— Die Wohnung gehört jetzt uns! Mein Sohn hat es so gesagt! — Die Eltern des Mannes standen mit Koffern auf der Schwelle.

— Die Wohnung gehört jetzt uns! Mein Sohn hat es so gesagt! — Die Eltern des Mannes standen mit Koffern auf der Schwelle.

Nadeschda stand am Fenster der Bank und hielt den Kontoauszug in den Händen. Die Zahlen verschwammen vor Aufregung vor ihren Augen. Sieben Millionen. Ganze sieben Millionen Rubel.

— Nadja, und? — Jewgeni trat hinter sie und blickte ihr über die Schulter. — Stimmt alles?

— Ja, Schenja … — Nadeschdas Stimme zitterte vor Freude. — Wir haben es geschafft. Wir haben gespart!

Jewgeni umarmte seine Frau fest. Nadeschda schloss die Augen und atmete den vertrauten Duft seines Parfüms ein. Fünf Jahre hatten sie jeden Kopeken beiseitegelegt, auf Urlaube, Vergnügungen und neue Kleidung verzichtet. Und endlich war ihr Traum Wirklichkeit geworden.

— Wir kaufen eine Dreizimmerwohnung in einer ruhigen Gegend, — flüsterte Jewgeni ihr ins Ohr. — Keine Mietwohnungen mehr.

— Keine Vermieter mehr mit ihren ständigen Kontrollen, — fügte Nadeschda hinzu, während sie sich in seinen Armen drehte.

Sie erinnerte sich an all die Demütigungen, die sie hatten ertragen müssen: unerwartete Besuche der Vermieterin mitten in der Nacht, das Verbot, Haustiere zu halten, die ständige Forderung, nach neun Uhr abends leise zu sein.

Zwei Wochen später standen sie im geräumigen Wohnzimmer ihrer neuen Dreizimmerwohnung. Sonnenlicht flutete durch die großen Fenster. Die frische Renovierung erfreute das Auge mit sanften Pastelltönen.

— Es ist unser, — Nadeschda konnte es kaum glauben. — Schenja, es ist wirklich unser!

— Jetzt kannst du sogar auf dem Kopf stehen, — lachte Jewgeni, während er seine Frau durch den Raum wirbelte. — Niemand wird kommen und sich beschweren!

Nadeschda ging durch die Zimmer, strich über die Wände, als wollte sie sich von ihrer Realität überzeugen: ein großes Schlafzimmer mit Blick auf den ruhigen Hof, ein gemütliches Kinderzimmer — noch leer, doch Nadeschda stellte sich schon ein Kinderbett darin vor, eine Küche mit neuer Ausstattung.

— Wo stellen wir unser Sofa hin? — fragte Jewgeni und holte ein Maßband hervor.

— Hier, am Fenster, — zeigte Nadeschda auf die Ecke des Wohnzimmers. — Und gegenüber hängen wir den Fernseher auf.

Der Umzug verlief schnell. Jeder Karton brachte sie ihrer neuen Zukunft näher — einem Leben im eigenen Heim.

Am Abend, als der letzte Karton ausgepackt war, ließ sich Nadeschda mit ausgebreiteten Armen aufs Sofa fallen. Jewgeni setzte sich neben sie und legte ihre Füße auf seinen Schoß.

— Müde? — fragte er und massierte ihre Fußsohlen.

— Glücklich, — verbesserte Nadeschda. — Einfach unglaublich glücklich.

Die ersten Monate in der neuen Wohnung vergingen wie im Flug. Mit Begeisterung richtete Nadeschda ihr Nest ein. An den Wochenenden fuhren sie mit Jewgeni durch Möbelhäuser, suchten mal einen Couchtisch, mal neue Vorhänge aus. Jede Kleinigkeit machte Freude.

— Weißt du, woran ich denke? — sagte Nadeschda eines Abends, während sie sich in den Armen ihres Mannes auf dem neuen Sofa kuschelte.

— Woran denn? — Jewgeni strich ihr über die Haare.

— Vielleicht sollten wir an Kinder denken? — Nadeschda sah ihn an. — Wir haben jetzt unser eigenes Zuhause. Es gibt ein Kinderzimmer.

Jewgeni dachte nach, dann lächelte er.

— Du hast recht. Es ist der perfekte Zeitpunkt, — er küsste seine Frau auf den Scheitel. — Stell dir vor, wie schön das wird: ein Kleines, das in unserer Wohnung die ersten Schritte macht.

Nadeschda schloss die Augen und stellte sich die Szene vor: Kinderlachen, verstreute Spielsachen, Zeichnungen am Kühlschrank. Ihre Familie würde vollständig sein.

