— Meine Eltern haben uns doch schon alles gekauft, was man zum Leben braucht! Eine Wohnung, ein Auto, sogar beim Geschäft haben sie dir geholfen! Und jetzt willst du noch, dass sie für deine Schwester dasselbe tun? Wer ist sie denn überhaupt für sie?!
— Hör zu, ich habe da nachgedacht…

Denis’ Stimme klang in der Stille des Wohnzimmers viel zu munter und riss Katja aus ihrer Halbdämmerung. Träge blätterte sie eine Seite der Hochglanzzeitschrift um, ohne den Blick von dem grellen Bild zu lösen.
Hinter dem Panoramafenster im zwanzigsten Stock erstrahlte die abendliche Stadt im Lichterglanz — eine vertraute, schöne und zugleich ferne Kulisse, die längst zum Hintergrund ihres geordneten, komfortablen Lebens geworden war. In der Luft lag der zarte Duft teuren Parfums und frisch gebrühten Kaffees.
— Hm? Worum geht’s? — antwortete sie ohne großes Interesse.
Denis trat an das Sofa, auf dem sie es sich bequem gemacht hatte, und setzte sich auf die Armlehne. Er war erfüllt von einer geschäftigen, fast kindlichen Energie, die ihn immer überkam, wenn ihm eine neue „geniale“ Idee in den Sinn kam. Meistens betraf das sein kleines Geschäft, das, wie alles andere in ihrem Leben, ein großzügiges Geschenk ihres Vaters war.
— Es geht um unsere Alina. Sie macht in einem Jahr ihren Abschluss, tritt ins Erwachsenenleben. Da sollten deine Eltern sich kümmern. Dem Mädchen helfen.
Katja hob den Blick von der Zeitschrift und sah ihren Mann verständnislos an. Das Wort „kümmern“ aus Denis’ Mund in Bezug auf ihren Vater, den Inhaber einer großen Baufirma, klang merkwürdig und beinahe komisch.
— Helfen? Wie meinst du das? Ihr einen Praktikumsplatz verschaffen? Ich denke, Papa wird nicht ablehnen, wenn sie selbst darum bittet.
Denis schnaubte herablassend, als wäre sie ein naives Kind, das die einfachsten Dinge nicht versteht.
— Katja, welches Praktikum denn? Ich meine richtige Hilfe. Im wörtlichen Sinn. Man sollte ihr eine Wohnung kaufen, fürs Erste wenigstens eine Einzimmerwohnung. Damit sie aus dem Elternhaus ausziehen kann. Und natürlich auch etwas mit Arbeit regeln. Dein Vater hat doch überall Verbindungen, der bringt sie im Handumdrehen irgendwo auf einen warmen Posten. Sie können das doch.
Für einige Sekunden herrschte im Wohnzimmer Stille. Zuerst lachte Katja leise, weil sie dachte, es handle sich um einen sehr ungeschickten Scherz. Doch als sie das völlig ernste, erwartungsvolle Gesicht ihres Mannes sah, legte sie die Zeitschrift langsam auf die Knie. Das Lächeln wich von ihrem Gesicht und hinterließ eine Maske kalten Erstaunens. Die teure Einrichtung, das sanfte Licht der Stehlampe, die Lichter der Stadt hinter dem Fenster — all das erschien ihr plötzlich wie die Kulisse zu einem absurden Theaterstück.

— Moment, — ihre Stimme wurde leiser und fester. — Habe ich dich richtig verstanden? Du schlägst allen Ernstes vor, dass meine Eltern deiner volljährigen Schwester eine Wohnung kaufen und ihr auch noch eine Arbeit besorgen sollen?
Er bemerkte gar nicht, dass in ihrer Frage bereits ein Urteil lag. Für ihn war es lediglich eine Einladung, die Details weiter zu besprechen.
— Und was ist schon dabei? — er wunderte sich ehrlich über ihre Reaktion. — Wir sind doch Familie. Eine große Familie. Deine Eltern haben uns geholfen, und das war richtig. Jetzt muss man Alina helfen. Das ist doch logisch. Menschlich. Man kann sie doch nicht einfach nach dem Studium auf der Straße stehen lassen.
