„Welche Flitterwochen? Meine Mutter braucht Pflege, nicht deine Strände! Du wirst zu ihr fahren, nicht ans Meer!“ — erklärte der Ehemann.

„Welche Flitterwochen? Meine Mutter braucht Pflege, nicht deine Strände! Du wirst zu ihr fahren, nicht ans Meer!“ — erklärte der Ehemann.

Irina stand vor dem Spiegel im Schlafzimmer und richtete den Kragen ihrer Bluse. In der Ecke des Zimmers standen zwei Koffer, sorgfältig am Vortag gepackt. Morgen früh würde das Flugzeug das frisch vermählte Paar nach Sotschi bringen — die lang ersehnten Flitterwochen, von denen Irina das ganze Jahr über während der Hochzeitsvorbereitungen geträumt hatte.

Viktor saß auf dem Bett und starrte auf sein Handy. Sein Gesicht wirkte angespannt, die Stirn in Falten gelegt. Irina bemerkte, wie ihr Mann nervös seine Schläfen rieb.

„Was ist los?“ — fragte Irina und setzte sich neben ihn. — „Machst du dir Sorgen wegen der Arbeit?“

Viktor hob die Augen und sah seine Frau an, als sähe er sie zum ersten Mal.

„Ira, wir müssen die Reise verschieben.“

Irina drehte langsam den Kopf zu ihrem Mann. Die Worte drangen erst nach einer Weile zu ihr durch.

„Was heißt verschieben?“

„Meine Mutter hat angerufen. Die Ärzte sagen, dass es ihr zu Hause besser geht als im Krankenhaus. Aber sie braucht rund um die Uhr Betreuung. Sie ist schließlich eine ältere Frau und hatte vor kurzem eine Operation.“

Irina stand auf und ging zum Fenster. Draußen nieselte der Septemberregen, die Blätter begannen bereits zu vergilben. Die junge Frau schloss die Augen, um ihre Gedanken zu ordnen.

„Viktor, die Reise wurde vor drei Monaten gebucht. Die Tickets liegen bereit. Die Koffer sind gepackt. Morgen früh geht der Flug.“

„Die Reise läuft ja nicht weg. Wir verschieben auf nächsten Monat. Oder auf den Winter.“ — Viktor zuckte mit den Schultern, als spräche man über einen Kinobesuch.

Irina drehte sich um. Die Augen ihres Mannes waren kalt, die Entscheidung endgültig getroffen.

„Nächster Monat? Und wenn Lidia Semjonowna wieder etwas braucht?“

„Sprich nicht so über meine Mutter!“ — Viktors Stimme wurde schärfer. — „Wir haben Verpflichtungen gegenüber unseren Eltern.“

„Welche Flitterwochen? Meine Mutter braucht Pflege, nicht deine Strände! Du wirst zu ihr fahren, nicht ans Meer!“ — wiederholte er.

Irinas Wangen wurden heiß. Die junge Frau setzte sich auf einen Stuhl und legte die Hände auf die Knie. Ihr Herz raste, doch ihre Stimme blieb ruhig.

„Unsere Verpflichtungen? Viktor, wir haben vor drei Tagen geheiratet. Drei Tage! Flitterwochen sind kein Luxus, sie sind der Beginn unseres gemeinsamen Lebens.“

„Und meine Mutter — sie ist die Person, die mich großgezogen hat. Ohne sie gäbe es weder mich noch unsere Ehe.“

Viktor stand auf und begann, im Zimmer auf und ab zu gehen. Seine Bewegungen waren hastig, nervös.

„Du musst verstehen. Lidia Semjonowna braucht ständige Betreuung. Medikamente alle drei Stunden, spezielle Ernährung, Hilfe bei der Hygiene. Kann man eine kranke Person einfach im Stich lassen?“

„Kann man eine Ehefrau einfach im Stich lassen?“ — fragte Irina leise.

Viktor blieb stehen und starrte Irina an. Ein Ausdruck von Verärgerung blitzte in seinen Augen auf.

„Du bist nicht krank. Du bist jung, gesund. Du schaffst eine Woche oder zwei ohne Meer.“

Irina nickte langsam. Das Puzzle ergab ein klares Bild. Ihr Mann hatte die Prioritäten von Anfang an gesetzt.