Ein halbes Jahr später. Der Samstagmorgen war besonders gemütlich. Nadeschda deckte den Frühstückstisch und summte vor sich hin. Jewgeni war in die Bäckerei gegangen, um frische Brötchen zu holen — ihre kleine Samstagstradition.

Der Klingelton an der Tür überraschte sie. Sie wischte die Hände an der Schürze ab und ging öffnen, in der Annahme, Jewgeni habe die Schlüssel vergessen.

Vor der Tür standen die Eltern ihres Mannes. Daneben stapelten sich fünf riesige Koffer und mehrere Kartons.

— Guten Tag, Nadja, — Schwiegermutter Galina Petrowna drängte sich an der erstarrten Schwiegertochter vorbei. — Man lässt Gäste doch nicht vor der Tür stehen!

Schwiegervater Wiktor Iwanowitsch begann, die Koffer hineinzutragen. Nadeschda stand da, unfähig, sich zu bewegen. Was war los? Warum waren sie hier — mit all ihrem Gepäck?

— Steh nicht da wie angewurzelt, hilf lieber! — befahl Galina Petrowna und zog ihren Mantel aus.

Wiktor Iwanowitsch brachte die letzte Kiste hinein und schloss die Wohnungstür. Erst da fand Nadeschda ihre Stimme wieder.

— Warten Sie … Was … was geht hier eigentlich vor?! — Ihre Stimme wurde laut.

Galina Petrowna sah sie gönnerhaft an.

— Die Wohnung gehört jetzt uns! Mein Sohn hat es so gesagt!

Nadeschda schwankte, in ihren Ohren rauschte es. Das musste ein Irrtum sein. Das war unmöglich. Jewgeni konnte nicht …

Die Wohnungstür ging auf. Auf der Schwelle stand Jewgeni mit einer Tüte Brötchen.

— Mama? Papa? — Er blickte überrascht auf seine Eltern, dann auf seine blasse Frau. — Ihr seid schon angekommen?

— Schenja, was soll das heißen?! — Nadeschda stürzte auf ihren Mann zu. — Wusstest du davon? Wusstest du, dass sie kommen?!

— Nadja, lass uns ins Wohnzimmer gehen, — Jewgeni nahm sie am Ellbogen. — Wir besprechen alles in Ruhe.

Nadeschda riss sich los, folgte ihm aber trotzdem. Im Wohnzimmer setzte sie sich mit verschränkten Armen auf das Sofa. Jewgeni nahm im Sessel gegenüber Platz. Die Eltern blieben im Flur — offenbar hatte Jewgeni sie gebeten, sich nicht einzumischen.

— Nadja, hör zu, — begann Jewgeni. — Ich habe tatsächlich zugestimmt, dass sie einziehen.

— Du … was?! — Nadeschda sprang auf. — Wie konntest du?! Das ist unsere Wohnung! Unsere!…

— Setz dich bitte, — sagte Jewgeni ruhig. — Lass mich erklären. Andrej und Lena bekommen bald ein Kind.

— Na und? Was habe ich mit deinem Bruder zu tun? — Nadeschda setzte sich nicht, sie sah ihren Mann verständnislos an.

— Die Eltern haben ihnen ihre Wohnung überlassen. Sie brauchen mehr Platz, — Jewgeni breitete die Hände aus. — Und die Eltern hatten keinen Ort, wohin sie konnten.

— Keinen Ort?! — Nadeschdas Stimme brach. — Und man konnte mich nicht fragen?! Was ist mit meiner Meinung?!

Tränen liefen ihr über die Wangen. Nadeschda wischte sie nicht fort. Alles war in einem Moment zusammengebrochen: ihr gemütliches Nest, ihre Zukunftspläne.

— Nadja, warum dramatisierst du so? — Jewgeni stand auf und wollte seine Frau umarmen, doch sie wich zurück. — Es wird alles gut. Mama ist eine ausgezeichnete Köchin, sie wird für uns kochen. Papa hilft mit der Renovierung auf dem Balkon.

— Ich will nicht, dass jemand für mich kocht! — schrie Nadeschda. — Ich will in meinem eigenen Haus leben! Nur wir zwei!

— Sie sind doch keine Fremden, — Jewgeni runzelte die Stirn. — Es sind meine Eltern.

— Und wer bin ich für dich?! — Nadeschda sah ihn durch die Tränen an. — Ein Nichts?!

Jewgeni schwieg. Nadeschda begriff: Es gab keinen Ausweg. Die Wohnung war zwar auf beide eingetragen, doch tatsächlich hatte Jewgeni längst entschieden. Für sie. Ohne sie.

