von Aljona wurde nie wieder zur kostenlosen Futterquelle für Gäste. Die Lebensmittel darin waren nur für diejenigen bestimmt, die eine einfache Wahrheit verstanden: Respekt beginnt nicht mit familiären Bindungen, sondern mit elementarer Höflichkeit — zuerst in den Laden zu gehen, bevor man sich an einen fremden Tisch setzt.
Aljona versuchte nicht mehr, es allen recht zu machen. Und ihr Leben wurde viel ruhiger.