Logik. Da war es, sein Lieblingswort. In seiner Welt war alles äußerst einfach und logisch. Man hat ihm etwas gegeben — also musste man auch seiner Schwester etwas geben. Einfach, weil sie „eine Familie“ waren. Katja erhob sich langsam vom Sofa, legte die Zeitschrift auf den Glastisch und trat ans Fenster, ihm den Rücken zugewandt. Sie blickte auf die fernen Lichter hinaus, sah jedoch vor sich nur das Gesicht ihres Mannes, verzerrt von dieser simplen, dreisten Anspruchshaltung.
— Denis, — sagte sie ruhig, bedacht, nicht in einen Schrei zu verfallen. — Als wir geheiratet haben, haben meine Eltern uns diese Wohnung geschenkt. Sie haben dir ein Auto gekauft, damit du dich bequem bewegen kannst. Mein Vater hat dir Geld gegeben, damit du dein Geschäft aufbaust, und er deckt bis heute deine Fehltritte mit seinen Verbindungen. Das ist Hilfe für uns. Für unsere Familie. Was hat deine Schwester Alina damit zu tun?
Auch er stand nun auf, seine Stimme nahm gekränkte, anklagende Töne an.
— Was sie damit zu tun hat? Alles! Sie ist meine Schwester! Teil meiner Familie, also auch unserer! Katja, sei doch nicht so. Für deine Eltern ist das gar nichts, ein Tropfen auf den heißen Stein. Für Alina dagegen bedeutet es einen ganzen Start ins Leben. Willst du ihr etwa nichts Gutes?
Er machte einen Schritt auf sie zu, doch sie hob die Hand, um ihn zu stoppen.
— Denis, dieses Gespräch ist beendet. Das wird nicht passieren. Niemals.
Das Wort „niemals“ traf Denis wie eine Ohrfeige. Er erstarrte, und der wohlwollende Ausdruck universeller Güte, der so fest in seinem Gesicht verankert war, wich einem Erstaunen, das rasch in starren, verbissenen Zorn umschlug. Er war nicht länger der gutmütige Bittsteller für seine Schwester; er verwandelte sich in einen Ankläger.
— Also habe ich mich nicht verhört? Du verweigerst meiner eigenen Schwester die Hilfe? — Er trat näher, drang in ihren persönlichen Raum am Fenster ein. Seine Stimme war nicht mehr weich, sondern klang metallisch. — Ich hätte das nicht von dir erwartet. So einen Egoismus.
Langsam wandte sich Katja ihm zu. Die Lichter der nächtlichen Stadt spiegelten sich in ihren Pupillen und machten sie kalt und undurchdringlich.
— Das ist kein Egoismus, Denis. Das ist gesunder Menschenverstand. Warum sollen meine Eltern, die dir doch eigentlich gar keine Verwandten sind, die Probleme deiner Familie lösen? Alina hat Eltern. Sie hat dich, ihren älteren Bruder. Ihr seid es, die ihr helfen müsst.
Er schnaubte verächtlich und wischte ihre Worte beiseite wie eine lästige Fliege. Sein Gesicht verzog sich zu einer Maske rechtschaffener Empörung.

— Meine Eltern? Was können die ihr schon geben? Sie haben ihr ganzes Leben im Werk geschuftet, ihre Rente ist ein Witz! Und ich? Du weißt doch, dass mein Geschäft gerade erst auf die Beine kommt! Für deine wäre das überhaupt nichts! Ein Klacks! Für sie ist es, eine Wohnung zu kaufen, wie für dich, ein Brot zu holen! Sie könnten ruhig teilen, das würde ihnen nichts ausmachen!
In Katja riss in diesem Moment etwas. Dieser dünne Faden der Geduld, den sie jahrelang gesponnen hatte, während sie seine Reden über Gerechtigkeit anhörte, während sie sah, wie er die teuren Geschenke ihrer Familie als Selbstverständlichkeit annahm.
All die Dankbarkeit, die er nie gezeigt hatte, all sein konsumierendes Wesen, das sie so lange ignoriert hatte, bündelte sich plötzlich in einem einzigen Satz – „sie könnten ruhig teilen“. Als ginge es nicht um ihre Eltern, sondern um einen anonymen Fonds, der verpflichtet sei, all seine „Wünsche“ zu finanzieren.
— Meine Eltern haben uns doch schon alles gekauft, was man zum Leben braucht! Eine Wohnung, ein Auto, beim Geschäft haben sie dir geholfen! Und jetzt willst du, dass sie für deine Schwester dasselbe tun? Wer ist sie denn überhaupt für sie?!
