— Bist du immer noch nicht ausgezogen?, — fragte der Ehemann kalt seine Frau. — Du bist allein, hast keine Kinder. Räum die Wohnung für mich und sie…

— Bist du immer noch nicht ausgezogen?, — fragte der Ehemann kalt seine Frau. — Du bist allein, hast keine Kinder. Räum die Wohnung für mich und sie…

— Ach, ich habe keine Kraft mehr, — seufzte die Schöne.


Den ganzen Tag hatte Anfisa bei ihrem Bruder Taras verbracht. Dessen Frau Larissa hatte erst kürzlich das reizende Töchterchen Alina zur Welt gebracht, war jedoch selbst erkrankt. Die fürsorgliche Schwägerin hatte die Aufgaben mit dem Baby übernommen.

Die dreimonatige Nichte eroberte sofort das Herz der Tante. Die feinen Fingerchen, die runden Bäckchen, der schelmische Blick rührten zutiefst. Anfisa fühlte sich dem Mädchen wie einer eigenen Tochter verbunden.
— Ich muss eine neue Rassel kaufen, — schoss es ihr durch den Kopf.

Zu Hause empfing sie die angenehme Kühle des Zimmers. Anfisa warf die Tasche aufs Sofa, sank müde in den Sessel. Wieder schweiften die Gedanken zu Alina.

Ein Blick auf die Uhr verriet: schon sechs, es war Zeit zu kochen.
— Mein Mann wird sich wieder verspäten, — stellte sie laut fest und stand auf.

Nach einer schnellen Dusche betrachtete Anfisa im Spiegel ihr Spiegelbild – mit Bitterkeit bemerkte sie die ersten Spuren des Verblühens.

Sie zog sich etwas Bequemes an (Hausmäntel konnte sie nicht ausstehen), trat ins Wohnzimmer und wäre beinahe gefallen, als sie über die Spielsachen des Lausbuben Wowa stolperte – des Sohnes ihrer Schwägerin.
— Verfluchtes Kind, — murmelte sie, während sie den Plastikmüll einsammelte.

Der fünfjährige Neffe ihres Mannes war häufig zu Besuch. Artjom hing sehr an ihm, kümmerte sich um ihn wie um den eigenen.

In der Küche klapperte Geschirr. Anfisa begann zu kochen, als plötzlich die Eingangstür ins Schloss fiel. Verwundert zog die Hausherrin die Augenbrauen hoch – der Ehemann kam ungewöhnlich früh zurück.

— Liebling, ich komme gerade vom Bruder, — rief sie aus der Küche. — Es ist noch nichts fertig, wenn du hungrig bist, gehen wir in die Pizzeria?

— Wir müssen ernsthaft reden, — klang es zurück.
Das Wort „ernsthaft“ verhieß selten Gutes. Anfisa wischte sich die Hände ab und ging ins Wohnzimmer. Der Mann saß auf dem Sofa und sah sie sonderbar an. Schweigend setzte sie sich ihm gegenüber in den Sessel, hob die Augenbrauen – ein Zeichen ihrer Bereitschaft zuzuhören.

— Ich habe eine andere, — sprach der Mann ruhig.
Die Nachricht überraschte Anfisa nicht, sie hatte schon lange etwas geahnt.

— Scheidung? — fragte sie sofort, um den weiteren Verlauf vorauszuahnen.
— Sie heißt Miroslawa. Sie ist schwanger.

— Herzlichen Glückwunsch! — sie hielt kaum harte Worte zurück. — Endlich hast du erreicht, was du wolltest, jetzt wird es einen rechtmäßigen Erben geben. Hoffentlich klappt es diesmal, — fügte sie mit eisiger Höflichkeit hinzu.

Anfisa konnte keine Kinder bekommen, und dieses Thema hatte ihre Familie mehr als einmal entzweit. Artjom selbst schien ein guter Mensch zu sein, und sie hielt es für ein Glück, sich in einen klugen, aufmerksamen Mann verliebt zu haben. Andere beneideten sie, ohne den Preis dieses „Glücks“ zu kennen.

