– Mama wird nirgendwohin gehen! Du bist es, der auf die Straße fliegt! – schrie der Ehemann und vergaß dabei, wem die Wohnung gehörte.
Marina stand am Fenster. Die Julihitze lastete auf der Stadt. Im Hof rannten Kinder zwischen den Bäumen hin und her, suchten Schutz im Schatten.

— Marina, wo ist mein Hemd? — erklang es aus dem Schlafzimmer. — Das karierte!
— Hängt im Schrank, — antwortete sie, ohne sich umzudrehen. — Auf der obersten Ablage.
Alexej erschien im Türrahmen des Wohnzimmers und knöpfte das gefundene Kleidungsstück zu. Groß, kräftig, mit den rauen Händen eines Schlossers. Einst schienen ihr diese Hände verlässlich.
— Hör zu, — begann er und richtete den Kragen. — Meine Mutter kommt heute. Räum besser gründlich auf, beim letzten Mal hat sie sich den ganzen Abend über Staub beschwert.
Marina wandte sich langsam zu ihrem Mann. In ihrem Inneren zog sich alles zusammen vor dem gewohnten Ärger.
— Deine Mutter beschwert sich immer über irgendetwas, — sagte sie leise. — Letztes Mal war die Suppe zu dünn, davor die Frikadellen versalzen.
— Na, dann streng dich eben mehr an, — zuckte Alexej mit den Schultern, als würde er übers Wetter reden. — Eine erfahrene Frau gibt dir Ratschläge, und du bist beleidigt.
Marina ballte die Fäuste. Diese Wohnung gehörte nur ihr. Sie hatte die Zweizimmerwohnung noch vor ihrer Bekanntschaft mit ihm bekommen, nach ihrem Geschmack eingerichtet, all ihre Ersparnisse in die Renovierung gesteckt. Und jetzt stellte Frau Valentina Petrowna jedes Mal die Dinge um und belehrte sie, wo was zu stehen habe.
— Lesha, wir wohnen in meiner Wohnung, — erinnerte Marina. — Vielleicht solltest du das berücksichtigen?
Der Mann erstarrte, eine Hand lag schon auf der Türklinke.
— Was willst du damit sagen? — Alexejs Stimme wurde dunkler. — Dass ich hier ein Fremder bin?
— Ich will sagen, dass sich deine Mutter wie die Herrin aufführt, — Marina trat näher. — Und du unterstützt sie dabei.
— Meine Mutter sorgt sich um uns! — Alexej drehte sich mit dem ganzen Körper zu ihr. — Um ihre Familie! Übrigens hat sie ihretwegen auf ihre eigene Wohnung verzichtet!
Marina lächelte bitter. Diese Geschichte von der „Fürsorge um die junge Familie“ war ihr schon längst überdrüssig.
— Deine Mutter hat Igor die Einzimmerwohnung vor zwei Jahren überlassen, — sagte sie langsam. — Und? Soll sie deshalb in meiner Wohnung das Sagen haben?
— In unserer Wohnung! — fauchte Alexej. — Wir sind schließlich verheiratet!

— Mit deinem Gehalt von dreißigtausend würden wir irgendwo am Stadtrand ein Zimmer mieten, — die Worte sprangen heraus, bevor Marina sie zurückhalten konnte.
Das Gesicht des Mannes verdüsterte sich. Er trat auf sie zu, sein Körper überschattete sie.
— Also willst du mir jetzt Vorwürfe machen? — seine Stimme bebte vor Zorn. — Dass ich zu wenig verdiene, ja?
— Ich mache dir keine Vorwürfe, — Marina hob das Kinn. — Ich erinnere dich nur an die Realität. Deine Mutter mietet eine Wohnung, weil sie ihre an Igor verschenkt hat. Aber uns will sie vorschreiben, wie wir zu leben haben.
— Igor brauchte wirklich Unterstützung! — Alexej wandte sich zum Fenster. — Eine junge Familie, sie planen Kinder!
— Kinder, — wiederholte Marina. — Schon wieder Kinder.
Der Mann fuhr scharf herum. In seinen Augen flackerte ein vertrautes Feuer.
— Und, ist es nicht längst Zeit? — Alexej kam wieder näher. — Fünf Jahre verheiratet, und du zögerst immer noch. Eine richtige Frau soll gebären!
— Und wovon, Lesha? — Marina breitete die Arme aus. — Von deinem Gehalt? Hast du eine Ahnung, was Babynahrung kostet? Kleidung? Medikamente?
— Irgendwie schaffen wir das schon, — winkte der Mann ab. — Andere schaffen es doch auch!
— Andere! — Marina schüttelte den Kopf. — Und ich soll in der Elternzeit ohne einen Cent dasitzen, während du dich im Werk für ein paar Groschen abrackerst?
Draußen zwitscherten Vögel im Laub. Alexej schwieg und starrte irgendwohin. Marina sah, wie sich seine Kiefer anspannten.
— Weißt du was, — sagte er schließlich und drehte sich zu seiner Frau. — Genug gestritten. Meine Mutter hat Probleme.
— Was für Probleme? — Marina trat vom Fenster zurück.
— Sie kann die Wohnung nicht länger mieten, — Alexej rieb sich den Nacken. — Die Rente reicht nicht, und die Vermieterin hat die Miete verdoppelt.
Marina nickte. Frau Valentina Petrowna beklagte sich schon seit Monaten über die hohen Mietpreise. Logisch wäre, dass die alte Frau zu ihrem jüngeren Sohn in die Einzimmerwohnung zieht, die sie ihm geschenkt hatte.
— Verstehe, — sagte Marina. — Dann muss Igor sich eben mit seiner Familie etwas einschränken.
Alexej richtete sich abrupt auf. Sein Blick wurde hart.
— Mama wird hier wohnen, — warf er hin. — Vorübergehend, bis sie etwas anderes findet.
Marina erstarrte. Die Worte ihres Mannes drangen wie von fern an sie heran.

