— Nimm deinen Schwächling und verschwinde von hier, dieses Haus hat mir mein Sohn geschenkt! — kreischte die Schwiegermutter.

— Nimm deinen Schwächling und verschwinde von hier, dieses Haus hat mir mein Sohn geschenkt! — kreischte die Schwiegermutter.

Natalja stand am Herd und rührte die Suppe um, als sie hinter sich das vertraute Räuspern hörte. Walentina Jegorowna betrat die Küche mit ihrem besonderen Gang – langsam und würdevoll, wie ein General, der seine Besitzungen inspiziert.

— Schon wieder die Kartoffeln verkocht, — die Schwiegermutter beugte sich über die Schulter der Schwiegertochter in den Topf. — So kocht man doch nicht! Mein Antoscha mag es, wenn die Kartoffelstückchen ganz bleiben und nicht zerfallen.

Natalja rührte schweigend weiter. In einem Jahr gemeinsamen Lebens unter einem Dach hatte sie gelernt, auf solche Bemerkungen nicht zu reagieren. Oder besser gesagt: Sie versuchte, es zu lernen.

— Die Suppe wird ausgezeichnet, — Anton kam in die Küche und gab seiner Frau einen Kuss auf die Wange. — Riecht köstlich.

— Das ist nur, weil du hungrig bist, — Walentina Jegorowna setzte sich an den Tisch. — Eigentlich hätte man das Fleisch zuerst anbraten und dann in die Suppe geben müssen. So schmeckt es besser.

Anton zuckte mit den Schultern und verließ die Küche. Natalja stellte den Herd ab und begann den Tisch zu decken. Aus dem Nebenzimmer erklang die Stimme des achtjährigen Dima:

— Mama, darf ich nach dem Mittagessen zu Serjoscha gehen? Er hat einen neuen Baukasten!

— Wir werden sehen, mach erst deine Aufgaben, — antwortete Natalja.

— Aufgaben im Sommer? — Walentina Jegorowna schlug die Hände zusammen. — Ein Kind muss sich erholen! Du quälst den Jungen mit deinem Lernen. Zu unserer Zeit waren die Kinder den ganzen Sommer draußen, und schau, sie sind normale Menschen geworden.

Dima erschien in der Küchentür und lauschte dem Gespräch der Erwachsenen.

— Dimotschka, komm her, — rief die Schwiegermutter. — Die Oma gibt dir ein Bonbon. Hör nicht auf deine Mama, im Sommer braucht man keine Aufgaben zu machen.

— Walentina Jegorowna, Dima und ich haben vereinbart, dass er eine Stunde am Tag liest und Aufgaben löst, damit er seine Fähigkeiten für die Schule nicht verliert, — erklärte Natalja ruhig.

— Eben, ihr habt das vereinbart! Hat mich denn jemand gefragt? Lebe ich etwa nicht auch in diesem Haus?

Natalja biss sich auf die Zunge. Dieses Argument benutzte die Schwiegermutter ständig, seit sie vor einem Jahr bei ihnen eingezogen war. Zwei Jahre lang nach der Hochzeit hatten sie friedlich gelebt — Walentina Jegorowna kam nur einmal pro Woche aus dem Nachbardorf, manchmal noch seltener. Doch dann kam das, was Anton ein „logischer Schritt“ nannte — seine Mutter verkaufte ihr Haus und zog endgültig bei ihnen ein.

— Warum soll ich allein in einem großen Haus sitzen? — erklärte damals Walentina Jegorowna. — Hier ist auch der Enkel in der Nähe, und ich kann euch helfen. Ich bin doch keine Fremde.

Anton war sofort einverstanden. Er sprach nicht einmal mit seiner Frau darüber, stellte sie einfach vor die Tatsache: Die Mutter zieht ein, das hintere Zimmer muss frei gemacht werden. Natalja schwieg damals. Das Haus war groß genug, Platz war reichlich da. Außerdem hoffte sie, dass die Schwiegermutter tatsächlich helfen würde — mal mit Dima, mal im Haushalt.

