— Töchterchen, ich habe fest vor, bald zu dir zu ziehen, gleich nachdem ich meine Wohnung auf deine jüngere Schwester überschrieben habe. Also bereite mit deinem Mann schon mal ein Zimmer für mich vor!

— Töchterchen, ich habe fest vor, bald zu dir zu ziehen, gleich nachdem ich meine Wohnung auf deine jüngere Schwester überschrieben habe. Also bereite mit deinem Mann schon mal ein Zimmer für mich vor!

Die Worte fielen auf den kleinen Tisch zwischen ihnen, lauter als das Klirren eines Teelöffels am Porzellan. Sie landeten direkt im Tellerchen mit dem Mandelgebäck, das Katja gerade probieren wollte.

Der Duft von frisch gebrühtem Espresso und Zimtschnecken, der das gemütliche Café erfüllte, wirkte plötzlich erdrückend. Katja hob den Blick zu ihrer Mutter. Diese strahlte wie ein auf Hochglanz polierter Samowar, ihr Gesicht leuchtete vor echtem, beinahe kindlichem Stolz über die eigene Genialität.

Sie beugte sich sogar ein Stück nach vorne über den Tisch, als würde sie ein großes Geheimnis verraten, das die ganze Welt glücklich machen könnte – und vor allem natürlich Katja selbst.

— Kannst du dir das vorstellen? — zwitscherte sie, ohne zu bemerken, wie das Gesicht der Tochter erstarrte. — Unsere Lenka heiratet doch! Ihr Bräutigam ist anständig, verantwortungsvoll. Aber wo sollen sie wohnen? Von einer Mietwohnung zur nächsten hetzen? Das geht doch nicht! Also habe ich beschlossen: ich überlasse ihnen meine Zweizimmerwohnung. Dort sollen sie ihr Nest bauen und Kinder bekommen.

Für das Glück meiner Mädchen ist mir nichts zu schade. Und ich selbst ziehe bei euch ein. Ihr habt ja reichlich Platz, die Wohnung ist groß, da wird sich für mich sicher ein Zimmer finden. Ich bin leise, brauche kaum Raum, werde euch nicht zur Last fallen. Im Gegenteil, ich helfe im Haushalt, backe Kuchen. Wir werden wunderbar zusammenleben!

Die Mutter lehnte sich in die weichen Kissen zurück, nahm einen Schluck Latte und schaute Katja mit einem Gesichtsausdruck an, als hätte sie ihr soeben mindestens eine Villa am Meer geschenkt. Sie erwartete Dankbarkeit, Begeisterung, vielleicht sogar Freudentränen. Doch Katja schwieg.

Die warme Keramik der Tasse fühlte sich plötzlich eiskalt in ihren Fingern an. Das Lächeln, mit dem sie zu diesem Treffen gekommen war, verschwand nicht einfach – es glitt langsam von ihrem Gesicht wie schmelzendes Wachs und hinterließ eine Maske aus frostiger Verwunderung. Das gesamte Hintergrundgeräusch des Cafés – gedämpfte Stimmen, klirrendes Geschirr, leise Musik – verdichtete sich zu einem monotonen, bedrückenden Ton.

All die Jahre hatte sie geglaubt, eine Mutter und eine Schwester zu haben. Doch in Wahrheit stellte sich heraus: die Schwester besaß eine Mutter, und die Mutter hatte zwei Töchter – die eine zum Lieben und Verwöhnen, die andere zur praktischen Nutzung. Ein Notlandeplatz. Ein kostenloses Hotel mit Vollpension, das jederzeit in Anspruch genommen werden konnte, indem man sie schlicht vor vollendete Tatsachen stellte.

— Mit anderen Worten, — sprach Katja langsam, jedes Wort betonend, und ihre eigene Stimme klang ihr fremd und kratzig, — du überschreibst Lena die Wohnung, die eigentlich uns beiden gleichermaßen zustünde. Du entziehst mir also meinen rechtmäßigen Anteil am Erbe. Und im Gegenzug bekomme ich… dich. Als dauerhafte Mitbewohnerin in unserer Dreizimmerwohnung. Habe ich das korrekt verstanden?

