— Mama, hallo! — die fröhliche Stimme ihrer Tochter Marina schallte in ihren Ohren. — Bist du schon aufgestanden? Super! Hör zu, wir haben hier einen Notfall. Die Nanny ist krank geworden, und ich habe eine wichtige Präsentation. Kannst du Saschka aus der Kita abholen?
Galina Petrowna setzte sich aufrecht ins Bett und versuchte, endgültig wach zu werden.

— Marina, ich habe dir doch gesagt, dass ich heute zum Arzt gehe…
— Ach, Mama, verschieb das doch! Das ist wirklich wichtig! Arbeit! Du verstehst das doch! — in der Stimme der Tochter klang schon ein hysterischer Unterton. — Und überhaupt, morgen ist Samstag, Igor ist auf Geschäftsreise, ich muss zu einer Firmenfeier, du passt doch auf, oder? Spätestens bis ein Uhr nachts!
— Marina…
— So, Mama, ich muss los! Danke! Küsschen!
Das Freizeichen ertönte. Galina Petrowna legte müde den Hörer auf. Den Arzttermin hatte sie schon vor einem Monat vereinbart, das Knie tat immer stärker weh. Aber wie sollte man das erklären…
Langsam stand sie auf, verzog das Gesicht vor Schmerzen in den Gelenken und schlurfte in die Küche. Im Kühlschrank lag Quark, den sie sich zum Frühstück gekauft hatte. Aber den würde sie am Abend Saschka geben müssen, der Enkel liebte Quarkauflauf.
Sie schaltete den Wasserkocher ein, holte das Brot von gestern hervor. Auf dem Tisch lag ein Lottoschein — gestern im Untergrundpassage gekauft. Ihre alte Bekannte, die Verkäuferin Sina, hatte sie überredet: „Galina Petrowna, nehmen Sie doch einen! Sie gehen hier jeden Tag vorbei und kaufen nie. Der Jackpot ist groß, vielleicht haben Sie ja Glück!“
Aus Mitleid hatte sie ihn genommen — Sina war auch Rentnerin und jobbte dazu.
— Hauptgewinn – fünf Millionen, — lächelte Galina Petrowna müde. — Was ich wohl damit machen würde…
Sie erinnerte sich, wie ihr verstorbener Mann Viktor immer über ihren Traum gelacht hatte, einmal nach Italien zu reisen. „Galka, was willst du da schon sehen? Dieselben Häuser, dieselben Leute. Wir fahren lieber aufs Land, Kartoffeln häufeln.“
Und so fuhren sie. Dreißig Jahre lang — aufs Land. Kartoffeln, Tomaten, Gurken. Einmachen, Marmelade, Eingelegtes. Für die Kinder, für die Familie.
Das Telefon klingelte wieder. Auf dem Display stand: „Lena“.
— Mama, guten Morgen! — die Stimme der jüngeren Tochter klang müde. — Hör zu, ich habe ein Problem. Maximka ist krank, er hat etwas Fieber, aber in die Schule geht er nicht. Ich kann nicht von der Arbeit weg, wir haben eine Prüfung. Könntest du vielleicht…
— Herkommen und aufpassen, — vollendete Galina Petrowna den Satz für sie.
— Ja, genau. Du bist ja sowieso zu Hause. Und kannst gleich Alice aus der Schule holen, ja? Sie ist um zwei fertig.
— Lena, ich habe einen Arzttermin. Und Marina hat schon gebeten, dass ich Saschka abhole.
— Mama, du bist ja wie ein kleines Kind! — antwortete die Tochter gereizt. — Zum Arzt kannst du an einem anderen Tag gehen. Aber das Kind ist krank! Komm bitte um neun, ja? Der Schlüssel liegt unter der Fußmatte.
Galina Petrowna konnte nicht einmal antworten — die Tochter hatte schon aufgelegt.
Sie saß am Küchentisch und blickte aus dem Fenster. Draußen schob eine junge Mutter den Kinderwagen, daneben rannte ein etwa fünfjähriger Junge. Eine glückliche Familie. Galina Petrowna erinnerte sich an sich selbst mit dreißig — auch sie schob einen Kinderwagen, und nebenher lief die ältere Marina. Nur glücklich fühlte sie sich damals nicht. Müde — ja. Erschöpft — ja. Aber nicht glücklich.
In der Schublade des Tisches lag ein altes Heft — Mitschriften aus dem Italienischkurs an der Hochschule. Sie holte es heraus und blätterte durch die vergilbten Seiten. „La vita è bella“ — das Leben ist schön. Damals hat sie daran geglaubt. …
Bis neun Uhr morgens war Galina Petrowna in Lenas Wohnung in Mitino angekommen. Eine Stunde mit der Metro, dann noch der Bus. Das Knie schmerzte, doch sie versuchte, es zu ignorieren.
Maxim lag in seinem Zimmer und spielte am Handy.
— Hallo, Oma, — murmelte er, ohne den Blick vom Bildschirm zu heben.
— Hallo, mein Junge. Wie fühlst du dich?
