— Willst du dir die Wohnung unter den Nagel reißen? — fragte die Schwiegermutter die Schwiegertochter, ohne zu bemerken, dass ihr Mann hinter ihr stand.
— Denkst du, ich sehe nicht, wie du diese Wohnung musterst? — Valentinas Stimme zitterte vor kaum unterdrückter Wut. — Die Äuglein senkst du verschämt! Wahrscheinlich tapezierst du in Gedanken schon die Wände neu, was?

— Valentina Petrowna, ich verstehe nicht, wovon Sie reden…
— Sie versteht nicht! — Die Frau umkreiste ihre Schwiegertochter wie eine Raubkatze ihre Beute. — Ach, was für eine Unschuld! Ganz wie ein Lämmchen! Nur dass die Lämmchen heutzutage Zähne haben.
Zwei Stunden vor diesem Gespräch stand Lena am Herd und rührte die Sauce für das Huhn um. Im Ofen brodelte und zischte es – Fleisch mit Gemüse schmorte langsam vor sich hin. Das Radio erfüllte die Küche mit sanften Jazzklängen, und es schien, als würde der Tag ganz gewöhnlich verlaufen.
Andrej war am Morgen weggefahren, mit dem Versprechen, bis zum Abendessen zurückzukommen. Er hatte ein Treffen mit neuen Geschäftspartnern – ein Projekt, an dem er bereits seit Monaten arbeitete. Lena freute sich über seine Erfolge, auch wenn sie sich manchmal wünschte, die Arbeit würde ihm nicht so viel Zeit rauben.
— Schon wieder am Zaubern am Herd? — Die Schwiegermutter kam wie immer unangekündigt herein. In der Hand hielt sie ihren eigenen Wohnungsschlüssel, den sie benutzte, als wäre es ihr Eigentum. — Andrej hätte sich auch mit einfachen Nudeln zufriedengegeben.
— Er bevorzugt es, wenn zu Hause gekocht wird, — entgegnete Lena ruhig und schnitt weiter Gemüse für den Salat.
— „Bevorzugt“, — zog die Schwiegermutter höhnisch die Silben in die Länge. — Kaum ein Jahr verheiratet und schon meinst du, seine Vorlieben besser zu kennen als ich? Ich habe ihn dreißig Jahre lang erzogen!
— Valentina Petrowna, fangen Sie bitte nicht wieder an…
— Nicht wieder anfangen? — Die Frau ließ sich am Tisch nieder und begann mit den Fingern einen Rhythmus auf die Platte zu trommeln. — Soll ich nicht sagen, wie es wirklich ist? Ich war immer direkt. Wenn Andrej dabei ist, spielst du die Süße – aber was geht wirklich in deinem Kopf vor?
— Ich denke daran, wie sehr ich Ihren Sohn liebe.
— „Meinen“? — Valentina stieß ein kurzes Lachen aus. — Natürlich liebst du ihn. Und die Dreizimmerwohnung im Stadtzentrum sicher auch, stimmt’s?
Lena presste die Zähne zusammen und schwieg. Streiten war sinnlos – die Schwiegermutter würde jedes ihrer Worte verdrehen.
Das Zuschlagen der Tür kündigte Olegs Heimkehr an, Andrejs jüngeren Bruder.
— Mama, Lenja, hallo zusammen! — rief er fröhlich aus dem Flur. — Ich hoffe, es gibt was Essbares?
— Oleschka! — Valentina verwandelte sich augenblicklich, ihr Gesicht erstrahlte im mütterlichen Lächeln. — Komm schnell her, mein Lieber! Lena zaubert gerade in der Küche.
— Hervorragend! — Oleg erschien im Türrahmen. — Es riecht fantastisch. Lenja, du bist eine wahre Küchenmeisterin!
— Danke, — lächelte Lena. — In etwa zwanzig Minuten steht alles auf dem Tisch.
— Und wo ist der große Bruder?
— Am Arbeiten, — antwortete Valentina Petrowna. — Ganz wie sein Vater damals, immer in Geschäfte vertieft.
— Stimmt, Papa war wirklich besessen von der Arbeit, — nickte Oleg. — Übrigens, Mama, ich wollte wegen der Unterlagen fragen. Mit den Wohnungspapieren ist alles in Ordnung?