Das Strahlen im Gesicht der Mutter erlosch augenblicklich. Ihre Brauen zogen sich zusammen, die Lippen pressten sich zu einer beleidigt-entrüsteten Linie. Wie konnte Katja nur ihren großzügigen Plan auf solch hässliche, profane Art auseinandernehmen?

— Was redest du da? Welches Erbe? Ich lebe doch noch! Und überhaupt, wie kannst du an Geld oder an ein paar Quadratmeter denken, wenn es um die Familie geht? Um das Glück deiner eigenen Schwester! Ich bin schließlich eure Mutter! Mein ganzes Leben habe ich euch gewidmet, und du kommst mir mit irgendwelchen Ansprüchen! Du schuldest mir Dankbarkeit – allein schon, weil du geboren bist!

In diesem Augenblick klickte etwas in Katjas Innerem. Das letzte Puzzleteil fiel an seinen Platz, und das hässliche Bild der Realität zeigte sich in seiner ganzen schonungslosen Klarheit.

Ihre ganze Kindheit, all ihre Erfolge, die selbstverständlich hingenommen wurden, und all Lenas Misserfolge, die stets Mitleid und sofortige Hilfe verlangten – all das war nur eine Vorbereitung auf diesen Moment gewesen. Sie war nie wirklich Tochter. Sie war ein Investitionsprojekt, das nun Dividenden abwerfen sollte.

Katja öffnete wortlos ihre Handtasche. Ihre Bewegungen waren ruhig und präzise, ohne jede Hast. Sie zog ihr Portemonnaie heraus, zählte ein paar Scheine ab und legte sie ordentlich neben die unberührte Kaffeetasse. Der Betrag reichte mehr als aus, um ihre Bestellung zu bezahlen. Dann erhob sie sich.

— Du hast recht, Mama. Du hast alles richtig entschieden.

Die Mutter, schon auf eine weitere Tirade vorbereitet, verstummte überrascht und wartete auf die Fortsetzung. Katja blickte ihr fest in die Augen, und in diesem Blick lag weder Groll noch Wut – nur eine kühle, nüchterne Feststellung.

— Nur hat dein großartiger Plan einen Fehler. Mich gibt es darin nicht.

Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging sie zum Ausgang. Sie schritt an den Tischen vorbei, zwischen den lächelnden Gästen hindurch, durch das Aroma von Kaffee und Gebäck, das ihr nun wie der Geruch von Verlogenheit vorkam. Sie ließ die Mutter zurück – allein, mit offenem Mund und halbvollem Latte, mit einem großspurigen Plan, in dem sich gerade ein riesiges, unvorhergesehenes Loch aufgetan hatte.

Die Stille in der gemeinsamen Wohnung mit Andrej wirkte nach dem Lärm des Cafés ohrenbetäubend. Sie trat ein, hängte den Mantel auf und ging in die Küche, wo sie mechanisch den Wasserkocher einschaltete.

Ihr Mann saß im Wohnzimmer am Laptop, doch er hob sofort den Kopf, als er spürte, wie sich die Atmosphäre verändert hatte. Er kannte seine Frau. Ihre Ruhe konnte bedrohlicher sein als jeder Wutausbruch. Es war die Ruhe vor dem perfekten Sturm.

— Alles in Ordnung? — fragte er und klappte den Laptop zu.

Katja goss kochendes Wasser in die Tasse, ließ einen Beutel Kamillentee hineingleiten und setzte sich ihm gegenüber an den großen Esstisch. Sie begann nicht, das Gespräch mit Ausschmückungen oder Gefühlsausbrüchen wiederzugeben.

Sie legte die Tatsachen dar. Nüchtern, knapp, als würde sie ein Protokoll vorlesen. Über den „genialen“ Plan der Mutter. Über die Schenkungsurkunde für Lenas Wohnung. Über das Angebot, zu ihnen zu ziehen – als dauerhafte Mitbewohnerin auf Lebenszeit.

Andrej hörte schweigend zu, sein Gesicht wurde zunehmend härter. Als sie geendet hatte, lehnte er sich zurück und verzog die Lippen zu einem Lächeln, das böse und freudlos wirkte.

— Brillant. Einfach brillant. Also bekommt deine Schwester die Wohnung – auf deine Kosten – und als „Trostpreis“ soll man uns deine Mutter aufhalsen. Gratiszugabe sozusagen. Habe ich die Logik dieser großartigen Wohltätigkeit richtig verstanden?