— Du wirst ausziehen müssen, — erklärte er in demselben Ton. — Du bist allein, keine Kinder, so eine große Wohnung brauchst du nicht. Mach Platz für mich und das Kind.

— Und für die Geliebte, — ergänzte Anfisa.
— Für Miroslawa, — präzisierte Artjom und hob den Blick zu seiner Frau, erwartungsvoll.

Tränen liefen Anfisa über die Wangen. Sie hatte so sehr davon geträumt, dem Mann, den sie einst leidenschaftlich geliebt hatte, ein Kind zu schenken, zwei, drei… Doch das harte Urteil der Ärzte hatte alle Hoffnungen zerstört.

— Ich bin nicht schuld daran, dass ich unfruchtbar bin! — rief sie aufspringend, während sie die Tränen wegwischte.
— Du wusstest, dass es früher oder später so kommen würde, — erwiderte der Mann, seine Stimme schlug bereits in einen Schrei um. — Ich brauche ein eigenes Kind.

Ein eigenes, nicht eines aus dem Heim! Anfisa verstand ihn. Sie erinnerte sich daran, wie zärtlich Artjom mit dem Neffen umgegangen war. Er liebte Kinder, hatte aber keine eigenen.

— Also Scheidung? — fragte die Frau, kaum die Schluchzer unterdrückend.
— Ja. Aber jetzt musst du die Wohnung räumen, — wiederholte er ohne Gefühl.
— Wann? — fragte Anfisa leise und senkte die Augen.

— Am besten sofort, — zuckte er mit den Schultern. — Du kannst in meine kleine Wohnung ziehen.
Diese Erdgeschosswohnung hasste sie von Herzen wegen der stets zugezogenen Vorhänge – unter den Fenstern verlief ein Fußweg.

Doch genau dort hatten sie die ersten drei Ehejahre verbracht, bevor sie in die geräumige Wohnung zogen, und die kleine blieb ungenutzt.

„Nun gut, ich wusste es, wollte es nur nicht glauben, aber ich wusste es“, dachte Anfisa, als sie ins Schlafzimmer ging. Ihr Herz schmerzte. „Kinder… Bin ich daran schuld?“ — der Stachel des Selbstvorwurfs schmerzte. „Warum ich?“ — fragte sie sich, während sie den Reisekoffer hervorzog. „Ja, sie brauchen Platz, und mir reicht die kleine Wohnung. Schade…“

Zwanzig Minuten später kam Anfisa aus dem Schlafzimmer. Keine Tränen mehr im Gesicht. Sie wandte sich vom Mann ab, wollte ihn nicht ansehen, und sagte leise:

— Den Rest hole ich später, — und fügte im Flur hinzu, — wenn ihr nicht da seid.
— Soll ich helfen? — Artjom trat widerwillig näher.
— Ich schaffe es alleine, — schnitt sie scharf ab.

Sieben Ehejahre – und dies war das Ende, ging es ihr träge durch den Kopf. „Vielleicht hat er mit dieser…“ — Anfisa wollte den Namen nicht aussprechen, — „Geliebten“ mehr Glück. Bitter lächelnd verließ sie die einst vertrauten Wände.

Der kalte Wind peitschte ihr ins Gesicht, als Anfisa zum Auto ging, den Kofferraum öffnete und den Koffer hineinwarf.

Am Steuer sitzend bemerkte sie, wie ihre Finger zitterten. Wieder liefen ihr die Tränen über die Wangen.
— Ich bin nicht schuld, — flüsterte sie zwischen Schluchzen. — Nicht schuld…

Ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Noch gestern schien das Leben geordnet, heute war es zerbrochen. Artjom, der geliebte Ehemann, hatte sie so einfach, ohne Entschuldigung, aus dem Haus geworfen.

— Und wofür? Für die Geliebte! — Ihre Finger krallten sich ins Lenkrad. — Du hattest Angst, es früher zu sagen, du wusstest, ich würde ablehnen. Aber schwanger… Nun gut, viel Glück euch… Obwohl, wenn man deine Großzügigkeit in Sachen Wohnraum bedenkt, bezweifle ich, dass es von Dauer sein wird, — murmelte sie verbittert.

