Larissa stand am Küchenfenster und beobachtete, wie die Nachbarin den Kinderwagen in den Kofferraum ihres Autos hob. Einundvierzig Jahre alt war sie schon und immer noch abhängig vom öffentlichen Nahverkehr und den seltenen Gelegenheiten, den Wagen ihres Mannes zu benutzen.
Ihre Designprojekte waren über die ganze Stadt verteilt, die Kunden verlangten Treffen zu den unpassendsten Zeiten, und sie quälte sich mit dem Portfolio unter dem Arm in überfüllten Bussen.

— Lar, worüber grübelst du? — Igor trat in die Küche, während er aus seiner Lieblingstasse Kaffee trank.
— Ach, nichts Besonderes. — Sie wandte sich vom Fenster ab. — Ich denke nur an die Arbeit.
Igor kam näher und legte den Arm um ihre Schultern. Die Ehejahre hatten ihn gelehrt, zwischen den Zeilen zu lesen.
— Denkst du schon wieder an das Auto?
Larissa spannte sich leicht in seiner Umarmung. Sie hatten dieses Thema schon mehrmals diskutiert. Sein alter Honda war für ihn selbst unverzichtbar — die Arbeit in der Baufirma erforderte ständige Fahrten zu den Baustellen.
— Man kann ja nicht immer nur träumen, — sagte sie und versuchte, sorglos zu klingen. — Bald ist mein Geburtstag, vielleicht schaut ja eine Fee mit Zauberstab vorbei.
Igor schwieg, doch etwas in seinen Augen veränderte sich. Larissa bemerkte es nicht — sie plante bereits im Kopf die Route zu ihrem nächsten Kunden mit drei Umstiegen.
In den folgenden zwei Wochen benahm Igor sich merkwürdig. Lange Telefonate, die er sofort beendete, sobald sie ins Zimmer kam. Geheimnisvolle Lächeln und ausweichende Antworten auf direkte Fragen. Larissa begann zu ahnen, dass er etwas im Schilde führte.
— Igor, du vergisst doch nicht, dass ich in einer Woche fünfunddreißig werde? — fragte sie beim Abendessen und musterte sein Gesicht.
— Natürlich vergesse ich das nicht. Denkst du etwa, ich hätte es übersehen? — Er klang fast beleidigt. — Ich habe eine Überraschung für dich.
— Welche Überraschung?
— Wenn ich es verrate, ist es keine mehr, — er zwinkerte. — Aber ich glaube, sie wird dir gefallen.
Am Samstagmorgen wachte Igor ungewöhnlich früh auf und verbrachte lange Zeit im Bad, während er unter der Dusche vor sich hin summte. Larissa lag im Bett, lauschte seiner einfachen Melodie und spürte, wie ihre Stimmung besser wurde.
— Zieh dich hübsch an, — sagte er, als er mit einem Handtuch um die Hüften aus dem Bad kam. — Wir haben etwas zu erledigen.
— Was denn bitte so früh an einem Samstagmorgen?
— Du wirst es sehen.
Eine Stunde später standen sie auf einem Gebrauchtwagenplatz. Larissa betrachtete die Reihen der Autos und traute ihren Augen kaum.
— Igor, das ist doch nicht dein Ernst?

— Such dir einen aus, — er grinste breit. — Natürlich aus dem, was in unser Budget passt. Aber such dir aus.
Larissa ging zweimal über den Platz. Ein roter Mazda, Baujahr 2018, fiel ihr sofort ins Auge — kompakt, sparsam, aber trotzdem geräumig genug für ihre Arbeitsmaterialien.
— Den da, — sagte sie, aufgeregt und kaum in der Lage, es zu verbergen. — Dürfen wir ihn uns ansehen?
Der Verkäufer, ein freundlicher Mann mittleren Alters, pries den Wagen ehrlich an. Papiere in Ordnung, Zustand hervorragend, nur ein Vorbesitzer. Igor stellte praktische Fragen zum Spritverbrauch und zu Ersatzteilen, während Larissa einfach nur am Steuer saß und sich vorstellte, wie sie zur Arbeit fahren würde, unabhängig vom Busfahrplan, ohne Drängelei in der Rushhour.