— Geht so. Mama hat gesagt, ich soll nicht aufstehen. Hunger hab ich nicht.
Galina Petrowna fühlte seine Stirn — kühl. Kein Fieber. Sie seufzte und verstand, dass der Junge einfach die Schule schwänzte und Lena nicht diskutieren wollte.
Sie räumte die Wohnung auf, kochte das Mittagessen. Um zwei fuhr sie los, um Alisa abzuholen — die Schule war im Nachbarviertel. Das Mädchen rannte heraus, strahlend:
— Oma! Mama hat gesagt, du nimmst uns fürs Wochenende zu dir!
— Davon höre ich zum ersten Mal, — murmelte Galina Petrowna.
— Doch, doch! Mama und Papa fahren nach Petersburg, romantisches Wochenende! — Alisa hüpfte auf einem Bein. — Backen wir Piroggen?
— Mal sehen…
Um vier brachte Galina Petrowna die Kinder nach Hause und fuhr weiter nach Butowo, um Sascha abzuholen. Der Kindergarten schloss um sieben, aber die Erzieherin verzog missbilligend die Lippen:
— Galina Petrowna, kommen Sie das nächste Mal bitte pünktlich. Wir haben auch Familie.
— Ich bin nicht zu spät, es ist erst fünf…

— Trotzdem. Sascha wartet schon.
Der fünfjährige Enkel saß tatsächlich allein in der Garderobe, alle Kinder waren schon weg.
— Oma Galja! — Er stürmte auf sie zu. — Kommt Mama?
— Mama ist bei der Arbeit, Sonnenschein. Komm, wir gehen zu mir, wir machen Auflauf.
Auf dem Heimweg plapperte Sascha ununterbrochen über den Kindergarten, Freunde, Zeichentrickfilme. Galina Petrowna hörte nur halb zu, dachte daran, dass die Lebensmittel fast aufgebraucht waren, dass sie einkaufen musste, aber mit Kind war es schwer — er wollte immer alles…
Zu Hause schaltete sie dem Jungen Zeichentrickfilme ein und begann das Abendessen vorzubereiten. Das Telefon vibrierte ununterbrochen.
Marina: „Mama, ich bleibe länger, die Firmenfeier zieht sich. Sascha soll bei dir übernachten.“
Lena: „Mama, wir fahren doch nach Petersburg. Bringe die Kinder morgen früh.“
Bekannte Nina: „Galja, komm morgen mit in die Philharmonie? Chopin, dein Liebling.“
Galina Petrowna sah auf die letzte Nachricht. Philharmonie… Wann war sie das letzte Mal auf einem Konzert? Vor fünf Jahren? Oder noch länger?
Sie schrieb Nina: „Geht nicht, Enkelkinder.“
Die Antwort kam schnell: „Schon wieder? Galja, du wolltest doch leben, nicht nur existieren. Erinnerst du dich, was Witja vor seinem Tod gesagt hat?“
Erinnerte sie sich? Wie könnte sie nicht. Ihr Mann war vor zwei Jahren an Krebs gestorben. In den letzten Tagen, als Morphium schon nicht mehr half, war er plötzlich ungewöhnlich klar und ehrlich geworden.
„Galka, — sagte er, als er ihre Hand nahm. — Vergib mir. Ich habe dir das Leben genommen. Dein Italien, deine Musik, deine Träume. Alles habe ich dir genommen. Mach nicht denselben Fehler. Lebe. Lebe jetzt für dich.“
Aber wie für sich selbst leben, wenn die Kinder jeden Tag anrufen und bitten? Wenn die Enkel ständig: „Oma, hol mich ab“, „Oma, bleib bei uns“, „Oma, koch was“?
Sie öffnete die alte Schatulle, in der sie ihre Dokumente aufbewahrte. Darin lag das Sparbuch — 87.000 Rubel, in zwei Jahren von der Rente gespart. Viktor hatte noch eine goldene Uhr und einen Ring hinterlassen — wenn man sie verkaufte, wären es vielleicht 40.000. Und das Landhaus… Die Kinder sagten schon lange, man müsse es verkaufen, es sei zu weit weg, zu unpraktisch. Vielleicht hatten sie recht?
Am Samstagmorgen wurde Galina Petrowna vom Kinderweinen geweckt. Sascha war im Schlaf vom Sofa gefallen und hatte sich das Knie aufgeschlagen. Während sie die Wunde versorgte, rief Lena an — sie waren schon unterwegs, in einer Stunde würden sie die Kinder bringen.
— Ach ja, Mama, — fügte die Tochter hinzu. — Kauf bitte noch Lebensmittel. Ganz vergessen. Und Hustensaft für Maxim.
— Aber er hustet doch gar nicht…
— Zur Vorbeugung! So, Küsschen!
Um zehn Uhr morgens waren in der Zweizimmerwohnung von Galina Petrowna bereits drei Kinder. Maxim klebte wieder am Handy, Alisa wollte laut Musik hören, Sascha rannte als Flugzeug durch die Zimmer.