Valentina Petrowna spannte sich merklich an:
— Was sollte damit nicht stimmen?
— Ach nichts, nur so aus Interesse. Andrej hat erwähnt, dass Vater alles kurz vor seinem Tod auf ihn überschrieben hat.

— „Erwähnt“? — Die Stimme der Mutter wurde kalt. — Und was hat er noch erzählt?
— Mama, was ist los? — wunderte sich Oleg. — Wir unterhalten uns doch nur.
Lena kochte schweigend weiter, aber jedes Wort prägte sich in ihr Gedächtnis ein. Die Schwiegermutter bemerkte, wie aufmerksam Lena dem Gespräch folgte.
— Lena, lauf schnell zum Laden, — befahl sie herrisch. — Es fehlt an Brot.
— Aber ich habe doch gestern zwei Laibe gekauft…
— Dann sind sie eben schon aufgegessen! Los, widersprich den Älteren nicht!
Oleg runzelte die Stirn:
— Mama, sei nicht so schroff. Lena ist mit dem Kochen beschäftigt, lass sie erst fertig machen. Ich gehe selbst Brot holen.
— Das wagst du nicht! — fauchte Valentina Petrowna. — Sie ist jung, ihre Beine sind heil!
Lena band sich die Schürze ab:
— Schon gut, ich fahre los.
Als sie die Wohnung verließ, hörte sie noch Olegs Bemerkung:
— Mama, du gehst zu hart mit ihr um.
— Ich weiß besser, wie es richtig ist! — schnitt Valentina Petrowna jedes weitere Wort ab.
Im Lebensmittelgeschäft stieß Lena unerwartet auf ihre Schwester Marina.
— Lena! — rief diese erfreut. — Wie geht es dir? Du siehst erschöpft aus.
— Alles in Ordnung, — antwortete Lena ausweichend. — Es ist nur… keine leichte Zeit.
— Wieder Ärger mit der Schwiegermutter?
— Marina, sie kann mich einfach nicht ausstehen. Vor Andrej gibt sie sich immer von ihrer besten Seite, aber unter vier Augen… — Lena schüttelte den Kopf. — Heute hat sie mir geradeheraus gesagt, ich hätte nur wegen der Wohnung geheiratet.
— Was für eine Hexe! — empörte sich Marina. — Hör mal, sollen wir nicht Mama alles erzählen? Sie würde mit ihr ein ernstes Wort reden.
— Auf keinen Fall! Nur nicht Mama! Sie würde einen Riesenkrach machen… Andrej ist jetzt schon zwischen allen Fronten zerrissen.
— Und was sagt Andrej selbst? Merkt er denn gar nichts?
— In seiner Gegenwart verwandelt sie sich in eine liebevolle Mutter. Und wenn ich mich beklage, wirke ich wie eine hysterische Ehefrau.
— Lena, so kann es nicht weitergehen. Das macht dich doch kaputt!
Als Lena nach Hause zurückkehrte, fand sie im Wohnzimmer ihre Mutter – Tamara Iwanowna. Sie saß neben Valentina Petrowna, und die beiden Frauen unterhielten sich angeregt.
— Oh, da ist ja unsere Hausfrau! — rief Valentina mit gespielter Begeisterung. — Tamara Iwanowna, Ihre Tochter ist zurück!
— Lenotschka! — Die Mutter erhob sich, um ihr entgegenzugehen. — Welch ein Glück, dass ich dich noch angetroffen habe. Ich kam zufällig vorbei und dachte, ich schaue mal herein.
— Hallo, Mama, — Lena umarmte ihre Mutter. — Ich decke gleich den Tisch.
— Wir haben hier so eine tüchtige Hausfrau! — säuselte die Schwiegermutter mit honigsüßer Stimme. — Sie kocht ständig, gibt sich alle Mühe. Zugegeben, manchmal gelingt es nicht ganz so gut, aber wir nehmen das hin.
Tamara Iwanowna verengte die Augen:
— Was soll das heißen, „nicht ganz so gut“? Lena kocht ausgezeichnet!