— Abgemacht, — sagte Igor und schüttelte dem Verkäufer die Hand. — Am Montag nachmittags holen wir ihn ab.
Auf dem Heimweg hörte Larissa nicht auf, sich bei ihrem Mann zu bedanken. Sie stellte sich vor, wo sie den Wagen im Hof parken würde, welche Musik sie hören wollte, wie überrascht die Kollegen sein würden. Der Geburtstag versprach wirklich etwas Besonderes zu werden.
Am Sonntagabend rief Wika, Igors Schwester, an. Larissa mochte diese Anrufe nicht — sie bedeuteten meist, dass Wika etwas brauchte. Geld leihen, Hilfe beim Umzug, Lösung irgendeines alltäglichen Problems. Mit fünfunddreißig hatte Wika nie gelernt, ihre Schwierigkeiten allein zu meistern, sondern wandte sich lieber an ihren älteren Bruder.
— Igor, ich muss ernst mit dir reden, — hörte Larissa aus dem Flur.
Das Gespräch dauerte etwa eine Stunde. Igor sprach leise, doch Larissa erkannte die Tonlage — zuerst Überraschung, dann Mitgefühl, dann so etwas wie Entschlossenheit. Als er ins Wohnzimmer zurückkam, wirkte sein Gesicht angespannt.
— Was ist los? — fragte Larissa und wandte den Blick vom Fernseher ab.
— Wikas Probleme, — er seufzte schwer. — Sie… ist schwanger.
— Schwanger? — Larissa starrte ihn an. — Und der Vater des Kindes?
— Sie sagt, es ist kompliziert. Sie kann auf niemanden zählen. Sie wird es allein großziehen.
Larissa nickte, doch in ihr zog sich etwas zusammen. Sie kannte Wika gut genug, um zu wissen: Jedes ihrer Probleme wurde früher oder später zu Igors Problem.
— Und was will sie?
— Noch nichts Konkretes. Nur… Unterstützung.
Am Montagmorgen, an ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag, wachte Larissa mit festlicher Vorfreude auf. Sie stellte sich bereits vor, wie sie nach der Arbeit den Wagen abholen und zum ersten Mal durch die vertrauten Straßen fahren würde.
Beim Frühstück war Igor ungewöhnlich schweigsam. Mehrmals setzte er an, etwas zu sagen, verstummte dann jedoch.
— Warum bist du so traurig an meinem Geburtstag? — fragte Larissa und goss ihm Kaffee ein.
— Lar, ich muss dir etwas sagen.

In seiner Stimme lag ein Ton, bei dem es ihr innerlich kalt den Rücken hinunterlief.
— Ich höre.
— Vika hat gestern Abend noch einmal angerufen. Sie… sie hat wirklich sehr gebeten. Sie braucht das Auto dringend. Um das Kind zu fahren, zu Arztterminen zu kommen. Und sie hat nichts.
Larissa stellte die Tasse auf den Tisch und sah ihren Mann an. In seinen Augen erkannte sie Schuldgefühle und eine schmerzhafte Entschlossenheit.
— Und was nun?
— Entschuldige, aber dein Geschenk bekommt deine Schwester – sie muss ja das Kind transportieren, — der Mann hatte beschlossen, mein Auto zu geben, doch so leicht war das nicht.
Larissa spürte, wie die Welt um sie herum stillzustehen schien. Die Worte ihres Mannes klangen irgendwie unwirklich, als hörte sie sie durch dickes Glas.
— Wiederhole das, — sagte sie leise.
— Nun, Lar, versteh das richtig. Vika steckt gerade in so einer Situation…
— Wiederhole, was du gerade gesagt hast.
Igor seufzte und wiederholte es, diesmal weniger selbstsicher:
— Vika bekommt das Auto. Sie braucht es dringender.
Larissa stand vom Tisch auf. Ihre Hände zitterten nicht, ihre Stimme klang ruhig, doch innerlich brodelte alles.
