— Da ist deine Frau gekommen, um dich abzuholen, — erklärte Jelena demjenigen, den sie für ihren Verlobten hielt, und blickte zur Tür.
— Was bist du denn für eine „Jelena Wladimirowna“? Du bist doch erst neunundzwanzig! — bemerkten die Freunde und lachten.

— Hat sich eben so eingebürgert, — winkte Lena ab. — Für die Kunden bin ich „Jelena Wladimirowna“, für die Lieferanten erst recht. Und für die Kollegen genauso.
Lena baute ihr Geschäft auf und war ernsthaft eingestellt. Deshalb herrschte bei der Arbeit eine geschäftliche Atmosphäre, ohne jede Vertraulichkeit.
— Los, Jelena Wladimirowna! Vorwärts, Jelena Wladimirowna! — trieb sie sich an, während sie sich durch die Menschenmenge im Einkaufszentrum schlängelte. — Was für ein fröhliches Volk wir doch haben, — klagte sie im Stillen, — ein Fest nach dem anderen! Man schafft es kaum, Geschenke zu kaufen!
Sie sprang nur kurz hinein, um ein paar Souvenirs für Freunde, Kollegen und Bekannte zu besorgen, damit sie später, wenn es eilig wird, nicht kopflos herumrennen musste. Weniger Arbeit gab es dadurch nicht, und gerade wenn es nötig war, fehlte die Zeit.
Eine alte Zigeunerin packte sie mit fester Hand am Ärmel und riss sie aus dem Strom der aus dem Einkaufszentrum strömenden Menschen. Lena wurde sogar auf der Stelle herumgedreht.
— Was für ein hübsches Mädchen! — grinste die Zigeunerin süßlich mit goldblitzenden Zähnen. — Und das Geld raschelt in den Taschen, aber im Privatleben läuft es nicht rund! Einen Mann hast du ausgesucht, aber er dich noch nicht!
Lena hatte geschäftlichen Erfolg, weil sie in jeder Situation schnell schalten konnte. Sie musterte die Zigeunerin spöttisch:
— Genau das Gegenteil, er will mir bald einen Antrag machen. Der Hypnoseversuch hat wohl nicht geklappt? Aber seien Sie nicht traurig! Üben Sie weiter, dann wird es schon!
Leicht befreite sie ihren Ärmel aus den Händen der Zigeunerin.
— Na sowas! — rief die Zigeunerin, und ihr Lächeln wurde noch breiter. — Selbstbewusst bist du! Stark und mutig! Er belügt dich! Er profitiert von dir, deshalb bleibt er bei dir. Ich sehe Untreue. Nur geht er nicht von dir weg, sondern zu dir! Denk an meine Worte, wenn du es selbst herausfindest! Und kauf ihm bloß keine Räder! Er kommt schon klar!
Dass das Gerede maßlos übertrieben war, war klar. Sie hatte Lena gelobt, den Mann schlechtgemacht — und ein Nutzen steckt in jeder, selbst der besten Beziehung.
Angst einjagen sollte es natürlich auch: Andeutungen nach allen Seiten. „Nicht von dir, sondern mit dir“ — das war der klassische Trick, um jemanden völlig zu verwirren.
Aber von dem Auto konnte die Zigeunerin unmöglich wissen!
Seit einem Jahr sparte Lena für ein Auto für Maxim. Er träumte schon lange davon, sich irgendwann ein gutes Modell zu kaufen.
Nicht unerschwinglich teuer, aber auch kein Billigschlitten. Und Lena hatte nicht nur fast das ganze Geld zusammengespart, sondern auch schon ein Autohaus gefunden. In ein paar Monaten wollte sie zur Besichtigung fahren.
— Das entscheide ich schon selbst, — sagte Lena freundlich, drückte der Zigeunerin einen Geldschein in die Hand und eilte zu ihrem Wagen.
Bald würde die Innenstadt im Stau versinken, und Lena wollte noch vorher zu Hause ankommen. Umsonst hatte sie sich doch keinen kurzen Arbeitstag eingerichtet.
Nach Hause zog es Lena aus einem einfachen Grund: Ihr Geliebter sollte aus der Dienstreise zurückkommen. Zwei Wochen war er weg gewesen. Und Lena wollte ihm etwas Leckeres kochen.
Doch als sie die Tür öffnete, roch sie schon den Duft von brutzelnden Frikadellen:
— Du bist mir zuvor gekommen? — rief sie aus dem Flur.
