— Mama, wir sollten die Wohnung mal überprüfen. Du warst schon lange nicht mehr dort, oder? Irgendwie habe ich kein gutes Gefühl. Du arbeitest doch in der Nähe, schau doch bitte kurz vorbei, — rief die Tochter Tatjana ihre Mutter zur Mittagszeit an. Und die Mutter lehnte natürlich nicht ab.

Svetlana Semjonowna war es gewohnt, dass man die Mietwohnung im Blick behalten musste. Sie und ihr Mann lebten in ihrer eigenen Wohnung, aber diese hier gehörte Svetlana und Tatjana als Erbe von Tatjanas Vater. Die Wohnung brachte ein gutes Einkommen, da sie tageweise vermietet wurde. Alle hatten Schlüssel: sie selbst, die Reinigungskraft, Tatjana und Gena, Tatjanas Ehemann, obwohl er mit der Vermietung kaum zu tun hatte – kleinere Reparaturen wie einen Wasserhahn wechseln oder eine Glühbirne austauschen lagen bei ihm. Svetlana Semjonowna schaute manchmal vorbei, um zu sehen, ob die Reinigungskraft das Wasser abgestellt hatte, ob kein Müll liegen geblieben war, ob nach den Mietern alles in Ordnung war.
An diesem Tag kam sie auf Bitte der Tochter vorbei. Sie öffnete die Tür, zog die Handschuhe aus… und erstarrte! Auf der Fußmatte im Flur standen Herrenschuhe, genau die, die sie neulich mit der Tochter für den Schwiegersohn aus einer Abholstation geholt hatten!
In der Luft lag ein seltsamer Geruch. Allerdings war Svetlana Semjonowna daran gewöhnt, dass verschiedene Mieter unterschiedliche Parfüms benutzten, und ihr erster Gedanke war, die Fenster zu öffnen und zu lüften. Aber zunächst musste sie klären, was genau der Schwiegersohn in der Mietwohnung vergessen hatte.
Sie zog ihre Schuhe aus und horchte. Aus dem Bad rauschte Wasser. Plötzlich ging die Tür auf, und auf der Schwelle stand Gena, nur in ein Handtuch gewickelt.
— Gena?!
— Svetlana Semjonowna?!
Eine Pause entstand.
— Ich… wollte nur nach dem Rechten sehen, — sagte er, blickte seine Schwiegermutter an und zog das Handtuch fester.
— Weiß meine Tochter davon? — fragte sie und sah ihm direkt in die Augen. Svetlana Semjonowna erinnerte sich daran, dass gerade Tatjana sie gebeten hatte, in die Wohnung zu kommen.
— Wir hatten einen kleinen Streit, — rief er schnell aus dem Zimmer weiter, — deshalb bin ich gegangen, ohne etwas zu sagen. Sie wirft mir ständig vor, dass ich zu Hause nichts mache, dass wir euch mit unseren Problemen belasten… Sogar wegen der Wohnung müsst ihr euch kümmern. Übrigens, die Reinigungskraft hat diesmal nicht besonders gründlich geputzt. Irgendwelche Haare lagen noch auf dem Boden.
Svetlana Semjonowna zuckte mit den Schultern.
— Na gut, wenn du hier bist, dann gehe ich. Vertragt euch wieder mit Tatjana. Sie ist einfach müde wegen des Kindes.

— Ich bin auch müde. Aber irgendwie bin immer ich der Schuldige, — rief der Schwiegersohn verärgert.
Svetlana Semjonowna war selbstverständlich auf der Seite der Tochter. Sie war selbst einmal junge Mutter gewesen und wusste, dass alles nicht so einfach war.
Doch damals schwieg die Schwiegermutter, nickte und ging. Sie mischte sich nicht in die Streitigkeiten der jungen Leute ein – wer weiß schon, was dahintersteckt. Aber im Inneren nagte eine Frage: Warum kam Gena plötzlich in die Wohnung und ging duschen? Es war doch nicht Sommer, Wasser gab es zu Hause… Doch Svetlana Semjonowna vergaß das ziemlich schnell wieder. Sie ging zurück zur Arbeit und sagte der Tochter, dass mit der Wohnung alles in Ordnung sei.
In der folgenden Woche wurde die Wohnung gleich für fünf Tage gebucht, und nach der Reinigung meinte die Putzfrau, man solle einen Handwerker für den Boiler rufen. Natürlich wollte Svetlana Semjonowna sich selbst ein Bild vom Schaden machen. Vor dem Hauseingang traf sie die Nachbarin von unten – eine alte Bekannte. Sie plauderten, und wie immer berichtete diese die neuesten Nachrichten: wer das Auto verkauft hatte, bei wem der Mann ausgezogen war.
Während sie sprachen, ging eine junge Frau vorbei – in einem langen Mantel, mit hastig hochgesteckten Haaren. Sie ging schnell, fast laufend, und verließ das Haus. Svetlana Semjonowna sah ihr nach, sagte aber nichts.
— Eine Neue? Sie grüßt ja gar nicht.
— Ich habe sie ein paar Mal gesehen. Irgendeine Tussi. Dachte, sie wohnt bei dir. Über euch war doch neulich Getrampel und Gelächter.
— Du weißt doch, bei uns gibt es alles Mögliche. Aber diese Dame gehört definitiv nicht zu uns. Die letzten Mieter sind gestern abgereist.
— Verstehe. Na dann geh, sonst verquatschen wir uns, — meinte die Nachbarin. — Warte, ich habe noch etwas für dich. Komm mit.
Die Freundin zog Svetlana Semjonowna zu sich und überreichte ihr ein Glas mit selbstgemachter Salbe. Svetlana hatte über Rückenschmerzen geklagt, und die Nachbarin beschäftigte sich schon lange mit Hausmitteln.
Etwa fünfzehn Minuten später, als sie wieder ihre Wohnungstür öffnete, stolperte Svetlana Semjonowna beinahe erneut über dieselben Schuhe. Der Schwiegersohn stand am Fenster und hielt ein Telefon in der Hand.
— Svetlana Semjonowna, was machen Sie denn hier? Ich habe doch gesagt, dass ich selbst den Boiler prüfe.
— Wem hast du das gesagt?