Die Realität sah anders aus. Walentina Jegorowna beeilte sich nicht zu helfen, hielt es aber für ihre Pflicht, jeden Schritt der Schwiegertochter zu kommentieren. Wie Natalja kochte — falsch. Wie sie putzte — nicht gründlich genug. Wie sie den Sohn erzog — zu streng.

— Anton, sag deiner Frau, sie soll das Kind nicht verhungern lassen! — rief Walentina Jegorowna ins Wohnzimmer. — Erst das Mittagessen, dann all diese Aufgaben!

— Mama, bitte misch dich nicht ein, — antwortete Antons müde Stimme. — Natascha kommt schon zurecht.

Die Schwiegermutter schnaubte und legte demonstrativ eine ganze Handvoll Bonbons vor Dima.

— Iss, mein Junge. Oma kümmert sich um dich, wenn Mama mit ihrem Unsinn beschäftigt ist.

Natalja stellte die Teller mit solcher Wucht auf den Tisch, dass sie klirrten. Dima sah erschrocken zuerst die Mutter, dann die Großmutter an.

— Ich esse die Bonbons später, nach dem Mittagessen, — sagte der Junge leise.

— Richtig so, mein Schatz, — Natalja strich ihm über den Kopf. — Geh, wasch dir die Hände.

Als Dima hinausging, presste Walentina Jegorowna die Lippen zusammen.

— Du hetzt das Kind gegen mich auf?

— Ich hetze niemanden gegen irgendwen. Es gibt einfach Regeln, die Anton und ich festgelegt haben.

— Mit Anton? — die Schwiegermutter lachte. — Mein Sohn hat keine Regeln aufgestellt. Das sind alles deine Hirngespinste. Ich kenne solche Mütter — aus dem Kind machst du mit deinen Regeln einen Nervenbündel.

Natalja atmete tief durch. Streiten war zwecklos. Das hatte sie in einem Jahr gelernt. Jeder Versuch, ihre Position zu verteidigen, endete damit, dass Walentina Jegorowna daran erinnerte: Das Haus sei auf sie eingetragen.

Die Geschichte mit dem Haus war ein eigener Schmerz. Als Natalja nach der Hochzeit zu Anton zog, schenkte sie seinen Worten, das Haus sei auf die Mutter geschrieben, keine große Beachtung.

— So ist es sicherer, — erklärte Anton damals. — Man weiß nie, was passiert, und meiner Mutter kann niemand etwas wegnehmen. Das ist nur eine Formalität, das Haus habe ich gebaut, mein Geld steckt darin.

Natalja glaubte ihm. Sie selbst hatte nichts — nach der Scheidung hatte sie die Einzimmerwohnung dem Ex-Mann überlassen, nur um den Scheidungsprozess schnell zu beenden. Mit Dima hatte sie zur Miete gewohnt, bis sie Anton traf.

Die ersten zwei Jahre erschienen wie ein Märchen. Anton behandelte Dima gut, der Junge suchte die Nähe zum Stiefvater. Das Haus war gemütlich, mit einem großen Grundstück. Natalja legte einen Gemüsegarten an, pflanzte Blumen. Es schien, als hätte sich das Leben endlich eingerenkt.

Und dann kam Walentina Jegorowna mit Koffern an.

— Ich habe das Recht, in meinem eigenen Haus zu wohnen! — erklärte sie damals, als sie das verwirrte Gesicht der Schwiegertochter sah. — Oder bist du dagegen, dass die leibliche Mutter mit ihrem Sohn zusammenlebt?

Anton umarmte damals Natalja und flüsterte:
— Halte ein bisschen durch, sie wird sich einleben und beruhigen.

Doch die Schwiegermutter beruhigte sich nicht. Im Gegenteil, von Monat zu Monat benahm sie sich selbstbewusster. Sie stellte die Möbel im Wohnzimmer nach ihrem Geschmack um. Warf die Vorhänge weg, die Natalja ausgesucht hatte, und hängte ihre eigenen auf — mit riesigen Rosen. Sie nahm sich den besten Sessel vor dem Fernseher und schaute stundenlang Serien auf voller Lautstärke.