— Ach, ich habe ja gar nichts Böses gemeint! — Valentina Petrowna wedelte hastig mit den Händen. — In jeder Familie gibt es eben Besonderheiten, ihre geheimen Rezepte. Andrej ist nun einmal meine Küche gewohnt.
— Andrej hat sich nie beschwert, — bemerkte Lena trocken.

— Natürlich nicht! Er ist gut erzogen. Er würde seine Frau nicht kränken.
Beim Mittagessen wurde die Stimmung noch angespannter. Oleg versuchte mit lustigen Geschichten die Atmosphäre aufzulockern, doch vergeblich.
— Übrigens, Lenja, — sagte er, — Andrej ließ ausrichten, dass er sich verspäten wird. Er hat wichtige Geschäfte.
— Immer diese Geschäfte! — seufzte Valentina Petrowna. — Genau wie sein Vater damals… Ach, wovon rede ich da. Mein Ehemann. Der Vater unserer Jungs.
Tamara Iwanowna hob die Augenbrauen:
— Sind Sie denn nicht Andrejs leibliche Mutter?
Betretenes Schweigen folgte. Valentina erblasste.
— Ich habe ihn wie meinen eigenen Sohn großgezogen! — brach sie heraus. — Seit er fünf Jahre alt war! Macht mich das etwa nicht zu einer echten Mutter?
— Natürlich macht es das, — entgegnete Tamara Iwanowna beschwichtigend. — Ich wusste nur nichts davon.
— Was gibt es da schon zu wissen? Ich bin seine richtige Mutter! Die einzig wahre! Die, die ihn geboren hat, lief davon, als er drei Jahre alt war. Und ich bin geblieben! Ich habe ihn großgezogen!
Lena tauschte einen Blick mit ihrer Mutter. Also das war es. Eine Stiefmutter also.
Nachdem die Gäste gegangen waren, fiel Valentina über Lena her:
— Hast du deine Mami extra eingeladen?
— Ich habe sie nicht eingeladen. Sie kam von sich aus.
— Von sich aus! Bestimmt hast du sie angerufen und dich ausgeheult!
— Valentina Petrowna, ich beklage mich bei niemandem.
— Lügst du! — Die Frau trat dicht an sie heran. — Glaubst du, ich sei blind? Ich sehe genau, wie du hier deine Spielchen treibst. Hast du es schon auf die Wohnung abgesehen?…
— Schon wieder das alte Lied?
— Aber sicher! Die Wohnung ist auf Andrej überschrieben. Sein Vater hat vor dem Tod alles auf den Sohn übertragen. Und was blieb mir? Dreißig Jahre habe ich mit ihm gelebt – und mir blieb nichts! Weil ich nicht die leibliche Mutter bin! Weil ich die Stiefmutter bin!
— Das wusste ich nicht…
— Wusste sie nicht! Ihr seid doch alle gleich! Jung, hübsch – und im Kopf nur ein Gedanke: wie man am meisten abgreifen kann! Aber merk dir das, du Biest: Ich weiche hier nicht! Das ist mein Haus! Ich habe jedes Recht, hier zu sein!
— Niemand will Sie vertreiben…
— Noch nicht! Noch nicht vertreiben! Aber ich sehe doch, wie du schielst! Wie du alles taxierst! Wahrscheinlich hast du schon Pläne, was du wo hinstellen willst!
In diesem Moment drehte sich der Schlüssel im Schloss. Doch die beiden Frauen, gefangen im Streit, hörten es nicht.
— Weißt du was? — fuhr Valentina Petrowna fort. — Pack deine Sachen und verschwinde! Solange Andrej nicht da ist, hau ab zu deiner Mami! Und ihm sage ich, dass du von allein abgehauen bist!

— Ich habe nicht vor, irgendwohin zu gehen. Das ist auch mein Zuhause.
— Dein?! — kreischte Valentina Petrowna. — Du bist hier gerade mal ein Jahr! Und ich dreißig Jahre! Dreißig! Ich habe diesen Jungen großgezogen! Nächte neben ihm verbracht! Und du bist einfach auf alles Fertige gestoßen!
— Ich liebe Andrej!