— Tatjana.
— Sie hat mich nicht angerufen. Aber wenn du schon hier bist, gehen wir zusammen. Heißt das, ihr habt euch mit Tanja wieder vertragen?
— Fast… Wir arbeiten daran, — warf er knapp hin.
Von Boilern verstand Gena noch weniger als seine Schwiegermutter. Deshalb half er nur, indem er der geliebten Schwiegermutter mit der Taschenlampe leuchtete und den Stuhl festhielt.
— Hören Sie, Svetlana Semjonowna, Sie haben wahrscheinlich ohnehin genug zu tun. Lassen Sie mich einen Handwerker finden, ich kümmere mich darum. Sie müssen nur bezahlen.
Svetlana Semjonowna sah ihren Schwiegersohn fest an.
— Ich habe genug Zeit, um mich um meine Wohnung zu kümmern. Danke dir, aber ich schaffe das allein. Übrigens, die Reinigungskraft hat mir dieses Mal ein Video der Reinigung geschickt, und da waren keine Haare.
— Ach ja? Na gut. Svetlana Semjonowna, ich wollte Sie bitten, die Wohnung in nächster Zeit nicht zu vermieten.
— Wieso das? — Svetlana Semjonowna rückte ihre Brille zurecht.
— Ein Freund von mir möchte sie mieten. Geben Sie mir bitte Ihren Schlüsselsatz. Am besten gleich jetzt.
— Wozu? — sie wurde wachsam.
— Nun, er wird mit seiner Freundin dort wohnen. Ein Schlüsselpaar reicht ihnen nicht.
— Gib Tanjas Schlüssel zurück.
— Tanja… Sie kann sie nicht finden.
— Was sagst du da? Meine Tochter hat die Schlüssel verloren? Das ist ihr gar nicht ähnlich! — Svetlana Semjonowna schüttelte den Kopf.
— Sie sagen doch selbst, dass sie zerstreuter geworden ist. Kind, Sorgen…
— Und wie lange will er bleiben?
— Wer?
— Der „Gaul im Mantel“! Du hast doch von einem Freund gesprochen. Oder habe ich mich verhört?
— Nein, nicht verhört! Mein Kumpel kommt für einen Monat. Vielleicht zwei. Mal sehen. Ich habe ihm versprochen, es günstiger zu machen. Sozusagen Langzeit.
— Geld erwarte ich im Voraus, — Svetlana Semjonowna verengte die Augen.
— Nun… Da gibt es ein Problem. Er hat im Moment nicht den vollen Betrag.
— Ohne Geld keine Wohnung, — schnitt sie ab und legte den Hauptschalter um. Das Licht ging aus. — Los, gehen wir. Mit dem Boiler ist alles klar, Wasserhähne und Strom sind abgestellt. Hier wohnt erstmal niemand. Es muss repariert werden.
Gena presste die Lippen zusammen. Doch er fing sich schnell.