— Anton, kannst du vielleicht mal mit deiner Mutter reden? — bat Natalja eines Abends. — Sie lässt den Fernseher den ganzen Tag laufen, Dima kann seine Hausaufgaben nicht machen.

— Ach komm schon, lass sie schauen. Was soll sie sonst tun? — winkte der Mann ab. — Und überhaupt, dramatisiere nicht so. Mama verhält sich normal, du bist nur zu empfindlich.

Natalja schwieg. Was sollte sie auch sagen? Anton vergötterte seine Mutter, in jedem Konflikt stellte er sich automatisch auf ihre Seite. Selbst dann, wenn Walentina Jegorowna eindeutig über die Stränge schlug.

Wie im vergangenen Monat, als die Schwiegermutter einen Skandal veranstaltete, weil Natalja Dima neue Turnschuhe gekauft hatte.

— Verschwenderin! — schrie Walentina Jegorowna durchs ganze Haus. — Wirft das Geld zum Fenster hinaus! Mein Antoscha hat drei Jahre lang die gleichen Schuhe getragen, und es hat ihm auch nicht geschadet!

— Das ist mein Geld, ich habe es selbst verdient, — versuchte Natalja zu erklären.

— Dein Geld? In meinem Haus gibt es kein „dein“ und „mein“! Alles ist gemeinsam! Und hier brauchst du keine eigenen Regeln aufzustellen!

Anton ging damals einfach in die Garage. Er kam zwei Stunden später zurück, als der Streit längst vorbei war, und tat so, als wäre nichts geschehen.

Beim Mittagessen klagte Walentina Jegorowna weiter:

— Früher haben die Frauen ihre Männer respektiert. Und heute? Tun alle, was sie wollen, hören auf niemanden.

— Mama, es reicht, — murmelte Anton, ohne den Blick von seinem Teller zu heben.

— Was heißt „es reicht“? Ich sage nur die Wahrheit! Deine Frau hält mich nicht für einen Menschen. Kocht irgendeinen Unsinn, quält das Kind mit ihren Aufgaben, gibt das Geld für weiß Gott was aus.

— Walentina Jegorowna, ich arbeite als Krankenschwester in Doppelschichten, ernähre mein Kind allein und erledige auch noch alles im Haus. Was genau passt Ihnen nicht? — hielt Natalja es schließlich nicht mehr aus.

Die Schwiegermutter legte langsam den Löffel hin und schaute die Schwiegertochter mit einem schweren Blick an.

— Mir passt nicht, dass du vergessen hast, in wessen Haus du lebst. Wenn ich will, setze ich dich mitsamt deinem Schwächling hier vor die Tür. Das ist mein Haus, mein Sohn hat es mir geschenkt!

— Mama! — Anton erhob endlich die Stimme. — Was redest du da?

— Was? Ich sage die Wahrheit! Das Haus ist auf mich eingetragen, ich bin hier die Herrin. Und sie soll gefälligst wissen, wo ihr Platz ist.

Dima schaute ängstlich erst die Mutter, dann die Großmutter an. Die Unterlippe des Jungen begann zu zittern…

— Dimotschka, geh in dein Zimmer und mach deine Aufgaben, — sagte Natalja leise.

Als der Sohn hinausgegangen war, erhob sie sich vom Tisch.

— Wissen Sie was, Walentina Jegorowna? Ich habe nicht die Absicht, das noch länger zu ertragen.

— Na dann verschwinde! — kreischte die Schwiegermutter. — Nimm deinen Schwächling und verschwinde! Dieses Haus hat mir mein Sohn geschenkt!

Natalja erhob sich langsam vom Tisch. In ihrer Brust zog sich etwas schmerzhaft zusammen, doch sie richtete den Rücken auf und sah der Schwiegermutter direkt in die Augen. Sie würde dieser Frau nicht das Vergnügen bereiten, ihre Schwäche zu sehen.

— Gut, Walentina Jegorowna. Wir gehen.