— Ruhe! — rief Galina Petrowna schließlich. — Die Nachbarn!
— Ach, Oma, sei nicht so, — winkte Maxim ab. — Heute ist doch Wochenende.
Sie ging einkaufen. Der Einkaufszettel füllte eine ganze Seite — alles, was die Enkel liebten. An der Kasse, als sie die letzten Münzen abzählte (die Rente kam erst nächste Woche), erinnerte sie sich an das Lotterielos.
— Fräulein, können Sie den Gewinn prüfen?
Die Kassiererin nahm das Los widerwillig und zog es durch den Scanner. Ihre Augen weiteten sich.
— Oho! Oma, Sie haben aber Glück!
— Was? — verstand Galina Petrowna nicht.
— Fünfhunderttausend Rubel! Gewinn! Sie müssen ihn nur im Zentralbüro abholen, so viel haben wir hier nicht.
Galina Petrowna klammerte sich an die Theke. Fünfhunderttausend. Eine halbe Million. Das war… das war ein Vermögen!
— Sind Sie sicher? Vielleicht ein Fehler?
— Nein, sehen Sie, hier auf dem Bildschirm. Herzlichen Glückwunsch!
Langsam ging sie nach Hause, das Los fest in der Hand. Fünfhunderttausend. Damit könnte sie nach Italien fahren. Nicht nur für eine Woche — für einen Monat, für zwei! Venedig, Florenz, Rom… So viel hatte sie darüber gelesen, so viele Sendungen gesehen.

Oder sie könnte nicht fahren. Sie könnte es den Kindern geben — Marina für die Renovierung, Lena für ein Auto. Sie würden sich freuen, „Danke, Mama“ sagen. Und dann wieder: „Mama, bleib bei den Kindern“, „Mama, hol aus dem Kindergarten“, „Mama, du bist doch eh zu Hause“…
Zu Hause empfingen die Enkel sie mit einem fordernden Chor:
— Oma, wir haben Hunger!
— Oma, wo sind die Süßigkeiten?
— Galina Petrowna, darf ich einen Freund einladen?
Sie bereitete mechanisch das Mittagessen zu, beantwortete Fragen, doch ihre Gedanken waren weit weg. In Italien. Auf der Piazza San Marco. In den Uffizien.
Am Abend kam Marina. Zerzaust nach der Firmenfeier, missgelaunt.
— Mama, ich hole Sascha morgen ab, ja? Mein Kopf platzt. Und überhaupt, Igor kommt erst am Montag zurück, vielleicht kann er solange bei dir bleiben?
— Marina, — Galina Petrowna holte tief Luft. — Ich möchte mit dir reden.
— Später, Mama, später. Ich bin so müde!
Die Tochter ging, ohne sich zu erkundigen, wie der Tag verlaufen war. Dann rief Lena an — sie beschlossen, bis Montag in Petersburg zu bleiben.
— Machen die Kinder viel Lärm? Kommst du zurecht?
— Lena, ich muss dir…
— Oh, Mama, tut mir leid, Denis ruft mich. Später, ja!
Galina Petrowna saß in der Küche. Die Enkel schliefen, endlich herrschte Ruhe in der Wohnung. Sie holte das Los hervor, strich es glatt auf dem Tisch. Fünfhunderttausend. Freiheit. Ein Traum.
Aber zuerst musste alles durchdacht werden. Sie öffnete den Laptop, den ihr die Kinder geschenkt hatten, „damit wir skypen können“. Sie tippte in die Suchleiste: „Günstige Reisen nach Italien“. Dann: „Visum für Italien für Rentner beantragen“. Dann: „Monatsweise Zimmervermietung in Rom“.
Die Zahlen fügten sich. Visum — 10.000 mit Servicegebühren. Hin- und Rückflug — 40.000. Unterkunft für einen Monat — 50.000 (ein Zimmer am Stadtrand). Essen, Transport — weitere 30–40.000. Insgesamt etwa 140.000 für einen Monat.
Mit ihren Ersparnissen und dem Gewinn — fast 600.000. Das reichte für vier Monate komfortables Leben. Und wenn sie die Datscha verkaufte — die 800.000, die der Nachbar angeboten hatte… Dann reichte es für ein halbes Jahr.
Der Sonntag begann mit einem Krach. Maxim und Alisa stritten sich um die Fernbedienung, Sascha verschüttete Milch auf dem Teppich. Galina Petrowna räumte auf, beruhigte die Kinder, kochte.
Zu Mittag rief plötzlich ihre ältere Schwester Valentina aus Sotschi an.
— Galka! Wie geht’s dir?
— Ganz gut, Walja. Mit den Enkeln…
— Sitzt du schon wieder? — der Tonfall der Schwester war tadelnd. — Galka, wir haben doch nach Wityas Beerdigung darüber gesprochen. Hör auf, die Magd zu spielen!
— Walja, ich bin keine Magd. Es sind meine Enkel, ich liebe sie.
— Lieben und sich ausnutzen lassen sind zwei verschiedene Dinge. Erinnerst du dich, was Mama gesagt hat?