— Lieben! Die Wohnung liebst du! Und das Geld! Er verdient gut, darum hast du dich an ihn geklebt! Aber ich lasse dir hier kein Leben! Hörst du? Ich treibe dich hinaus! Andrej wird mir glauben, nicht dir! Ich bin seine Mutter!
— Sie sind keine Mutter! — platzte es aus Lena heraus. — Sie sind eine Stiefmutter! Und benehmen sich wie die böse Stiefmutter aus den Märchen!
Valentina Petrowna holte zum Schlag aus, doch eine Männerhand fing ihre Bewegung ab.
— Wage es nicht! — Andrej stand zwischen ihnen, bleich vor Zorn. — Wage es nicht, meine Frau anzufassen!
— Andruscha! — Valentina Petrowna wechselte im Bruchteil einer Sekunde den Tonfall, wie eine Schauspielerin, die in eine neue Rolle schlüpft. Die Stimme wurde honigsüß, fast kindlich. — Sohnemann, du hast das falsch verstanden! Wir haben uns nur unterhalten!
Andrej stand im Türrahmen, und Lena sah, wie jede Muskelfaser seines Körpers gespannt war. Nie zuvor hatte sie ihren Mann so gesehen — gesammelt, entschlossen, unerschütterlich.
— Ich habe alles gehört. Von Anfang bis Ende.
— Aber… aber sie hat angefangen! Sie ist frech zu mir! — Valentina Petrowna deutete mit zitterndem Finger auf Lena, ihre Stimme bekam wieder die bekannten metallischen Töne.
— Raus.
Zwei kurze Worte, so leise gesprochen, dass Lena sie kaum hörte. Aber ihre Wucht war ohrenbetäubend.
— Was? — Valentina Petrowna war fassungslos, und die Maske der fürsorglichen Mutter fiel endgültig von ihrem Gesicht. — Andruscha, was redest du da?
— Ich habe gesagt: Raus aus meinem Haus. Sofort.
— Aus deinem? Das ist auch mein Haus! Ich bin hier dreißig Jahre! — In ihrer Stimme klang pure Hysterie.
— Das ist die Wohnung meines Vaters. Er hat sie mir hinterlassen. Mir und meiner Familie. Und meine Familie – das ist Lena. Nicht du.
Lena spürte, wie sich Wärme in ihrer Brust ausbreitete. Zum ersten Mal in all den Ehejahren hörte sie diese Worte. Sie hörte sie nicht nur – sie fühlte sie förmlich mit ihrem ganzen Wesen.
— Wie kannst du nur? — stieß Valentina hervor und klammerte sich an die Tischkante. — Ich habe so viel für dich getan!
— Was hast du getan? Meinen Vater geheiratet? Ist das dein Verdienst?
— Ich habe dich großgezogen!
— Und ich bin dir dankbar. Aber das gibt dir nicht das Recht, meine Frau zu erniedrigen. Pack deine Sachen. Du hast eine Stunde.
Valentina Petrowna stürzte vor, doch Andrej wich keinen Millimeter zurück.
— Andruscha, wach auf! Sie hat dir den Kopf verdreht!

— Nein. Du hast mir den Kopf verdreht. All die Jahre. Du hast die liebende Mutter gespielt. In Wirklichkeit… Ich habe längst geahnt, dass du Lena schlecht behandelst. Aber ich dachte, ich übertreibe. Doch du… du bist ein Monster.
— Wage es nicht, so mit mir zu sprechen! Ich bin dir nicht fremd! — Valentina Petrowna richtete sich zu voller Größe auf, und in diesem Moment sah Lena in ihr keinen jämmerlichen, hysterischen Menschen mehr, sondern eine echte Gegnerin.
— Jetzt bist du mir fremd. Raus.
Valentina Petrowna drehte langsam den Kopf zu Lena, die unwillkürlich einen Schritt zurückwich. In den Augen der Stiefmutter flackerte reine, unverfälschte Hass.
— Du wirst es bereuen! Du wirst sehen, du wirst es bereuen! Sie wird dich verlassen, sobald kein Geld mehr da ist!
— Geh, bevor ich die Polizei rufe.