— Na also! — triumphierte die Schwiegermutter. — Hier gibt’s nichts umsonst! Such dir einen anderen Dummkopf, der deinen Rotzlöffel erträgt!

— Mama, hör auf! — versuchte Anton einzugreifen, doch seine Mutter wurde nur noch lauter.

— Schweig! Bist du blind? Siehst du nicht, wie sie dich um den Finger wickelt? Hat sich an dich gehängt mit ihrem Bastard, hat mein Haus besetzt!

— Ich bin kein Bastard! — erklang plötzlich eine dünne Stimme aus dem Flur.

Alle drehten sich um. Dima stand im Türrahmen, die Fäustchen geballt. Das Gesicht des Jungen war gerötet, in seinen Augen glitzerten Tränen.

— Du bist böse! Böse Oma! Ich hasse dich!

Walentina Jegorowna rang nach Luft vor Empörung.

— Was?! Wie kannst du es wagen, Bengel! In meinem Haus! Ich werd’ dir gleich…!

Die Schwiegermutter ging auf den Jungen zu, doch Natalja stellte sich zwischen sie und ihr Kind.

— Wagen Sie es nicht, meinen Sohn anzufassen.

— Deinen Sohn? Wer bist du überhaupt? Niemand! Eine Dahergelaufene! Mit deinem Bastard bist du durch Mietbuden gezogen, bis mein dummer Sohn dich aufgelesen hat!

Anton saß am Tisch und starrte in seinen Teller. Natalja blickte ihren Mann an, in der Hoffnung, wenigstens ein Wort der Verteidigung zu hören. Doch Anton schwieg.

— Dimotschka, geh in dein Zimmer. Pack deine liebsten Spielsachen in deinen Rucksack, — sagte Natalja ruhig.

— Mama, fahren wir weg? — schluchzte der Junge.

— Ja, mein Schatz. Wir fahren zu Oma Galja und Opa Kolja.

Dima nickte und lief in sein Zimmer. Walentina Jegorowna schnaubte zufrieden.

— Na los, verschwindet! Aber rührt meine Sachen nicht an! Alles im Haus gehört mir!

Natalja ging schweigend an der Schwiegermutter vorbei ins Schlafzimmer. Sie holte vom Schrank zwei Koffer herunter — ihren und den des Kindes. Methodisch begann sie, Kleidung einzupacken. Zuerst ihre eigene, dann Dimas Sachen. Walentina Jegorowna stand im Türrahmen und beobachtete sie wie ein Habicht.

— Dieses Kleid ist hier gekauft worden! Lass es da!

— Dieses Kleid habe ich vor drei Jahren mitgebracht, — entgegnete Natalja ruhig und packte weiter.

— Lügst! Anton, sag ihr was!

Doch Anton ließ sich nicht blicken. Natalja nahm aus dem Nachttisch die Dokumente — ihre und die ihres Sohnes, das Sparbuch, eine kleine Schatulle mit Schmuck, die von ihrer Mutter geblieben war. Alles legte sie ordentlich in eine separate Tasche.

— Was ist das? Zeig her! — Walentina Jegorowna versuchte, die Tasche zu entreißen.

— Das sind meine Dokumente und die meines Sohnes. Fassen Sie sie nicht an.

Natalja ging ins Kinderzimmer. Dima saß auf dem Bett und drückte seinen geliebten Teddybären an die Brust.

— Mama, kommen wir nie wieder hierher zurück?

— Ich weiß es nicht, Liebling. Wir werden sehen.

Die Frau packte schnell Dimas Kleidung, Schulbücher und Hefte. Sie nahm die Malalben, die ihr Sohn so liebte. Die Schwiegermutter lief hinterher und murmelte:

— Versuch nur, etwas von meinen Sachen mitzunehmen! Ich rufe die Polizei! Diebstahl!

Natalja blieb stehen und wandte sich zu Walentina Jegorowna um.

— Wissen Sie was? Ich gehe jetzt zu den Nachbarn. Nina Wassiljewna und Pjotr Iwanowitsch sollen bezeugen, was ich mitnehme. Damit es später keine Reden gibt, ich hätte etwas gestohlen.