— Du hast alles richtig verstanden, — erwiderte Katja ebenso ruhig, den Blick auf das langsam sich verfärbende Wasser in ihrer Tasse gerichtet.

— Und was hast du gesagt?

— Ich habe meinen Kaffee bezahlt und bin gegangen. Gesagt, dass es mich in diesem Plan nicht gibt.

Andrej nickte. Langsam, zufrieden. Er streckte die Hand über den Tisch und legte sie auf ihre.

— Du hast das einzig Richtige getan. Das ist unser Zuhause, Katja. Unseres. Und nur wir entscheiden, wer hier leben darf und wer draußenbleibt.

In diesem Moment klingelte das Telefon. Auf dem Display erschien „Mama“. Sie wechselten einen Blick. Katja hielt kurz inne, nahm einen Schluck Tee und nahm dann den Anruf an – auf Lautsprecher.

— Wie kannst du es wagen?! — kreischte ohne Begrüßung die empörte Stimme der Mutter aus dem Lautsprecher. — Einfach aufzustehen und zu verschwinden, während ich noch mit dir rede! Ich habe Lenka schon angerufen, ihr die frohe Botschaft überbracht, und du machst mir so eine Szene! Hast du überhaupt eine Ahnung, in welche Lage du mich bringst?

— Ich habe dich im Café gehört, — antwortete Katja kühl und deutlich. — Meine Entscheidung bleibt unverändert.

— Welche Entscheidung denn?! — keuchte die Mutter empört. — Das steht dir nicht zu! Ich bin deine Mutter, und ich habe gesagt, wie es laufen wird! Du entschuldigst dich sofort und fängst an, das Zimmer vorzubereiten!

Katja drückte wortlos die Taste und beendete das Gespräch. Wieder herrschte Stille. Andrej verstärkte leicht den Druck auf ihre Hand.

— Erste Welle, — stellte er trocken fest.

Keine zehn Minuten später klingelte das Telefon erneut. Diesmal stand „Lenka“ auf dem Display. Katja stellte wieder auf Lautsprecher.

— Katjuscha, hallo, — erklang die honigsüße, leicht bebende Stimme der jüngeren Schwester. — Mama hat mich gerade angerufen… sie ist so aufgelöst, weint… Was ist denn zwischen euch passiert? Sie sagte, du wärst dagegen… dagegen, dass Igor und ich glücklich werden.

Katja spürte, wie sich in ihr alles zusammenzog bei dieser klebrigen, falschen Süße. Die Taktik hatte gewechselt. Auf die offene Attacke folgte nun der Versuch, sie in den zähen Umarmungen der Manipulation zu ersticken…

— Hallo, Lena. Dein Glück spielt hier keine Rolle.

— Wie kann es denn keine Rolle spielen? — die Stimme der Schwester klang vor beleidigter Empörung. — Wir haben uns doch so sehr nach unserem eigenen Zuhause gesehnt… Mama wollte es doch nur gut für alle. Damit Igor und ich ruhig leben können, und sie selbst wäre bei dir unter Aufsicht. Du bist schließlich die Ältere, die Stärkere, du hast doch alles — Mann, Wohnung… Und wir stehen erst am Anfang. Ist es dir wirklich zu schade?

Das war das Schlüsselwort. „Zu schade“. Genau auf diesem Gefühl hatte das ganze Familiensystem immer schon aufgebaut.

— Lena, — Katas Stimme wurde hart wie Stahl. — Das ist Mamas Plan, nicht meiner. Sie hatte eine Wohnung, und sie hat entschieden, was sie damit macht. Das ist ihr Recht. Aber die Folgen ihrer Entscheidungen muss sie auch selbst tragen — und nicht auf mich abwälzen. Alle Fragen stellst du bitte an sie.

Am anderen Ende herrschte für ein paar Sekunden Schweigen. Lena hatte diese Antwort offenkundig nicht erwartet. Sie hatte mit Schuldgefühlen gerechnet, mit Zureden, mit irgendetwas – nur nicht mit dieser eisigen Logik.

— Also… du willst uns nicht helfen? — hauchte sie schließlich, in ihrer Stimme nun keine Süße mehr, sondern nur noch schlecht verhohlener Ärger.

— In diesem Punkt — nein.