— Hier? — fragte sie nach. — In unserer Wohnung?
— Ja, hier! — Alexej erhob die Stimme. — Was ist schon dabei? Platz gibt es genug.
— Lesha, wo sollen wir sie unterbringen? — Marina breitete die Arme aus. — Soll sie im Wohnzimmer schlafen?
— Und was ist daran schlimm? — der Mann verschränkte die Arme vor der Brust. — Meine Mutter hat ihr ganzes Leben für ihre Kinder geopfert, und du bist geizig!
Marina wich zur Wand zurück. In ihrem Inneren brodelte die Empörung.
— Warum nicht zu Igor? — fragte sie leiser. — Er hat doch eine Wohnung von deiner Mutter.
— Die haben ein Kind! — brüllte Alexej. — Sie brauchen Platz! Und wir? Sind wir etwa keine Familie?
— Wir sind eine Familie, aber diese Wohnung gehört mir, — erinnerte Marina.
Das Gesicht des Mannes verdunkelte sich noch mehr. Er trat auf sie zu.
— Egoistin! — spie er hervor. — Du denkst nur an dich! Eine normale Ehefrau würde ihren Mann in einer schweren Stunde unterstützen!
Marina presste den Rücken an die Wand. Alexej stand viel zu nah, bedrängte sie mit seiner bloßen Präsenz.
— Kinder bringst du nicht zur Welt, also hilf wenigstens so der Familie! — fuhr er fort. — Mutter hat ihr ganzes Leben für uns gearbeitet!
— Lesha, hör zu, — begann Marina, doch ihr Mann unterbrach sie.
— Vielleicht brauchst du überhaupt keine Familie? — seine Stimme zitterte vor Wut. — Dann sag es gleich!
Marina senkte den Kopf. Alexej wusste, wie er Druck ausüben konnte, kannte all ihre wunden Punkte. Eine Welle von Schuldgefühlen überrollte sie.
— Gut, — sagte sie leise. — Soll sie ein wenig bei uns wohnen.
Eine Woche später zog Valentina Petrowna in ihr Wohnzimmer ein. Sie brachte drei Koffer mit und begann sofort, alles umzustellen. Der Fernseher wanderte ans Fenster, das Sofa stellte sie an die Wand, Marinas Zimmerpflanzen verbannte sie auf den Balkon.
— Hier muss es heller sein, — erklärte die Schwiegermutter, während sie die Möbel verrückte. — Und diese Blumentöpfe sammeln nur Staub.
Marina beobachtete schweigend, wie sich das Wohnzimmer in das Schlafzimmer einer Fremden verwandelte. Alexej half seiner Mutter, schleppte die schweren Sachen.
— Mamuschka, fühlst du dich hier wohl? — fragte er fürsorglich.
— Ach, ich halte es schon aus, — seufzte Valentina Petrowna. — Obwohl es ein bisschen eng ist.
Drei Monate vergingen. Marina war im eigenen Haus zu einem Schatten geworden. Sie ging auf Zehenspitzen, aus Angst, die Schwiegermutter zu stören. Sie entschuldigte sich für jedes Geräusch, jede Bewegung.
Valentina Petrowna hatte das Territorium vollständig übernommen. Sie warf Marinas Waschpulver weg und ersetzte es durch ihr eigenes. Sie verbot, die geliebte Wurst zu kaufen.