— Polizei? Gegen mich? — Die Frau brach in hysterisches Lachen aus, den Kopf zurückgeworfen. — Undankbarer Bengel!
Sie drehte sich um und stürmte in ihr Zimmer. Das Krachen von Schubladen, das Knarren der Schränke, dumpfe Schläge – all das drang von dort hinaus.
Andrej trat zu Lena und legte vorsichtig die Hand auf ihre Schulter.
— Geht es dir gut?
Lena nickte, ihrer Stimme nicht trauend.
Eine halbe Stunde später flog die Tür des Zimmers auf. Valentina Petrowna trat mit einem abgewetzten Koffer heraus. Ihr Gesicht war bleich, aber gefasst. Sie blieb vor Andrej stehen und sprach mit eisiger Ruhe:
— Merke dir diesen Tag, Andrej. Merke dir, wie du deine Mutter hinausgeworfen hast.
— Du bist nicht meine Mutter. — Andrejs Stimme zitterte nicht. — Eine Mutter hätte sich nie so verhalten. Und sie ist nicht weggelaufen, sie ist gestorben. Das hat Vater gesagt.
Einen Moment lang schien es, als wollte Valentina Petrowna noch etwas erwidern. Doch sie presste nur verächtlich die Lippen zusammen und ging zur Tür.
Die Tür schlug zu.
Andrej drehte sich langsam zu Lena um. Sie stand da, die Arme um sich selbst geschlungen, und zitterte – nicht vor Kälte, sondern vor allem, was sie soeben durchlebt hatte.
— Vergib mir, — sagte er leise, als er nähertrat. — Vergib mir, dass ich nichts bemerkt habe. Dass ich dich früher nicht beschützt habe.
— Du bist nicht schuld… — flüsterte Lena und ließ zu, dass ihr Mann sie in die Arme nahm.
— Doch, ich bin schuld. Ich hätte es verstehen müssen. Sie war immer so. Auch mit Vater. Sie spielte die Liebe nur vor, aber in Wirklichkeit… Deshalb hat Vater auch alles auf mich überschrieben. Er hat ihr nicht vertraut.
Lena hob den Kopf und sah ihrem Mann in die Augen. Darin lag kein Zweifel, keine Reue. Nur Entschlossenheit – und noch etwas anderes, etwas, das sie lange nicht mehr gesehen hatte. Liebe. Wahre, bedingungslose Liebe.

— Und was wird jetzt? — fragte sie.
— Jetzt werden wir leben. Zu zweit. Ruhig und glücklich. Ohne Gift und Lügen.
Lena erinnerte sich an Andrejs jüngeren Bruder.
— Und Oleg? Er liebt sie doch.
— Oleg wird es verstehen. Er hat schon lange vieles geahnt. Er wollte es nur nicht wahrhaben.
Eine Woche verging. Valentina rief Oleg an, beklagte sich, weinte, erzählte ihre Version der Ereignisse. Doch als der jüngere Bruder zu Andrej und Lena kam und die ganze Wahrheit erfuhr — die Einzelheiten jener Szenen, deren Zeuge sein älterer Bruder gewesen war —, kühlte sein Verhältnis zur Stiefmutter merklich ab.
— Weißt du, — sagte er zu Andrej beim Abschied, — ich habe immer gedacht, du seist zu streng mit ihr. Aber es stellt sich heraus…
— …dass du ihre Gespräche mit Lena nie gehört hast, — vollendete Andrej den Satz.
Valentina zog zu ihrer Schwester nach Jekaterinburg. Hin und wieder rief sie an, versuchte sich zu versöhnen, doch Andrej blieb unnachgiebig. Lena hörte diese kurzen, frostigen Gespräche und staunte jedes Mal über die Standhaftigkeit ihres Mannes.
Dann hörten auch die Anrufe auf.
Endlich konnte Lena in ihrem eigenen Zuhause frei aufatmen. Sie ging durch die Zimmer, ohne sich umzublicken, kochte, was sie wollte, empfing Freunde, ohne Furcht vor Vorwürfen. Das Haus erfüllte sich mit ihrem Lachen, ihrer Musik, ihrem Leben.
Und zum ersten Mal seit vielen Jahren fühlte sie sich wirklich zu Hause.