— Klar, — Maxim schaute aus der Küche und wischte sich die Hände am Handtuch ab, — ich habe so Lust auf Hausmannskost gehabt, dass ich Frikadellen zum Abendessen brate!
Eigentlich war Maxim kein Koch, nicht einmal ein passabler. Aber hier spielte die gute Haushaltsorganisation eine Rolle.
Einmal im Monat bereitete Lena selbst Vorräte zu und füllte damit die Tiefkühltruhe. Frikadellen, Tschebureki, Pelmeni, Wareniki, Gemüsemischungen und sogar Brühen.

Das hieß, um Borschtsch zu kochen, musste man nur einen Brühwürfel in den Topf geben, das gehackte Fleisch und eine Gemüsetüte hineinwerfen. Kaum Zeitaufwand, und ein wunderbares Essen war fertig.
In den Jahren, die Lena und Maxim zusammenlebten, hatte er die einfachen Rezepte gelernt, wie man die Vorräte fertig zubereitet.
— Ich wollte auch gerade etwas kochen, nur bist du mir zuvor gekommen, — sagte sie lächelnd und zog sich zu Hause um.
— Dann machst du eben das Abschiedsessen, — meinte er schlicht. — Stell dir vor, ich wurde für ein Praktikum in der Hauptstadt ausgewählt! Drei Wochen unter der Leitung von echten Meistern und Größen!
— Du fährst schon wieder? — sagte Lena etwas enttäuscht.
— Bist du verrückt?! Das ist doch eine Riesenchance! — platzte er freudig heraus, und als er dann Lenas trauriges Gesicht sah, nahm er sie in die Arme und flüsterte ihr ins Ohr: — Meine Liebe, das ist sehr wichtig. Für mich und für uns. Mir fehlt nur noch ein winziger Schritt bis zur Beförderung! So viele Kurse, Dienstreisen, Seminare. Du verstehst das doch!
Lena verstand. Und sie verstand nur deshalb, weil sie keine andere Wahl hatte.
Maxim war der Ansicht, dass ein Mann seine Familie ernähren und versorgen müsse.
Einerseits war das richtig. Andererseits …
Lena verdiente mehr als Maxim.
Im Grunde, wenn es den Menschen miteinander gut geht und es keinen finanziellen Mangel gibt, spielt es doch keine Rolle, wer wie viel verdient.
Aber Maxim konnte sich damit nicht abfinden.
Er strebte unaufhörlich die Karriereleiter hinauf, absolvierte Fortbildungskurse, Weiter- und Umschulungen. Mit Auszeichnung beendete er Trainings für persönliche und berufliche Entwicklung.
Urkunden und Auszeichnungen regneten wie Gold vom Himmel.
— Lenka, nach diesem Praktikum werde ich ganz sicher befördert! Und dann das Gehalt! U-hu! Und sofort setzen wir den Hochzeitstermin fest! Ein schönes Datum werden wir auswählen!
„Schon wieder eine Verschiebung“, dachte Lena, und am Rande ihres Bewusstseins tauchten die Worte der Zigeunerin auf.
„Ein Mensch, der so hart arbeitet, um eine Familie aufzubauen, kann doch keine Abenteuer nebenbei suchen!“
Beim Abendessen herrschte eine drückende Stimmung. Lena beschloss, sie aufzulockern, indem sie von der Zigeunerin erzählte, die so hartnäckig danebenlag:
— Entweder haben sie keine Gabe, oder ihre Hypnose hat bei mir nicht gewirkt, aber so etwas zu erfinden! Sie meinte, du seist mir oder mit mir … untreu, kurz gesagt, — Lena lächelte selbst, — ich habe ihr ein bisschen Kleingeld für ihre Fantasien gegeben.
Maxim spannte sich an, kratzte sogar mit der Gabel über den Teller.
— Maxim? — fragte Lena misstrauisch.
Und Maxim schwitzte regelrecht vor der Geschwindigkeit, mit der er nachdachte.
Dann kam er auf eine Ausrede:
— Überprüf das restliche Geld in der Tasche und die Dokumente! — sprudelte er hastig hervor. — Du hast ihr Geld gegeben, also hat irgendetwas doch gewirkt!
Lena sprang auf und rannte in den Flur, wo sie ihre Tasche gelassen hatte:
— Alles ist da, — rief sie und kam mit der Tasche in der Hand zurück in die Küche.