Sie drehte den Schlüssel, der alte „Lada“ brummte auf. Mit einem Tritt aufs Gas setzte sich Anfisa in Bewegung. Vor ihr lag die Mietwohnung, in der sie einst so glücklich mit ihrem Mann gewesen war.

Die Erinnerungen brachen wie eine Flut über sie herein. Dort waren sie, sie und Artjom, jung, unbeschwert, als sie in diese kleine Wohnung einzogen. Lachend packten sie die Kisten mit ihrem bescheidenen Hab und Gut aus. Der Weg führte ins Unbekannte.

— Wir werden eine große Familie haben, — sagte Anfisa und blickte in die Ferne.
— Natürlich, Sonnenschein, — lächelte Artjom. — Eine ganze Fußballmannschaft!

Doch die Realität erwies sich als grausam. Die ärztliche Diagnose klang wie ein Todesurteil. „Unfruchtbarkeit“ — dieses Wort hinterließ eine tiefe Narbe in ihrer Seele.

Damals schien der jungen Frau alles verloren. Doch es gab Menschen, die ihr die Hand reichten. Artjom wich nicht von ihrer Seite, beteuerte, dass Kinderlosigkeit nicht das Ende der Welt sei, viele lebten so, und sie würden es schaffen.

Tante Nadeschda wurde zu einer wahren Stütze. Selbst kinderlos, hatte sie ein Mädchen aus dem Heim adoptiert.

— Gib nicht auf, meine Liebe, — sagte Tante Nadeschda. — Das Leben geht weiter. Liebe bemisst sich nicht in gemeinsamen Genen. Sieh nur mich und Lisa an.

— Aber Artjom… er will unbedingt sein eigenes, — zweifelte Anfisa.
— Da spricht seine Angst, nicht die Vernunft, — schüttelte die Tante den Kopf. — Eigen ist der, den man liebt und großzieht. Blut ist nur Biologie. Wahres Vatersein liegt im Herzen.

Ihr Glaube wirkte ansteckend. Allmählich fand Anfisa wieder ins Leben zurück. Ein Gedanke keimte: warum sollten sie nicht auch adoptieren?

Doch Artjom explodierte, als er den Vorschlag hörte. Seine Worte brannten sich für immer in ihr Gedächtnis:
— Ich will nur mein eigenes Kind! Ein Fremdes dulde ich nicht im Haus! Das ist nicht dasselbe!
Nach diesem Gespräch war das Thema Adoption erledigt.

Aber in Anfisas Seele nistete sich der Zweifel ein. „Was, wenn die Ärzte sich geirrt haben? Vielleicht liegt es gar nicht an mir? Doch Artjom will nicht einmal von einem Arztbesuch hören. Was soll ich tun?“ — quälte sie sich.

Einige Jahre nach der Hochzeit war die Glut der Liebe noch nicht erloschen, doch das Verlangen nach Mutterschaft trübte den Verstand. Der Wurm des Verdachts an männlicher Unfruchtbarkeit nagte von innen. So kehrte Mark, ein Mann aus ihrer Vergangenheit, in ihr Leben zurück.

Ihre heimlichen Treffen dauerten einige Monate. Doch das Wunder blieb aus — keine Schwangerschaft. Dann kam Denis. Die Geschichte wiederholte sich.

Anfisa dachte schon an einen Dritten, doch sie kam rechtzeitig zur Besinnung und erkannte die Sinnlosigkeit. Sie ekelte sich vor sich selbst. Wozu das alles? Für eine trügerische Chance auf ein Kind?! Sie hielt inne, ließ es nicht zu, endgültig ihre Würde zu verlieren.

Im Auto kehrten die Gedanken wieder zu Artjom zurück. Einst hatte sie ihn vergöttert. Sie schätzte seinen Verstand, seine Zärtlichkeit, seine Güte. Wer hätte gedacht, dass er so handeln würde?