— Verstehe. Dann sage ich dir auch etwas. — Sie stützte sich auf die Lehne des Stuhls. — Wenn du das Schicksal deiner Schwester lenken willst, dann zieh zu ihr. Aus meiner Wohnung. Mit meinem Auto, das du ihr schenken wolltest.
— Lar, was…? Ich verstehe nicht…
— Es gibt nichts zu verstehen. Das ist die Wohnung meiner verstorbenen Mutter, sie gehört mir. Und das Auto, das du mir versprochen hast, hätte mir gehören sollen. Wenn du meinst, Vikas Probleme seien wichtiger als unsere Beziehung — bitte. Dann lebe mit ihr und löse ihre Probleme.
— Du kannst das nicht ernst meinen…
— Ich meine es mehr als ernst. — Larissa sah ihn fest an. — Ich werde die Scheidung einreichen. Kein Scherz, kein Versuch, dich einzuschüchtern. Ich bin einfach müde, nach deiner Schwester an zweiter Stelle zu stehen.
Igor wurde blass. In all den Ehejahren hatte er seine Frau müde, traurig, manchmal genervt gesehen. Aber diese kalte Entschlossenheit in ihrer Stimme hatte er noch nie gehört.
— Larissa, warte. Lass uns darüber reden…
— Es gibt nichts zu besprechen. Du hast eine Entscheidung getroffen — ich habe meine getroffen. Du hast Zeit bis zum Abend, darüber nachzudenken, was dir wichtiger ist.
Sie griff nach ihrer Tasche und ging zur Tür.
— Wohin gehst du?

— Zur Arbeit. An meinem Geburtstag. Mit dem Bus. Wie immer.
Die Tür schloss sich mit einem leisen Klicken.
Bei der Arbeit stürzte sich Larissa in ihre Projekte. Kollegen gratulierten ihr, fragten nach Plänen für den Abend, doch sie antwortete knapp. Gegen Mittag klingelte das Telefon ununterbrochen — Igor versuchte anzurufen, aber sie ging nicht ran.
Gegen drei Uhr nachmittags meldete sich Vika.
— Larissa, was soll der Kindergarten? Igor sagt, du zankst wegen des Autos.
— Hallo, Vika. Es geht nicht ums Auto. Es geht darum, dass mein Mann es für normal hält, fremde Geschenke einfach weiterzugeben, ohne den zu fragen, dem sie eigentlich gehören.
— Ach komm schon! Ein Auto. Ich werde ein Kind bekommen, ich brauche es wirklich mehr.
— Vika, hast du schon einmal darüber nachgedacht, selbst zu arbeiten und ein Auto zu kaufen? So wie Erwachsene es tun?
— Ich bin schwanger! Mir geht es schwer!
— Verstehe. Vielleicht ist es dann Zeit, erwachsen zu werden.
Larissa legte auf. Ihre Hände zitterten vor Wut, doch sie spürte auch eine seltsame Erleichterung. Jahrelang hatte sie akzeptiert, dass Vikas Interessen in ihrer Familie immer an erster Stelle standen. Heute war ihr Geduldsfaden gerissen.
Gegen sieben Uhr abends kam sie nach Hause. Igor saß in der Küche, zerzauste Haare, starrte auf die Wand.
— Na, hast du dich entschieden? — fragte sie, während sie ihre Jacke auszog.
— Lar, entschuldige. Ich habe nicht nachgedacht… Ich dachte, du würdest es verstehen. Vika ist doch schwanger…
— Igor, ich bin fünfunddreißig. Ich träume mein ganzes erwachsenes Leben von einem Auto. Du hast versprochen, es mir zu schenken, ich habe dir geglaubt, mich gefreut. Und dann hast du entschieden, dass die Schwester wichtiger ist als die Ehefrau. Habe ich das richtig verstanden?
— So ist es nicht…
— Sondern wie?
Igor schwieg, dann seufzte er schwer:
— Ich habe den Verkäufer angerufen. Ihm gesagt, dass wir das Auto nehmen, wie vereinbart.
— Und?