„Gut. Aber wer wird sich um deine Mutter kümmern? Du arbeitest doch.“

„Nun…“ — Viktor zögerte. — „Meine Mutter hofft, dass du hilfst. Du bist jetzt schließlich Teil unserer Familie.“

„Teil der Familie,“ — wiederholte Irina. — „Also eine Pflegerin?“

„Übertreib es nicht! Eine Frau kommt einfach besser mit solchen Aufgaben zurecht. Du hast einen mütterlichen Instinkt, verstehst du…“

Irina stand auf und ging zum Schrank. Sie holte ein Sommerkleid aus dem Koffer, glättete es und hängte es auf einen Bügel.

„Und wenn ich ablehne?“

Viktor runzelte die Stirn noch stärker.

„Dann muss ich Urlaub nehmen. Die Quartalsprämie verlieren. Kollegen im Stich lassen, die auf mich zählen. Meine Mutter enttäuschen, die seit drei Jahren auf ihre Schwiegertochter wartet.“

In seiner Stimme lagen nun Anklänge von Vorwurf und Groll. Irina legte vorsichtig den Badeanzug und die Sandalen in den Koffer.

„Drohst du mir?“

„Ich erkläre nur die Situation. Die Flitterwochen können warten. Aber meine Mutter braucht jetzt Hilfe.“

Irina schloss den Koffer und wandte sich ihrem Mann zu. Ihr Gesicht blieb ruhig, keine Spur von Tränen oder Wut.

„Viktor, ich habe diese Reise mit meinem eigenen Geld bezahlt. Ein halbes Jahr gespart. Ich habe seit meiner Kindheit vom Meer geträumt.“

„Und? Ist deine Mutter nicht wichtiger als deine Kindheitsträume?“

„Meine Mutter ist deine Mutter. Das Meer sind unsere Flitterwochen. Die kommen nur einmal im Leben.“

Viktor trat näher und legte die Hände auf ihre Schultern. Sein Blick wurde weicher, die Stimme erhielt einen überredenden Ton.

„Iriska, versteh doch. Lidia Semjonowna ist alt. Sie ist krank. Allein. Wir sind jung, haben unser ganzes Leben vor uns. Wir werden noch hundertmal ans Meer fahren können.“

„Hundertmal ans Meer, aber nie in den Flitterwochen,“ — antwortete Irina.

Viktor trat zurück. Die Sanftheit aus seiner Stimme war verschwunden.

„Ich bleibe. Willst du — flieg allein. Willst du — verzichte auf die Reise. Entscheide selbst.“

Irina nahm die Tickets und den Reisepass vom Tisch und legte die Dokumente in ihre Tasche. Die junge Frau zog ihre Jacke an und nahm den Koffer.

„Ich habe entschieden.“

„Wohin gehst du?“

„Zum Flughafen. Morgen früh geht der Flug.“

Viktor lächelte süffisant.

„Allein fliegen? Wirklich? Und was werden die Leute sagen?“

„Sie werden sagen, dass ich einen Mann habe, der in der ersten Hochzeitswoche die Mutter der Frau vorzieht. Und den Rest wird jeder selbst beurteilen.“

Irina verließ die Wohnung, ohne die Tür zuzuschlagen. Im Treppenhaus war es still, nur der Aufzug brummte. Die junge Frau ging in den ersten Stock hinunter und blieb am Ausgang stehen.

Zum ersten Mal seit drei Tagen nach der Hochzeit atmete sie frei. Niemand verlangte Erklärungen, niemand machte ihr ein schlechtes Gewissen, niemand zwang sie, zwischen ihm und dem gesunden Menschenverstand zu wählen.

Am Flughafen Domodedowo checkte Irina in ein Hotel direkt neben dem Terminal ein. Ihr Telefon blieb bis zum Abend stumm. Der erste Anruf von Viktor kam um halb zehn.