Doch selbst jetzt fand Anfisa Entschuldigungen für sein Verhalten. Sie verstand, warum er sich eine Geliebte nahm. Und warum diese nun ein Kind von ihm erwartete.

— Du wolltest ein Kind, du wirst es bekommen. Aber warum hast du es nicht früher gesagt? Ich hätte der Scheidung nicht im Weg gestanden… — flüsterte sie, während sie auf den nassen Asphalt blickte. — Feigling. Ein ganz gewöhnlicher Feigling.

In ihrem Innersten bewahrte die Frau Dankbarkeit für die hellen Momente der Vergangenheit, doch jetzt ertrank diese Dankbarkeit in einem Meer aus Schmerz und Verrat.

Der Abend hüllte die Stadt ein, die Lichter gingen an.
Die Stille wurde nur durch das Geräusch der Reifen auf dem Asphalt unterbrochen. Sanft rollte das Auto vor den alten Plattenbau. Nachdem sie geparkt hatte, sah Anfisa aufmerksam auf das Haus, in dem sie nun wohnen sollte.

— Seltsam… — in den Fenstern der Wohnung brannte Licht.
Den Koffer ließ sie im Auto zurück. Stirnrunzelnd betrat die Frau den Hauseingang. Die abgeblätterten Wände rochen nach Feuchtigkeit und alter Farbe.

Vor ihrer Tür drückte sie die Klingel. Hinter der Tür hörte man schnelle Schritte, das Schloss klickte. Auf der Schwelle stand eine hübsche Blondine im flauschigen Morgenmantel.

— Guten Abend, was wünschen Sie? — lächelte die Unbekannte mit betonter Höflichkeit…

Anfisa erstarrte.

— Entschuldigen Sie, und Sie sind… wer? — brachte sie hervor und spürte, wie ihre Fingerspitzen kalt wurden.

Die Blondine zog überrascht die Augenbrauen hoch, als sei die Frage der Gipfel der Absurdität:

— Ich wohne hier. Und Sie?

— Ich bin Anfisa. Die Ehefrau des Eigentümers dieser Wohnung. Und Sie? — Anfisas Stimme nahm metallische Härte an.

— Ach so, darum geht es! — Die Blondine zögerte, ihr Lächeln wirkte angespannt. — Bitte, treten Sie doch ein…

Im engen Flur herrschte perfekte Ordnung: im Schränkchen hing fremde Kleidung, auf dem Boden standen ordentlich abgestellte, unbekannte Schuhe. Anfisas Blick glitt prüfend durch den Raum, verweilte auf jedem Detail.

— Mein Mann und ich haben diese Wohnung vor einigen Monaten gemietet, — erklärte die Blondine hastig, ihren Blick auffangend. — Hier, der Mietvertrag für zwei Jahre.

Das Mädchen reichte ihr das Dokument. Anfisa überflog die wichtigsten Punkte und erkannte die Unterschrift ihres Mannes. In ihrem Gesicht spiegelte sich beherrschte Wut.

— Verflucht soll er sein! — zischte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen.

Die Blondine wich erschrocken zurück:

— Stimmt etwas nicht?

— Sie können nichts dafür. Ich rede von meinem „Angetrauten“, — erklärte Anfisa und reichte die Papiere scharf zurück.

— Tee? — Die junge Frau machte einen Schritt zur Küche, offenbar bemüht, die Situation zu entschärfen.

— Danke, nicht nötig. Ich gehe, — wandte sich Anfisa zur Tür, ohne die Gastgeberin anzusehen.

Die Wolken hatten sich verdichtet, schwere Regentropfen trommelten auf das Dach ihres Autos.

Mit dumpfem Seufzen lehnte die Frau die Stirn an die kühle Scheibe. Der Tag war endgültig zerbrochen. „Und jetzt? — schoss es ihr durch den Kopf. — Zurück nach Hause und eine Szene machen?“ Doch sie konnte nicht schreien, weshalb sie schon in ihrer Jugend den Spitznamen „Teig“ bekommen hatte – nicht wegen ihrer Figur (sie war schlank), sondern wegen ihrer scheinbaren Weichheit und Nachgiebigkeit.

