— Wenn dir die Wohnung zufällt, kannst du sagen, dass die ganze Familie Glück gehabt hat! Also halt den Mund und lebe nach unseren Regeln! — spie er mir ins Gesicht.

— Wenn dir die Wohnung zufällt, kannst du sagen, dass die ganze Familie Glück gehabt hat! Also halt den Mund und lebe nach unseren Regeln! — spie er mir ins Gesicht.

Olga saß in der Küche und sortierte die Unterlagen aus der Notarkanzlei. Die Wohnung von Onkel Michail — eine Zweizimmerwohnung in guter Lage. Olga hatte ein solches Erbe gar nicht erwartet, denn in den letzten Jahren hatten sie kaum Kontakt zum Onkel gehabt.

— Olj, schläfst du noch nicht? — Sergej kam in die Küche, sich nach dem Fernsehen streckend.

— Ich studiere die Dokumente, — antwortete Olga, ohne den Blick zu heben.
Sergej trat näher, beugte sich über die Schulter seiner Frau. Olga bemerkte, wie sich der Ausdruck im Gesicht ihres Mannes veränderte — in seinen Augen blitzte etwas Gieriges, fast Raubtierhaftes auf.

— Na sowas, was für ein Glück! — rief Sergej aus. — Jetzt haben wir ganze zwei Wohnungen!

Olga verspannte sich bei diesem „wir“. Die Wohnung war schließlich ihr zugefallen, doch sie wollte nicht streiten — sie war nach der Arbeit erschöpft.

Am nächsten Tag, kaum war Olga von der Arbeit zurück, klingelte es an der Tür. Auf der Schwelle stand Tamara Iwanowna — die Schwiegermutter höchstpersönlich, mit einer Torte und einer Flasche Sekt.

— Oljetschka, meine Liebe! — Tamara Iwanowna umarmte die Schwiegertochter mit ungewohnter Wärme. — Sergej hat vom Erbe erzählt. Welch ein Glück für unsere ganze Familie!

Olga schauderte innerlich vor dieser falschen Zärtlichkeit. In sechs Ehejahren hatte die Schwiegermutter sie selten beim Namen genannt, sie bevorzugte es, schlicht „du“ zu sagen.

— Treten Sie ein, Tamara Iwanowna, — sagte Olga und trat zur Seite, um die Schwiegermutter in die Wohnung zu lassen.

Beim Tee kam Tamara Iwanowna schnell zur Sache:

— Weißt du, ich habe da nachgedacht… Für Irina und Maksimka ist es so eng in der Einzimmerwohnung. Der Junge wächst, bald kommt er in die Schule, und der arme Kleine hat nicht einmal ein eigenes Zimmer. Vielleicht lässt du sie in die Wohnung einziehen?

Olga stellte die Tasse auf die Untertasse:

— Tamara Iwanowna, ich habe noch nicht entschieden, was ich mit der Wohnung machen werde. Vielleicht werde ich sie vermieten.

Die Schwiegermutter runzelte die Stirn:

— Vermieten an Fremde, wenn die eigenen Hilfe brauchen? Oljetschka, wir sind doch eine Familie!

In diesem Moment kam Sergej zurück. Der Ehemann verstand sofort, worum es ging, und setzte sich neben seine Mutter.

— Mama hat recht, Olja. Warum Fremden Geld zahlen, wenn Irka dort wohnen kann? Und wir brauchen doch kein zusätzliches Einkommen — du verdienst ja gut.

Olga spürte, wie in ihr die Verärgerung wuchs. Der Mann, der seit einem halben Jahr nach der nächsten Entlassung ohne Arbeit saß, redete davon, dass sie kein Geld brauchten.

— Lasst uns das später besprechen, — versuchte Olga das Thema zu beenden. — Ich brauche Zeit, um nachzudenken.

Doch Tamara Iwanowna dachte nicht daran, nachzugeben. Die nächsten Wochen verwandelten sich in eine regelrechte Belagerung. Die Schwiegermutter rief mehrmals am Tag an, Irina schaute „zufällig“ vorbei und klagte über die Enge, sogar der fünfjährige Maksimka wurde in die Kampagne einbezogen — der Neffe mit den traurigen Augen fragte Tante Olja, warum er kein eigenes Zimmer habe wie andere Kinder.

Sergej nahm die Position stiller Unterstützung seiner Mutter ein. Er übte keinen offenen Druck aus, aber seufzte ständig, schüttelte den Kopf und deutete an, dass Olga sich egoistisch verhalte.