„Ira, wo bist du?“

„Dort, wo ich gesagt habe. Am Flughafen.“

„Willst du wirklich allein fliegen?“

„Will ich? Ich fliege schon. Morgen früh um sieben geht der Flug.“

„Aber das ist doch dumm! Was wirst du allein im Hotel machen?“

Irina lächelte schief und legte sich auf das Bett im Hotelzimmer.

„Dasselbe, was ich mit meinem Mann machen würde. Im Meer schwimmen, sonnenbaden, Bücher lesen, bis zum Mittag schlafen.“

„Und was ist mit meiner Mutter? Was ist mit mir?“

„Deine Mutter ist deine Mutter. Kümmere dich selbst. Und mit dir selbst kommst du schon klar.“

„Ira, du benimmst dich wie ein Kind!“

„Ich benehme mich wie eine Frau, die Flitterwochen mit ihrem Mann will. Und stattdessen bekomme ich ein Ultimatum von der Schwiegermutter.“

Viktor schwieg. In der Leitung waren nur Autohupen von der Straße zu hören.

„Gut. Vielleicht komme ich wenigstens in ein paar Tagen. Wenn es deiner Mutter besser geht.“

„Nicht nötig. Der Sitz im Flugzeug ist nur für eine Person. Und das Hotelzimmer auch…“

Irina legte das Telefon weg und schaltete es aus. Morgen würde ein neues Leben beginnen. Wie genau, wusste sie noch nicht, aber eins war sicher: ohne ständige Kompromisse zugunsten fremder Bedürfnisse.

Am Morgen stand die junge Frau um fünf Uhr auf, trank einen Kaffee im Hotelrestaurant und checkte ein. Das Flugzeug hob pünktlich ab. Durch das Fenster zogen Wolken vorbei, während Moskau mit all seinen Problemen und fremden Erwartungen unter ihr zurückblieb.

In Sotschi war es warm und sonnig. Das Meer rauschte hinter den Fenstern des Hotels, die Luft roch nach Jod und Kiefern. Irina bezog ihr Zimmer, zog sich in ein Sommerkleid um und trat auf den Balkon.

Zum ersten Mal seit vielen Monaten spürte die junge Frau Ruhe. Niemand rief an, um Beschwerden vorzubringen, niemand forderte sofortige Lösungen für fremde Probleme, niemand warf ihr Egoismus vor.

Viktor rief alle zwei Tage an. Die Gespräche waren kurz und vorhersehbar.

„Wie geht es dir?“ — fragte der Mann.

„Wunderbar. Gestern war ich auf einem Ausflug nach Krasnaja Poljana.“

„Meine Mutter fühlt sich gar nicht gut. Fieber, Schwäche. Der Arzt sagt, man muss ständig bei ihr sein.“

„Dann sei bei ihr.“

„Ira, wenn du zurückkommst, müssen wir ernsthaft reden.“

„Natürlich reden wir.“

Am fünften Urlaubstag traf Irina im Hotel ein Ehepaar. Mann und Frau etwa vierzig Jahre alt, mit jugendlichen Kindern. Am Abend saß die Gruppe im Restaurant am Nachbartisch.

„Sind Sie alleine hier im Urlaub?“ — fragte die Frau.

„Flitterwochen,“ — antwortete Irina lächelnd.

„Und wo ist Ihr Mann?“

„Er kümmert sich um seine kranke Mutter.“

Das Paar tauschte einen Blick. Der Mann schüttelte den Kopf.

„Wissen Sie, meine Mutter war nach einer Operation auch krank. Aber Flitterwochen sind heilig. Wir haben eine Pflegerin für eine Woche engagiert.“

„Mein Mann hat sich anders entschieden,“ — zuckte Irina mit den Schultern.

„Und richtig gemacht, dass Sie alleine gekommen sind,“ — bemerkte die Frau. — „Man erkennt sofort, was für ein Mensch bei Ihnen ist.“

Irina nickte. In der Tat, es wurde sehr viel klar.

Die verbleibenden Tage vergingen ruhig und geordnet. Irina spazierte entlang der Promenade, las Bücher am Strand, speiste in Restaurants. Das Telefon klingelte kaum.