— Du wirst es noch bereuen, — ihre Lippen verzogen sich zu einem kalten Lächeln.

Der Regen prasselte stärker, Ströme rannen über die Windschutzscheibe. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander, ordneten sich jedoch allmählich zu einer klaren Linie.

Anfisa erinnerte sich, wie ihr Vater ihr einst, mit Mühe die Gefühle verbergend, die Schlüssel zu dieser Wohnung übergeben hatte, in der sie vier Jahre mit ihrem Mann gelebt hatten. Es war ein großzügiges Geschenk gewesen, die letzte große Investition in ihr Glück. Sie wusste, wie sehr er das Elternhaus geschätzt hatte, doch Großeltern gab es nicht mehr, und die Datscha wurde von den Eltern kaum besucht. Also hatte er die alte Immobilie verkauft und seiner Tochter eine Dreizimmerwohnung im Zentrum gekauft.

Plötzlich durchfuhr sie eine Eingebung. Sie startete den Motor und raste durch die nächtlichen Straßen, das Ziel klar vor Augen.

Bald stieg die schlanke Frau mit einer bunten Tortenbox in den Händen aus dem Wagen, erklomm den dritten Stock eines vertrauten Hauses und drückte die Klingel.

— Wer ist denn da schon wieder? — ertönte eine missmutige Stimme hinter der Tür.

Die Tür flog auf. Auf der Schwelle stand die rothaarige Julia im ausgeleierten Pullover.

— Anfis?! Was für eine Überraschung! — rief sie mit einem breiten Lächeln.

— Hallo, Julia. Lässt du mich übernachten? — Anfisas Stimme klang wie eine müde Bitte.

Die Freundin trat sofort zurück und lud mit einer Geste zum Eintreten ein:

— Komm rein, natürlich. Was ist passiert? Deine Augen…

Schon im Flur spürte Anfisa den warmen Duft von frischem Tee und etwas Selbstgekochtem.

— Tante Anfisa! — piepste fröhlich eine Kinderstimme.

Die kleine, lockige Polina stürmte heran und umarmte die Besucherin. Diese strich dem Kind liebevoll über den Kopf.

— Hallo, meine kleine Libelle. Wie geht es dir?

Das Mädchen klatschte begeistert in die Hände, als es die Tortenbox entdeckte:

— Oh, Kuchen! Darf ich ein Stück? Gleich jetzt?

Julia schüttelte streng, aber liebevoll den Kopf:

— Erst das Abendessen, kleine Wirbelwind. Danach Süßes. Einverstanden?

Wenig später saßen die beiden Frauen in der Küche. Anfisa seufzte und nahm einen Schluck heißen Tees:

— Artjom, dieser geniale Stratege, hat seine Einzimmerwohnung vermietet, ohne mich auch nur zu informieren. Ein zynischer Schuft!

Die Freundin pfiff anerkennend und legte den Löffel beiseite:

— Wow… So viel Feuer aus dem Mund unseres „Teigs“! Und wie geht’s dir?

Anfisa lächelte bitter:

— Wie es aussieht, bin ich jetzt offiziell obdachlos.

Die Rothaarige sah ihr tief in die Augen:

— Bleib hier, so lange du willst. Platz ist genug, meiner ist abgehauen – und Gott sei Dank, ohne ihn lässt es sich freier atmen.

Anfisa nickte dankbar, und plötzlich huschte ein Gedanke über ihr Gesicht:

— Hör mal, darf ich Polina heute mitnehmen? Zum Übernachten?

Als sie das hörte, sprang das Mädchen, das gerade Suppe löffelte, begeistert auf:

— Hurra! Zu Tante Anfisa! Mama, darf ich? Bitte, biiitte! — Schon sprang sie vom Stuhl, um ihre Sachen zu packen.

Die Mutter kratzte sich nachdenklich an der Nase und lächelte:

— Von mir aus, dann schlafe ich wenigstens einmal richtig aus.