Das Leben änderte sich grundlegend. Galina Petrowna nahm die Küche in Beschlag, kochte nach ihrem eigenen Plan. Wiktor Iwanowitsch besetzte das Wohnzimmer und schaute ständig lautstark Fernsehen.

— Nadja, warum ist der Kaffee nicht gemahlen? — fragte die Schwiegermutter morgens. — Schenja trinkt nur gemahlenen.

— Nadja, du bist schon wieder spät gekommen, — tadelte der Schwiegervater. — Anständige Ehefrauen sind um sieben zu Hause.

Nadeschda schwieg. Was konnte sie sagen? Es war nicht mehr ihr Zuhause. Es war die Wohnung von Jewgenis Eltern, in der man ihr gnädig erlaubt hatte zu bleiben.

— Schau mal, welche Gardinen ich für euer Schlafzimmer gekauft habe! — Galina Petrowna präsentierte stolz grellgelbe Vorhänge mit Rüschen.

— Aber wir haben doch schon Gardinen, — wandte Nadeschda schwach ein.

— Deine? — Die Schwiegermutter winkte abfällig. — Sie sind langweilig. Diese hier sind etwas ganz anderes!

Nadeschda sah zu, wie ihr sorgfältig gestaltetes Interieur unter dem Ansturm des Geschmacks der Schwiegermutter verschwand. Geliebte Kleinigkeiten wichen kitschigen Figuren, Lieblingsfotos in Rahmen machten Platz für Porträts entfernter Verwandter von Jewgeni.

— Schenja, sprich mit Mama, — bat Nadeschda abends. — Sie hat die ganze Möbel im Wohnzimmer umgestellt.

— Na und? — Jewgeni winkte ab. — So ist es für sie bequemer.

— Und für mich?! — Nadeschda versuchte, ihn zu erreichen. — Für mich ist es unbequem!

— Mach dir doch keine Probleme, — Jewgeni drehte sich zur Wand. — Du gewöhnst dich schon.

Aber Nadeschda gewöhnte sich nicht. Mit jedem Tag wurde es schlimmer. Sie hörte auf zu lächeln, Lachen verschwand ganz. Abends schloss sie sich im Schlafzimmer ein, das Gesicht im Kissen vergraben.

— Du siehst so blass aus, — bemerkte eine Kollegin. — Ist alles in Ordnung?

— Ja, — antwortete Nadeschda mit gezwungenem Lächeln. — Nur müde.

Sie blieb länger bei der Arbeit. Zuhause … konnte man überhaupt einen Ort, an dem man niemand war, „Zuhause“ nennen?

So verging ein Jahr. Nadeschda nahm ab, dunkle Ringe zeichneten sich unter ihren Augen. Sie bewegte sich wie ein Schatten durch die Wohnung, bemühte sich, niemandem aufzufallen.

Der Geburtstag kam unbemerkt. Nadeschda bereitete nichts vor. Wozu auch? Niemand würde sich erinnern.

Bei der Arbeit wussten die Kollegen nichts von ihrem Fest — Nadeschda hatte es niemandem erzählt. Das Telefon blieb den ganzen Tag still. Erst am Abend kam eine Nachricht von den Eltern: „Liebes Töchterchen, alles Gute zum Geburtstag! Komm uns besuchen!“

Nadeschda zögerte nicht. Sie setzte sich ins Auto und fuhr los. Die Eltern wohnten eine Stunde entfernt, in einer kleinen Zweizimmerwohnung.

— Nadjuscha! — Die Mutter umarmte die Tochter an der Tür. — Du bist ja ganz abgemagert! Komm schnell rein!

Auf dem Tisch wartete ein Kuchen mit Kerzen. Der Vater schenkte Tee ein, die Mutter huschte mit Tellern umher.

— Wünsch dir was! — Die Mutter zündete die Kerzen an.

Nadeschda schloss die Augen. „Ich will glücklich sein. Ich will, dass ich nächstes Jahr, an meinem Geburtstag, glücklich bin.“ Mit einem Atemstoß blies sie die Kerzen aus.

— Was hast du dir gewünscht? — fragte der Vater.

— Wenn ich es sage, geht es nicht in Erfüllung, — Nadeschda versuchte zu lächeln.

Die Eltern tauschten einen Blick. Sie sahen, was aus ihrer Tochter geworden war, schwiegen aber, um sich nicht einzumischen.

Spät kam Nadeschda nach Hause. In der Wohnung brannte Licht, aus der Küche drangen Stimmen.

— Endlich! — Galina Petrowna schaute in den Flur. — Wo warst du? Wer soll denn hier aufräumen und abwaschen?

— Ich war bei meinen Eltern, — antwortete Nadeschda leise.

— Du hättest Bescheid geben können! — empörte sich Wiktor Iwanowitsch.