Ja, sie erinnerte sich. Ihre Mutter, Gott hab sie selig, war eine strenge, aber weise Frau gewesen. „Kinder sind nicht der Sinn des Lebens, — pflegte sie zu sagen. — Sie sind ein Teil des Lebens. Aber du musst auch deinen eigenen Teil haben. Sonst, wenn die Kinder groß sind, bleibst du mit der Leere zurück.“
— Walja, ich habe im Lotto gewonnen, — sagte Galina Petrowna plötzlich.
— Ach was! Wie viel?
— Fünfhunderttausend.
— Wow! Und? Gibst du’s den Kindern? Für ihre Wohnungen und Autos?
— Ich denke nach… Vielleicht fahren wir nach Italien. Für eine Weile.
— Nicht für eine Weile, sondern lange! Galka, wag es ja nicht, diese Chance zu verpassen! Erinnerst du dich, wie du im Studium davon geträumt hast, die Welt zu sehen? Wie du Italienisch gelernt hast? Wo ist das alles geblieben?
— Das Leben, Walja. Familie, Kinder…
— Leben? Das ist kein Leben, Galka. Das ist Dasein. Du bist siebzig! Wann willst du anfangen zu leben?
Nach dem Gespräch mit der Schwester saß Galina Petrowna lange auf dem Balkon. Der kalte Novemberwind zerrte an ihrem grauen Haar. Die Enkel schauten Fernsehen, stritten manchmal, aber sie mischte sich nicht ein.
Sie erinnerte sich an ihre Jugend. An das Institut für Fremdsprachen, wo sie Italienisch studierte. An die Dozentin, Signora Bruni, eine echte Italienerin, die von Venedig erzählte, dass man sofort ein Ticket kaufen und losfliegen wollte.
Dann kam Viktor. Schön, zielstrebig. „Wozu brauchst du Italien? Heirate mich, wir leben wie normale Menschen.“
Und sie heiratete. Und lebte wie normale Menschen. Kinder, Windeln, Kindergärten, Schulen, Studium, Hochzeiten, Enkel… Und Italien blieb ein Traum. Ein verblasstes Foto im alten Album.
Am Abend kam Lena. Strahlend, erholt.
— Mama, vielen Dank! Wir haben uns so gut erholt! Wie geht es den Kindern?
— Alles gut. Lena, ich muss mit dir reden.
— Natürlich, Mama! Aber schnell, Denis und ich gehen noch ins Kino. Haben die Kinder gegessen?
— Lena, setz dich. Es ist wichtig.
Die Tochter setzte sich unwillig, warf einen Blick auf die Uhr.
— Ich habe im Lotto gewonnen. Eine große Summe. Und ich will nach Italien fahren.
Lena lachte.
— Mama, bist du ernst? In deinem Alter? Allein?
— Warum nicht? Ich bin erst siebzig. Das ist kein Neunzig.
— Ach, Mama! Das ist doch… gefährlich! Und teuer! Und überhaupt, das Geld sollte man sinnvoll ausgeben. Maxim braucht zum Beispiel einen neuen Computer fürs Studium…

— Lena, das sind meine Geldmittel.
— Mama, du benimmst dich wie ein Kind! — die Tochter stand gereizt auf. — Wir sind doch Familie! Man muss an die Kinder denken, an die Enkel! Wie viel hast du denn gewonnen?
— Genug.
— Mama, mach keinen Unsinn! Sie will nach Italien! Und wenn du krank wirst? Und wenn sie dich betrügen? Und die Sprache? Du sprichst sie doch nicht!
— Doch. Habe ich im Studium gelernt.
— Das war vor fünfzig Jahren!
— Achtundvierzig. Und ich erinnere mich.
Lena schnaubte, packte die Kinder zusammen und ging, rief im Hinausgehen:
— Wir reden später darüber, wenn du dich beruhigt hast und deine Spinnereien vorbei sind.
In dieser Nacht konnte Galina Petrowna nicht schlafen. Um drei Uhr stand sie auf, trat ans Fenster. Was tat sie da? Sie war siebzig Jahre alt. Ihr Knie schmerzte. Fünfzig Jahre hatte sie kein Italienisch gesprochen.
Doch dann erinnerte sie sich an den gestrigen Tag: Marina hatte nicht einmal gegrüßt, nur eine Liste von Aufträgen diktiert. Lena hatte gesagt: „Mama, du sitzt ja sowieso zu Hause.“
Sowieso. Als ob ihr Leben eine Leere wäre, die man mit fremden Bedürfnissen füllen konnte.
Sie schaltete den Laptop ein und öffnete die Website der italienischen Botschaft. Unterlagen für das Visum. Dann eine Seite mit Flugtickets. Es gab einen Flug in drei Wochen – gerade genug Zeit, um das Visum zu bekommen.
Sie dachte kurz nach und buchte ein Ticket nur für den Hinflug. Das Rückflugticket würde sie später kaufen – wenn sie zurückkehren wollte. Falls sie überhaupt zurückkehren wollte.