Dabei bemerkte sie nur, wie Maxim eine Serviette in der Faust versteckte. Und auf seiner Stirn klebte ein kleines Stück weißes Papier …
— Sweta, sag mir ehrlich, bilde ich mir das alles nur ein, oder hat sie die Wahrheit gesagt? — fragte Lena fast ihre einzige Freundin.
— Sagen wir so, — antwortete Sweta, nachdem sie die ganze Geschichte gehört hatte, sowohl über die Zigeunerin als auch über Maxims Reaktion, — aufhören zu denken darf man nie! Dafür sind wir Frauen da: um ständig über alles nachzudenken und alles zu kontrollieren.
— Wenn du mich so elegant in den Wald schicken wolltest, hättest du dir die Mühe sparen können, — fauchte Lena. — Ich komme zu dir als Mensch, um Rat zu holen, und du hältst mir hier eine Predigt!
— Lena, deine Naivität kennt keine Grenzen, — sagte Sweta streng. — Überprüf sein Handy, seinen Computer. Durchsuch seine Taschen. Männer können keine Beweise verstecken.

— Erstens ist das falsch, und zweitens habe ich für mich schon lange entschieden, dass ich so etwas nicht tun werde. Jeder Mensch hat ein Recht auf seine Privatsphäre!
— Das mag für Menschen im Allgemeinen gelten. Aber bei deinem Maxim habe ich schon lange meine Zweifel. Sitzt dir auf der Tasche, seine endlosen Dienstreisen. Da brauche ich keine Zigeunerin, um dir zu sagen, dass da nicht alles glatt läuft.
— Wir sind so viele Jahre zusammen, — entgegnete Lena, — ich hätte doch längst etwas bemerkt!
— Vielleicht ist dein Maxim die Ausnahme und kann Beweise gut verstecken … — spottete Sweta.
Nach solch einer „Trösterin“ fühlte Lena sich erst recht unwohl. Alte Zweifel verschwanden nicht, neue kamen hinzu.
Um sich von den aufdringlichen Gedanken abzulenken, beschloss Lena, eine Runde durch die Stadt zu drehen. Nach Hause kam sie spät am Abend zurück.
Vor der Tür ihrer Wohnung stand eine Frau mit zwei Kindern. Den Älteren hielt sie an der Hand, den Jüngeren trug sie im Tragetuch auf der Brust.
— Suchen Sie jemanden? — fragte Lena besorgt.
— Meinen Mann suche ich, — antwortete die Frau, — und seine Ratte von Geliebten!
Lena zuckte die Schultern und steckte den Schlüssel ins Schloss.
— Also bist du das! — schrie die Frau auf und holte mit der freien Hand aus.
Lena wich zurück:
— Was erlauben Sie sich?!
— Eine Wohnung in einem reichen Haus, mit dem Auto fährst du sicher auch noch herum, und jetzt willst du mir auch noch meinen Mann ausspannen! — fauchte die Frau, und ihre Augen sprühten vor Hass …
— Warten Sie! Ich kenne Sie nicht, und wer Ihr Mann ist, schon gar nicht. Vielleicht sollte man das erst einmal klären? Und hören Sie auf, nach mir zu schlagen, hier sind Kinder! — Lena bemühte sich, ruhig zu sprechen, doch innerlich zog sich alles zusammen.
Die Frau legte die Hand auf die Türklinke. Lena hatte den Schlüssel gerade noch herausgezogen und geschafft, ihn zu drehen, bis es klickte.
— Und wohin wollen Sie da? — fragte Lena und zog die Frau unverblümt am Mantelkragen von der Tür weg.
— Da drinnen ist mein Mann! — kreischte sie.
— Und die Wohnung gehört mir! Und ich habe Sie nicht eingeladen! — Lena huschte hinein und schlug die Tür zu, ließ die Dame auf dem Treppenabsatz zurück.
Maxim, der aus dem Zimmer kam, war bleich, seine Hände zitterten. Er hatte nicht nur alles gehört, sondern wusste noch mehr, Details, die Lena unbekannt waren.
Die Mosaiksteinchen fügten sich zusammen.
— Bra-vo! — sprach Lena silbenweise mit einer Stimme so kalt wie Eis. — Und jetzt: Sachen packen und verschwinde!
Von der anderen Seite der Tür hörte man:
— Mach die Tür auf! Ich weiß, dass er hier ist!
— Jetzt holen Sie sich Ihren … — Lena suchte zwischen „Mann“ und „Vater“, entschied sich aber nicht und wiederholte nur: — Ihren.