— Die ist zu teuer, nimm die gewöhnliche, — befahl sie im Laden. — Warum Geld verschwenden?
Morgens machte Marina die Wohnung sauber, unter dem wachsamen Blick der Schwiegermutter. Sie sammelte den Müll zusammen und trug ihn hinaus. Im Eimer blitzte etwas Vertrautes. Marina beugte sich hinunter — und erstarrte.
Ein Kinderfotoalbum. Genau das, mit Bildern aus der Schule, aus dem Kindergarten. Die einzige Erinnerung an ihre Kindheit.
Mit zitternden Händen zog sie es aus dem Müll. Der Einband war mit Teeblättern beschmiert.
— Valentina Petrowna, — rief Marina, als sie ins Wohnzimmer trat. — Warum liegt das im Müll?
Die Schwiegermutter hob nicht einmal den Kopf vom Fernseher.
— Ach, das? — erwiderte sie gleichgültig. — Hab’s weggeschmissen. Alles Gerümpel, nimmt nur Platz weg.
— Das sind meine Kinderfotos! — Marinas Stimme bebte.
— Alter Kram, — winkte Valentina Petrowna ab. — Wozu soll man so was aufbewahren?…
— Egoistin! — spie er aus. — Du denkst nur an dich! Eine normale Frau würde ihren Mann in einer schweren Stunde unterstützen!
Marina presste den Rücken an die Wand. Alexej stand zu nah, erdrückte sie mit seiner Nähe.
— Kinder bringst du nicht zur Welt, also hilf wenigstens so der Familie! — fuhr er fort. — Mutter hat ihr ganzes Leben für uns geopfert!
— Lesha, hör zu… — begann Marina, doch ihr Mann schnitt ihr das Wort ab.
— Vielleicht brauchst du überhaupt keine Familie? — seine Stimme bebte vor Wut. — Dann sag es offen!
Marina senkte den Kopf. Alexej konnte Druck machen, er kannte ihre wunden Punkte. Schuldgefühle überrollten sie wie eine Welle.
— Gut, — sagte sie leise. — Soll sie eine Weile hier wohnen.
Eine Woche später zog Valentina Petrowna ins Wohnzimmer ein. Drei Koffer brachte sie mit und fing sofort an, alles umzustellen. Der Fernseher wanderte ans Fenster, das Sofa stellte sie an die Wand, Marinas Zimmerpflanzen landeten auf dem Balkon.
— Hier soll es heller sein, — erklärte die Schwiegermutter, während sie Möbel verschob. — Diese Töpfe sammeln nur Staub.
Marina schwieg, während ihr Wohnzimmer zur Schlafstube einer Fremden wurde. Alexej half seiner Mutter, schleppte schwere Sachen.
— Mamuschka, fühlst du dich hier wohl? — fragte er fürsorglich.
— Ach, ich halte es schon aus, — seufzte Valentina Petrowna. — Obwohl es recht eng ist.
Drei Monate vergingen. Marina war zum Schatten in der eigenen Wohnung geworden. Sie ging auf Zehenspitzen, entschuldigte sich für jedes Geräusch, jede Bewegung.

Valentina Petrowna hatte längst die Kontrolle übernommen. Marinas Waschpulver landete im Müll, ersetzt durch ihr eigenes. Die geliebte Wurst durfte nicht mehr gekauft werden.
— Die ist zu teuer, nimm die gewöhnliche, — befahl sie im Laden. — Wozu das Geld verschwenden?
Eines Morgens sammelte Marina den Müll ein. Im Eimer blitzte etwas Vertrautes. Sie beugte sich hinunter — und erstarrte.
Ein Kinderfotoalbum. Mit Bildern aus Kindergarten und Schule. Ihre einzige Erinnerung an die Kindheit.
Mit zitternden Händen zog sie es heraus. Der Einband war mit Teeblättern beschmiert.
— Valentina Petrowna, — rief Marina, ins Wohnzimmer tretend. — Warum liegt das im Müll?
— Ach, das? — erwiderte die Schwiegermutter gleichgültig, ohne den Blick vom Fernseher zu heben. — Hab’s weggeworfen. Alter Kram, nimmt nur Platz weg.
— Das sind meine Kinderfotos! — Marinas Stimme bebte.
— Gerümpel, — winkte Valentina Petrowna ab. — Wozu soll man so was aufbewahren?
Etwas zerbrach in Marina. Drei Monate Demütigung, Schweigen, Scham brachen hervor.
— Raus! — schrie sie. — Sofort raus aus meiner Wohnung!
Die Schwiegermutter sprang auf, die Augen voller Zorn.
— Wie kannst du es wagen, dich so Älteren gegenüber zu benehmen! — kreischte sie. — Du sollst deinen Platz kennen!
Aus dem Schlafzimmer stürzte der zerzauste Alexej. Kaum hörte er den Lärm, stellte er sich sofort auf die Seite seiner Mutter.
— Mama geht nirgendwohin! — brüllte er. — Du bist es, die auf die Straße fliegt!