Bis zum Morgen erstellte sie einen Plan. Montag – den Gewinn abholen. Dienstag – die Unterlagen für das Visum einreichen. Mit dem Nachbarn den Verkauf der Datscha besprechen. Die Kinder warnen… Nein, nicht warnen. Vor vollendete Tatsachen stellen.
Am Morgen rief Marina an.
— Mama, hallo! Hör zu, ich habe eine Idee! Lass uns Sascha am Montag und Dienstag zu dir bringen, ja? Die Nanny ist so teuer.
— Geht nicht, — antwortete Galina Petrowna ruhig. — Ich habe zu tun.
— Was denn für Sachen? Mama, was kann wichtiger sein als der Enkel?
— Mein Leben, Marina. Mein Leben ist wichtiger. Stell eine Nanny ein oder nimm dir frei.
— Mama! Bist du krank?
— Nein. Gesund geworden. Endlich gesund geworden.
Sie legte auf. Gleich darauf klingelte das Festnetztelefon – sie nahm nicht ab.
Die nächsten drei Wochen waren ein Kampf. Die Töchter kamen abwechselnd und gemeinsam, redeten auf sie ein, weinten, drohten.
— Wir bringen dich ins Altersheim!
— Die Enkel werden dich vergessen!
— Du bist für uns keine Mutter mehr!
Galina Petrowna schwieg und sammelte Unterlagen. Das Visum kam nach zwei Wochen – ein Mehrfachvisum für ein halbes Jahr. Im Antrag hatte sie angegeben, dass sie Freunde besuchte. Freunde hatte sie nicht, aber wer würde das prüfen?
Nachbar Petrowitsch freute sich wegen der Datscha:
— Galina Petrowna, ich warte schon lange! 800.000, wie besprochen?
— 850.
— Gut, 850. Wann machen wir die Papiere?
— So schnell wie möglich.
Das Geld für die Datscha bekam sie drei Tage vor der Abreise. Zusammen mit dem Gewinn und ihren Ersparnissen – fast anderthalb Millionen. Für dieses Geld konnte man in Italien ein Jahr leben, wenn man sparsam war. Und an Luxus war sie nicht gewöhnt.
Freundin Nina unterstützte sie:
— Du machst das richtig! Ich würde auch… Aber mein Mann lässt mich nicht. Du bist toll, eine freie Frau!
— Es ist nie zu spät, frei zu werden, — antwortete Galina Petrowna.
Am Abend vor der Abreise kamen beide Töchter. Der letzte Versuch.
— Mama, — begann Marina. — Wir haben nachgedacht. Vielleicht finden wir einen Kompromiss? Fahr zwei Wochen und komm zurück. Wir haben nichts gegen Urlaub…

— Ich fahre nicht für zwei Wochen.
— Wie lange? — fragte Lenas Stimme ängstlich.
— Ich weiß es nicht. Einen Monat, zwei, ein halbes Jahr. So lange, wie ich möchte.
— Mama, und wir? Und die Kinder?
Galina Petrowna sah ihre Töchter an. Hübsche, erfolgreiche Frauen. Beide mit Hochschulabschluss, guter Arbeit, Ehemännern, Wohnungen. Alles, was sie ihnen in den neunziger Jahren nicht hatte geben können, hatten sie selbst erreicht. Sie war stolz auf sie. Aber…
— Ihr seid erwachsene Menschen. Ihr schafft das. Ihr stellt eine Nanny ein, sprecht euch mit euren Männern ab, macht einen Plan. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Verzeiht mir, aber ich bin auch ein Mensch. Und meine Zeit ist begrenzt.
— Mama, sag das nicht! — Lena brach in Tränen aus.
— Warum nicht? Es ist die Wahrheit. Ich bin siebzig. Vielleicht habe ich noch zehn Jahre, vielleicht fünf, vielleicht eins. Ich will diese Jahre für mich leben. Wenigstens ein bisschen für mich.
Marina schwieg eine Weile, dann sagte sie:
— Weißt du, Mama… Vielleicht hast du recht. Wir haben uns einfach daran gewöhnt, dass du immer da bist, immer hilfst…
— Ich habe dreißig Jahre geholfen. Jetzt helft ihr. Euch gegenseitig, euch selbst, euren Kindern. Ohne mich.
Die Töchter gingen spät, beide mit verweinten Gesichtern, aber nicht mehr wütend. Eher durcheinander. Als hätten sie zum ersten Mal in der Mutter einen Menschen gesehen, nicht nur eine Funktion.
Am Tag der Abreise stand Galina Petrowna um fünf Uhr morgens auf. Sie sah sich in ihrer Wohnung um – sauber, gemütlich, leer. Wie ihr ganzes Leben bis zu diesem Tag.
Der Koffer war klein: ein paar Kleider, bequeme Schuhe, Medikamente, das alte Heft mit italienischen Phrasen, ein Foto von Viktor (er wäre überrascht gewesen, aber vielleicht auch stolz).