Er brachte Svetlana Semjonowna nach Hause, fuhr dann aber selbst zu seiner Frau.
Ein paar Tage später beschloss Svetlana Semjonowna, mit Tanja zu reden. Die Tochter empfing sie freudig:
— Oh, wie schön… Endlich komme ich mal zum Arzt. Schau mal, was für Nägel ich habe! — Tanja streckte die Füße aus den Hausschuhen, und die Mutter verzog das Gesicht.
— Du hast dir da was eingefangen… Das muss behandelt werden. Mach besser auch gleich ein paar Untersuchungen.
— Welche? — Tanja runzelte die Stirn.
— Na ja, alle möglichen. Auch gynäkologisch. Man weiß ja nie, was es heutzutage alles gibt…
— Mama, ich habe nur meinen Mann.
Svetlana Semjonowna öffnete den Mund, schloss ihn aber gleich wieder.
— Schon gut, Mama, bleib beim Enkel. Ich bin weg.
Tanja kam etwa drei Stunden später zurück, mit einer Einkaufstüte aus dem Supermarkt: ein übergroßes T-Shirt mit der Aufschrift „Ich will Urlaub“ und furchtbare Pantoffeln in Form eines Fuchsgesichts. Es sah aus wie Restposten von einem Ausverkauf für alternative Jugendliche.
— Gute Nachricht: Der Arzt meinte, es ist nur ein Vitaminmangel.
— Und die schlechte?
— Dass man es trotzdem behandeln muss.
— Ist das alles, was du dir gekauft hast? — fragte die Mutter leise, in die Tüte schauend.
— Na und? Für mich ist es bequem, praktisch und günstig, — zuckte die Tochter mit den Schultern. Svetlana Semjonowna begriff, dass Tanja sich verändert hatte. Es war an der Zeit, sie daran zu erinnern, dass sie nicht nur Mutter, sondern auch Ehefrau war…
— Ein paar Tage später kam Svetlana Semjonowna wieder zu ihrer Tochter. Sie brachte ihr ein Geschenk mit: einen Gutschein für ein Spa für zwei Personen.

— Mama, wie toll! Lass uns zusammen gehen! — lächelte Tanja. — Wir müssen nur meine Freundin fragen, ob sie auf das Kind aufpasst, während wir entspannen.
— Ich dachte, du gehst mit Gena. Ihr müsst mehr Zeit miteinander verbringen.
— Gena fährt auf Geschäftsreise, — winkte Tanja ab.
— Wann?
— Morgen.
— Wie lange?
— Zwei Wochen.
— Nun, der Gutschein hat kein Ablaufdatum. Wenn er zurückkommt, geh mit ihm, — sagte die Mutter. Aber an der Stimmung der Tochter sah sie, dass diese nicht auf ihren Mann warten würde.
So kam es: Tanja ging mit einer Freundin ins Spa. Und die Mutter bemerkte einmal mehr, dass es in der Ehe der Tochter nicht rund lief.
Eine Woche später, auf dem Heimweg von der Arbeit, bog Svetlana Semjonowna spontan anders ab und beschloss, an dem Haus vorbeizugehen. An diesem Tag sollte die Wohnung leer stehen, doch sie sah Licht in den Fenstern. Sie ging um das Haus herum – um die Ecke stand Genas Auto. Sie rief ihn an, er meldete sich:
— Svetlana Semjonowna, ich bin auf Geschäftsreise. Was gibt es?
— Ich bin am Haus, habe keine Schlüssel dabei, aber dort brennt Licht. Weißt du warum?
— Nein.
— Aber ich sehe dein Auto.
— Wo?!
— Am Haus.
— Ich habe es dort geparkt, besser im Hof mit Kamera als bei uns zu Hause, wo es dunkel ist und keine Videoüberwachung gibt, — rechtfertigte sich der Schwiegersohn.
— Ach so?
— Und das Licht… Ich könnte es angelassen haben, als ich die Zählerstände abgelesen habe. Machen Sie sich keine Sorgen, ich zahle den Strom.

Svetlana Semjonowna blieb noch kurz am Haus, konnte aber nicht hineingehen. Die Nachbarin war leider nicht da.
Am nächsten Tag fuhr sie erneut hin. Die Schlüssel fand sie nicht, was ihr seltsam vorkam. Offenbar hatte der Schwiegersohn sie das letzte Mal mitgenommen. Doch diesmal traf sie die Nachbarin.
Svetlana Semjonowna bat die Freundin, ein Auge auf die Wohnung zu haben, in der merkwürdige Dinge vor sich gingen.
— Ich habe nichts gehört. Aber ich bin auch gerade erst zurück.
— Na dann behalt bitte die Wohnung im Blick. Nicht offiziell, nur so unter uns…
Ein paar Tage später rief die Nachbarin an:
— Ich habe deinen Schwiegersohn gesehen. Zuerst kam eine Frau heraus, dann er.
— Welche Frau?
— Die, die nie grüßt. Erinnerst du dich?
— Ach, die eingebildete Tussi… Na klar. Und mein Schwiegersohn sollte eigentlich auf Geschäftsreise sein…
Svetlana Semjonowna fluchte, beschimpfte ihren Schwiegersohn und rief ihn an:
— Na, wie läuft deine Geschäftsreise?
— Ich komme bald zurück, — log er.
— Wunderbar. Bring mir die Schlüssel.
— Wozu?
— Ich verkaufe die Wohnung.
— Aber… — er stockte.
— Es ist beschlossen. Tanja ist einverstanden. Sie braucht sie nicht wirklich. Wir teilen das Geld. Und es geht dich nichts an: Es ist vor der Ehe erworben. Also, bring die Schlüssel.
Gena räusperte sich und sagte dann leise:
— Svetlana Semjonowna, bitte verkaufen Sie nicht… Bei uns läuft es schlecht. Ich muss mich dort zurückziehen.
— Ach wirklich?
— Sie nervt mich mit ihren ständigen Vorwürfen. Sie zwingt mich, im Haushalt zu helfen. Also laufe ich davon.
— Und wie ist es? Schön, sich in ihrer Wohnung zu verstecken? Und dann noch mit einer anderen Frau?
— Mit welcher Frau? — Gena stellte sich unwissend.