— Meinetwegen! Ruf das ganze Dorf zusammen!

Natalja ging hinaus in den Hof. Im Nachbarhof goss Nina Wassiljewna gerade die Beete.

— Nina Wassiljewna, könnten Sie kurz herkommen?

Die Nachbarin trat an den Zaun. Die Frauen standen in gutem Verhältnis, unterhielten sich oft.

— Was ist passiert, Natascha? Du bist ja ganz blass.

— Dima und ich fahren weg. Für immer. Könnten Sie und Pjotr Iwanowitsch bitte kurz zu uns kommen, um zu sehen, was ich mitnehme? Damit mich Walentina Jegorowna nicht des Diebstahls bezichtigt.

— Herrgott, wie weit ist es gekommen! Natürlich, ich hole sofort meinen Mann.

Fünf Minuten später standen die Nachbarn im Flur. Walentina Jegorowna blähte sich auf wie ein Truthahn.

— Was wollt ihr hier? Theater spielen?

— Wir sind als Zeugen gekommen, — sagte Pjotr Iwanowitsch fest. — Um zu bestätigen, dass Natalja Sergejewna nur ihre persönlichen Sachen mitnimmt.

Vor den Nachbarn ging Natalja noch einmal durchs Haus und zeigte, was sie einpackte. Zwei Koffer mit Kleidung, eine Tasche mit Dokumenten, einen Rucksack mit Kinderspielzeug, einige Bücher.

— Das ist alles. Mehr nehme ich nicht mit. Alle Möbel, Geschirr, Technik bleiben hier.

— So ist es richtig! Mein Eigentum wird nicht weggeschleppt! — rief die Schwiegermutter.

Nina Wassiljewna schüttelte den Kopf.

— Walentina Jegorowna, schämen Sie sich nicht? Natascha hat das Haus all die Jahre in Ordnung gehalten, den Garten, die Blumen…

— Geht euch nichts an! In fremde Klöster bringt man keine eigenen Regeln!

Natalja trug die Sachen in den Hof. Über eine App bestellte sie ein Taxi. Während sie auf das Auto warteten, schmiegte sich Dima an seine Mutter und vermied es, die Großmutter anzusehen.

— Mama, fährt Onkel Anton nicht mit uns?

— Nein, mein Schatz.

Anton erschien schließlich in der Tür. Sein Gesicht war ratlos.

— Natascha, meinst du das ernst? Wohin gehst du?

— Zu meinen Eltern.

— Aber… Warum? Wir könnten doch reden, das klären…

— Was klären, Anton? Deine Mutter wirft mich mit meinem Kind aus dem Haus. Du schweigst. Worüber sollen wir reden?

— Sie hat sich nur aufgeregt. Mama meint es nicht böse, so ist eben ihr Charakter.

Natalja sah ihren Mann an. Drei Jahre hatten sie zusammengelebt, und doch stand da wie ein fremder Mensch.

— Anton, deine Mutter hat meinen Sohn vor deinen Augen einen Bastard genannt. Und du hast geschwiegen.

— Was hätte ich denn sagen sollen? Es ist doch meine Mutter!

— Und wer sind wir für dich? Zufällige Leute?

Das Taxi fuhr vor. Der Fahrer half, die Koffer in den Kofferraum zu laden. Dima kletterte auf den Rücksitz. Natalja wandte sich zu Anton um.

— Ich werde die Scheidung einreichen.

— Natascha, warte! Mach das nicht! Lass uns reden!

Doch Natalja setzte sich bereits ins Auto. Als das Taxi losfuhr, drehte sich Dima um und blickte durch die Heckscheibe. Anton stand mitten im Hof, neben ihm schrie Walentina Jegorowna und fuchtelte mit den Händen.

— Mama, weinst du?

Natalja wischte sich die Augen.

— Nein, Liebling. Ich bin nur müde.

Die Fahrt zum Elternhaus dauerte zwei Stunden. Nataljas Eltern lebten in der Bezirksstadt, in einer Dreizimmerwohnung. Galina Andrejewna öffnete die Tür und verstand sofort alles am Gesicht der Tochter.