Nach einem Monat begann Olgas Geduld zu schwinden. Wieder einmal hatten sie sich zum Familienabendessen versammelt — Tamara Iwanowna brachte Sergejs Lieblingskuchen mit, Irina schleppte Maksimka an.

— Olja, wir warten nun schon einen Monat auf deine Entscheidung, — begann Tamara Iwanowna, kaum dass alle am Tisch saßen. — Irina muss den Umzug planen, vielleicht ist auch eine Renovierung nötig. So kann man das nicht hinauszögern!

— Ich habe gesagt, dass ich darüber nachdenke, — antwortete Olga müde.

— Was gibt es da zu überlegen! — fuhr Irina auf. — Du hast zwei Wohnungen, und wir hausen mit dem Kind in einer Einzimmerwohnung! Verstehst du überhaupt, wie das ist?

Olga blickte ihre Schwägerin an. Irina hatte seit drei Jahren nicht gearbeitet, lebte von den Alimenten des Ex-Mannes und der Hilfe der Mutter.

— Irina, niemand zwingt dich, beengt zu leben. Du kannst dir eine Arbeit suchen, eine größere Wohnung mieten.

— Ach so, du meinst, ich soll mich abrackern, während deine Wohnung leersteht? — Irina erhob die Stimme.

— Das ist keine leere Wohnung, das ist mein Erbe, — sagte Olga fest.

— Das du einfach so, durch Glück, bekommen hast! — schrie Irina.

Tamara Iwanowna legte beruhigend die Hand auf die Schulter der Tochter, wandte sich dann an die Schwiegertochter:

— Oljetschka, jetzt bist du verpflichtet, an die Familie deines Mannes zu denken. Das ist unser gemeinsames Glück, verstehst du? Die Familie muss sich gegenseitig unterstützen.

Olga sah zu Sergej. Der Ehemann starrte in den Teller, ohne die Absicht, seine Frau zu verteidigen.

— Serjoscha, und was sagst du dazu? — fragte Olga direkt.

Der Mann hob die Augen, und Olga sah darin Verärgerung:

— Mama hat recht, Olja. Familie ist wichtiger als alles andere. Ich verstehe deine Sturheit nicht.

Olga fühlte, wie in ihr etwas zerbrach. Der Mann, den sie aus Liebe geheiratet hatte, mit dem sie sechs Jahre gelebt hatte, hielt es nicht für nötig, seine Frau zu unterstützen.

— Ich werde selbst entscheiden, was mit der Wohnung geschieht, — sagte Olga langsam, während sie vom Tisch aufstand. — Und das wird nicht diskutiert.

— Setz dich! — fuhr Sergej plötzlich auf, sprang hoch. — Hör auf, dich als Herrin des Lebens aufzuspielen!

Olga erstarrte, erschüttert vom Ton ihres Mannes. Sergej hatte noch nie zuvor die Stimme gegen sie erhoben.

— Wenn dir die Wohnung zugefallen ist, dann hat die ganze Familie Glück gehabt! — spie Sergej aus, als er dicht an seine Frau herantrat. — Also halt den Mund und leb nach unseren Regeln!

Im Raum herrschte Totenstille. Sogar der kleine Maksimka drückte sich ängstlich an seine Mutter. Olga sah ihren Mann an und erkannte den Menschen nicht wieder, mit dem sie so viele Jahre gelebt hatte.

Tamara Iwanowna war die Erste, die sich fasste:

— Siehst du, Olja, mein Sohn sagt alles richtig! Familie ist wichtiger als deine Launen. Die Wohnung muss denjenigen überlassen werden, die sie wirklich brauchen. Und hier gibt es nichts zu zicken!

Olga ließ ihren Blick langsam von der Schwiegermutter auf den Ehemann und dann auf Irina wandern. Die Schwägerin saß mit einem zufriedenen Grinsen da, voller Vorfreude auf den Sieg.

In Olgas Brust ballte sich ein eisiger Knoten zusammen, doch mit der Kälte kam auch kristallklare Klarheit. Wenn du jetzt nachgibst, verlierst du nicht nur die Wohnung — du verlierst dich selbst.

— Diese Wohnung gehört mir, — sagte Olga deutlich und sah ihrem Mann direkt in die Augen. — Ich habe sie von meinem Onkel geerbt. Und ich allein entscheide, was damit geschieht. Wem das nicht passt — die Tür steht offen.

— Willst du uns etwa hinauswerfen? — kreischte Irina.

— Ich setze Grenzen, — antwortete Olga ruhig. — In meinem Haus werden meine Entscheidungen respektiert.