— Wo ist Schenja? — Nadeschda zog den Mantel aus.

— Liegt auf dem Sofa, — winkte die Schwiegermutter ab. — Von der Arbeit müde.

Nadeschda ging ins Wohnzimmer. Jewgeni sah weiter fern.

— Hallo.

— Hallo, — murmelte der Mann. — Wo warst du?

— Bei meinen Eltern.

Nadeschda stand da, sah ihren Mann an. Er hatte sich nicht erinnert. Niemand hatte sich erinnert, dass sie Geburtstag hatte.

— Schenja, — sagte sie leise.

— Was? — endlich sah er sie an.

— Weißt du, welcher Tag heute ist?

— Samstag, — Jewgeni zuckte mit den Schultern. — Und?

Nadeschda drehte sich wortlos um und ging ins Schlafzimmer. In ihrer Brust stieg eine Welle von Zorn auf. Vor einem Jahr hatte sie sich etwas gewünscht. Nun verstand sie: Sie würde es selbst wahr machen müssen.

Am Morgen erwachte Nadeschda mit fester Entschlossenheit. Genug. Es reicht. Schluss mit Schweigen.

— Ich gehe, — sagte sie beim Frühstück.

— Wohin willst du denn? — fragte Galina Petrowna verwirrt.

— Ich gehe ganz. Weg von euch. Weg von Schenja, — sagte Nadeschda ruhig.

— Was für ein Unsinn?! — fuhr Jewgeni auf. — Nadja, was redest du da?

— Gestern war mein Geburtstag, — Nadeschda sah ihm direkt in die Augen. — Niemand hat daran gedacht. Keinem von euch war es wichtig.

— Wegen eines Geburtstags der ganze Aufstand? — fauchte die Schwiegermutter. — Na so was, was für ein Ereignis!

— Es geht nicht um den Geburtstag, — Nadeschda stand vom Tisch auf. — Es geht darum, dass ich nicht länger ein Niemand in meinem eigenen Zuhause sein will.

— Das ist nicht dein Zuhause! — platzte Galina Petrowna heraus. — Das ist das Haus meines Sohnes!

— Genau, — nickte Nadeschda. — Deshalb gehe ich.

Sie ging ins Schlafzimmer, um ihre Sachen zu packen. Jewgeni stürzte hinterher.

— Nadja, hör auf! Du meinst das doch nicht ernst!

— Mehr als ernst, — sagte Nadeschda und legte Kleidung in den Koffer.

— Wohin willst du überhaupt?! — Jewgeni versuchte, ihr den Koffer aus der Hand zu reißen.

— Zu meinen Eltern. Und dann … dann sehe ich weiter.

— Nadja, sei nicht dumm! — die Schwiegermutter stellte sich in die Tür. — Eine verheiratete Frau kann doch nicht einfach so gehen!

— Doch, — Nadeschda schnappte den Koffer zu. — Und sie geht.

— Du zerstörst die Familie! — brüllte Wiktor Iwanowitsch.

— Nein, — Nadeschda ging an ihm vorbei zur Tür. — Ihr habt sie zerstört. Vor einem Jahr, als ihr hier eingezogen seid, ohne mich zu fragen.

Die Tür schlug zu. Nadeschda stieg die Treppe hinunter, der Koffer schlug schmerzhaft gegen ihre Beine. Aber sie hielt nicht an. Ein seltsamer Friede breitete sich in ihrer Brust aus. Sie hatte eine Entscheidung getroffen.

Die Scheidung verlief über das Gericht. Jewgeni wollte die Wohnung nicht teilen, doch Nadeschda bestand darauf. Die Hälfte des Wertes stand ihr gesetzlich zu.

— Du lässt meine Eltern ohne Dach über dem Kopf! — schrie Jewgeni im Gerichtssaal.

— Sie sind selbst schuld, — antwortete Nadeschda ruhig.

Die Wohnung musste verkauft werden. Mit ihrem Anteil kaufte Nadeschda eine kleine Zweizimmerwohnung im neuen Viertel. Hell, gemütlich, ihr eigenes.

Das Telefon klingelte ununterbrochen. Galina Petrowna, Wiktor Iwanowitsch, Jewgeni — alle warfen ihr vor, die Familie zerstört zu haben.

— Du bist egoistisch! — schrie die Ex-Schwiegermutter ins Telefon.

— Ihr seid selbst an allem schuld, — erwiderte Nadeschda und legte auf.

Am Fenster ihrer neuen Wohnung stehend, lächelte Nadeschda. Zum ersten Mal seit Langem.

Ihren nächsten Geburtstag würde sie glücklich verbringen. In ihrem Zuhause. Dort, wo sie Herrin ihres Lebens war.

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