— Kommt herein, meine Lieben. Dima, der Großvater ist im Zimmer, geh zu ihm. Er hat dir ein neues Buch gekauft.

Der Junge rannte zum Großvater, und Natalja fiel ihrer Mutter in die Arme und ließ endlich ihren Tränen freien Lauf.

— Schon gut, mein Kind, schon gut. Weine. Später erzählst du.

Am Abend, als Dima eingeschlafen war, erzählte Natalja ihren Eltern alles. Nikolaj Stepanowitsch hörte schweigend zu, ballte nur die Fäuste.

— Du hast richtig gehandelt, dass du gegangen bist, — sagte der Vater. — Da gab es nichts mehr zu ertragen. Schade, dass du uns nicht früher erzählt hast.

— Ich dachte, ich schaffe das. Ich hoffte, Anton würde zur Vernunft kommen und mit seiner Mutter reden.

— Dein Anton ist ein Muttersöhnchen, — seufzte Galina Andrejewna. — Für solche ist es leichter, eine neue Frau zu finden, als mit der Mutter zu streiten.

Nataljas Telefon klingelte unaufhörlich. Anton rief jede Stunde an. Natalja ging nicht ran. Schließlich schrieb sie eine Nachricht: „Ruf nicht mehr an. Wir werden nur noch über Anwälte kommunizieren.“

Am nächsten Tag ging Natalja zu einem Anwalt. Die Scheidung zu regeln, war nicht schwer — gemeinsames Eigentum gab es nicht, das Haus gehörte der Schwiegermutter, gemeinsame Kinder auch nicht.

— In einem Monat wird die Scheidung vollzogen, wenn der Ehemann nicht widerspricht, — erklärte der Anwalt.

Anton kam drei Tage später. Nikolaj Stepanowitsch ließ ihn nicht über die Schwelle.

— Natalja will dich nicht sehen. Und den Jungen traumatisiere nicht.

— Aber ich muss es erklären! Ich werde meine Mutter zu mir nehmen, wir werden zu zweit mit Natascha leben!

— Zu spät, Anton. Du hättest früher daran denken müssen.

Ein Monat verging. Die Scheidung wurde problemlos vollzogen. Anton unterschrieb alle Dokumente, ohne auch nur zu versuchen, etwas anzufechten. Natalja bekam eine Stelle in einem örtlichen Krankenhaus. Dima ging in eine neue Schule. Zuerst war der Junge traurig, doch schnell fand er Freunde.

Eines Abends sagte Galina Andrejewna zu ihrer Tochter:

— Weißt du, es ist eigentlich gut, dass alles so gekommen ist. Stell dir vor, du hättest dort noch zehn Jahre gelebt. Was wäre dann aus dir geworden? Und aus Dimka?

Natalja nickte. Die Mutter hatte recht. Besser rechtzeitig gehen, als ein Leben lang Demütigungen ertragen. Sie hatte Arbeit, sie hatte ihren Sohn, sie hatte ihre Eltern. Und das war das Wichtigste.

Ein halbes Jahr später rief Nina Wassiljewna an und erzählte die neuesten Nachrichten. Anton lebte weiterhin mit seiner Mutter. Walentina Jegorowna kommandierte ihren Sohn nach Belieben herum. Sie zwang ihn, die gesamte Hausarbeit zu erledigen, zu kochen, sauberzumachen. Anton war abgemagert, ausgezehrt. Auf der Arbeit gab es Probleme — er kam ständig zu spät, weil die Mutter verlangte, dass er erst das Frühstück zubereitet und dann das Geschirr spült.

— Jetzt erzählt sie überall, was für eine Undankbare du warst. Nur glaubt ihr keiner. Alle haben gesehen, wie du das Haus geführt hast.

Natalja hörte zu und zuckte mit den Schultern. Soll sie doch erzählen, was sie will. Hauptsache, sie und Dima lebten nun ruhig, ohne Geschrei und Beleidigungen. Und das war unbezahlbar.

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