Die Überschrift ihres Streits war ausgesprochen. Und sie wurde zum Punkt ohne Wiederkehr. Denis sah sie an, als hätte sie plötzlich in einer fremden, ihm widerwärtigen Sprache zu sprechen begonnen.
— Ach, so ist das! — zischte er. — Da zeigt sich dein wahres Gesicht! Man sieht sofort, wessen Tochter du bist! Genauso übersättigte Bourgeois, die auf ihren Geldsäcken sitzen und vor Gier ersticken! Glaubst du, ich verstehe das nicht? Für euch sind Menschen Abfall! Verwandtschaft, Familie — leere Worte, wenn es euch keinen Nutzen bringt!
Er lief im Zimmer auf und ab, gestikulierte wie ein Schauspieler auf der Bühne, und mit jedem Wort wurden seine Beschimpfungen giftiger. Er vergaß, dass er mitten in einer Wohnung stand, die von eben diesen „Bourgeois“ gekauft worden war, dass seine Finger den Schlüssel zu einem Auto hielten, das sie ebenfalls bezahlt hatten, dass sein ganzes jetziges Leben, sein Status als „Geschäftsmann“ einzig und allein ihr Verdienst war.
In seinem erhitzten Bewusstsein war er Robin Hood, der Gerechtigkeit forderte, und sie und ihre Familie — gierige Reiche, die nicht einmal bereit waren, Krümel von ihrem Tisch abzugeben.
— Du lebst auf ihre Kosten und merkst es nicht einmal! Sitzt hier wie eine Prinzessin im Turm und redest vom gesunden Menschenverstand! Aber ich weiß, was eine richtige Familie ist! Wo man füreinander einsteht!
Katja sah ihn schweigend an. Der Zorn in ihr war verloschen, ersetzt durch eine eisige, distanzierte Ruhe. Sie sah nicht mehr ihren Ehemann vor sich. Sie sah einen Fremden, einen ihr unangenehmen Menschen, der ihre engsten Angehörigen mit Dreck bewarf, während er auf dem Boden stand, den sie ihm bereitet hatten.
— Genug. Schluss jetzt, — sein Monolog versiegte. Er blieb abrupt mitten im Raum stehen. — Ich kann hier nicht bleiben. In dieser Atmosphäre von Gier und Heuchelei. Ich fahre zu meinen Leuten. Zu normalen Menschen, die wissen, was Pflicht und Unterstützung bedeuten.

Er drehte sich um, ging zielstrebig in den Flur, riss seine Jacke mit Schwung von der Garderobe. Katja rührte sich nicht von der Stelle. Sie sagte kein Wort hinter ihm her. Sie hörte nur zu. Hörte, wie er sich wütend die Schuhe anzog, wie die Schlüssel klimperten. Dann fiel ein scharfer, trockener Klick des Türschlosses. Ein endgültiger Klang, wie ein Punkt am Ende eines langen, hässlichen Satzes.
Als das Klicken des Schlosses verklang, wurde es in der Wohnung nicht stiller. Im Gegenteil, sie füllte sich mit Geräuschen, die Katja bisher nie wahrgenommen hatte: dem Brummen des Weinkühlschranks in der Küche, dem leisen Rauschen der Lüftung, dem fernen, kaum hörbaren Heulen einer Sirene von der Straße.
Diese Geräusche waren immer da, doch Denis’ Stimme, seine Gegenwart, sein bloßes Dasein hatten sie überdeckt. Jetzt traten sie hervor, so wie Gegenstände in einem Raum Gestalt annehmen, wenn plötzlich das grelle, störende Licht erlischt.
Katja rührte sich nicht vom Fenster. Sie starrte in ihr Spiegelbild im dunklen Glas. Sie erwartete, Kränkung, Schmerz oder vielleicht sogar Verzweiflung zu empfinden. Doch da war nichts. Seine letzten Worte, besonders das giftige „übersättigte Bourgeois“, wirkten wie ein chirurgisches Instrument, das mit einem einzigen präzisen Schnitt alles Überflüssige abtrennte. Den Nebel aus Erinnerungen, Gewohnheiten und Kompromissen, den sie für Liebe gehalten hatte.
Es blieb nur kalte, kristallklare Klarheit. Das Bewusstsein, dass sie in den letzten Jahren nicht mit einem Ehemann gelebt hatte, sondern mit einem frechen, undankbaren Schmarotzer, der ihre Familie für seinen persönlichen Geldautomaten hielt.