— Lena, verzeih mir bitte, — flehte Maxim, — am Anfang dachte ich nicht, dass es so weit kommt. Dann habe ich mich bemüht, dass es uns gutgeht. Ich wollte mich dort schon scheiden lassen und hier mit dir heiraten. Aber dort habe ich eigentlich gar nicht gelebt. Nur manchmal vorbeigeschaut. Na ja, wegen der Kinder.
— Maxim, lüg nicht! Wir sind seit mehr als drei Jahren zusammen, fast vier. Und das Kind in der Trage ist ein Jahr alt. Höchstens anderthalb. Du bist nicht nur von ihr fremdgegangen, sondern auch von mir.
— Lenotschka! — Maxim sank auf die Knie.

— Schluss jetzt! Pack deine Sachen, man wartet dort sehnsüchtig auf dich! Dort sind deine Kinder! Hab ein bisschen Anstand! — Lenas Stimme zitterte nicht, obwohl in ihr alles durcheinanderwirbelte.
Als er schließlich die Wohnung verlassen hatte, setzte sich Lena auf das Sofa und ließ den Tränen freien Lauf.
Die Bitterkeit der Kränkung und die Last der Ungerechtigkeit quälten sie bis zum Morgen, bis der Schlaf endlich Vergessen brachte.
Und am nächsten Morgen kam mit unerklärlicher Leichtigkeit die Erkenntnis, dass alles zum Besten war. Es wäre schlimmer gewesen, hätte sich die Wahrheit erst nach der Hochzeit offenbart.
— Woher wissen diese Zigeuner nur immer alles? — fragte Lena lächelnd und ging, um sich zu waschen.
Eine Woche später, bei einer Tasse starken Kaffees in ihrem Lieblingsbüro, sortierte Lena Unterlagen. Es klopfte.
— Herein.
Anton trat ein, ihr Hauptbuchhalter, klug, zuverlässig, schon lange bei ihr. In den Händen hielt er einen Ordner, aber sein Gesicht war ernster als sonst.
— Jelena Wladimirowna, wegen Maxim … ich habe auf Ihre Bitte hin etwas herausgefunden.
Lena legte den Stift weg. Antons Blick verriet, dass es schlechte Nachrichten waren.
— Sagen Sie, Anton.
— Die Dienstreisen … reine Fiktion. All diese „Seminare“ und „Praktika“ — erfunden. Offiziell war er nur ein einfacher Büroangestellter in einer kleinen Firma. Das Gehalt … bescheiden. Sehr. Offensichtlich verbrachte er die meiste Zeit … dort. Bei seiner Familie. Und das Geld, das Sie ihm für die „Reisespesen“ gegeben haben …
Lena nickte, ohne Überraschung zu zeigen. Die bittere Wahrheit brannte nicht mehr, sie hinterließ nur einen kalten Nachgeschmack. Anton legte vorsichtig einen Ausdruck auf den Tisch — bescheidene Gehaltsabrechnungen jener kleinen Firma.
— Danke, Anton. Alles klar. Sehr klar.

Der Buchhalter ging. Lena trank ihren Kaffee aus, den Blick auf den Ausdruck gerichtet. Alles passte zusammen. Sein „Karriereaufstieg“ war nur eine Fassade für ein Doppelleben. Nun hatte er sowohl ihr Dach über dem Kopf als auch das andere Zuhause verloren. Er war am Ende.
Am Abend, während Lena in Stille zu Abend aß, ertönte ein scharfer Klingelton an der Tür. Kein Besuch. Ein bekanntes, aufdringliches Klopfen. Sie trat an den Türspion. Maxim. Mit gehetztem Blick. In der Hand eine erbärmliche Tüte mit Sachen. Offenbar hatte man ihn endgültig hinausgeworfen.
Lena öffnete. Er versuchte hereinzudrängen, doch sie stellte sich ihm in den Weg.
— Lena! Sonnenschein! — seine Stimme zitterte, schwankte zwischen Pathos und Verzweiflung. — Ich habe mich scheiden lassen! Von ihr! Offiziell! Ich bin frei! Jetzt können wir … wie geplant! Heiraten! Alles wird echt sein!
Er streckte die Hände nach ihr aus, doch Lena wich einen Schritt zurück und musterte ihn kalt.