Katja beendete erneut das Gespräch. Das Telefon verstummte. Doch wie lange? Sie und Andrej saßen in der stillen Küche ihrer Wohnung, in ihrem Heim, das gerade die erste Attacke abgewehrt hatte. Beide wussten: das war erst der Anfang. Der Telefonterror war nur ein Vortasten, ein Sondieren. Bald würde der Gegner direkt vor ihren Mauern stehen.

Zwei Wochen vergingen in schwerer, angespannt-schweigender Ruhe. Kein Anruf. Weder die Mutter noch Lena unternahmen weitere Versuche, die Abwehr zu durchbrechen. Dieses Schweigen kam Katja und Andrej unnatürlich vor – wie die windstille Mitte eines Hurrikans.

Sie lebten ihren Alltag — Arbeit, Abendessen, Filme schauen — und doch hing in der Luft ständig ein unausgesprochenes Erwartungsgefühl. Sie sprachen es nicht aus, aber beide wussten: das war nicht das Ende. Es war nur eine Neuordnung der Kräfte vor dem entscheidenden Sturm.

Die Zuspitzung kam an einem Donnerstag. Ein gewöhnlicher Abend, erfüllt vom Geruch nach Regen und Erschöpfung. Sie waren gerade nach Hause gekommen, hatten die nassen Schuhe abgestreift. Andrej ging unter die Dusche, während Katja die Einkaufstüten ausräumte. Da gellte plötzlich der schrille, fordernde Ton der Gegensprechanlage durch die Wohnung. Ein Signal wie Alarm.

Katja erstarrte mit einer Milchtüte in der Hand. Auf dem kleinen schwarz-weißen Bildschirm sah sie das verzerrte, aber unverkennbar vertraute Gesicht ihrer Mutter. Neben ihr, auf dem nassen Asphalt, stand ein wuchtiger Koffer.

— Katja, mach auf, ich bin da, — erklang aus dem Lautsprecher eine Stimme, die nichts erbat, sondern schlicht feststellte. Die Stimme einer Person, die am Ziel angekommen ist und erwartet, dass sich die Türen sofort öffnen.

Katja starrte wortlos auf den Bildschirm. Auf die Tropfen, die über das Gesicht der Mutter rannen, auf ihre selbstsichere, fast herausfordernde Haltung. Sie drückte weder den Antwortknopf noch den Türöffner. Sie legte einfach den Hörer zurück auf die Station. Die Stille in der Wohnung kehrte zurück, aber sie hatte nun eine andere Qualität. Sie vibrierte vor Spannung.

Andrej kam aus dem Bad, das Handtuch über die Schultern gelegt. Er sah den Ausdruck im Gesicht seiner Frau und verstand alles, ohne dass Worte nötig waren. Schweigend stellte er sich neben sie, beide blickten auf den ruhigen, dunklen Apparat.

Fünf Minuten vergingen. Dann folgte ein noch direkteres, unüberhörbares Signal. Klopfen an der Tür. Nicht laut, nicht hysterisch, sondern beharrlich, kontrolliert. Klopf-klopf-klopf. Pause. Klopf-klopf-klopf. Der Rhythmus drang durch das dicke Metall, füllte den Flur. Frech in seiner Gelassenheit.

Er sagte: „Ich bin hier. Ich weiß, dass ihr drinnen seid. Und ich gehe nicht weg.“ Andrej ballte die Fäuste. Katja starrte regungslos auf einen Punkt an der Wand. Beide bewegten sich nicht. Sie waren zu lebenden Statuen geworden, Teil der Verteidigungslinie ihres Zuhauses.

Das Klopfen dauerte zehn Minuten, dann verstummte es. Sie wechselten Blicke. War es vorbei? Doch dann erklang von draußen die Stimme der Mutter — laut, deutlich, so, dass es jeder Nachbar hören konnte. Sie sprach in ihr Telefon:

— Ja, Lenotschka, ich stehe hier… Wie ein streunender Hund vor der Tür. Nein, sie macht nicht auf. Eigene Tochter lässt die eigene Mutter nicht hinein… Ja, mit Koffer, im Regen klatschnass… Natürlich schauen die Leute, die Nachbarn, die Passanten. Was für eine Schande… Was soll ich tun? Ich bleibe hier. Vielleicht regt sich ja noch ihr Gewissen.