Langsam ging sie in ihr Arbeitszimmer — einen kleinen Bereich, der durch ein Regal vom Wohnzimmer abgetrennt war. Sie setzte sich in den Schreibtischstuhl, nahm das Telefon in die Hand. Ihre Finger zitterten nicht. Sie suchte in den Kontakten die Nummer ihres Vaters, die sie am häufigsten gewählt hatte, um Fragen im Zusammenhang mit Denis’ Geschäften zu klären. Sie drückte auf Anruf.
— Papa, hallo. Hast du eine Minute? — ihre Stimme war ruhig, fast leblos, wie die eines Nachrichtensprechers, der den Wetterbericht vorliest.
— Katjuscha, natürlich. Ist etwas passiert? — die Stimme des Vaters am anderen Ende war wie immer gelassen und aufmerksam.
— Denis ist weg. Für immer, — sie redete nicht um den heißen Brei herum. Vorreden hatten keinen Sinn. — Er hat entschieden, dass du und Mama seiner Schwester eine Wohnung kaufen sollt, als Start ins Leben. Und ihr einen guten Job verschaffen.
Auf der Leitung herrschte für einige…
Katis Stimme am anderen Ende der Leitung war unnatürlich ruhig. In ihr lag weder Zorn noch Kränkung, nicht einmal ein Anflug von Emotion. Es war die Stimme einer Sekretärin, die ein sachliches Protokoll verliest.
— Das ist kein Scherz, Denis.
Für einen Moment war er von dieser eisigen Tonlage überwältigt. Er hatte Schreie erwartet, Vorwürfe, irgendetwas — aber nicht diese distanzierte Ruhe.
— Was heißt „kein Scherz“? Hast du die Schlösser ausgetauscht? Bist du noch bei Verstand?
— Vollkommen, — antwortete sie ebenso gleichmäßig. — Du kannst deiner Schwester ausrichten, dass in der Firma meines Vaters gerade eine Stelle frei geworden ist. Deine.
Denis schwieg, unfähig, das Gehörte sofort zu begreifen. Die Worte drangen nur langsam zu ihm durch, brachen sich Bahn durch die Rüstung seiner Selbstzufriedenheit. Gekündigt? Wie — gekündigt? Es war doch seine Firma, er hatte sie aufgebaut… mit dem Geld ihres Vaters. Der Gedanke blitzte kurz auf und erlosch sofort wieder unter einer neuen Welle von Wut.

— Du… Du kannst das nicht tun! Das ist mein Job!
— Schon getan, — ihre Stimme blieb unbeirrbar fest. — Ach ja, noch etwas. Das Auto wird morgen früh abgeholt. Der Fahrer kommt zum Haus deiner Eltern, gib die Schlüssel bei der Concierge ab. Mach es nicht komplizierter.
Er stand in der luxuriösen, stillen Halle, das Telefon ans Ohr gedrückt, das sich plötzlich in ein Tor zur Hölle verwandelt hatte. Wohnung, Arbeit, Auto… Das Konstrukt seines Wohlstands, das er für seine uneinnehmbare Festung gehalten hatte, zerfiel vor seinen Augen zu Staub — durch ein paar kalte, gelassene Sätze. Er blickte auf das polierte Schild mit der Wohnungsnummer, auf dem gestern noch auch sein Name hätte stehen können. Jetzt war es nur noch eine Zahl an einer fremden Tür.
— Katja… — er erkannte seine eigene Stimme kaum wieder. In ihr war kein Zorn mehr, keine Sicherheit, nur noch hilflose, jämmerliche Bitte.
Doch sie hörte ihn nicht mehr. Sie sprach den letzten Satz, und jedes Wort war so präzise und scharf wie eine Rasierklinge. Es war nicht nur das Ende des Gesprächs. Es war der Epilog ihres gesamten gemeinsamen Lebens.
— Hilf deiner Familie selbst, Gigolo.
Im Hörer ertönten kurze Signaltöne. Denis ließ langsam die Hand mit dem Telefon sinken. Er stand reglos vor der verschlossenen Tür, in seiner Tasche ein nutzloses Stück Metall, das einst der Schlüssel zu seinem Leben gewesen war. Die Stille der Halle dröhnte in seinen Ohren. Er war allein. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren wurde ihm schrecklich deutlich bewusst, dass er nichts Eigenes besaß…