Sie bestellte ein Taxi. Der junge Fahrer half mit dem Koffer.
— Zum Flughafen? Geschäftsreise?
— Nein, — lächelte Galina Petrowna. — Ein Traum.
— Cool! Und wohin führt der Traum?
— Nach Italien. Rom, Florenz, Venedig.
— Wow! Mit einer Reisegruppe?
— Allein. Ganz allein.
Der junge Mann pfiff durch die Zähne:
— Mutig, Oma!
— Nicht mutig. Es ist einfach Zeit geworden.
Am Flughafen checkte sie ein und setzte sich in den Warteraum. Das Telefon klingelte ununterbrochen, aber sie stellte es stumm. Sie las die Nachrichten:
Marina: „Mama, verzeih uns. Gute Reise. Schreib, wenn du gelandet bist.“
Lena: „Mama, wir lieben dich. Pass gut auf dich auf.“
Maxim: „Oma, bring mir einen Magneten mit!“
Alisa: „Oma, fotografiere das Kolosseum!“
Sascha: (Sprachnachricht) „Baba Galja, ich hab dich lieb! Komm zurück!“
Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie liebte sie alle, sehr. Aber lieben heißt nicht, sich aufzulösen. Lieben heißt nicht, zu verschwinden.
Neben ihr setzte sich ein älteres Paar, sie sprachen Italienisch. Galina Petrowna lauschte – sie verstand fast alles. Erstaunlich, so viele Jahre waren vergangen, und doch war die Sprache geblieben.
— Signora, — wandte sich der Italiener an sie. — Verstehen Sie Italienisch?
— Ein wenig, — antwortete sie und fügte hinzu: — Ich lerne noch.

— Oh, wunderbar! Reisen Sie nach Italien? Urlaub?
— Nein, — Galina Petrowna überlegte kurz. — Ich fahre, um zu leben. Wenigstens um es zu versuchen.
— Leben? Haben Sie dort Verwandte?
— Nein. Aber ich habe dort einen Traum. Einen alten Traum, der fünfzig Jahre auf seine Stunde gewartet hat.
Die Italiener sahen sich an und lächelten.
— Brava! — sagte die Frau. — Italien liebt mutige Menschen. Viel Glück!
— Danke.
Es wurde zum Boarding aufgerufen. Galina Petrowna stand auf, nahm ihre Tasche. In der Jackentasche lag das Gewinnlos – sie hatte es als Erinnerung behalten. Ein Ticket in ein neues Leben. Oder zumindest ein Versuch, ein neues Leben zu beginnen.
Im Flugzeug saß sie am Fenster und sah auf das sich entfernende Moskau. Dort blieben ihre Töchter, ihre Enkel, ihr gewohntes Leben. Und vor ihr – das Unbekannte. Angst? Ja. Aber noch schlimmer wäre es gewesen, zu bleiben.
Ihr Sitznachbar, ein Mann mittleren Alters, bemerkte ihre Aufregung.
— Fliegen Sie zum ersten Mal?
— Nach Italien – ja.
— Urlaub?
— Nein. Leben. Ein neues Leben.
Er zog überrascht die Augenbrauen hoch, schwieg aber.
Rom empfing Galina Petrowna mit Regen. Sie stand mit ihrem Koffer am Ausgang des Flughafens und wusste nicht, wohin sie gehen sollte. Ein Hotel hatte sie nur für drei Nächte gebucht – danach wollte sie etwas Günstigeres und Längerfristiges finden.
An der Hotelrezeption fragte die junge Italienerin auf Englisch:
— Sind Sie zum ersten Mal in Rom?
— Ja, — antwortete Galina Petrowna auf Italienisch. — Aber ich habe mein ganzes Leben davon geträumt.
Das Mädchen lächelte:
— Oh, Sie sprechen Italienisch! Willkommen zu Hause!
Zuhause. Seltsam, das in einem fremden Land zu hören. Aber irgendwie passte es.
Im Zimmer setzte sie sich aufs Bett und holte das Telefon hervor. Sie schrieb ihren Töchtern: „Bin gut gelandet. Alles in Ordnung. Ich liebe euch.“
Die Antworten kamen sofort:
Marina: „Mama, pass auf dich auf! Sascha fragt schon, wann du zurückkommst.“
Lena: „Mamutschka, ruhe dich aus! Du hast es dir verdient!“
Sie lächelte. Vielleicht war noch nicht alles verloren. Vielleicht würden sie lernen, ohne sie zu leben, und sie – für sich zu leben. Und eines Tages würden sie sich wiedersehen. Schon andere. Frei voneinander und deshalb wirklich nah.
Am nächsten Morgen trat Galina Petrowna hinaus auf die Straße. Rom war riesig, laut und fremd. Sie setzte sich in das erstbeste Café und bestellte einen Cappuccino (dreißig Jahre hatte sie davon geträumt, einen Cappuccino in Rom zu trinken!).
Am Nebentisch saß eine Frau ungefähr in ihrem Alter, mit Tablet und Notizbuch.