— Perfekt! — Anfisa stand auf, neue Energie durchströmte sie. — Dann los, Prinzessin! Jetzt beginnen die echten Abenteuer!

Mit jubelnden Rufen stürmte Polina ins Zimmer.

— Danke, Sonnenschein. Ich erkläre dir später alles, — Anfisa beugte sich vor und drückte ihrer Freundin einen Kuss auf den Scheitel.

Zehn Minuten später sprang das aufgeregte Mädchen ins Auto und machte es sich in ihrem Kindersitz bequem. Anfisa schloss sorgfältig die Gurte und schob die Tasche mit Polinas Sachen dicht heran.

— Erinnerst du dich an die Regeln? — fragte die Frau streng, aber herzlich, während sie in den Rückspiegel schaute.

Das Mädchen nickte ernsthaft, mit großen Augen:

— Ja, Tante Anfisa! Ruhig sitzen, nicht abschnallen und den Fahrer nicht stören. Ich benehme mich gut!

— Brav, — Anfisa lächelte. — Dann los!

Eine halbe Stunde später fuhren sie am Haus vor. Nachdem sie geparkt hatte, half Anfisa dem Kind schnell, sich abzuschnallen, und gemeinsam rannten sie, den Wolkenbruch meid­end, zum Eingang.

Im richtigen Stockwerk zog Anfisa mit fester Hand den Schlüssel hervor und öffnete die Tür.

Wie auf Kommando tauchte Artjom im Flur auf. Zerzauste Haare, ein zerknittertes Hemd und nackte Füße zeugten deutlich von einer gerade beendeten Ruhepause.

— Was soll das? Warum bist du zurückgekommen? — stieß er erschrocken hervor und warf einen misstrauischen Blick auf das Mädchen, das sich an Anfisas Bein drückte und dabei die Sandalen abgestreift hatte.

— Ich bin in mein Zuhause gekommen, mein Lieber, — parierte Anfisa kalt, mit betonter Lässigkeit, während sie den nassen Mantel auszog. — Muss man das etwa erklären?

Die kleine Polina warf ängstlich einen Blick mit großen Augen, huschte dann in das vertraute Spielzimmer.

— Was zum Teufel! — empörte sich der Mann und machte einen Schritt nach vorn. — Du hast hier nichts verloren! Klar? Verschwinde!

Anfisa ignorierte seine Worte wie lästiges Hintergrundrauschen. Mit erhobenem Kinn steuerte sie die Küche an, aus der Licht und Essensduft strömten.

Dort, umgeben von schmutzigem Geschirr, thronte jene Miroslawa, die beschlossen hatte, ihren Platz einzunehmen. Grell geschminkt tat sie so, als bemerke sie die Hausherrin nicht, und verschlang genüsslich ein Kaviarbrötchen — offensichtlich aus Anfisas Vorräten.

— Wie rührend, — Anfisas Stimme klang wie ein eisiges Glöckchen, — schmaust ihr auf meine Kosten? Schmeckt der Kaviar? Etwas zu teueres Vergnügen für… einen vorübergehenden Gast.

Miroslawa erstarrte einen Moment, biss dann demonstrativ ein noch größeres Stück ab.

— Bleibst du lange? — mischte sich schließlich Artjom ein, der unruhig auf dem Stuhl hin und her rutschte. — Bist du wegen deiner Sachen da? Soll ich helfen, sie zu packen? — Sein Tonfall sollte sachlich klingen, doch das Zittern in seiner Stimme verriet ihn.

Anfisa drehte sich langsam zu ihm um, ihr Blick wie ein Skalpell:

— Bezaubernd. Hast du vergessen, wem diese Wohnung gehört? Mir. Gekauft von meinem Geld, während du… womit hast du dich eigentlich beschäftigt? Ach ja, mit deinen „vielversprechenden Projekten“.

— Und? — Artjom holte tief Luft. — Du hast keine Kinder, aber Miroslawa… — er nickte auf ihren Bauch, — ist schon im fünften Monat. Es fällt ihr schwer!