Es war ein Theaterstück. Billig, plump, aber mit einer Waffe, die selten versagte: öffentlicher Pranger. Katja spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Andrej nahm sie bei der Hand und führte sie in die Küche, weg von der Tür.

— Mach Musik an, — sagte er leise. — Oder einen Film. Laut.

Sie gehorchten. Spielten auf dem Laptop eine alte Komödie, drehten die Lautstärke hoch. Katja begann mit dem Abendessen, hackte Gemüse mit lauten Schlägen, ließ Zwiebeln in der Pfanne zischen.

Der Duft von Fleisch und Gewürzen erfüllte die Wohnung, schuf eine Insel aus Normalität und Wärme mitten in dieser absurden Belagerung. Sie sprachen nicht über das, was draußen geschah.

Sie redeten über den Film, die Arbeit, Pläne fürs Wochenende. Sie bauten sich im Inneren ihrer Festung eine Welt auf, in die kein Klopfen, kein Geschrei vordringen konnte.

Nach einer Stunde wurde es still. Die Stimme der Mutter verstummte. Sie schalteten den Film aus. Horchten. Nichts. Andrej ging auf Zehenspitzen zur Tür und blickte durch den Spion.

— Sie ist weg, — flüsterte er erleichtert.

Katja spürte, wie eine Welle der Erleichterung durch ihren Körper lief. Sie trat ebenfalls an die Tür und blickte durch den Spion. Das Treppenhaus war leer. Die Mutter war verschwunden. Doch ihr Versprechen, zu bleiben, hatte sie eingelöst.

Direkt vor ihrer Tür, an die Wand gelehnt, stand derselbe große, dunkle Koffer. Er wirkte wie eine nicht explodierte Bombe, wie eine stumme Kriegserklärung. Ein Symbol dafür, dass die Belagerung nicht aufgehoben war – sie hatte nur eine neue, abwartende Phase erreicht.

— Soll der jetzt einfach hier stehen bleiben? — fragte Andrej am nächsten Morgen und deutete zur Diele.

Er meinte den Koffer. Der hatte die ganze Nacht dort verbracht, ein düsteres Denkmal des gescheiterten Einzugs. Er war in ihren Raum eingedrungen, Teil der Einrichtung geworden – stummer Vorwurf und tickende Zeitbombe zugleich. Katja trank den letzten Schluck Kaffee und sah ihn an. Für sie war dieser Koffer die letzte Fessel, die sie mit dem Plan der Mutter verband. Der letzte Anker, den sie kappen musste.

— Nein, — antwortete sie ruhig. — Er bleibt hier nicht stehen.

Sie handelten wortlos, wie ein eingespieltes Team. Andrej hob den schweren Koffer an, Katja öffnete die Tür und schaute auf den Treppenabsatz hinaus. Niemand. Gemeinsam gingen sie hinaus, Andrej mit dem Koffer in der Hand, Katja schloss die Tür hinter ihnen sorgfältig ab.

Jeder Schritt die Treppe hinunter war ein Stück Befreiung. Mit jeder Etage schien das Gewicht fremder Erwartungen und Forderungen von ihnen abzufallen. Sie hatten nicht vor, den Koffer wegzuwerfen. Sie brachten ihn nur dorthin zurück, wo er abgestellt worden war. Der Besitzer würde sich schon finden.

Sie waren fast im Erdgeschoss, als die schwere Eingangstür aufschwang. Auf der Schwelle, aus dem grauen Morgenlicht heraustretend, standen die Mutter und Lena. Sie hatten offensichtlich auf sie gelauert. Ihre Gesichter waren nicht flehend, nicht verzweifelt – sie waren verzerrt von Wut und dem selbstgerechten Zorn von Menschen, die ihre heiligen Ansprüche verletzt sehen. Die Falle war zugeschnappt.

— Ich wusste es! — brach es aus der Mutter hervor, während ihr Finger zitternd auf den Koffer in Andrejs Hand zeigte. — Ihr werft meine Sachen hinaus! Eigene Mutter mitsamt Gepäck auf die Straße! Leute, schaut her!

— Wir stellen ihn dorthin, wo Sie ihn abgestellt haben, — entgegnete Andrej mit ruhiger Stimme und setzte den Koffer am Eingang ab.