— Entschuldigen Sie, — wandte sich Galina Petrowna auf Italienisch an sie. — Wissen Sie, wo man hier ein günstiges Zimmer für längere Zeit mieten kann?

Die Frau hob den Kopf und lächelte:
— Oh, Sie sind keine Italienerin? Der Akzent… russisch?
— Ja, russisch.
— Bleiben Sie lange in Rom?
— Ich weiß es nicht. Vielleicht einen Monat, vielleicht ein halbes Jahr. Wie es kommt.
— Verstehe. Ich selbst bin vor fünf Jahren aus Deutschland gekommen. Für zwei Wochen. Bin für immer geblieben. Ich heiße Anna.
— Galina.
— Galina, ich habe eine Freundin, sie vermietet ein Zimmer. Klein, aber sauber. In Trastevere, nicht im Zentrum, aber eine gute Gegend. 400 Euro im Monat. Interessiert?
— Sehr!
Anna rief ihre Freundin an und vereinbarte ein Treffen für morgen.
— Und was machen Sie in Rom? — fragte Galina Petrowna.
— Ich unterrichte Deutsch, schreibe Reiseführer, mache Stadtführungen. Und Sie? Rentnerin?
— Ja. Aber… ich denke, vielleicht auch Führungen? Für russische Touristen? Ich spreche ganz gut Italienisch, habe einen Hochschulabschluss…
— Warum nicht? Nachfrage gibt es. Aber zuerst müssen Sie die Stadt kennenlernen. Doch in ein paar Monaten schaffen Sie das. Wollen Sie, dass ich Sie einführe?
— Sehr gern!
Sie sprachen drei Stunden lang. Anna erzählte von Rom, vom Leben der Einwanderer, wo man einkauft, wie man mit Italienern umgeht.
— Das Wichtigste – keine Angst vor Fehlern. Italiener lieben es, wenn Ausländer ihre Sprache versuchen zu sprechen. Und bleiben Sie offen. Rom ist eine Stadt, die Menschen verändert.
Am Abend spazierte Galina Petrowna durch das Zentrum. Trevi-Brunnen, Spanische Treppe, Pantheon… Alles, was sie nur auf Fotos gesehen hatte. Ihre Füße schmerzten, das Knie tat weh, aber sie konnte nicht aufhören. Das war Rom! Ihr Rom!
Am Trevi-Brunnen warf sie eine Münze hinein. Nicht, um zurückzukehren – sie wusste ohnehin, dass sie bleiben würde. Sondern um zu danken. Dem Schicksal, dem Zufall, jenem Gewinnlos.
Sie holte ihr Telefon heraus, machte ein Selfie vor dem Brunnen. Müdes Gesicht, vom Wind zerzauste Haare, aber die Augen… jung, glücklich.
Sie schickte den Töchtern das Foto mit der Unterschrift: „Eure Mama in Rom. Lebendig und echt.“
Das Zimmer in Trastevere war winzig: Bett, Schrank, Tisch, Fenster zum Hof. Aber es war ihres. Galina Petrowna zahlte die Kaution für zwei Monate und erhielt die Schlüssel.
Die Vermieterin, Signora Paola, war eine gesprächige Frau:
— Leben Sie allein? In Ihrem Alter? Bravo! Ich würde mich das nicht trauen! Ich habe Kinder, Enkel, wie könnte ich die verlassen?
— Ich habe auch welche. Aber sie sind erwachsen, sie kommen zurecht.
— Und der Ehemann?
— Gestorben vor zwei Jahren.
— Mein Beileid. Meiner ist vor fünf Jahren gestorben. Aber ich bin nicht allein, mein Sohn wohnt nebenan, schaut jeden Tag vorbei.

Galina Petrowna nickte. Jeden Tag. War das gut oder schlecht? Für Signora Paola – gut. Für sie… Sie wusste es noch nicht.
Die erste Woche verging damit, sich einzuleben. Sie ging zu Fuß, studierte Karten, schrieb Straßennamen auf. Abends lernte sie Italienisch – modernes, gesprochenes Italienisch, nicht das aus den alten Lehrbüchern.
Anna stellte sie der russischen Gemeinschaft vor – in Rom gab es viele russische Frauen, die Italiener geheiratet oder Arbeit gesucht hatten.
— Sie werden unsere Oma! — lachte die junge Frau Olya. — Hier haben wir keine eigenen Großmütter, die Kinder verlernen Russisch!
— Ich bin keine Nanny, — sagte Galina Petrowna vorsichtig.
— Nein, nicht so! Nur ein bisschen plaudern, Märchen erzählen. Natürlich gegen Bezahlung. 20 Euro pro Stunde, passt das?
Das Angebot passte. Bis zum Ende der zweiten Woche hatte sie bereits drei Familien, bei denen sie Zeit mit den Kindern verbrachte – nicht als Babysitterin, sondern um ihnen Russisch beizubringen, von Russland zu erzählen und Bücher vorzulesen.