Doch in Marina war etwas endgültig gebrochen. Kein Schrei, kein Zittern mehr. Sie blickte ihren Mann und die Schwiegermutter kalt an. Die Wut wich eisiger Ruhe.
— Die Wohnung ist auf mich eingetragen, — sagte sie leise, aber bestimmt. — Nur ich entscheide, wer hier lebt.
— Wie kannst du nur! — Alexej stapfte auf sie zu, das Gesicht rot vor Wut. — Ich bin dein Mann!
— Ex-Mann, — korrigierte Marina und wandte sich dem Schrank zu.
Sie zog eine große Sporttasche heraus und begann, die Sachen der Schwiegermutter hineinzuschleudern: T-Shirts, Röcke, einen Morgenmantel.
— Bist du verrückt geworden?! — schrie Alexej. — Hör sofort auf!
Marina reagierte nicht. Sie zog Pantoffeln unter dem Sofa hervor und warf sie hinterher. Die Schwiegermutter hetzte durch den Raum, versuchte ihre Sachen zurückzureißen.
— Kindchen, beruhig dich! — ihre Stimme bebte. — Wir sind doch Familie!
— Familie? — Marina fuhr herum. — Familie wirft keine Kinderfotos in den Müll!
Valentina Petrowna wich zur Wand zurück. Alexej wollte die Tasche packen, doch Marina wich ihm aus.
— Mutter hat ihr ganzes Leben geopfert! — brüllte er. — Und du jagst sie hinaus wie einen Hund!
— Fünf Jahre habe ich eure Launen ertragen, — Marina schloss die überfüllte Tasche. — Drei Monate lebte ich wie ein Schatten in meiner Wohnung!
Sie ging ins Schlafzimmer und begann auch die Sachen ihres Mannes in eine zweite Tasche zu stopfen. Pullover, Hemden, Jeans. Alexej klebte an ihren Fersen.
— Reiß dich zusammen! — er packte sie am Arm. — Wohin sollen wir denn?
— Nicht mein Problem, — riss Marina sich los. — Fahrt zu Igor.

— Bei Igor ist kein Platz! — kreischte die Schwiegermutter. — Da ist ein Kind!
— Und hier bin ich! — rief Marina zurück, trat mit zwei schweren Taschen aus dem Schlafzimmer.
Sie stellte sie an die Wohnungstür. Holte Schuhe, Kosmetik und Kleinigkeiten von Valentina Petrownas Nachttisch und legte alles dazu.
— Du wirst vor Einsamkeit verrückt! — schrie Alexej, während er seine Jacke überwarf. — Auf Knien wirst du angekrochen kommen und bitten, dass wir zurückkehren!
Marina schwieg und hielt die Tür offen. Valentina Petrowna schluchzte, sammelte die letzten Sachen in eine Tüte.
— Kindchen, überleg’s dir noch mal, — flehte sie. — Wo sollen wir denn jetzt wohnen?
— Dort, wo ihr vor mir gewohnt habt, — antwortete Marina.
Alexej schnappte seine Tasche, stürmte hinaus. An der Schwelle drehte er sich um, das Gesicht verzerrt vor Zorn.
Valentina Petrowna ging zuletzt, beladen mit Tüten. Auf dem Treppenabsatz drehte sie sich noch einmal um.
— Undankbare! — rief sie. — Wir wollten dir doch nur Gutes!
Marina schloss die Tür. Drehte zweimal den Schlüssel, schob die Kette vor. Von draußen drangen Schreie, Schritte, das Knallen der Aufzugstür.
Dann kehrte Stille ein.
Marina stand mit dem Rücken zur Tür, lauschte ihrem eigenen Atem. Zum ersten Mal seit Monaten lief kein Fernseher, quietschte kein Sofa unter dem Gewicht der Schwiegermutter.
Sie ging ins Wohnzimmer. Schob das Sofa an seinen alten Platz, drehte den Fernseher zurück. Holte ihre Pflanzen vom Balkon und stellte sie auf die Fensterbank.
Dann setzte sie sich, nahm das gerettete Fotoalbum in die Hände. Blätterte durch die Seiten — Einschulungen, ein Geburtstag mit fünf Kerzen, der Kindergartenabschluss.
Und plötzlich lachte sie. Erst leise, dann lauter. Das Lachen ging in erleichtertes Weinen über, dann wieder in Lachen. Marina lachte mit Tränen in den Augen, das Album fest an die Brust gedrückt.
Das Zuhause gehörte wieder ihr. Nur ihr.