— Ich weiß alles, Gena. Die Nachbarin hat dich gesehen. Und ich bin nicht dumm. Ich weiß, dass du diese langbeinige Tussi dorthin bringst. — Dann folgte ein Schwall von Worten und Vorwürfen.
— Es wird nicht wieder passieren! Verstehen Sie mich: Tanja ist nach der Geburt anders geworden! Aber ich brauche Ruhe, Aufmerksamkeit, keine Vorwürfe und Gespräche über Windeln!
— Und Tanja braucht keine Aufmerksamkeit? Wann hast du ihr das letzte Mal Blumen geschenkt? Oder gehört das Kind nur ihr, und du bist nur Zaungast?!
— Ich werde mich bessern. Ich will die Familie nicht zerstören, ich brauche nur eine Pause.
— Die Schlüssel kannst du behalten. Vertrauen gibt es nicht mehr, ich wechsle das Schloss! — Svetlana Semjonowna wollte das Gespräch nicht fortsetzen und legte auf.
Zwei Wochen lang überlegte sie, ob sie es ihrer Tochter sagen sollte. Sie beriet sich mit Freundinnen, las Foren. Doch sie konnte nicht schweigen. Sie kam vorbei, setzte sich in der Küche.
— Tanja, — begann sie, — verzeih, aber ich muss es dir sagen. Ich habe es gesehen, und die Nachbarin auch… Gena bringt eine Frau in unsere Wohnung und betrügt dich.
Die Tochter erstarrte und brach dann in Tränen aus.
— Mein Mädchen, weine nicht… Er ist nicht der Einzige auf der Welt!
— Was hat er damit zu tun?!
— Wie, was? Natürlich ist er schuld. Und diese Frau auch! Aber er ist der Hauptschuldige! Unverschämter Kerl!
— Du! Du bist schuld!
— Ich?!
— Du hättest schweigen können! — die Stimme der Tochter zitterte. — Es passiert doch mal, vielleicht wollte er die Familie retten! Ein bisschen Ablenkung und dann wäre es vorbei gewesen!

— Tanja… Verstehst du, dass er dich betrügt? Er bringt Schmutz ins Haus, und ihr habt ein kleines Kind, — sagte Svetlana Semjonowna leise, fast flüsternd.
— Wage es nicht, den Enkel hineinzuziehen! — wütend stieß sie den Stuhl weg. — Das ist mein Leben, ich kümmere mich darum!
— Du bist meine Tochter, ich kann nicht zusehen, wie man dich täuscht… Und das noch in unserer Wohnung.
— Schluss jetzt! — rief Tanja und drehte sich zum Fenster. — Geh! Ich will nichts hören!
Svetlana Semjonowna stand auf, zog langsam ihren Mantel an. Sie wollte die Tochter umarmen, doch Tanja stieß sie zurück.
Die Frau ging, spürte, wie eine Mauer zwischen ihnen wuchs.
Ihre Worte, ihre Fürsorge – alles war entwertet. Tanja verteidigte ihren nichtsnutzigen Mann, und die Mutter war die Schuldige.
Danach mischte sich Svetlana Semjonowna nicht mehr in das Leben ihrer Tochter ein. Die Wohnung verkaufte sie nicht, ahnte aber, dass Tanja irgendwann ein eigenes Zuhause brauchen würde. Doch es kam anders: Gena zog noch einige Male aus, um in dieser Wohnung zu leben, kam aber immer wieder zu Frau und Kind zurück. Tanja warf ihn mal hinaus, mal nahm sie ihn wieder auf. Die Wohnung brachte kein Geld mehr, sondern wurde zum Ort für Seitensprünge und Rückzugsgefechte des Schwiegersohns. Und trotzdem blieb die Mutter in den Augen der Tochter die Schuldige.