— Und Vika gesagt, dass es kein Auto geben wird. Sie… sie war sehr enttäuscht.
— Ich kann es mir vorstellen. Was hat sie gesagt?
— Sie hat mich beschimpft… ich werde es nicht wiederholen. Sie meinte, ich verrate die Familie für meine Frau.
Larissa schnaubte:
— Lustig. Heißt das, die Frau ist keine Familie?
— Natürlich ist sie Familie. Lar, entschuldige. Ich habe mich von ihren Tränen leiten lassen und nicht an dich gedacht. Wollen wir morgen das Auto abholen?
Larissa sah ihren Mann aufmerksam an. In seinen Augen erkannte sie aufrichtiges Bedauern, aber auch etwas anderes — Angst, sie zu verlieren.

— Gut. Wir fahren.
Am nächsten Tag holten sie den roten Mazda ab. Der Verkäufer war neugierig und sah sie immer wieder an — offensichtlich erschienen ihm die gestrigen Telefonate seltsam. Larissa setzte sich ans Steuer, fuhr vorsichtig vom Platz und durch die Stadt, endlich fühlte sie sich wirklich frei.
Drei Tage lang rief Vika nicht an. Als sie es dann tat, klang ihre Stimme unsicher.
— Igor, ich muss dir etwas sagen, — hörte Larissa aus dem Flur.
Das Gespräch war kurz. Als Igor ins Zimmer zurückkam, war sein Gesicht gleichzeitig verwirrt und wütend.
— Was ist passiert? — fragte Larissa.
— Vika hat zugegeben, dass sie nicht schwanger ist. Sie hat gelogen, weil sie dachte, da ihr das Auto kauft, könne sie es für sich beanspruchen.
Larissa legte die Zeitschrift beiseite, die sie gerade durchblätterte, und sah ihren Mann an:
— Also hat sie dich absichtlich getäuscht, um mein Geschenk zu bekommen?
— Genau so.
— Und was hast du ihr geantwortet?
— Dass ich nicht mehr mit ihr reden will. Zumindest eine Weile.
Larissa nickte. Sie fühlte keinen Triumph — nur die Erschöpfung über das sinnlose Drama, das sie alle durchlebt hatten.
— Igor, ist dir klar, dass du ihr das Auto gegeben hättest, wenn ich kein Ultimatum gestellt hätte? Und wir hätten nie erfahren, dass sie gelogen hat?
Igor setzte sich neben sie auf das Sofa:

— Ich verstehe. Und ich verstehe auch, dass ich mich wie ein Idiot verhalte, wenn es um Vika geht. Sie wusste schon immer, wie sie Druck auf mich ausüben kann.
— Das ist keine Entschuldigung.
— Ich weiß. Entschuldige. Und… danke, dass du mich daran gehindert hast, eine Dummheit zu begehen.
Larissa nahm seine Hand:
— Beim nächsten Mal, bevor du Entscheidungen triffst, die uns beide betreffen, besprich es mit mir. Einverstanden?
— Einverstanden.
Draußen rauschte die Stadt am Abend. Auf dem Hof stand der rote Mazda, der nicht nur ein Fortbewegungsmittel geworden war, sondern ein Symbol dafür, dass es in einer Familie Grenzen gibt, die man nicht überschreiten darf. Und dass man manchmal bereit sein muss, diese Grenzen zu verteidigen.
Larissa lehnte sich zurück und dachte, dass ihr fünfunddreißigster Geburtstag, wenn auch einen Tag verspätet, dennoch etwas Besonderes geworden war. Nicht nur wegen des Autos, sondern auch, weil sie endlich das gesagt hatte, was sie schon lange hätte sagen müssen.
Vika hatte ihr nicht zum Geburtstag gratuliert. Aber Larissa war nicht enttäuscht — manche Beziehungen sollte man besser nicht pflegen, als sie auf falscher Grundlage aufrechtzuerhalten. Und das Auto wartete jeden Morgen auf sie im Hof, bereit, sie dorthin zu bringen, wohin sie wollte, ohne Rücksicht auf Busfahrpläne oder fremde Pläne.