— Ach ja? — Anfisa beugte sich mit übertriebenem Interesse zu Miroslawa. — Gratuliere. Wobei, ehrlich gesagt? Sieht eher so aus, als hätte sie sich einfach angefuttert. Aber wie dem auch sei, — sie winkte ab, — das geht mich nichts mehr an. Eure Reproduktionsabenteuer interessieren mich nicht länger.

Artjom räusperte sich nervös. Miroslawa schnaubte, Krümel flogen auf den Tisch.

— Sei doch vernünftig, — stammelte Artjom. — Dir reicht doch ein Zimmer, oder? Und wir brauchen bald mehr Platz… für ein Kinderbettchen…

— Halt den Mund, — schnitt ihm Anfisa das Wort ab, mit einer Intonation, die Artjom instinktiv zurückweichen ließ. Sie trat dicht an ihn heran, legte ihm die Hand auf die Wange — eine Geste trügerischer Zärtlichkeit. — Wie oft hast du mir vorgehalten, dass ich dir keinen Erben schenkte. Erinnerst du dich? „Unvollständige Familie“, „Egoistin“… — Ihre Stimme wurde süß wie Sirup. — Nun ja… Glückwunsch zur Vollständigkeit. — Und sie küsste ihn süß und lange direkt auf den Mund. Miroslawa verschluckte sich am Brötchen und begann zu husten.

— Ich… ich helfe, die Sachen zu packen! — keuchte der fassungslose Artjom und riss sich los.

— Immer hast du mir die Kinder vorgehalten, — Anfisa sah ihn nicht mehr an, während sie die Schlüssel hervorholte. — Mir ist egal, was du jetzt von mir hältst. Hier, — klirrend warf sie die Schlüssel vor seine Füße. — Schlüssel zu deiner alten Einzimmerwohnung. Räum mein Revier. Sofort.

— Die… die ist vermietet, — murmelte Artjom und starrte auf den Boden. — Vertrag…

Anfisas Augen verengten sich zu Schlitzen. Eine schallende Ohrfeige ließ den Flur erbeben.

— Schuft! — Ihre bis dahin ruhige Stimme donnerte. — Also hast du mich in eine Wohnung geschickt, obwohl du wusstest, dass sie vermietet ist? Mit Absicht bloßgestellt? Damit ich dastehe wie eine Idiotin, die fremde Leute rauswirft?!

— Anfis, beruhige dich… — begann Artjom, die Wange schützend.

— Mir ist egal, wohin ihr geht! — unterbrach sie. — Mietet euch ein Loch für eine Nacht, dann sucht euch was Neues. Oder fahrt gleich ins Krankenhaus. Dort gibt’s Betten, heißt es.

Miroslawa grinste gehässig, endlich fand sie ihre Stimme:

— Aber deine Mieter wirst du nicht los, Vertrag ist Vertrag. Du liebst doch Verträge so, Artjom, nicht wahr? Kündigst du, zahlst du Strafe. Für drei Monate. Ein hübsches Sümmchen, hm?

Artjoms Gesicht lief dunkelrot an. Miroslawa schmiegte sich an die Wand und huschte dann schnell ins Zimmer, tat so, als sei sie beschäftigt.

— Hast du deine… Geliebte gehört? — Anfisa stand vor ihm wie eine gespannte Feder. — Pack deine Sachen. Heute. Sofort. Den Rest holst du am Freitag. Pünktlich.

Sie stieß ihn hart gegen die Brust. Kaum das Gleichgewicht haltend, wich er zur Wand zurück.

— Kommst du nicht, wandert all dein Kram, deine ganze „Erinnerung“ an unser gemeinsames Leben in den Müll. Du bist hier nicht gemeldet. Für mich bist du niemand. Luft. Raus!

Artjom trottete mit gesenktem Kopf ins Schlafzimmer. Miroslawa schoss sofort wieder heraus und ließ sich in der Küche nieder, schimpfte lautstark:

— Total durchgedreht! Und wie hast du mit der überhaupt gelebt, du Armer? So eine Hysterikerin! Und dieser Ton! „Meine Wohnung“… Bald sind wir hier die Herrscher! — Sie gackerte wie eine Glucke und beobachtete Artjom, der Koffer schleppte.