— In deinem Haus? — Sergej grinste höhnisch. — Vergiss nicht, ich bin dein Mann!

— Ein Mann, der mir gerade gesagt hat, ich solle den Mund halten und nach fremden Regeln leben, — konterte Olga. — Weißt du was, Serjoscha? Ich muss nicht nur über die Wohnung nachdenken, sondern auch über unsere Ehe.

Tamara Iwanowna sprang auf:

— Wie kannst du es wagen! Du drohst meinem Sohn? Du solltest auf Knien danken, dass so ein Mann dich überhaupt geheiratet hat!

— Ein Mann, der seit einem halben Jahr ohne Arbeit dasitzt und von meinem Gehalt lebt? — Olga hielt sich nicht länger zurück. — Der seine Verwandtschaft hierherbringt, um zu bestimmen, wie ich mit meinem Eigentum umzugehen habe?

— Mama, Ira, kommt, — Sergej nahm die Mutter beim Arm. — Wir haben hier nichts mehr verloren. Soll sie doch allein in ihren Wohnungen hocken.

Als sich die Tür hinter den Verwandten des Mannes schloss, ließ sich Olga langsam auf einen Stuhl sinken. Ihre Hände zitterten leicht vor Anspannung, doch in ihr war eine merkwürdige Leere.

Eine Stunde später klingelte das Telefon. Sergej. Olga nahm nicht ab. Dann hagelte es Nachrichten — zuerst vom Ehemann mit Forderungen, sich zu besinnen, dann von Tamara Iwanowna mit Drohungen und Beschimpfungen.

Olga schaltete das Telefon aus und ging ins Schlafzimmer. Auf dem Nachttisch stand ihr Hochzeitsfoto mit Sergej. Jung, glücklich, voller Hoffnungen. Olga nahm den Rahmen und legte das Bild mit dem Gesicht nach unten.

Die nächsten Tage vergingen in einer seltsamen Erstarrung. Sergej kam nicht nach Hause, er lebte bei seiner Mutter. Tamara Iwanowna rief bei der Arbeit an, beklagte sich bei Bekannten, dass die Schwiegertochter den Sohn hinausgeworfen habe. Irina schrieb wütende Posts in den sozialen Netzwerken.

Doch Olga spürte zum ersten Mal innere Standhaftigkeit. Das Erbe des Onkels war zum Lackmustest geworden, der das wahre Gesicht der Familie ihres Mannes zeigte. Und auch das ihres Mannes.

Eine Woche später kam Sergej — zerknittert, unrasiert, mit geröteten Augen.

— Olja, lass uns reden, — bat der Mann gleich an der Tür.

Olga ließ ihn schweigend in die Wohnung. Sergej ging in die Küche, setzte sich an den Tisch — auf seinen gewohnten Platz.

— Ich habe überreagiert, — begann der Mann. — Aber du bist auch nicht ohne. Du hättest mir entgegenkommen können.

— Entgegenkommen wobei, Serjoscha? — fragte Olga ruhig. — Die Wohnung deiner Schwester überlassen?

— Nicht überlassen, nur wohnen lassen. Wir sind doch Familie, wir müssen einander helfen.

Olga schüttelte den Kopf:

— Familie bedeutet nicht nur nehmen, sondern auch geben. Was hat deine Familie mir in all den Jahren gegeben, außer Vorwürfen und Forderungen?

Sergej schwieg, dann sagte er scharf:

— Wenn du nicht bereit bist, meinen Verwandten zu helfen, sollten wir uns vielleicht wirklich trennen.

Olga blickte den Mann lange an:

— Vielleicht, Serjoscha. Vielleicht.

Am Abend, als der Mann wieder zur Mutter ging, saß Olga mit einer Tasse Tee am Fenster. Draußen gingen die Lichter der Stadt an. Irgendwo dort, in einem der Viertel, stand jene Wohnung von Onkel Michail. Eine Wohnung, die nicht nur ein Erbe geworden war, sondern eine Prüfung.

Olga dachte darüber nach, was nun kommen würde. Über eine Scheidung, über ein Leben in Einsamkeit, über neue Möglichkeiten. Angst hatte sie nicht. Im Gegenteil, zum ersten Mal seit Langem fühlte Olga, dass sie ihr Leben unter Kontrolle hatte.

Das Telefon klingelte wieder — Tamara Iwanowna. Olga drückte den Anruf weg und blockierte die Nummer. Dann öffnete sie den Laptop und begann, Informationen über die Vermietung der Wohnung zu suchen. Das Leben ging weiter, und Olga war fest entschlossen, es nach ihren eigenen Regeln zu leben.

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