— Geschieden? — ihre Stimme klang ruhig, mit leichter, eisiger Ironie. — Oder hat man dich einfach mitsamt deiner erbärmlichen Tüte hinausgeworfen? Nachdem herauskam, dass du kein „vielversprechender Spezialist“ bist, sondern ein einfacher Büroangestellter mit erfundenen Dienstreisen? Und dass die Wohnung, in der du mit ihr gelebt hast, auf ihre Eltern eingetragen ist?
Maxim erbleichte. Sein Spiel war vollständig aufgedeckt.
— Lena, hör zu … — er sprach schneller, die Panik brach durch die Fassade. — Ich habe Fehler gemacht! Aber jetzt ist es mit ihr vorbei! Ich bin hier! Ich gehöre dir! Wir fangen noch einmal ganz von vorne an! Du wirst mich doch nicht auf die Straße setzen?
— Doch, — antwortete Lena schlicht. — Ohne Zögern. Du hast mich ausgenutzt. Sie auch. Jetzt hast du kein Zuhause mehr? Das sind deine Probleme, Maxim. Du hast sie dir selbst geschaffen.
— Du hast kein Recht! — schrie er plötzlich, außer sich. Sein Gesicht verzerrte sich vor Wut. — Du bist an allem schuld! Du hast mich dazu getrieben! Dein Geld, deine Wohnung … Ich habe versucht, würdig zu sein! Und du … Schlampe!
Lena zuckte nicht. Sein Geschrei bestärkte sie nur in ihrer Gewissheit.
— Würdig? — sie lächelte spöttisch. — Mit Lügen und Doppelleben? Großartiger Weg. Aber genug geschrien. Du störst. Ich habe Besuch.
Absichtlich drehte sie sich zur halb geöffneten Badezimmertür, aus der das Geräusch von fließendem Wasser kam.
— Liebling! — rief sie mit Wärme, die eben noch nicht in ihrer Stimme lag. — Bist du bald fertig? Maxim ist gerade da … um sich zu verabschieden. Er bleibt nicht lange.

Sofort verstummte das Wasser. Eine Sekunde gespannte Stille. Maxim erstarrte, starrte auf die Badezimmertür. Sein Gesicht zeigte blankes Entsetzen. Der Gedanke, dass Lena schon jemanden neuen hatte, jemanden, der jetzt hier war, in ihrer Wohnung. Die letzte Hoffnung zerbrach.
— Wer … wer ist da? — zischte er und wich zurück.
— Oh, ein ernsthafter Mann, — sagte Lena gelassen und trat beiseite, als wolle sie dem unsichtbaren Gast Platz machen. — Aber das geht dich nichts an. Er kommt gleich heraus … und ich denke, du solltest lieber verschwinden, bevor er erscheint. Schnell.
Die Wirkung war sofort. Die Angst, vor einem „neuen“ Mann erniedrigt zu werden, die Angst vor einer körperlichen Auseinandersetzung überwog alles.
— Du … du hast das alles geplant! — schrie er, packte seine erbärmliche Tüte. — Ratte! Schlampe! Ich verfluche den Tag, an dem ich mich nicht gleich von ihr habe scheiden lassen! Verflucht sei er!
Er stürzte zur Tür, ohne zurückzusehen, stolpernd. Die Tür knallte hinter ihm zu. Auf dem Treppenabsatz waren noch seine gedämpften Flüche und hastigen Schritte die Treppe hinunter zu hören.
Lena lehnte sich an die geschlossene Tür. Ein tiefer Atemzug. Ausatmen. Eine riesige Last fiel von ihren Schultern. Die Luft in der Wohnung wurde klarer. Sie ging zur Badezimmertür, drehte den Griff und öffnete sie.
Leere. Nur Tropfen, die leise vom Hahn ins Waschbecken fielen.
Lena lächelte. Breit. Aufrichtig.
— Danke, — sagte sie leise in das leere, blitzsaubere Badezimmer. — Hervorragende Arbeit.
Sie schloss die Tür, trat ans Fenster. Unten am Eingang huschte eine vertraute erbärmliche Gestalt vorbei, blickte sich hastig um, bevor sie in der Dunkelheit verschwand. Das Kapitel aus Lüge und Verrat war endgültig abgeschlossen. Vor ihr lag nur noch ihr Leben. Klar. Ehrlich. Frei. Jelena Wladimirowna wandte sich dem Tisch zu, wo Unterlagen und der kalt gewordene Kaffee auf sie warteten. Zeit zu arbeiten.