Am letzten Urlaubstag schickte ihr Mann eine Nachricht: „Meine Mutter ist wieder gesund. Am Flughafen kann ich dich nicht abholen, Arbeit.“

Irina las die Nachricht und löschte sie. Viktor hatte es immer noch nicht verstanden.

Das Flugzeug landete abends in Moskau. Irina kam mit dem Taxi nach Hause. Viktor war nicht da, aber auf dem Küchentisch lag eine Notiz: „Bin die Nacht bei meiner Mutter. Komme morgen früh zurück.“

Die junge Frau packte den Koffer aus, duschte und setzte sich mit einer Tasse Tee an den Küchentisch. Am Kühlschrank hingen Fotos von der Hochzeit — glückliche Gesichter, weißes Kleid, Blumenstrauß.

Vor drei Wochen hatte Irina geglaubt, einen Mann zu heiraten, der ihr Halt und Schutz sein würde. Heute wurde klar: Ihr Mann war bereit, seine Ehefrau für die Ruhe seiner Mutter zu opfern.

Am Morgen kam Viktor mit schuldbewusstem Gesicht und einem Strauß Chrysanthemen aus dem nächsten Kiosk zurück.

„Entschuldige, dass ich dich nicht abgeholt habe. Meine Mutter fühlte sich die ganze Nacht schlecht.“

„Verstanden,“ — nahm Irina die Blumen und stellte sie in eine Vase.

„Wie war dein Urlaub?“

„Wunderbar.“

„Hast du mich vermisst?“

„Nein.“

Viktor setzte sich an den Tisch und sah seine Frau aufmerksam an.

„Ira, wir müssen reden. Ernsthaft.“

„Einverstanden.“

„Verstehst du, Ehe ist nicht nur Romantik. Es ist Verantwortung gegenüber nahestehenden Menschen. Und die Mutter ist ebenfalls unsere Pflicht.“

Irina setzte sich ihrem Mann gegenüber und verschränkte die Hände auf dem Tisch.

„Die Mutter ist deine Pflicht. Ich bin deine Ehefrau. Unterschied klar?“

„Aber wir sind jetzt eine Familie!“

„Familie bedeutet, dass Mann und Frau einander unterstützen. Nicht, dass die Ehefrau der Schwiegermutter dient.“

Viktor runzelte die Stirn.

„Du bist egoistisch. Denkst nur an dich.“

„Ich denke an uns beide. An unsere Ehe. Dass in fünf Jahren Lidia Semjonowna wieder etwas aushecken wird und du wieder sie wählst.“

„Meine Mutter denkt sich nichts aus! Meine Mutter ist krank!“

„Meine Mutter manipuliert. Und du lässt es zu.“

Viktor stand auf und begann in der Küche auf und ab zu gehen.

„Also willst du meiner Familie nicht helfen?“

„Ich will unsere Familie aufbauen. Deine Mutter soll eine Pflegerin engagieren oder ins Krankenhaus gehen.“

„Das ist hart.“

„Das ist ehrlich.“

Die jungen Ehepartner sahen sich über die Küchentheke hinweg an. Jeder wartete darauf, dass der andere zuerst nachgab.

„Gut,“ — sagte schließlich Viktor. — „Wir leben nach deinem Plan. Aber wenn deiner Mutter etwas passiert, liegt es auf deiner Verantwortung.“

„Und wenn unserer Ehe etwas passiert, liegt es auf deiner,“ — antwortete Irina.

Der Mann verließ die Küche, schlug die Tür zu. Irina blieb am Tisch sitzen, betrachtete die Hochzeitsfotos.

Die Flitterwochen waren vorbei. Aber die Probe hatte gerade erst begonnen. Und die Ergebnisse dieser Prüfung waren bereits klar.

Wenn der Mann im ersten Monat der Ehe die Mutter der Ehefrau vorzieht, wird sich nichts ändern. Im Gegenteil, es könnte schlimmer werden.

Irina holte die Flugtickets aus ihrer Tasche — die Rückflugtickets aus Sotschi. Auf einem stand ihr Name, auf dem anderen der Name ihres Mannes, der nicht geflogen war.

Diese Flitterwochen hatten tatsächlich gezeigt, wer wer war. Und auch, wohin der Weg weitergehen würde.

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