— Katja, wie kannst du nur?! — mischte sich sofort Lena ein. Ihre Stimme klang verletzt, doch in ihren Augen loderte kalte Wut. — Du zerstörst alles! Wegen dir kann Mama nachts nicht schlafen! Wegen dir kann ich mein Leben mit Igor nicht anfangen! Du bist nur neidisch, dass Mama mir die Wohnung geschenkt hat und nicht dir!

Katja sah beide wortlos an. Die Schwester, die bereitwillig ihren Erbteil angenommen hatte und nun auch noch Bedienung und Opferbereitschaft erwartete. Die Mutter, deren Gesicht vor Empörung dunkelrot geworden war.

Es war kein Schauspiel mehr für die Nachbarn. Keine Masken. Dies war der Endkampf, ohne Regeln, ohne Schonung.

— Du bist undankbar! — schrie die Mutter und trat dicht an Katja heran. — Ich habe dir meine besten Jahre gegeben, dich großgezogen, und du… Du warst verpflichtet, mich aufzunehmen! Verpflichtet, dich für deine Schwester zu freuen! Das ist deine Pflicht!

Andrej machte einen Schritt nach vorn, stellte sich schützend vor seine Frau, doch Katja legte ihm sanft die Hand auf die Schulter. Sie trat selbst einen Schritt nach vorn, heraus aus seinem Schatten.

Sie sah ihrer Mutter direkt in die Augen, dann ihrer Schwester. Ihre Stimme klang ohne Schrei, ohne Zittern – nur von eisiger, übermenschlicher Kälte getragen.

— Gut. Dann reden wir über deinen „genialen“ Plan, Mama. Er war wirklich clever: alles der Lieblings-Tochter geben und dich selbst von der ungeliebten versorgen lassen. Ein perfektes System.

Die Mutter und Lena blieben verblüfft zurück. Sie hatten Tränen erwartet, Rechtfertigungen, vielleicht Geschrei – aber nicht diese eiskalte Analyse.

— Doch dieser Plan hatte von Anfang an einen entscheidenden Fehler, — fuhr Katja fort, und ihre ruhige Stimme hallte im Treppenhaus lauter nach als jeder Schrei. — Er beruhte allein auf mir. Auf meiner Zustimmung. Und die habe ich verweigert. Dein Plan ist gescheitert. Aber weißt du was? Ich habe eine Lösung gefunden, wie er doch noch aufgeht.

Sie machte eine kurze Pause, genoss ihre Verwirrung.

— Du wolltest, dass es Lena gut geht. Dass sie eine Wohnung hat. Genau das hast du erreicht. Die Wohnung gehört nun ihr. Herzlichen Glückwunsch, Lena, du bist Eigentümerin. Und du, Mama, wolltest zu deiner Tochter ziehen, damit sie für dich sorgt. Auch dieser Wunsch wird in Erfüllung gehen.

Katja hob langsam den Arm und zeigte mit dem Finger direkt auf Lena.

— Dort ist deine Tochter. Diejenige, der du alles gegeben hast. Diejenige, die dir jetzt etwas zurückgeben muss. Zieh zu ihr. In deine frühere, jetzt ihre Wohnung. Platz ist genug da. Genau das wolltest du doch: das Beste für sie. Du hast ihr ein Zuhause geschenkt, und nun schenkst du ihr auch dich. Euer Plan funktioniert. Nur ohne mich.

Sie senkte die Hand. Grabesstille erfüllte das Treppenhaus. Die Mutter starrte Katja an, dann Lena, dann den Koffer. Lenas Gesicht erstarrte im Entsetzen, das sich langsam in Erkenntnis verwandelte. Erkenntnis, dass das Geschenk, das sie so gierig angenommen hatte, gerade seinen wahren, erdrückenden Preis offenbarte.

— Lebt wohl, — sagte Katja.

Sie nahm Andrej bei der Hand, und gemeinsam traten sie hinaus auf die Straße. Sie drehten sich nicht um. Sie hörten nicht, was hinter ihnen geschah. Sie gingen in ihr eigenes Leben weiter, ließen die zwei ihnen nächsten – und zugleich fremdesten – Menschen zurück. Allein mit ihrem perfekten Plan, der sich soeben in ein unlösbares Problem verwandelt hatte.

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