— Mira, hilf wenigstens ein bisschen, statt nur zu quasseln! — fuhr er sie an, während er ein paar Hemden in die Tasche warf. — Deinetwegen ist das alles passiert!

— Ich?! — kreischte Miroslawa. — Du hast mich doch hierhergeschleppt, mein Lieber! „Erholen wir uns, solange sie weg ist“! Und jetzt bin ich schuld? Hab ich auch den Kaviar allein gefressen?!

Eine halbe Stunde angespannter Packerei und Wortgefechte später war das Paar schließlich verschwunden.

Stille trat ein. Anfisa lehnte sich an den Türrahmen, atmete tief durch und versuchte, das Zittern in ihren Händen zu besänftigen. Langsam ging sie in die Küche.

Wie automatisch drehte sie den Wasserhahn auf und begann, Fett von den Tellern zu spülen – die mechanischen Bewegungen halfen, sich zu beruhigen. Der Schmutz, den die ungebetenen Gäste hinterlassen hatten, ärgerte sie, bot ihr jedoch zugleich Halt.

Ein paar Minuten später ertönte in der Wohnung das leichte Trappeln kleiner Füßchen.

Polina rannte aus dem Zimmer, ein buntes Blatt Papier fest umklammert.

— Tante Fisa! Schau, was ich gemalt habe! — rief sie, sprang auf einen Stuhl und hielt den Zeichnung feierlich hin.

Ihre blauen Augen funkelten vor echter Stolz.

Anfisa fuhr zusammen, aus den Gedanken gerissen. Der Anblick des glücklichen Kindes, dieses Vertrauen, taute den Frost in ihrem Inneren auf. Ein sanftes, echtes Lächeln huschte über ihre Lippen:

— Oh, wie wunderschön! Zeig schnell, mein Sonnenschein! Wen hast du denn gemalt?

— Das ist Mama, — Polina zeigte mit dem Finger auf eine Figur mit gelben Locken, — das bin ich! — sie deutete auf die kleine Figur daneben, — und das bist DU! — ihr Finger blieb auf der größten Figur mit einem breiten Lächeln stehen. — Das ist meine Familie! Die allerbeste!

Anfisa erstarrte. Die Worte „meine Familie“, ausgesprochen mit solcher ehrlichen Wärme, wirkten wie Balsam. Tief in ihrem Inneren regte sich etwas, etwas Wichtiges und Zerbrechliches. Trotz der ganzen Bitterkeit des Verrats überflutete sie eine Welle unerwarteten, reinen Glücks. Fest drückte sie das Mädchen an sich.

— Wollen wir baden gehen? — fragte Anfisa, ihre Stimme klang ungewohnt weich. — Mit Schaum und Schiffchen?

Polina quietschte vor Freude:

— Ja! Ja! Ja! Mit rosa Schaum!

Ihr helles Lachen hallte fröhlich durch die leere, aber nun nicht mehr fremde Wohnung. Anfisa lachte mit, hob das Mädchen leicht hoch.

— Dann gehen wir die duftendste Schaumbadewolke aussuchen! Und ein Schiffchen kriegst du auch – das allerschnellste!

Sie machten sich auf den Weg ins Bad, ließen Sorgen und Wut hinter sich. Draußen begannen sich, wie im Takt zur Stimmungswende, die Wolken zu lichten; die letzten Sonnenstrahlen glitten schüchtern über die Wand und tauchten sie in warmes Licht.

Fröhliches Lachen und das Plätschern des Wassers erfüllten die Räume, vertrieben endgültig die schwere Spannung. Als Anfisa in Polinas glückliches, vertrauensvolles Gesicht sah, begriff sie plötzlich klar: Alles wird gut. Sie würden es schaffen. Zu dritt. Denn jetzt hatte sie wirklich eine Familie. Eine echte.

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