Sie schrieb ihren Töchtern jeden Tag. Kurze Nachrichten: „Alles gut. Ich komme zurecht. Das Wetter ist wunderbar.“
Die Antworten waren zurückhaltend:
Marina: „Mama, wir haben eine Nanny eingestellt. Teuer, aber es geht.“
Lena: „Die Kinder vermissen dich. Maxim fragt, wann du zurückkommst.“
Auf die Frage nach der Rückkehr antwortete Galina Petrowna nicht. Sie wusste es selbst nicht.
Nach einem Monat kannte sie sich schon recht gut in Rom aus. Sie fand ein Lieblingscafé, in dem die einheimischen Rentner ihren Kaffee tranken. Sie befreundete sich mit der Verkäuferin im Gemüseladen. Sie meldete sich sogar in der Bibliothek an.
Anfang Dezember schlug Anna vor:
— Galina, ich habe übermorgen eine Führung für eine Gruppe russischer Touristen geplant. Ich kann nicht, fliege nach Deutschland. Machst du sie für mich? Es ist eine einfache Tour – Kolosseum, Forum, Palatin. Ich gebe dir alle Unterlagen.
— Aber ich bin doch nicht vorbereitet!
— Doch, bist du. Du bist einen ganzen Monat an diesen Orten herumgelaufen. Dein Italienisch ist gut, deine Ausbildung passt. Versuch es!
Galina Petrowna lernte die ganze Nacht den Text der Führung, die Daten, die Namen der Kaiser. Am Morgen traf sie eine Gruppe von zehn Personen, Familien mit Kindern.
— Guten Tag! Mein Name ist Galina, ich bin heute Ihre Stadtführerin.
Zuerst zitterte ihre Stimme, sie verhaspelte sich, vergaß Daten. Doch dann ging sie im Erzählen auf und begann nicht mehr den Text herunterzuleiern, sondern das weiterzugeben, was sie in einem Monat Streifzügen durch Rom selbst erfahren hatte. Davon, dass an der Stelle des Kolosseums einmal ein See lag. Dass Gladiatoren nicht immer bis zum Tod kämpften. Dass Julius Cäsar…
— Leben Sie schon lange in Rom? — fragte eine Frau aus der Gruppe.
— Einen Monat.
— Nur einen Monat? Aber Sie erzählen, als hätten Sie hier immer gelebt!
— Wissen Sie, — lächelte Galina Petrowna, — in gewisser Weise ist es so. Ich habe mein ganzes Leben in Rom gelebt. Nur mein Körper war in Moskau.

Die Touristen lachten, und eine Frau sagte:
— Sie haben Glück! In unserem Alter ein neues Leben zu beginnen!
— Man kann in jedem Alter anfangen. Hauptsache, man traut sich.
Für die Führung erhielt sie 150 Euro. Das erste selbstverdiente Geld in Italien. Sie hielt die Scheine in den Händen und konnte es kaum glauben. Mit siebzig Jahren, in einem fremden Land, in einer fremden Sprache – und sie hatte es geschafft!
Am Abend rief Marina per Video an.
— Mama, wie geht es dir? Wir machen uns Sorgen!
— Ich arbeite, — sagte Galina Petrowna stolz.
— Du arbeitest? Wo denn?
— Als Stadtführerin. Ich führe russische Touristen durch Rom.
— Mama, im Ernst? — Marina war fassungslos.
— Ganz im Ernst. Und weißt du was? Ich bin glücklich. Zum ersten Mal seit vielen Jahren bin ich wirklich glücklich.
Im Hintergrund erschien Sascha:
— Oma Galja! Oma Galja! Wann kommst du?
— Ich weiß es nicht, mein Schatz. Vielleicht nicht so bald.
— Und zu Neujahr?
Galina Petrowna dachte nach. Neujahr. Ein Familienfest. Aber…
— Nein, Saschenka. Zu Neujahr bin ich in Venedig.
— Allein? — fragte Marina.
— Nein. Mit Freunden. Ich habe hier Freunde gefunden.
Marina schwieg einen Moment, dann sagte sie:
— Weißt du, Mama… Ich bin stolz auf dich. Wirklich. Wir haben mit Lena gesprochen… Wir haben uns egoistisch verhalten. Vergib uns.
— Es gibt nichts zu vergeben, meine Tochter. Ihr seid meine Kinder, ich liebe euch. Aber jetzt liebe ich auch mich selbst.
Nach dem Gespräch saß sie lange am Fenster. Im Hof schmückte eine italienische Familie den Weihnachtsbaum. Kinder lachten, die Eltern stritten und versöhnten sich gleich wieder. Leben. Ein ganz normales, lautes, echtes Leben.
Sie holte das alte Los heraus – genau das, das den Gewinn gebracht hatte. Glättete es, hielt es gegen das Licht.
„Danke“, flüsterte sie.
Draußen begann es zu regnen, aber Galina Petrowna lächelte. Vor ihr lagen Venedig. Und Florenz. Und noch so viele Orte, die sie sehen wollte.
Wenig Zeit? Ja. Aber genug. Genug, um zu leben. Wirklich zu leben.